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Absurditäten des Alltags

Max Goldts Lesung im Deutschen Theater Göttingen trug den Titel »Gattin aus Holzabfällen«, genauso wie sein neuestes Buch. Warum dies so ist, konnte auch Max Goldt nicht sagen, aus dem Buch las er jedenfalls keinen einzigen Text. Da es sich um ein Bilderbuch handelt, ist dies auch verständlich − denn wie liest man aus einem Bilderbuch vor, ohne die Bilder zu zeigen? Doch wer Max Goldt zuhört, braucht auch keine Bilder. So anschaulich und formvollendet kann kaum jemand formulieren, und so beherrscht lesen ebenso wenige. Max Goldt in Bestform!

Von Rüdiger Brandis

Max Goldt betritt die Bühne, auf der nichts weiter steht als ein kleiner Tisch mit zugehörigem Stuhl. Auf dem Tisch ein Wasserglas. Hier findet keine aufwändige Präsentation statt. Max Goldt setzt ganz auf Eigenpräsenz und die seiner Texte. Er setzt sich, schlägt seine Unterlagen auf und liest. Erst leise, dann lauter, aber beherrscht und deutlich. Ohne groß zu gestikulieren spricht er, gelegentlich ins Publikum blickend.

Zur Person

Max Goldt ist 1958 in Göttingen geboren und lebt in Berlin. Zuletzt veröffentlichte er Ein Buch namens Zimbo. Sie werden kaum ertragen, was Ihnen mitgeteilt wird (2009) und QQ (2007). Er schreibt seit 1989 Kolumnen für »Titanic«, ist zudem Musiker und verfasst Hörspiele und Comics.


Viele mögen diesen Mangel an Bewegung als Schwäche seines Auftrittes sehen, doch Goldts Performance besteht darin, ruhig und gelassen vorzulesen, wie ein Märchenonkel vor dem Kamin seinen Neffen und Nichten vorlesen würde. Das macht seinen Auftritt um so vieles sympathischer als den sogenannter »Comedians«, die auf der Bühne auf und ab springen, im verzweifelten Versuch ihren Witzen die nötige Tiefe zu verleihen. Max Goldt hingegen macht keine Witze, er braucht keine Witze zu machen, um sein Publikum zum Lachen zu bringen. Er erzählt vom Leben, von unerhörten Begebenheiten, die eigentlich keine sind und von solchen, die eigentlich doch welche sein sollten. Er ist ein Meister des Abschweifens.

So führt er seine Zuhörer von einer Schilderung der problematischen Medienäußerungen über Ethnien, Alter und Geschlecht zu einer Auseinandersetzung über die moralische Selbstironie alter Kommunisten aus DDR Zeiten. Und er schließt dieses Kapitel mit der Neudeutung einer altbekannten Aussage, dass Deutschland in Ost und West zerfalle, indem er behauptet, jegliche Meinungsbildung würde sich aufteilen, da Partizipation nun mal der Sinn einer jeden Positionierung sei.

Das Verwunderliche, Absonderliche und Absurde sind Goldts Begleiter, die als solche aber doch erst von ihm enttarnt werden müssen. Wenn er zum Beispiel seine Erfahrungen im New York der 80er Jahre mit seinen Erlebnissen in der DDR vergleicht, lacht man unwillkürlich auf. Wie treffend dieser Vergleich doch dann im Nachhinein erscheint, erstaunt umso mehr: Uniformierte Menschen scheinen jeden Schritt unter misstrauischen Blicken zu überwachen und in jedem Lokal, dass man betritt, hängen große »Mitarbeiter des Monats«-Schilder an der Wand.

Max Goldt vermag es, im Kleinen das Große wiederzufinden, die Ironie des Lebens an allen Ecken und Enden aufzuspüren, und sie passend kommentiert vorzutragen. Er liefert bissige Satire auf sanfte Art und Weise. Er redet mit sich, mit dem Publikum, schweift ab und findet zurück. Sprich: Er redet wie aus dem Alltag gegriffen, so dass man oft gar nicht merkt, welch genial konstruierte Texte einem geboten werden.

»Können Männerblicke Brüste rösten?« fragt er direkt ins Publikum mitten in seiner Beobachtung über die zu knappe Bekleidung junger Nordengländerinnen und deren mögliche Intention bei der Wahl dieser Bekleidungsform. »Darf man so etwas heute denn fragen?« Na klar darf man, antwortet Max Goldt gleich selbst. Das Hin und Her von Tiefsinn und Schwachsinn entlarvt er, durch die Präsentation eigener Unwissenheit und mit dem Schlagwort einer ganzen Generation: Egal!

Man kann mit Recht sagen, dass Max Goldt einer von den ganz großen deutschen Literaten und Satirikern ist. Prämisse ist: Anschauen, hören, lesen. Erleben!



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 Veröffentlicht am 14. November 2010
 Foto von xitlali83 via morguefile
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