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»freisetzung des ich insz offne«

Susanne Eules ist eine Wanderin zwischen den Welten. 1960 in Miltenberg am Main geboren, lebt die promovierte Kunsthistorikerin und Volkskundlerin seit vielen Jahren in DeLand, Florida, nur die Sommermonate verbringt sie regelmäßig in ihrer alten Heimat. Ihrem lyrischen Debüt ůbern růckn des atlantiks den rand des nachmittags, das kürzlich im Hamburger Verlag Fixpoetry erschienen ist, sind diese Reisewege und Wechselspuren eingeschrieben – inhaltlich-thematisch ebenso wie formal.

Von Anna Ertel

Auffällig sind zunächst Orthographie und Notationsweise. Anstelle der deutschen Umlaute finden sich diakritische Zeichen, wie sie vor allem aus den skandinavischen Sprachen bekannt sind – Schrägstrich (ø) und Kreisakzent (å, ů) –, hinzu kommen das seltenere Trema (schneÿn, wÿndt spÿl) und andere altertümelnde Schreibweisen (ewigk, auff), darunter auch die an Friederike Mayröcker erinnernde Schreibweise sz (wasz, weisz). Und zu Mayröcker, deren sprachexperimentelle Lyrik auch für andere Gegenwartslyrikerinnen und -lyriker stilbildend geworden ist, gesellen sich weitere Stimmen und Figuren aus der Literaturgeschichte, darunter Goethe, Hölderlin und Brecht als Vertreter einer männlichen, Emily Dickinson und Sylvia Plath als Vertreterinnen einer weiblichen Linie.

Buch-Info


Susanne Eules
ůbern růckn des atlantiks den rand des nachmittags.
Gedichte.
Artwork: Korinna Feierabend
98 Seiten, 15€

 
 
Vor der Auseinandersetzung mit der literarischen Tradition steht jedoch die Auseinandersetzung mit dem Anderen in Gestalt eines (fremden) Sprach-, Natur- und Kulturraums. Die Verse »allesz außzerm inszistierenden himmel / iszt ne fremdtsprache« sind programmatisch. Die Muttersprache, Deutsch, wird in Susanne Eules’ Gedichten nicht nur von englischen und anderen fremdsprachigen Versatzstücken unterwandert, sondern durch die ungewöhnliche Notation scheinbar selbst zur Fremdsprache. Zu den Verfremdungstechniken gehört auch die Fragmentierung von Wörtern, die sich nicht an Silbengrenzen orientiert, sondern einer semantisch begründeten Eigenlogik folgt und mit Klangähnlichkeiten spielt. Erlaubt ist, was assoziativ zündet. Der amerikanische Traum verwandelt sich auf diese Weise in »a.merry.can dream«, der »atl.antik« fördert Antikes zutage, und im Schreiben wird nicht nur der Schrei, sondern auch die Reibung, das Sich-Reiben am Text, an den Worten, die Reibung der Worte aneinander, erkennbar. Das Freilegen der unter den Wortoberflächen liegenden Bedeutungen durch Isolierung von Lautfolgen und Semen ist dabei keineswegs beliebig (oder bloße Spielerei – das auch!), sondern trägt mitunter wesentlich zur Gedichtaussage bei: In dem Gedicht »sesenheimer idylle« etwa werden die Lautfolge »er« und das damit assoziierte Personalpronomen konsequent isoliert, so dass die Verse um den scheinbar omnipräsenten Stürmer und Dränger Goethe kreisen, dessen Angebetete (Friederike Brion) hingegen dem Vergessen anheimzufallen beginnt: »d.er name d.er p.er.le in d.er kette / sein.er f.raun wird spåt.er ihm entfalln sein«.

Über Sinn und Zweck solcher Techniken und anderer Verfremdungselemente, die zum artifiziellen Charakter der Texte beitragen, lässt sich im Einzelfall wohl streiten. Manchem mag es zu viel des Guten sein, zu nah an der ‚Masche‘. Dabei ist es aber vor allem eins: ein genaues Hinsehen und Hinweisen auf Sprache. Und dieser Blick ist durch Zweisprachigkeit geschult, ja geschärft; das Andere und Fremde wird im Eigenen und Bekannten stets mitgedacht.

