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Afrikanischer Alltag in Paris

Neben Champs-Ėlysées, Eiffelturm und Montmartre gibt es noch ein ganz anderes Paris! Als Alain Mabanckou das Herbstprogramm des Literarischen Zentrums mit einer Lesung aus seinem Roman Black Bazar eröffnete, entführte er die ZuhörerInnen in eine groteske Welt aus absurden Vorurteilen. Lilo Ruther war für Litlog dabei.

Von Lilo Ruther

Der kongolesische Autor Alain Mabanckou ist mit Schiebermütze, kariertem Sakko und hellblauem Hemd elegant und individuell gekleidet. Neben ihm sitzt Holger Ehling, Journalist und Autor, ausgewiesener Experte für afrikanische Literatur, sehr klassisch angezogen mit schwarzem Sakko und weißem Hemd. Anhand der Kleidung des Publikums würde man die meisten schon auf den ersten Blick als Intellektuelle bezeichnen. Etwa ein Drittel des Publikums gehörte zu den TeilnehmerInnen der Internationalen Summer School multiple modernities, die von der Göttinger Graduiertenschule für Geisteswissenschaften initiiert, und in dessen Kooperation der Abend auch organisiert wurde. Kleidung als Ausdruck der Zugehörigkeit ist in dem Roman Black Bazar, den Mabanckou an diesem Abend mitgbringt und der 2010 als erstes seiner Bücher ins Deutsche übersetzt wurde, sehr wichtig.

Alain Mabanckou wurde 1966 in Kongo-Brazzaville geboren. Er studierte Jura und kam 1989 nach Paris. Zehn Jahre war er als juristischer Berater tätig, bis ihm der Durchbruch als Schriftsteller gelang. Inzwischen hat Mabanckou zehn Bücher veröffentlicht, davon wurden bisher drei ins Deutsche übersetzt. Mabanckou gehört mittlerweile zu den erfolgreichsten Gegenwartsautoren Frankreichs; heute pendelt er zwischen Paris und Los Angeles.

Es war ein mehrsprachiger Abend, gelesen wurde auf Französisch (vom Autor) und auf Englisch (von Annie Rutherford, Volontärin am Literarischen Zentrum), das Gespräch fand auf Englisch statt.

»I talk to myself«

In Black Bazar möchte der Autor nach eigener Aussage zeigen, wer die Afrikaner sind, die in Frankreich und speziell in Paris leben (»to testify about my people who live in France«). Beim Schreiben spreche er zu sich und mit sich selbst und über Dinge, über die er lachen könne. Die Leute, von denen Mabanckou erzählt, sind nicht der Phantasie entsprungen, sondern im Alltagsleben des Autors präsent. Dazu gehören auch die sogenannten Sapeurs, die unter anderem in Paris anzutreffen sind und zu denen sich der Ich-Erzähler des Romans zugehörig fühlt. Das Substantiv Sapeur leitet sich von se saper, sich kleiden, ab. Sapeur ist auch ein Akronym der Gruppe Société des Ambianceurs et des Personnes Élégantes. Die Mitglieder der Gruppe der Sapeur, die ihren Ursprung in den 1920er Jahren in Brazzaville hat, tragen extravagante Anzügen und teure, elegante Schuhe europäischer Hersteller. Die zur Schau gestellte modische Eleganz steht in dieser Bewegung im starken Kontrast zu der relativen Armut der Träger.

Nach diesen erhellenden Informationen und dem sehr unterhaltsamen Einstieg, verläuft der Abend dann für kurze Zeit doch etwas schleppend. Sehr lange fragt Ehling Mabanckou dazu aus, wie es ihm gelungen sei, aus Black Bazar einen Film zu machen. Ich wünsche mir aber erst mal beim Inhalt des Romans zu bleiben. Dann wird endlich aus Black Bazar gelesen. Schon in den ersten Sätzen des Romans entfaltet sich die bedauernswerte Lage des Protagonisten:

Vier Monate sind vergangen, seit meine Freundin mit unserer Tochter und dem Bastard geflohen ist, ein Typ, der in einer Band trommelt, die niemand kennt, nicht einmal in Monaco oder auf Korsika. Eigentlich möchte ich jetzt hier ausziehen. Ich habe genug von meinem Nachbarn, Monsieur Hippocrate, der mir nichts schenkt, der mir auflauert, wenn ich den Müll runterbringe, und mir alle Übel der Welt anhängt.

Eine skurrile Ausgangslage: Seine Freundin hat ihn für ihren Cousin, einen Schlagzeuger, verlassen und ist mit ihm zurück in den Kongo gegangen und sein Nachbar, von ihm Monsieur Hippocrate genannt, macht ihm das Leben noch zusätzlich schwer.

