Die in Bangladesh geborene Autorin Monica Ali gilt seit ihrem Roman Brick Lane (2003) als einer der Shooting Stars des englischen Romans. Doch die neue erzählerische Naivität gefällt nicht jedem. Ein Kommentar zur unerträglichen Leichtigkeit der Wirklichkeitskonstruktion.
von Steffen Klävers
Seit den 1970er Jahren, so wird gelegentlich attestiert, befindet sich der englische Roman in einer schweren Krise. Schuld daran sei natürlich die postmoderne Theorie und alles, was da so mitschwingt: Ambivalenz, polyphone Erzählweisen, fehlende Linearität, mehr Fragen als Antworten und vor allem: Verspieltheit, Ironie, Unbestimmtheit. Und das heißt: keine Romane mehr á la Dickens, Austen und Hardy, auch keine moderne Authentizität und Originalität, sondern Pastiche, Intertextualität und ganz generell die Infragestellung von so ziemlich allem und jedem.
Die Kundinnen und Kunden in Buchhandlungen, die letztlich mit ihren Kauf- und auch Lebensgewohnheiten den Literaturbetrieb doch maßgeblich mitbestimmen, freuen sich dagegen umso mehr, wenn es doch noch alle paar Jahre mal wieder einen ,großen Roman‘ gibt: Familiengeschichten über mehrere Generationen, Erinnerungen, Einzelschicksale, Anleihen an den altbewährten Bildungsroman, auch an den älteren historischen Roman, kurzum: Die Rückkehr zu den großen Erzählungen. Andrea Levys Roman Small Island ist in vielerlei Hinsicht so ein Buch, ebenfalls Zadie Smiths White Teeth. Und dann gibt es da noch die Romane von Monica Ali: Auch sie werden gerne genannt, geht es darum zu zeigen, dass die Krise des englischen Romans vielleicht gar keine ist oder gerade überwunden wird – selbst im ((post-)post-)postmodernen, postkolonialen und in jeder Hinsicht ja recht vielschichtigen und kulturell diversen Großbritannien des 20. und 21. Jahrhunderts.
Monica Ali also. Als Retterin des englischen Romans zeigte sich diese bei einer Lesung während des Göttinger Literaturherbsts 2009 – Ali las aus ihrem aktuellen Roman In the Kitchen (2009, dt. Hotel Imperial) – jedoch eher nicht. Eher fragte man sich, was diese Frau eigentlich zum schreiben motiviert. Allzu häufig fingen ihre Antworten auf Fragen der Literaturwissenschaftlerin Brigitte Glaser mit »Oh, darüber habe ich noch gar nicht so richtig nachgedacht« oder gedankenverwandten Sätzen an. Tatsächlich wirkte Ali erstaunlich überfordert.
Der Göttinger Auftritt ist offenbar kein Einzelfall: In einem Gespräch mit ihrem Schriftstellerkollegen Diran Adebayo verneint Ali die Frage, ob sie vor dem Schreiben eines Romanes versuche, bestimmte Ideen, Theorien, Konzepte zu vergegenwärtigen und in den kreativen Schaffensprozess mit einzubeziehen (vgl. Susheila Nasta (Hg.). Writing Across Worlds. Contemporary Writers Talk. London 2004, S. 340-351); sie schreibe eher einfach drauf los, weil sie Angst habe, durch solche Gedanken Dinge »in Aspik« zu legen. Dass das selbst wiederum etwas sehr klischeehaft, mithin ziemlich nach Aspik klingt, trägt nicht unerheblich dazu bei, dass Monica Ali, nunja … irgendwie ein wenig langweilig anmutet.
Als Alis Debüt schließlich vor der Kulisse der real existierenden Londoner Brick Lane verfilmt werden sollte, organisierten verschiedene ortsansässige Gruppierungen und Bürgerinitiativen Proteste. Unterstützt wurden sie dabei unter anderem von der feministischen Kritikerin Germaine Greer, die die Beschreibung von Teilen der Bangladeshi-Community in Alis Buch schlicht als »outlandish« charakterisierte. Ali selbst reagierte darauf vor allem mit Unverständnis und verwies auf die Imagination als wichtigsten Faktor der Schriftstellerei – auch irgendwie so ein altbewährtes, allumfassendes ›Sehen-Sie-mal-dahinten-ein-Vogel‹-Argument.
Ungeachtet der weit reichende Diskussionen, die sich daran anschließen ließen, etwa über die soziale Verantwortlichkeit Kunstschaffender oder aber über die subtil diffamierende Darstellungsweise in Alis Roman – ungeachtet dessen half dieser kleine Skandal natürlich und notwendigerweise, den Vergleich zu Rushdies Satanischen Versen herzustellen. Und schon war Ali dabei, im Pantheon der New English Literatures. Seitdem ist sie mit zwei Folgeromanen damit beschäftigt, gegen die postmoderne Krise des englischen Romans anzuschreiben.
Aber braucht die neuere englischsprachige Literatur, braucht die englische Gesellschaft eine Autorin wie Monica Ali? Besitzen ihre Romane das gleiche oder ein vergleichbares interkulturelles und emanzipatorisches Potential wie die Werke ihrer erwähnten KollegInnen? Oder schreibt Ali doch vielleicht einfach nur nette Romänchen mit einer Prise postkolonialer, multikultureller Hipness?
Ob man in ein paar Jahren auf unsere Zeit zurückblicken und Monica Ali zu den AutorInnen zählen wird, die den sie umgebenden Zeitgeist ganz besonders feinfühlig, unkonventionell, und dennoch subtil-suggestiv in Worte fassen konnten, wird schließlich vor allem die Zeit selbst entscheiden. Doch dass sich der Zeitgeist nur durch subjektives Empfinden und Erleben, nur durch die je eigene Wirklichkeitskonstruktion einfingen ließe, muss ich angesichts des Faktenlange im Fall ›Monica Ali‹ ganz entschieden bezweifeln.
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