Impressum Disclaimer Über Litlog Links
Göttinger Szenen
Backstage des Literaturbetriebs

Eine nicht wegzudenkende Größe in der deutschen Verlagslandschaft, ein unabhängiger Wissenschafts-, Kultur- und Literaturverlag, der trotzdem fest im Geschäft steht: Ein Rundgang durch den Wallstein-Verlag, der dieser Tage sein 25-jähriges Jubiläum feiert.

Von Christian Dinger und Florian Pahlke

Wer im Begriff ist die Büroräume des Wallstein-Verlags zu betreten, steht zunächst der Silhouette eines Mannes aus dem 18. Jahrhundert gegenüber, der das Verlagslogo in der Hand hält. Der Hausheilige Lichtenberg soll es wohl nicht sein. Es fehlt der Buckel. Monika Meffert, zuständig für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, erklärt uns, dass das Schild, auf dem der Mann zu sehen ist, auf früheren Buchmessen als Platzfüller diente – als noch nicht genug Bücher vorhanden waren, mit denen der Verlag seinen Stand hätte füllen können. Diese Zeiten sind mittlerweile vorbei. Wallstein ist eine ernstzunehmende Größe in der deutschen Verlagslandschaft geworden und einer der wenigen unabhängigen Verlage, die fest im Geschäft stehen.

»Mit 19 Mitarbeitern gelten wir innerhalb der Branche nicht mehr als Kleinverlag«, erklärt Monika Meffert. Und so kommt es, dass bei den einstigen Allroundern im Betrieb mehr und mehr die Arbeitsteilung Einzug hält. Marketing- und Pressebereich finden sich auch räumlich getrennt vom Projektbereich am anderen Ende des Stockwerks. Hier ist alles modern und ordentlich mit Glaswänden und Ikea-Regalen eingerichtet. Im deutlich größeren Projektbereich hingegen herrscht ein kreatives und betriebsames Durcheinander: Volontäre sind unablässig am Kopieren, auf den Fußböden der Büros liegen Stapel von Manuskriptseiten, die meisten Mitarbeiter sitzen am Computer und durchforsten Emails, Twitter und Facebook oder telefonieren. »Mit einem Buch sitzt hier keiner«, klärt uns Frau Meffert auf. Das Redigieren von Texten ist nur ein kleiner Teil des Aufgabenbereichs eines Lektors. Viel wichtiger ist der ständige Kontakt zu den Autoren. »Manchmal ist man auch psychologischer Betreuer für Autoren«, so Meffert. Wenn beispielsweise ein Buch verrissen wird, sind es meistens Verleger und Lektoren, die trösten müssen.

Göttinger Szenen

In der Reihe Göttinger Szenen widmet sich Litlog in Reportagen, Berichten oder Kommentaren verschiedenen Orten und Milieus aus Göttingen. Die Beiträge entstanden im Rahmen eines Seminars zum Thema »Literatur und Journalismus« im Sommersemester 2010.
 
 
Die Räume hier sind lichtdurchflutet, überall stehen Regale mit Publikationen des Hauses und alle Mitarbeiter sitzen an Macs. Das hat natürlich auch rein praktische Gründe, ist aber nicht zuletzt ein Stück Firmentradition, schließlich spielte Apple bei der Verlagsgründung in den 80er Jahren eine entscheidende Rolle.

Die Anfänge

Am Anfang stand die Idee dreier Göttinger Studenten, einen Kneipenführer herauszugeben. Thedel von Wallmoden, der heutige Verlagsleiter, war damals Doktorand am Lehrstuhl von Albrecht Schöne. Zusammen mit den Steinhoff-Brüdern, die mittlerweile aus dem Unternehmen ausgestiegen sind, wurde der Plan entwickelt, 50 Göttinger Kneipen in einem Buch vorzustellen und den Verkauf mit einem Gewinnspiel anzukurbeln. Doch anstatt den fertigen Text in eine Setzerei zu geben, wie es damals üblich gewesen wäre, entwickelten sie den Satz kostengünstiger selber auf einem Apple-Computer. Damit wurden sie zu Vorreitern der Computersatztechnologie und zu Vorzeige-Pionieren von Apple. So wuchs aus einer Idee zur Finanzierung einer Doktorarbeit ein solider Verlag – ein Musterbeispiel studentischen Unternehmergeists.

