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Alltagsenthoben

Seit 2008 besteht die Germanistische Institutspartnerschaft (GIP) zwischen der Universität Göttingen und der Universität Tartu, Estland. Sie ist ein vom DAAD geförderter Austausch von Studierenden, Promovierenden und WissenschaftlerInnen. Dieses Jahr kamen erstmals deutsche und estnische Studierende zu einer interkulturellen Summerschool zusammen.

Von Hartmut Hombrecher und Kevin Kempke

Es sind stets die gleichen Bilder, die in den Köpfen vieler Deutscher erscheinen, wenn sie an Estland denken: heruntergekommene Sowjet-Provinz, »Singing Revolution«, Wald und Wiesen und unberührte Natur. Nur wenige haben allerdings den nördlichsten der baltischen Staaten tatsächlich bereist, die Vorstellungen speisen sich aus Werbeprospekten und einem medien- und gesellschaftstradierten Bild der ehemaligen Sowjet-Union − aber wie es mit Vorurteilen zumeist ist, müssen sie revidiert werden, sobald man sie an der Wirklichkeit überprüft.

Dazu bekamen auch wir Gelegenheit, als sich uns die Möglichkeit bot, im Rahmen der DAAD-Institutspartnerschaft der Germanistischen Seminare Tartu und Göttingen an einer interkulturellen Summerschool teilzunehmen. Wunderschöne Wälder und Wiesen gibt es zwar tatsächlich, von Heruntergekommenheit kann dagegen keine Rede sein: kostenloses WLAN für alle, modernste Infrastruktur und mit Tartu eine charmante Universitätsstadt, bei der nicht nur die Statue auf dem Rathausplatz an Göttingen erinnert.

Von der EU-Außengrenze zur ›Reise um die Welt‹

Die Institutspartnerschaft zwischen den beiden Städten besteht seit 2008. Nach mehrjährigem und erfolgreichen Dozierendenaustausch gab es in diesem Jahr erstmals eine vom DAAD finanzierte Begegnung auf studentischer Ebene. Jeweils sechs Studierende aus beiden Ländern fanden sich im August 2012 zu einem Blockseminar mit dem Thema »Von der Spätaufklärung bis zur Frühromantik« zusammen. Als Ort dieser Veranstaltung wurden jedoch weder Göttingen noch Tartu auserkoren, sondern das idyllische Sääritsa am Peipussee. Die Landesgrenze nach Russland markierend, ist der See eine der wahrscheinlich schönsten Außengrenzen der Europäischen Union. In einer zur Herberge ausgebauten alten Poststation aus dem 18. Jahrhundert waren wir dort von allen Sorgen des Alltags entbunden.

Die Entscheidung, diese Unterkunft als Tagungsort zu wählen, stellte sich als Glücksfall heraus, sorgte sie doch dafür, dass die Abgeschiedenheit (ca. 15km bis zur nächstgelegenen, selbst lediglich 1000 Einwohner zählenden Stadt Kallaste) zu einer intensiven Arbeitsatmosphäre und einem freundschaftlichen und angenehmen Gruppengefühl führte. Dadurch beschäftigten wir uns nicht nur während der Seminarsitzungen, sondern auch außerhalb davon mit Themen wie Herders Geschichtsphilosophie, Lenz’ Hofmeister und Forsters Reise um die Welt. Die von Beginn an herzliche Zwischenmenschlichkeit setzte sich darüber hinaus auch am Abend bei Filmen, Spielen und Diskussionen fort; eine szenische Lesung von Seminartexten sowie eine deutsch-estnische Version der Ode an die Freude (Kaunis jumalate õde…) am letzten Abend in Sääritsa rundeten das sehr instruktive Seminar ab.

GIP


Germanistische Institutspartnerschaft
Göttingen – Tartu
Projektleiter in Göttingen:
Prof. Dr. Dr. h. c. Heinrich Detering
Koordination:
Dr. Kai Sina
Projektleiterin in Tartu:
Dr. Silke Pasewalck

 
 
In den Sitzungen selbst wurden neben kanonischen Texten der deutschen Literatur wie Lessings Nathan der Weise und Goethes Iphigenie auf Tauris auch weniger rezipierte Schriften, so zum Beispiel die Abhandlung Über die bürgerliche Verbesserung der Juden des aufklärerischen Juristen und Philosophen Christian Wilhelm Dohm, behandelt. Unter der anregenden Leitung von Wolf Christoph Seifert (Göttingen) und Silke Pasewalck (Tartu) konnten in den Textanalysen besonders die Aspekte der Interkulturalität und der Überbrückung gesellschaftlich konstruierter Differenzen herausgearbeitet werden. Die angesprochenen Gesichtspunkte und Methoden reichten dabei von klassischen hermeneutischen Herangehensweisen über Inszenierungsanalysen bis zu poststrukturalistischen Ansätzen.

Sowohl auf deutscher als auch auf estnischer Seite führte diese methodologische Vielfalt zu neuen Ideen und Denkmustern. Dass die Zeit in Sääritsa aber nicht nur in akademischer Hinsicht, sondern für jeden Einzelnen auch persönlich ein Erfolg war, lag an der besonderen Alltagsenthobenheit, die sich im Zuge der produktiven Zurückgezogenheit einstellte und ein intensives Erlebnis der Reise zur Folge hatte. Sicher ist dies einer der Gründe, weshalb der Kontakt zwischen estnischen und deutschen Studierenden auch nach Ende des Seminars weiter anhält.

Von Sääritsa nach Tartu

Im Anschluss an das Blockseminar führte unser Weg von Sääritsa nach Tartu, in die zweitgrößte Stadt Estlands. Tartu hat mit einem Verhältnis von ca. 19.000 Studierenden zu etwa 105.000 Einwohnern eine ähnliche soziale Struktur wie Göttingen. Die Gemeinsamkeiten der Partnerstädte setzen sich in der romantischen Altstadt und dem klassizistischen Universitäts-Gebäude fort. Erinnern die ländlichen Teile Estlands mit ihrem mitunter archaischen Charme eher an Skandinavien oder das norddeutsche Flachland, vermittelt Tartu das Bild einer weltoffenen und modernen Universitätsstadt. Streetart wechselt sich mit Relikten der deutschen und russischen Besatzungsgeschichte und estnischer Folklore ab. So brachte uns der kurze und abschließende Stadtaufenthalt wiederum neuartige Perspektiven auf die baltische Kultur und Geschichte, die eine hervorragende Ergänzung zu den interkulturellen Erfahrungen aus Sääritsa darstellten.

Es ist nur sehr zu wünschen, dass dieser gelungene Auftakt weitere Summerschools zwischen Tartu und Göttingen einleitet und den interkulturellen Austausch vertieft. Denn zu revidierende Vorurteile (nicht nur über Estland) gibt es immer genug.



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 Veröffentlicht am 15. November 2012
 Kategorie: Wissenschaft
 Bild von Kevin Kempke
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