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Literaturverteiler
Affen auf Bäumen

»Rampensau«. So ein borstiger Vergleich taugt nicht für einen Autor, stimmt’s? Man denkt da doch eher an stillere, leisere Viecher, die man höchst selten sieht. Man könnte vielleicht sagen sinnfilternder Pottwal, buchstabendrehender Skarabäus oder krebsgängiger Gliederfüßler. Das passt… niiicht! Denn heute werden der Autor und seine Literatur »eventisiert«. Spot an, Volume auf Anschlag und tonnenweise Konfetti auf die Bühne geschmissen für die Autor-Personality-Show! Was das nun wieder soll hat sich Thomas Wegmann für die Reihe Literaturverteiler. Orte, Medien, Akteure im literarischen Leben gefragt. Seine Gesprächspartner waren Gerhard Kaiser, Klaus Modick und Rainer Moritz.

Von Anna Kleimann

Bevor dem eigenartigen Begriff »Eventisierung« auf den Zahn gefühlt wird, will Moderator Wegmann, seines Zeichens habilitierter Germanist und Autor, ein knackiges Statement von jedem Diskutanten hören. Gute Idee. Also, in alphabetischer Reihenfolge: Der Göttinger Experte für Autorinszenierungen, Gerhard Kaiser, findet die scheinbare Innovation gar nicht so neu. Schon Schiller habe mit seiner Vorrede in Die Räuber eine Art »Buchtrailer« geschrieben und sowieso könne man Literatur und Event nicht so einfach trennen. Der Hamburger Literaturhausleiter Rainer Moritz attestiert der »Wasserglaslesung« eine gewisse Antiquiertheit, gibt aber zu bedenken, dass auch schon Hermann Lenz bei seinen Vorträgen auf die Farbe seiner Socken geachtet habe.

Klaus Modick, Träger »hochdotierter« Germanistenpreise (das »hochdotiert« wurde von den Diskutanten geschlossen belächelt) und Autor der Satire Bestseller, liest zwar fein säuberlich vom Blatt ab, überzeugt aber mit seinem Kommentar umso mehr: Beim Vorlesen werde das, was man erkennt, wenn man es liest, von dem, was man erkannte, als man es schrieb, abgespalten. Soll heißen: Auf der Bühne wird der Autor zum Schauspieler und das muss nicht immer gut gehen.

Auf dem Podium macht man es sich also gemütlich und gleitet entspannt in Plauderstellung, denn einen Streit werden diese Thesen wohl nicht provozieren. Macht aber nichts. Denn Amüsement und Gehalt bringt der Abend trotzdem. Gerhard Kaiser nimmt sich weiterhin der Rolle des sprechenden Gedächtnisses an und versorgt Publikum und Kollegen fleißig mit Beispielen für die eigentliche »Altheit« des Phänomens Inszenierung: Schon Stefan George habe nur bestimmte Fotografien von sich in Umlauf gebracht und auch Stäudlin habe öffentlich um Aufmerksamkeit für seinen Musenalmanach gekämpft.

Literaturverteiler.

Unter diesem Titel haben das Literarische Zentrum Göttingen und LitLog zwei Podiumsdiskussionen organisiert, in denen Wandlung und Veränderung literaturvermittelnder Institutionen ausgelotet werden. Die nächste Veranstaltung findet statt am 26. Januar um 20h und beschäftigt sich mit den Bedingungen und Mechanismen des Buchmarktes.

 
 
Moderator Wegmann moniert zwar, dass die Inszenierung durch den Autor noch lange keine »Eventisierung« im Sinne von äußerem Einfluss mache, aber auch die übrigen Gäste stimmen munter in den Literaturhistorische-Parallelen-Chor ein, der »Eventisierung« nicht als Trend, sondern als beständige kulturelle Praxis entlarven will. Nein, nein, neu sei das alles nicht. Man lächelt sich dickfellig an. Ein schicker Neologismus macht noch lange keine Debatte. Das Quartett schaut also zurück auf Wartburger Sängerwettstreite und natürlich die Lenz’schen Socken, die man ja auch vor 50 Jahren schon sehen wollte.

Eine Zuschauerin aus den vorderen Reihen bemerkt gar, dass die Trennung von Lesung und Text – in Jahrhunderten gedacht – geradezu »neu« sei. In der griechischen Antike habe es sie jedenfalls noch nicht gegeben. Ja, ja, murmelt man zustimmend, das gehe eben einher mit der Entwicklung der Buchkultur. Und warum nun der ganze Popanz? Sollen Autoren doch ihre gekreuzten Strumpfbänder herzeigen, sich im Scheinwerferlicht sonnen und ihre Fans dankbar darüber informieren, was sie zum Frühstück gegessen haben. Der Kaffee ist kalt.

Aber ein paar Problemchen, über die es sich ein bisschen zu echauffieren lohnt, findet man glücklicherweise doch noch. Zum Beispiel die Vattenfall-Lesetage. Event-Sponsoring an sich sei kein Verbrechen, sind sich alle einig, grenzwertig werde es nur, wenn inhaltliche Auswirkungen deutlich würden. Rainer Moritz bringt es auf den Punkt: »Ein Problem gibt es dann, wenn die Eventkultur von außen an das literarische Spielfeld herantritt und das nicht gönnerhaft tut, sondern daran andere Interessen aufgehängt werden. Auch Medienpartnerschaften sind gefährlich: Wenn auf einmal alles, was auf einem Literaturfestival stattfindet, positiv bewertet wird, weil schlechte Besprechungen von den kooperierenden Zeitungen nicht vorgesehen sind.« Wohl wahr. Das lässt sich nicht als eine Reminiszenz an die Literaturgeschichte abtun.

Auch den finanziellen Druck, der – wer hätte das gedacht – heute stärker denn je auf der Buchbranche lastet, dämonisiert Moritz. »Verlage sind auf die wenigen Autoren angewiesen, aus denen man finanziell etwas machen kann. Ein großer Teil der Neuerscheinungen geht unter. Die Verlage müssen sich etwas einfallen lassen. Viele Veranstalter nehmen jetzt eben lieber Hardy Krüger auf die Bühne in der Hoffnung, den kennen die Leute aus dem Fernsehen.«

Und tagelang vor dem örtlichen Supermarkt kampierende Harry-Potter-Fans? Axolotls vorverlegtes Erscheinungsdatum? Der Ansturm auf Büchertische mit sofortige Erblindung hervorrufenden schrill-pinken Buchcovern? Alles halb so wild. Klaus Modick schlichtet mit einer (Überraschung) Retrospektive: »Das hat es auch vor 60 Jahren schon bei Mann und Remarque gegeben. Jetzt gibt es das eben bei Roche. Heute betrifft es aber nur wenige und nicht die »seriöse« Literatur. Mir wäre es peinlich, würde man mich hypen.« Doch keine Sorge, wahrscheinlich würde das auch niemand versuchen… Modick jedenfalls will kein Affe sein, der im Hamburger Planten&Blomen auf einen Baum gesetzt wird, um von dort aus sein neustes Werk zu rezitieren (Diese Anfrage gab es wirklich!). Aber wer könnte ihm das auch verübeln? Kaiser pflichtet bei: »Manche Dinge gehören eben einfach nicht zusammen. Und wie sagte schon Adorno? Fun ist ein Stahlbad.«



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 Veröffentlicht am 11. Juli 2011
 © Frank Boston – Fotolia.com
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