Buch-Info


Alain Mabanckou
Black Bazar
Liebeskind, München, 2010
Aus dem Französischen von Andreas Münzner
272 Seiten, 19,80€

 
 
Der Ich-Erzähler, wie der Autor ein Kongolese in Paris, lebt in Château Rouge, einem Viertel, in dem vor allem Migranten aus Afrika leben. Tatsächlich haben die ZuhörerInnen nach diesem Abend einiges über Paris und seine afrikanischen Stadtviertel erfahren. Die Frage nach der eigenen Identität ist für den Erzähler allgegenwärtig. Dabei spielt Monsieur Hippocrate eine wichtige Rolle. Dieser stammt von den Antillen, ist selbst schwarz und konfrontiert den Erzähler ständig mit seiner Abneigung gegen den Kongo und gegen Afrika im Allgemeinen. Eine Szene aus dem ersten Kapitel, ein Dialog zwischen den Nachbarn, ist dafür ein treffendes Beispiel. Monsieur Hippocrate spricht den Protagonisten kurz nach dessen Einzug auf seine kongolesische Herkunft an:

»Ach die armen Kongolesen, wenn man ihnen nur helfen könnte! Dort gibt es Seuchen und Hungersnöte, die Männer haben mehrere Frauen, und dann prügeln sie sich die ganze Zeit, die Armen! Und der Präsident von diesen Kongolesen! Wie heißt er noch mal?«
»Denis Sassou Nguesso.«
»Nein, nein, im Fernsehen haben sie nicht diesen Namen gesagt! Das ist nicht der richtige Name! Er war länger, etwas Afrikanischeres, das heißt, so ein bisschen barbarischer…«
»Mobutu Seseko NKuku Webdi Wazabanga?«
»Ja! Ja! Ja! Genau der war’s! Es muss etwas getan werden, die armen Kongolesen sterben noch alle an Hunger und Aids oder wegen diesen Stammesfehden…«
»Präsident Mobutu ist schon gestorben, Sie haben zweifellos eine Reportage über das ehemalige Zaire gesehen und das Regime von Mobutu, das…«
»Nein, Mobutu ist nicht tot! […]«

Schwarze Farce

Mabanckou zeigt mit seinem Roman, dass Rassismus nicht nur zwischen Schwarzen und Weißen existiert. Stigmatisierungen existieren auch unter Menschen schwarzer Hautfarbe. So kann man lesen, dass das Thema einer dunkleren oder helleren Hautfarbe in den Straßen und Bars von Paris allgegenwärtig ist. Gegen kulturelle Praktiken der anderen wird sich bewusst abgegrenzt. Mabanckou bringt dabei die ganze Absurdität zum Ausdruck, die darin liegt, kulturelle Zuschreibungen über die Hautfarbe vorzunehmen. Das beste Beispiel ist der ungeliebte Nachbar Monsieur Hippocrate, der fest davon überzeugt ist, selbst nicht »schwarz« zu sein oder auch der den Araber des Lebensmittelladens um die Ecke, der davon überzeugt ist, dass alle Afrikaner Ägypter seien.

Black Bazar ist insgesamt eine Farce. Was Mabanckou durch seinen Ich-Erzähler vermittelt, ist absurd, zuweilen derb, lustig und selbstironisch. Er bildet im lockeren Ton und ohne zu belehren eine komplexe Gesellschaft mit vielen Schattierungen ab. Und das ist keineswegs nur lustig, denn »während du noch lachst, kommen die Tränen langsam« bekräftigt der Autor.

In den übersetzten Passagen bringt Annie Rutherford die Stimmungen des Ich-Erzählers gekonnt zum Ausdruck. Die Dramatik und Absurdität der Situation wird in ihrer Darbietung sehr deutlich. Nicht nur die Zuschauer sind begeistert, auch der Autor selbst ist offenkundig davon angetan. Vielleicht passt es ja gerade sehr gut in die Absurditäten von Black Bazar, dass Annie Rutherford den Text und seine Protagonisten im unüberhörbar schottisch geprägten Englisch zu Gehör bringt? So ist die Konstellation der Personen auf der Bühne selbst schon Ausdruck multipler Modernität, die im Wechsel zwischen (schottischem) Englisch und Französisch vor einem internationalen Publikum zum Tragen kommt.



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 Veröffentlicht am 14. Oktober 2014
 Bild mit freundlicher Genehmigung vom Literarischen Zentrum Göttingen
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