Die leitmotivische Fremdheit geht nicht nur von der Sprache aus, sondern immer wieder auch von Landschaften. Im ersten, mit dem Zitat »there was simply the other world’s arrival into my world« überschriebenen Teil der Sammlung sind dies vor allem amerikanische Landschaften, im zweiten Teil tauchen dann mit Schloss Bürgeln (im baden-württembergischen Schliengen), Freiburg, Staufen, Schauinsland, Rastatt (»raschdad«) oder Cleversulzbach Orte aus der alten Heimat auf. Die Wahrnehmung von Natur und Umwelt orientiert sich dabei hier wie dort überwiegend an den jahreszeitlichen Veränderungen von Fauna, Flora und Klima; im zweiten, dem Heimatraum gewidmeten Teil der Sammlung durchlaufen die Gedichte vom Sommer über Herbst und Winter nahezu einen gesamten Jahreszeitenzyklus. Den unterschiedlichen Wettern und Klimata, denen das Ich auf mehr oder weniger dramatische Weise (»szonnentyranneÿ«) ausgesetzt ist, sind auch eine Reihe von Gedichttiteln gewidmet – z.B. „wetterbåugn“, „wÿndt spÿl“, „eÿszeÿt“.

Immer wieder gerät auch die Frage nach der Lesbarkeit von Natur in den Blick – und wird unterschiedlich beantwortet: »die landtschaft wird fremdt & frembder, selbst / die flugschrift der kråhn bleÿbt unsz vorbehaltn«, heißt es einmal; an anderer Stelle ist von der Lesbarkeit der »schneehaut« die Rede. Eine besondere Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Winter, er ist mit seiner Reduktion der Welt auf Strukturen, seiner Tendenz zur Abstraktion, der Reflexion besonders zuträglich. Bei Eules bezieht sich der Reflexionsprozess auf das Schreiben selbst; die Zeichenhaftigkeit der Natur wird mit dem Lesen und Schreiben enggeführt: »ist es die schneehaut / die die weiße flåche // des papiers evoziert / oder das lesen der borke«. Die weiße Winterlandschaft setzt dabei auch einen Prozess der Reinigung in Gang, der an Celans Chiffre vom ‚Atemkristall‘ erinnern mag: »ůber der leerstelle / setzt die wahrheit des schneefalls ein«.

Im Kontext der abstrahierenden Winterlandschaft erwähnenswert sind auch die in den Band integrierten Graphiken von Korinna Feierabend, die den Texten nicht einfach neben- oder untergeordnet sind, sondern ein abstraktes Echo der in den Gedichten evozierten Landschaften und Strukturen abbilden. Die Struktur von Wasser, Gestein, Moos usw. aufnehmend, wuchern die Gebilde teilweise in die Texte hinein, sie umrahmen, spiegeln und ergänzen sie.
Während die dritte, mit »yest.er.day : the unending incomplete« überschriebene Sektion des Bandes eine Reihe von ‚Künstlergedichten‘ versammelt – u.a. zu Goethe und Christiane Vulpius, zu den Malerinnen Paula Modersohn-Becker und Frieda Kahlo und zu den Schriftstellerinnen Emily Dickinson, Sylvia Plath und Friederike Mayröcker –, schließt sich mit der vierten und letzten Sektion der thematische Kreis. Das Gedicht »de.parture« thematisiert den Abschied von der alten Heimat (der neuen Fremde) und die Rückkehr in die neue Heimat (die alte Fremde) und findet dabei ein treffendes Bild für die Doppelperspektive des lyrischen Ich: »mein / vogelaug : zwei ufer n ozean // & der flugschreiber seegelherz« – besser kann man das Schreiben in und zwischen und über zwei Welten, wie es Susanne Eules praktiziert, nicht zusammenfassen.



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 Veröffentlicht am 12. Juli 2012
 Kategorie: Belletristik
 Bild von Bildbunt via flickr.
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