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Alle Jahre wieder…

… gibt es Weihnachtswurst – schön wär’s. Denn die Eigenproduktion des ThOP Alles Weihnachten hat das Zeug alljährlich die Weihnachtszeit einzuläuten und auf das Fest der Feste einzustimmen.

Von Grete Morisse

An diesem Abend soll anhand unterschiedlicher Szenen gezeigt werden, »wie auf vielfältige Weise der Heilige Abend gefeiert wird.« – Soso. Aufgrund dieser Ankündigung und dem vielsagenden Plakat eines schnapssaufenden Weihnachtsmanns werden Erwartungen auf ein unterhaltsames wie kritisch hinterfragendes Abendprogramm geweckt. Eine unkonventionelle Einstimmung auf Weihnachten wird versprochen – und auch gehalten, mit Weihnachtsdekoration, Glühwein und rockiger Weihnachtsmusik. Damit beweisen die Regisseure in dieser Gemeinschaftsproduktion ein gutes Fingerspitzengefühl, da Weihnachten sicherlich zu den schon sehr ausgereizten Themen zählt.

In dieser Kneipenatmosphäre ist es nicht verwunderlich, dass die plaudernd auf die dunkle Bühne tretenden Schauspieler zuerst gar nicht wahrgenommen werden. Doch dann wird es unter den Zuschauern mucksmäuschenstill und alle schauen gebannt auf die Bühne – bis ihnen deutlich sichtbar ein »Hat’s denn schon angefangen?« ins Gesicht geschrieben steht. Getuschel macht sich breit, erstirbt aber, sobald sich die Tür noch einmal öffnet und nun eine streng gekleidete Businessfrau auf den Plan tritt. Dass es sich bei ihr um die Agenturleiterin der sogenannten »Weihnachtsagentur« handelt, stellt sie mit zuweilen gellend keifender Stimme klar. Auch eben, dass sie mit der Leistung ihrer Mitarbeiter unzufrieden ist, wird von ihr mit Hals-Ab-Gestik untermauert: »Entweder es macht bei euch bald klingelingeling, – sonst – Stille Nacht.«

Das ganze Zusammentreffen der weihnachtlich verkleideten Schauspieler entpuppt sich bald als Fortbildungsmaßnahme, wobei das Fortbildungsprogramm die eigentliche Szenenabfolge des Abendprogramms darstellt.

In der darauffolgenden Szene findet die Bescherung bei Bollmanns statt, die ein wenig langatmig und in der Anlage (angehende Teenager glauben noch an den Weihnachtsmann) wenig überzeugend daherkommt. Die Grundkonzeption, dass der Weihnachtsmann seine unantastbare Stellung dahingehend ausnutzt, die ganze weihnachtliche Inszenierung als scheinheilige und leere Tradition zu entlarven, ist an sich aber ansprechend.

In der dritten Szene wird nun die Familie Tannebaum eingeführt, deren Mitglieder sich noch im weiteren Verlauf des Abends als Glanzfiguren erweisen. Réne Anders und Victoria Fitz spielen ihre Rolle als Eheleute Tannebaum sehr überzeugend: Während Erna Tannebaum mit einem fröhlich unverstörbaren Naturell »… Glohohohohoria – ich benutz’ gern Deo…« zum Besten gibt, ist sich ihr Mann Erwin Tannebaum (dessen Rolle stark an Alfred Tetzlaf aus Ein Herz und eine Seele erinnert) für keinen bissigen Kommentar zu schade. Mit ihrer Nachbarin Hildegart trinkt Erna »auf die Besinnlichkeit«, bevor die Szenerie zu einem jungen Ehepaar wechselt, bei denen es am Weihnachtsabend ordentlich kriselt. Die eigentlich guten Pointen (sie verabschiedet sich am Telefon von jemanden mit dem Satz: »Du ich glaube, ich muss jetzt mal SCHLUSS machen…«, als sie den halben Tannenbaum sieht, den ihr Mann mitgebracht hat) stehen im luftleeren Raum und auch die zu positive Schlusswendung kommt unerwartet wie unlogisch und wirkt dadurch abgewürgt.

Orgeltöne und verbrannte Plätzchen

Man wird mit seinen Fragen wortwörtlich im Dunkeln gelassen, da die folgende Szene in einer düsteren Kirche spielt. Der Herr Pastor lässt sich nicht durch die provokanten Kommentare von Erwin Tannebaum aus der Ruhe bringen und bedeutet den Zuschauern nach kurzer Predigt aufzustehen und mit ihm das Liedchen »Stille Nacht« anzustimmen. Das kommt an! Wie in einer echten Kirche erklingen Orgeltöne – kaum einer, der sich dem entzieht.

Bevor sich aber der zeremonielle Charakter eines Kirchengangs setzen kann, wechselt die Szenerie und man findet sich im Hause der Tannebaums wieder. Ernas Plätzchen sind verbrannt und plötzlich geht das Licht an.

