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»Kennen Sie Gatsby?«

Jazzparties, Perlenketten und die ganz große Liebe: Bei der Inszenierung von Der große Gatsby taucht sich das JT in den Glanz der Golden Twenties. Der Versuch, den Romanstoff auf der Bühne zum Leben zu erwecken, bleibt am Ende jedoch halbherzig und einseitig.

Von Catharina Struve

»Sie können die Vergangenheit nicht wiederholen.« »Nicht wiederholen?«, rief er ungläubig aus. »Wieso, natürlich kann ich!«

Ob F. Scott Fitzgerald durch diese Aussage des großen Gatsby und damit der titelgebenden Figur seines literarischen Meisterwerks wohl auch indirekt einen Appell an alle Theaterregisseure, Filmemacher und sonstige Künstler starten wollte, die Geschichte des großen Gatsby zu wiederholen, wissen wir nicht. Wir wissen jedoch, dass genau dies immer wieder geschieht: So läuft momentan nicht nur Baz Luhrmanns Verfilmung des Bestsellers in allen Kinosälen der Welt rauf und runter, sondern auch im Jungen Theater Göttingen wird unter der Leitung von Andreas Döring eine Zeitreise in die 20er Jahre auf den Spuren des großen Gatsby gemacht.

Eine kleine Zeitreise in die Golden Twenties

Und in die 20er Jahre fühlt man sich wahrhaftig zurückversetzt: Schon an der kleinen Theaterbar vor dem eigentlichen Bühnenraum weht ein Hauch vom Glanz und Glamour der Golden Twenties durch die Luft. Der Kellner im schicken Smoking und die Bar und Sitzgelegenheiten, die wie unbezahlbar teure Antiquitäten aussehen – mit der vorherrschenden Farbe Gold – machen Lust auf mehr. Dieser kleine Vorgeschmack findet sich in gleicher Weise am eigentlichen Ort des Geschehens, der Bühne, wieder: Das Bühnenbild beschränkt sich nicht nur auf die Bühne, sondern nimmt auch einen großen Teil des Raumes ein, um das sich die gut gefüllten Zuschauerstühle halbkreisartig reihen: hier eine hölzerne Minibar, da ein Klavier, außerdem ein festlich gedeckter Tisch mit Silberbesteck und Kristallgläsern (zumindest sehen sie täuschend echt aus) und in der Mitte ein kleines rundes Tischchen mit einem Namensschild für die Hauptperson des Abends: »Reserviert für Mr. Gatsby«.

Vorhang auf!

Zu Beginn des Stückes geht zwar kein Vorhang auf, dafür verteilen zwei stilechte Kellner (Jan Reinartz und Sascha Werginz, beide später auch in den anderen Nebenrollen zu sehen) Sekt an die Zuschauer. Währenddessen beginnt der teils etwas zu präsente Erzähler Nick Carraway (Dirk Böther) – als neu zugezogener Nachbar von Mr. Gatsby – die Geschichte seines Sommers mit Mr. Gatsby leider recht einseitig zu erzählen: Alles fängt mit einem Abendessen bei seiner gut situierten, bezaubernden Cousine Daisy Buchanan (Elisabeth-Marie Leistikow) und ihrem reichen, aber untreuen und selbstgefälligen Ehemann Tom (Philip Leenders) an, zu dem ebenso die berühmte Golfspielerin Jordan Baker (Constanze Passin) geladen ist. Dort fällt bereits das erste Mal Gatsbys Name und der Erzähler sieht Mr. Jay Gatsby (Gintas Jocius) erstmals – in Nebelschwaden. Über eine dann folgende spektakuläre Party in Gatsybs Haus, bis hin zu einer vermeintlichen Offenbarung von dessen Lebensgeschichte gegenüber Nick, baut so alles auf die Bitte um einen Gefallen seitens Nick für Gatsby auf: Er soll Gatsby helfen, dessen frühere Liebe Daisy zurückzugewinnen, indem er sie zum Tee einlädt. Diese Liebesgeschichte wird dann in den Mittelpunkt des Stücks gestellt: Die Wiedervereinigung von Gatsby und Daisy, eine weitere Party bei Gatsby mit Anfeindungen zwischen Gastgeber und Tom, ein Ultimatum von ersterem an Daisy, ihre Unentschlossenheit, die zu einem Drama zwischen den beiden Männern führt und die schließlich unerfüllte Liebe Gatsbys bestimmen den weiteren Verlauf des Stücks. Getragen von fast durchgehend werkgetreuen Dialogen wird dabei der Versuch deutlich, die Geschichte geschmückt mit der Fitzgerald’schen Wortgewandtheit und dem zeitgenössischen Bühnenbild sowie den wunderschönen und sehr passenden Kostümen (Kompliment an Axel Theune und Sonja Elena Schröder!) möglichst originalgetreu abzubilden.

