Impressum Disclaimer Über Litlog Links
Bald…

Ein Kind verschwindet auf der Suche nach seinem Vater und die Lüge seiner Mutter offenbart verheerende Folgen. Augustas Garten von Andrea Heuser ist ein lyrisches Nachdenken über Lügen und Vertrauen und die Flüche der Kindheit.

Von Katharina Lukoschek

Augusta ist fünf Jahre alt, in ein paar Tagen wird sie sechs. Sie ist ein ganz normales Kind, das bald zur Schule gehen kann, beste Freundinnen hat, einen Sparfrosch mit Knöpfen und Pfennigen füttert und Schokoladenkuchen zum Geburtstag liebt. Augusta hat eine Mama und einen Papa und ihre Welt ist heil und intakt. Na ja, Moment. Sie hat zwar einen Papa, aber da gibt es noch einen anderen Mann, der Eduard heißt. Eduard ist ein Freund von Mama, bei dem sie nun zusammen leben. Aber dort ist alles anders. Augustas Zimmer ist kahl, ihre Spielsachen fehlen, sie muss immerzu Schwarzbrot essen und obendrein darf sie nichts dreckig machen. Und ihr Papa fehlt. Wann darf Augusta wieder zu ihm? »Bald« lautet die Antwort ihrer Mama. »Bald«, das ist ein Wort, das sich anfühlt »wie der kleine Stein, den sie gerade in der Hand hält: rund und fest.« »Bald« ist ein Wort, das Augustas Mutter beiläufig verwendet, weil es unbestimmt genug ist, um ihrer Tochter die Wahrheit noch eine Weile zu verschweigen: dass sie nicht mehr nach Hause zu ihrem Vater zurückkehren, sondern bei Eduard bleiben werden. »Bald« ist aber auch ein Wort, das Augusta sehr ernst nimmt. Denn wenn »bald« ihr Geburtstag ist, dann darf sie an diesem Tag auch endlich wieder nach Hause zu ihrem Vater.

Buch


Andrea Heuser
Augustas Garten
Roman
DuMont, Köln, 2014
224 Seiten, 16,99 €

 
 
Und tatsächlich: An ihrem sechsten Geburtstag macht sich Augusta auf den Weg. Sie nimmt Reißaus von ihrem neuen Zuhause, läuft einfach los. Am Spielplatz vorbei, am Bäcker, an der Apotheke und immer weiter. Fast zeitgleich bemerkt ihre Mutter, dass Augusta nicht mehr da ist. Doch dann ist es schon zu spät.

Meisterliche Textur

Im Prinzip ist das schon der Plot des Debütromans Augustas Garten von Andrea Heuser. Ein Kind verschwindet und die Suche beginnt. Doch das ist noch lange nicht alles. Andrea Heuser versetzt sich in mehrere Perspektiven: Sie zeichnet Augustas Erlebnisse auf der Flucht nach, kehrt immer wieder zu der Mutter Barbara zurück, die zu Hause vor Sorge fast umkommt, und eröffnet mehrere Vergangenheitsebenen. Barbaras Kindheit blitzt immer wieder auf, dazwischen kommen Erinnerungen an »normale Tage« mit Augusta, eine Zeit, in der alles noch heil war. Wie komplizierte Muster in einem Strickwerk nimmt Heuser dabei Maschen auf, stellt andere in die Warteschleife und strickt ineinander verflochtene Bilder aus Vergangenheit und Gegenwart, kindlicher und erwachsener Wahrnehmung. Dabei fällt ihr nie auch nur eine einzige Masche herunter: Wenn Augusta erkennt, dass ihre Mutter sie angelogen hat, bildet sich im nächsten Moment eine Parallele in Barbaras Erinnerung an den Tag, an dem sie ihren eigenen Vater zum ersten Mal anlügt. Als Andreas, Augustas Vater, zum Geburtstag anruft, triggert seine Stimme bei Barbara die Erinnerung an bessere Tage, an aufregende erste Dates und aufkeimende Verliebtheit. Augusta malt sich auf der Flucht ihr altes Zuhause aus, geht im Geiste durch jedes Zimmer, und findet sich plötzlich in dem Augenblick wieder, als ihr Vater sie zum Schlafen ins Bett bringt. Jede Episode, jede Kleinsterzählung in Augustas Garten hängt zusammen mit einer anderen und begründet diese und erst wenn man nach der Lektüre aus dieser Welt heraustritt, sie ruhen lässt, einen Schritt Abstand nimmt, erkennt man das große, meisterlich ineinander verwobene Ganze.