Die Pause kommt etwas unvermittelt, aber nun denn.

Nach der Pause planen die Schauspieler offensichtlich ein alljährliches Krippenspiel. Warum dabei die Rolle der punkigen Sophia so viel Platz eingeräumt bekommt, erschließt sich einem genauso wenig wie das absurde Ende der Auseinandersetzungen zwischen Agenturleiterin und Mitarbeitern. Die Rollen sind zu überzeichnet und plakativ, fast als hätte man hier die Chance genutzt, anhand banaler und realitätsferner Handlung pubertäre Antihaltung auszuleben. Trotzdem fällt gerade bei dieser Szene der Aspekt der Interkulturalität positiv auf, da eine gläubige Muslima die Maria im Krippenspiel verkörpern soll.

An Traditionen wird nicht gerüttelt!

In der nächsten Szene geht es um die Wurst. Um die Weihnachtswurst, um genau zu sein. Denn anstatt irgendetwas Kompliziertes zu zaubern, hat Erna wie jedes Jahr einfach ein paar Bockwürstchen heiß gemacht, die mit Schnaps heruntergespült werden. Für die Besinnlichkeit versteht sich. Und als wäre das noch nicht weihnachtlich genug, hat sie einen Weihnachtsmann bestellt, obwohl die Kinder seit 30 Jahren aus dem Haus sind (wie Erwin aufmüpfig kommentiert). An Traditionen wird eben nicht gerüttelt – basta. Das scheint die Devise des Abends zu sein.

Das Stück

Eine Eigenproduktion des ThOP
Weitere Termine
20., 21. Dezember 2013, jeweils um 20:15 Uhr.

 

Theater im OP

Das Theater im OP (ThOP) ist das Universitätstheater der Georg-August-Universität Göttingen, gegründet 1984 von der dramaturgischen Abteilung des Seminars für Deutsche Philologie. Seine Aufgabe ist die Vermittlung theaterpraktischer Kompetenzen. Gespielt wird in einem ehemaligen Schauoperationssaal einer alten chirurgischen Klinik. Die Zuschauer sitzen zu drei Seiten auf Tribünen, das Schauspiel findet in der Saalmitte statt. Mehr? Hier: thop.uni-goettingen.de
 
 
Ein Bruch in dem unterhaltsam daherplätschernden Potpourri von weihnachtlichen Begebenheiten kommt, als die nächste Szene einen traurigen Mann, mit einer Wodkaflasche und einer Russisch Brot Tüte gedankenverloren am Tisch sitzend, zeigt. Hier wird melancholisch und ernst, mit Raum für Interpretation und Tiefgang gespielt. So kurz die Szene auch ist, in der besagter Mann sich offensichtlich zweisame Glückseligkeit nur vorstellt, so berührend ist sie auch.

Doch Zeit zum nachdenklich Werden wird nicht gewährt und schon geht es weiter mit den Tannebaums, hörbar angekündigt durch immer den gleichen »wunderbaren« Weihnachtsschlager während der Umbauphase. Hildegart ergreift diesmal die Gelegenheit, auf »Lieber guter Weihnachtsmann« einen mehr oder weniger heißen, angedeuteten Strip für besagten hinzulegen und endet knutschend in seinen Armen (man gönnt es ihr ja richtig…).

Was dann beginnt, ist nicht ganz einfach, aber wohl doch unter dem Begriff »Weihnachtsparade« zusammenzufassen. Klassische Musik wechselt mit Blockflötenklängen und Popmusik, während neben Adventskerzen und Can-Can tanzenden Tannenbäumen schneeflockende Engel herumwirbeln. Nach einer akrobatisch-romantischen Tanzeinlage Erwins mit einer traumhaft schönen Schlittschuhläuferin wird es vollends wild und rennende Geschenke steppen übers Parkett. Die herumgereichten Mistelzweigen und lawinengleich herunterwallende weiße Papierrollen tun ein Übriges, um die Zuschauer mit einzubinden. Was für ein Spaß! Wenngleich sich auch im Verlauf des Abends nicht wirklich ein Zusammenhang zwischen den einzelnen Szenen erschlossen hat. Einige Szenen wirken wie reingedrückt in das Gesamtprogramm. Hat die »Weihnachtsagentur« alle Szenen inszeniert? – Nach den ersten Szenen bleibt ein diffuses Gefühl von Unverstandenheit, aber der zweite, weit weniger auf Wortwitz abzielende Teil des Abends bindet die Zuschauer durch originelle Einfälle interaktiv ein. Nach dem pompösen Schluss fühlt man sich wie nach einer guten Party, was man so anfangs gar nicht erwartet hätte. Es begann doch alles so »besinnlich« mit ein bisschen Alkohol hier und dort…



Metaebene
 Autor*in:
 Veröffentlicht am 20. Dezember 2013
 Bild von Dirk Opitz mit freundlicher Genehmigung des Theaters im OP.
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