Der große Gatsby?

Jedoch lässt das Stück die zweite Intention Fitzgeralds im Roman missen, welche zu einer originalgetreuen Inszenierung dazu gehören sollte: nämlich das Scheitern des American Dream und die gesellschaftskritische Darstellung des Verhältnisses zwischen Arm und Reich. Als gutes Beispiel wird im literarischen Werk Jordan Baker mit der Rolle der emanzipierten Frau angeführt, welche im Jungen Theater eher eine Randfigur darstellt.

Das Stück

Der große Gatsby
nach dem Roman von F. Scott Fitzgerald
Regie: Andreas Döring
Premiere: 23.03.2013

 

Junges Theater

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Das Junge Theater Göttingen entstand 1957 als innovatives und alternatives Zimmertheater. Der Schauspieler Bruno Ganz läutete hier seine Karriere ein, auch Benjamin von Stuckrad-Barre und Christian Kracht verwirklichten sich im Jungen Theater. Heute bietet das Haus rund 200 Zuschauern Platz. Unter Intendanz von Andreas Döring setzt das JT auf zeitgemäße Themen auch in klassischen Stoffen.

 
 
Mit Daisy und Tom, die recht treffend verkörpert werden, hat er zwei Stereotypen seiner Gesellschaft geschaffen, die schon reich geboren sind und es auch immer bleiben werden, was sie zu leichtfertigen Menschen macht, wohingegen der arm geborene Gatsby versucht diese untrennbare Linie zu überwinden und am Ende kläglich scheitert. Dies wird ihm jedoch bis zum Ende nicht klar, er ist besessen von seinem Traum Daisy zurückzugewinnen, weshalb er sich durch betrügerische Machenschaften zu einem reichen Mann hocharbeitet, eine riesige Villa genau gegenüber der von Daisy kauft und alle seine Partys nur veranstaltet, damit sie möglicherweise auch kommt. Diese krankhafte Obsession Gatsbys verkörpert Gintas Jocias treffend, allerdings bleibt es leider bei dieser einseitigen Darstellung der Figur: Die niemals untergehende Hoffnung Gatsbys und sein Glaube an die Liebe, die im Roman immer wieder mit der Symbolik des grünen Lichts am anderen Ende des Stegs aufgenommen werden, gehen im Stück völlig unter. So passt auch das einzige Kompliment, das Gatsby jemals von Nick zu hören bekommt – »Sie sind mehr wert als die ganze Bande zusammen.« – nicht wirklich in den Zusammenhang des Stücks. Die Großartigkeit des großen Gatsbys bleibt unsichtbar.

Modern vs. verstaubt

Ebenso unsichtbar bleibt an vielen Stellen der Zauber des gesamten Romans, was vor allem der fehlenden modernen Zugangsweise geschuldet ist: Kleine Improvisationen und die Tanz- und Gesangseinlagen der Schauspieler (unter der Choreographie von Jennifer Helm) sowie die Einbindung des Publikums als Gäste auf Gatsbys Partys machen die Inszenierung zwar zugänglicher und unterhaltsamer, sie werden aber leider zu sparsam und zu einseitig eingesetzt: Die Modernität fehlt dem Stück dadurch an den meisten Stellen, was die Dialoge gestelzt wirken und die Lebensweisheiten ähnelnden Zitate lebensfern erscheinen lässt. Im Vergleich zum aktuellen Konkurrenten auf der Leinwand, der mehr Mut hat abzuweichen, sieht Dörings Inszenierung im wahrsten Sinne des Wortes alt aus. Es tut mir leid, Mr. Gatsby, aber es scheint so, als könnte man die Vergangenheit doch nicht immer wiederholen.



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 Veröffentlicht am 10. Juni 2013
 Foto von Clemens Eulig mit freundlicher Genehmigung des Jungen Theaters Göttingen.
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