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Farbenblind

Vorfälle zwischen Polizei und BewohnerInnen wie in Ferguson lassen Rassenkonflikte in den USA wieder aufflammen und verleihen somit Harper Lees Gehe hin, stelle einen Wächter erschreckende Aktualität. Es stellt sich die Frage, wie weit sich die Menschheit seit den 1950ern wirklich entwickelt hat.

Von Marlo Wulf

Vor 57 Jahren erschien Harper Lees gefeierter Roman To Kill a Mockingbird, zu Deutsch: Wer die Nachtigall stört. Nun ist 2015 die Fortsetzung Go Set a Watchman (Gehe hin, stelle einen Wächter) veröffentlicht worden und ist in Zeiten von Bewegungen wie »Black Lives Matter« und den dieser zugrunde liegenden wieder aufflammenden Rassenunruhen in Amerika aktueller denn je. In Städten wie Baltimore werden noch immer Menschen unter anderem wegen ihrer dunklen Hautfarbe vornehmlich von der Polizei anders behandelt als hellhäutige.
Entstanden ist Harper Lees zweite Veröffentlichung bereits in den 50er-Jahren, also noch vor mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Wer die Nachtigall stört. Die bereits bekannten Charaktere Jean Louise, genannt Scout, und ihr Vater Atticus sind wieder dabei, doch Jean Louise ist mittlerweile sechsundzwanzig Jahre alt, lebt in New York und muss während eines Heimatbesuchs im fiktiven Maycomb, Alabama, feststellen, dass ihr über alles geliebter Vater nicht der Unfehlbare ist, für den sie ihn immer gehalten hatte.

Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter

Penguin Verlag, 2015
314 Seiten, 19,99€

Ebenso wie in Wer die Nachtigall stört begibt sich Jean Louise auch hier ohne Wissen ihres Vaters wieder in die Gerichtshalle, in der Atticus vor zwanzig Jahren einen jungen dunkelhäutigen Mann verteidigte, der fälschlicherweise wegen Vergewaltigung einer Weißen angeklagt worden war. Doch dieses Mal findet Jean Louise zuvor die Hetzschrift Die Schwarze Pest zu Hause und wird in der Gerichtshalle nicht erneut Zeugin einer Heldentat ihres Vaters, sondern muss mit ansehen, wie er es einem Mann namens Mr. O`Hanlon gestattet, sich während einer Bürgerratssitzung in mehr als nur negativer Art und Weise über Rassentrennung auszulassen. Dieses Ereignis verändert Jean Louises Grundvertrauen in familiäre Sicherheit und ist durch die überraschende Wendung auch für die LeserInnen in seiner Wirkung unmittelbar. Verschwunden ist die kindliche Wahrnehmung einer Sechsjährigen, die ihren Vater vergöttert. Sie wird ersetzt durch die einer erwachsenen eigenständigen jungen Frau, die nun mit der harten Wahrheit konfrontiert wird, dass niemand, nicht einmal Atticus Finch, perfekt ist. Nie waren für Jean Louise Menschen anhand ihres Geschlechts oder ihrer Hautfarbe differenzierbar, sondern allein aufgrund ihrer Menschlichkeit: »Hätte sie einen Blick fürs große Ganze gehabt, […] dann hätte sie möglicherweise erkannt, dass sie schon ihr Leben lang einen Sehfehler hatte, den sie und die Menschen, die ihr nahestanden, nicht wahrgenommen oder übergangen hatten: Sie war farbenblind.«

Obwohl beide Romane von Harper Lee das gleiche Thema behandeln, könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Während Wer die Nachtigall stört versucht eine moralische Stütze zu sein, so zeigt Gehe hin, stelle einen Wächter, wie essenziell es ist zu erkennen, dass sich nichts kategorisch unterteilen lässt. Durch genau diesen Konflikt zwischen Jean Louise und ihrem Vater verdeutlicht Harper Lee auf gekonnte Weise, wie wichtig die Existenz verschiedener Ansichten ist, wenn es um Meinungs- und Persönlichkeitsbildung geht. Bis zur großen Auseinandersetzung hat sich Jean Louise hauptsächlich an ihrem Vater, ihrem Vorbild, orientiert. Nun muss sie in politischer und moralischer Sicht ihren eigenen Weg finden. Atticus steigt von der Stufe eines Heiligen hinab auf die einer fehlbaren Persönlichkeit, die die Meinung vertritt, »Neger« bilden eine »rückständige Gesellschaft« und es müsse ihnen verweigert werden, wählen zu dürfen.

Gehe hin, stelle einen Wächter zu veröffentlichen war sicherlich nicht ungefährlich, zerstört es doch immerhin das Universum des Vorläufer-Romans, auf das sich die Leserschaft auch durch die Sympathie für die ProtagonistInnen so bereitwillig eingelassen hat. Die Fallhöhe ist gewaltig. Doch Gehe hin, stelle einen Wächter steht der Erstveröffentlichung qualitativ einfach in nichts nach, es erscheint deutlich komplexer, die Figuren sind mehrdimensionaler. Auch ist die Thematisierung des noch immer währenden Rassenkonflikts in den USA diffiziler gestaltet. Weiterhin aussagekräftig und stark: Gehe hin, stelle einen Wächter entwickelt Motive weiter und gesteht dies auch seinen Figuren zu.



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 Veröffentlicht am 18. Juli 2017
 Kategorie: Belletristik
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