Lyrischer Roman

Doch es ist nicht nur der Umgang mit Erzähl- und Zeitebenen, es ist auch Heusers Sprache, die ihrem Erstling seine Komplexität verleiht. Die promovierte Literaturwissenschaftlerin ist eigentlich in der Lyrik beheimatet und veröffentlichte bereits 2008 den Gedichtband vor dem verschwinden, der mit dem Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis des Literarischen März Darmstadt ausgezeichnet wurde. Zahlreiche weitere lyrische Arbeiten, aber auch Libretti oder Lyrikvertonungen gehören zu ihrem Repertoire. Es wundert nicht, dass die Poesie daher auch in Augustas Garten gestaltgebend ist. In einer Art lyrischer Prosa reiht Heuser Dialoge ohne Inquit-Formeln aneinander, streut Wiederholungen ein, die emphatisch die Verzweiflung der Mutter unterstreichen oder den Erinnerungen an Vergangenes wie ein Echo hinterherrufen:

Der zweite Hieb, wie stets ein kleiner Schock, dann der dritte, vierte, der fünfte…
‚Ich soll nicht lügen.‘
Ich gehe fort.
Sie sagt es nicht laut. Die Stimme bleibt tief in ihr drinnen, im Brustkorb. Aber sie ist auf einmal da, diese Stimme, die ihr gehört.
Ich gehe fort.
Ich werde nie, nie wiederkommen.
Der Siebte trifft sie im Nacken. Acht. Neun…
‚Ich soll nicht lügen.‘
Ich gehe fort.
Die Stimme wird lauter.
Und dann wird alles besser.
Alles wird besser.
Alles wird besser!
Barbara schreit.

Die Erzählung suggeriert durch ihren lyrischen, zwischen verschiedenen Ebenen changierenden Charakter mitunter eine Bruchstückhaftigkeit, die zwar auf kompositorische Art geschlossen wirkt, dem Leser aber die Eigenleistung abfordert, zwischen den Zeilen zu lesen und die Empfindungen der Figuren, die Atmosphäre einzelner Situationen mit eigenen Empfindungen anzureichern. So entsteht ein Gesamtbild, das die grundlegendsten Bedürfnisse des Menschen nach Geborgenheit und Vertrauen derart deutlich vor Augen führt, dass es gar keiner epischen oder experimentell-vertrackten Romanwülste bedarf, wie sie in letzter Zeit wieder vermehrt geschrieben werden, denn um so banal Menschliches geht es letzten Endes immer.

Augustas Weg nach Hause endet als Glück im Unglück. Auf ihre Frage, wann alles wieder gut werden wird, erhält Barbara die Antwort »Bald« und wird nun selbst zum Opfer der quälenden Unklarheit. Man weiß am Ende nicht, ob Barbara mit diesem kleinen Wort selbst eine Lüge vorgesetzt wird. Andrea Heuser hält diese Frage bewusst offen und zeigt die Unbestimmtheit eines winzigen »Bald« in ihrer vollen Tragweite.



Metaebene
 Veröffentlicht am 7. Januar 2016
 Kategorie: Belletristik
 Marchants - A Gorgeous Garden Landscape von Tony Hammond via Flickr
 Teilen via Facebook und Twitter
 Artikel als druckbares PDF laden
 RSS oder Atom abonnieren
 Keine Kommentare
Ähnliche Artikel
Archiv
Keine Kommentare
Kommentar schreiben

Worum geht es?
Über Litlog
Mitmachen?