Der technische Vorsprung, den Wallstein anfangs hatte, ist längst zum allgemeinen Standard geworden. Wir fragen, wie es mit heutigen technologischen Neuerungen aussieht – Stichwort: eBooks. Begreift sich Wallstein auch hier als Vorreiter im Verlagswesen? »Da muss man immer gucken, mit wem man sich vergleicht«, so Meffert. Im Vergleich zu den großen Konzernverlagen sei man da ganz gut aufgestellt, aber mit den Unternehmen, die sich auf eBooks spezialisiert hätten, könne man nicht mithalten. Kulturpessimistische Tendenzen sind deshalb im Wallstein Verlag jedoch nicht zu hören. Gerade im wissenschaftlichen Bereich gewinne das eBook an Bedeutung und biete Vorteile gegenüber der herkömmlichen Variante. »Wir glauben aber auch, dass es zweigleisig laufen wird.« Dass das konventionelle Buch zum Blättern irgendwann von seiner elektronischen Version abgelöst wird, daran glaubt hier niemand.

weiter leben

Wir setzen unseren Rundgang durch die Verlagsräume fort. Hinter einer der Türen auf den schmalen Gängen verbirgt sich das Büro von Thorsten Ahrend. Hier wieder das gleiche Bild. Ein großer Schreibtisch, umlagert von Manuskripten und Büchern, Thorsten Ahrend am Telefon. Er winkt fröhlich zu uns herüber, dann widmet er sich wieder seinem Gesprächspartner.

Sein Eintritt in den Verlag war ein Glücksfall für Wallstein. Seit vielen Jahren mit Thedel von Wallmoden befreundet, wechselte er 2004 vom großen Suhrkamp-Verlag hierher. Seitdem ist er Anteilseigner von Wallstein und leitet das neu gegründete Belletristik-Programm des Hauses. Mit Ahrend hat der Verlag den erfahrenen Lektor für sich gewonnen, der nötig war, um das Programm, das bisher auf Editionen und geisteswissenschaftliche Publikationen beschränkt war, auszuweiten. Einzelne Erfolge im nicht-wissenschaftlichen Sektor konnte Wallstein allerdings schon zuvor aufweisen. So zum Beispiel Ruth Klügers Autobiographie weiter leben, die nach ihrem Erscheinen 1992 zum Bestseller wurde und den Erfolgsweg Wallsteins mitbegründete.

Ruth Klüger – wieder so ein Glücksfall. Sie kannte Thedel von Wallmoden persönlich über Albrecht Schöne. Von Wallmoden las ihr Manuskript und bot ihr an, das Buch bei Wallstein zu veröffentlichen. Nach einem ungeschickten Absagebrief von Siegfried Unseld (Suhrkamp) kam Ruth Klüger schließlich auf dieses Angebot zurück, und weiter leben erschien bei Wallstein.

Backlist

Doch Wallstein will sich nicht auf solche Glücksfälle verlassen. Man begreift sich als solider Verlag, der nicht auf Bestseller setzt und dabei zu viele Risiken eingeht, sondern überlegt und abwägt und dabei seinem Verlagsprogramm treu bleibt. Denn die wichtigste Frage, wenn es um Neuerscheinungen geht, lautet hier, ob das Buch in das Programm passt und nicht nur ob es sich gut verkauft. Zeitgeschichte, insbesondere die des Nationalsozialismus und der Verfolgung der europäischen Juden und Editionen der Literatur des 18. Jahrhunderts. Das sind zwei Schwerpunkte, bei denen keine Bibliothek mehr an dem Göttinger Verlag vorbeikommt. Die Strategie ging auf. In der über 20jährigen Verlagsgeschichte ging es bisher gemessenen Schritts bergauf für Wallstein.

Wir wollen schon gehen, da blättert Frau Meffert noch einmal in der Programm-Vorschau vom Herbst 2010 und schließt die Tür vom Konferenzraum – Thorsten Ahrend soll nichts von dem, was jetzt gesagt wird, mitbekommen. Anlässlich zu Ahrends 50. Geburtstag ist ein Buch in Planung, Seiltanz, in dem Autoren und Herausgeber wie Heinz Ludwig Arnold, Heinrich Detering, Steven Bloom oder Durs Grünbein von der Arbeit mit ihrem Lektor berichten [das Buch ist mittlerweile erschienen, mehr Infos hier; die Redaktion].

Trotz Wachstum und Betriebsamkeit ist die Atmosphäre im Wallstein-Verlag angenehm familiär.



Metaebene
 Autor*in:
 Veröffentlicht am 14. April 2011
 Kategorie: Misc.
 Foto von Litlog.
 Teilen via Facebook und Twitter
 Artikel als druckbares PDF laden
 RSS oder Atom abonnieren
 Keine Kommentare
Ähnliche Artikel
Archiv
Keine Kommentare
Kommentar schreiben

Worum geht es?
Über Litlog
Mitmachen?