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Das Ende ist der Anfang

Nicht noch mehr anstrengende Angestrengtheit, bitte! Nicht noch mehr aufgesetzte Postmoderne! Der Erzählungenband Die blinde Fotografin verbindet große Kunstfertigkeit, krassen Kitsch und konstruierte Klischees. Paul Brodowsky sollte endlich lernen zu verlernen. Ein kritisches Plädoyer.

Von Anja Schmidt

Nachdem Paul Brodowsky in seinem 2002 erschienenen Debüt Milch Holz Katzen kleine, abstrakte Prosaminiaturen vorführte, legt er 2007 mit seinem Erzählband Die blinde Fotografin sein zweites Prosawerk vor. Ein Jahr zuvor las Brodowsky beim Bachmannpreis die titelgebende Erzählung aus dem vorliegenden Band. Eine Geschichte, in der Schönheit und Grausamkeit des Lebens ganz klanglos aufeinander prallen, wenn eine Fotografin ihr Augenlicht verliert und die Sehkraft ihres Freundes missbraucht, um sich in der Welt der Formen und Farben zu halten. Verzweiflung spricht dabei aus jeder Zeile, wenn Brodowsky in seitenlangen Sätzen mit einer faszinierenden Nüchternheit die kleinen Dinge beschreibt, die das Leben wundersam machen. Erzählen soll der Freund ihr, von den Farben japanischer Nudelsuppen, von den sandburgenartigen Formen der Wohnhäuser, von Menschen mit glasigen Blicken und tänzelnden Gestiken:

erzähl mir, ob sie sich wie verträumt mit einer Hand durch die Haare fährt, den Ellenbogen abgespreizt, oder ob sie beim Lachen den Kopf zurückwirft, die helle Haut ihrer Kehle, das Kribbeln, das du empfindest, wenn sie eine Hand auf deinen Oberschenkel legt, (…) und wenn ihr euch ein zweites Mal in die Augen seht, verpasse den richtigen Moment nicht, stell dich geschickter an als damals, nicht zögern wie bei mir, schließlich soll sie sich nicht in dich verlieben, ich will nur wissen, wie sie küsst.

Diese erste Erzählung des Bandes weckt Hoffnung auf weitere, in der eine ebenso sichere Sprache wie präzise Form, gepaart mit einer beeindruckenden, fast unmerklich daherkommenden Emotionsgeladenheit brutale Schauer über den Rücken rieseln lässt.

Auch in den folgenden fünf Erzählungen hat das Leben die Zügel seiner Mitspieler fest in der Hand. Mit leisen Tönen erzählt Brodowsky von einer Welt, die von Möglichkeiten bestimmt wird und in der die Realität geformt wird durch das, was zwischen den Zeilen steht. Folglich sind Gegenwart und Vergangenheit, Traum und Wirklichkeit in Geschichten wie »Judith« oder »Rachel« fast bis zur Undurchdringlichkeit verwoben. Ob Martens Erinnerungsfetzen aus einer tatsächlich stattgefundenen Beziehung zu Judith stammen, ob der Ich-Erzähler je eine Beziehung zu Rachel hatte, eine Frau, die er bei einer U-Bahnfahrt beobachtete, bleibt offen. Das Ende ist der Anfang, oder alles ist nie passiert. Begegnungen und Beziehungen, Namen, Personen, alles scheint austauschbar, und so wird auch Rachel »zu einer Fußnote, nur ein Punkt, verwahrt in der Erinnerung, in ein paar Monaten vergessen.« Ebenso verschwommen bleiben auch Brodowskys Figuren, sie sind keine Charaktere, sondern Platzhalter, zwischen denen eine Geschichte verwoben sein kann.

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Paul Brodowsky
Die blinde Fotografin
Suhrkamp: Frankfurt am Main 2007
128 Seiten, 14,80 €

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Allzu oft steht in den Geschichten die klischeehafte Dreiecks-Beziehung im Zentrum, maßlos übertrieben scheinen Beschreibungen von Gegenden, in denen es »schwarzgeregnete Erdwege« gibt, und »in den Pfützen spiegeln sich die glänzenden Bäume, das umgewehte Gras, eine zerbeulte Colaplastikflasche. Die Spiegelungen beinahe farblos, wie Schwarz-weiß-Aufnahmen.« Fast schon ins einfallslos Kitschige gleitet die Sprache, wenn gleich darauf steht: »Judith in einem hellen Kleid mit dünnen blauen und roten Streifen, im Nacken zusammengeknotet. Judiths Schultern, die Schulterblätter, ein Duft wie von Holunderblüten, die Sonne ist hinter dem Horizont weggetaucht, Judith rückt näher an Marten heran, sie schlägt nach den Mücken. Er fängt ihre Hand mitten im Schlag, hält sie fest, plötzlich küssen sie sich.«

Auch in der Geschichte von »Zoltan und ich«, deren Liebe zu Julika ihre Freundschaft bestimmt, sowie in der Geschichte »Im Flur«, in der eine Nachricht auf einem Anrufbeantworter die Beziehung zu Irina beenden könnte, geht es – wie schon in der Erzählung um die blinde Fotografin – um das Leben, das fast zynisch mit seinen Protagonisten spielt. Auch in allen anderen Geschichten beschreibt Brodowsky Augenblicke, in denen Existenzen auf der Kippe stehen und Beziehungen zwischen zwei Richtungen wanken.

Doch all dies wirkt so auf die Spitze der Perfektion getrieben, so durchkomponiert, dass einem zuweilen der letzte Nerv getötet scheint und man zuweilen laut ausrufen möchte: Nicht noch mehr anstrengende Angestrengtheit, nicht noch mehr gewollte Postmoderne, bitte, Herr Brodowsky! Mal wird ein wenig das Subjekt als rational agierende Einheit in Frage gestellt, dann wiederum steht die Zeichenhaftigkeit der Dinge im Vordergrund, hier ein bisschen Darstellung der Welt als pluralistische, zufällige, chaotische, dort noch etwas stream of consciousness und dann noch die Realität als solche unterwandern – voilá, postmoderne Literatur wie aus dem Lehrbuch. Dazwischen ragt immer mal wieder heraus, was Brodowskys Geschichten doch wieder zu einem Lesevergnügen machen: Ein wunderbares Gespür für kontrastreiche Geschichten und die Einheit von Form und Sprache, die nüchtern, beinahe zärtlich ineinander übergehen.

Brodowskys Entwicklung seit Milch Holz Katzen ist offenkundig: Die Sprache weniger verkrampft, die Form selbstverständlicher. Dies bereitet noch wunderbarere Lesefreuden, und doch fühlt man sich noch immer geneigt zu sagen, wie damals Samuel Moser in der Neuen Zürcher Zeitung, dass zu viel Können das Problem Brodowskys zu sein scheint und er wohl auch zukünftig erst lernen muss zu verlernen.



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 Veröffentlicht am 15. Mai 2010
 Kategorie: Belletristik
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