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Erzählen, wie’s wirklich war

Fast 70 Jahre lag er hinter verschlossenen Türen in Moskauer Archiven. Jetzt hat der Literaturwissenschaftler Carsten Gansel den Antikriegsroman »Durchbruch bei Stalingrad« von Heinrich Gerlach aufgespürt und herausgegeben. Ein paar Leseeindrücke.

Von Telse Wenzel

Was für eine Wiederentdeckung! Doch einfach ist die Lektüre nicht. Über mehr als 500 Seiten hinweg gibt es in Heinrich Gerlachs Roman auch für die Leser_innen von heute kein Entkommen aus dem Kessel Stalingrad, der im Zweiten Weltkrieg zum Massengrab für über 700 000 Menschen wurde. Raffungen, Ellipsen, Erzählerkommentare – solche Mittel, die das Geschehen auf Distanz rücken könnten, tauchen praktisch nicht auf. In Gerlachs literarischer Verarbeitung der Kriegserfahrung erlebt man in wechselnder Mitsicht mit den Soldaten und Vertretern des Armeestabs die Hybris und Verblendung im NS-Lager mit, aber auch die Traumatisierung, den animalische Kampf ums Überleben und das kollektive Sterben. Alles wirkt so, als habe der Erzähler es so beobachtet und unmittelbar zu Papier gebracht.

Und tatsächlich begann Gerlach, der als deutscher Offizier in Stalingrad war, den Roman noch in der sowjetischen Kriegsgefangenschaft. Später, 1949, kassierte der russische Geheimdienst das Manuskript. Der Autor hatte noch versucht, mit Unterstützung einer Hypnose-Behandlung, wie es heißt, den Roman wiederherzustellen. Das Original aber blieb verschollen. Und die neue Fassung von 1957, aus zeitlichem Abstand angeblich ins Diktiergerät einer Arzthelferin gesprochen, unterschied sich in vielem von der ersten Fassung.
Dem Gießener Literaturwissenschaftler Carsten Gansel ist es zu danken, dass das, was Gerlach ursprünglich erzählen wollte, nun doch noch die Nachwelt erreicht. Gansel hat den Schatz in Moskau gehoben und ihn bei Galiani Berlin herausgebracht – versehen mit einem ausführlichen Nachwort und dokumentarischem Material.

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Heinrich Gerlach
Durchbruch bei Stalingrad
Galiani Berlin 2016
693 Seiten, 34,00€

{/tabs}Was wir bei Gerlach lesen, ist aber kein Zeitzeug_innenbericht. Die scheinbare Unmittelbarkeit des Dargestellten und der Protokollcharakter, den das Geschriebene hat, sind literarische Kunstgriffe. Und zu ihnen gehört auch die klaustrophobische Atmosphäre, die der Roman erzeugt – vor allem dadurch, dass der Schauplatz fast nie verlassen wird. Nur ein Mal nimmt der Text die Leser_innen mit in den »Urlaub« eines Soldaten. Und die Ahnungslosigkeit seiner Angehörigen, die keine Vorstellung von dem haben, was im Kessel von Stalingrad passiert, steht exemplarisch für die Verblendung all derjenigen, die in Nazi-Deutschland der Propaganda ausgesetzt – bzw. aufgesessen – waren. Auch viele der Soldaten im russischen Feld, die der Autor uns zeigt, glauben noch lange daran, dass Hitler sie retten und den Rückzug anordnen oder kapitulieren werde.

Was bekanntlich ausbleibt. Und das ist denn auch wohl der von Gerlach am nachdrücklichsten beleuchtete Punkt: die Ungeheuerlichkeit, die darin besteht, dass ein Mann abertausende Menschen zur Inszenierung einer »Nibelungentreue« in den Tod schickt. Die Schuld der Wehrmacht und ihrer Verbündeten auf dem Feld aber, ihre Kriegsverbrechen und das Töten aus nationalsozialistischer Überzeugung, kommen im Buch – leider! – eher am Rand vor, sie sind nicht die Hauptthemen.
Der Text ist vielmehr noch unter dem Eindruck eines machtvollen Propagandaapparats und deutschen Führerkults entstanden und wendet sich vor allem gegen diese. So wird das Radio, das Joseph Göbbels Ansprache über den russischen Feldzug überträgt, in der von Heroenkampf, Endsieg und Heldenlied die Rede ist, am Ende zu Boden geworfen:

Hauptmann Eichert war aufgesprungen. »Schluß!«, schrie er. »Schluß!« Er griff nach dem Eisenrohr, das am Herd stand, und schlug wie ein Wilder auf das Gerät ein. Die Stimme verstummte. Der Apparat fiel zu Boden, riß den Akkumulator mit, Glas klirrte… Eichert ließ das Rohr fallen und strich sich mit dem Handrücken über die Stirn. »Verraten und verkauft«, sagte er leise und wie verwundert über eine ganz neue Erkenntnis. »Preisgegeben, einfach preisgegeben… Natürlich, damit keiner erzählen kann, wie’s wirklich war…«

Der Roman, obwohl seinem Wesen nach immer irgendwie fiktional, soll nun erzählen, »wie’s wirklich war«; darin liegt sein antifaschistischer Sprengstoff begründet. Und vielleicht kann das Buch einer Wahrheit gerade wegen seiner Möglichkeiten zur Verfremdung viel näher kommen als ein Tatsachenbericht.
Denn schaut man noch einmal auf die literarische Ausgestaltung, fällt unter anderem auf, dass dem Text eine narrative Eskalationsstruktur zugrunde liegt. In einer von keinem »Führer« und eben auch keinem Erzähler mehr unterbrochenen Entwicklung gewinnt das Kriegsgrauen immer größere Dimensionen; eine seelisch-existentielle Schräglage, die sich in den Gewaltausbrüchen und den Kriegsgeräuschen von Anfang an ausdrückte, schiebt sich im Laufe der erzählten Zeit immer weiter in die Vertikale. Aus Menschen werden einzig vom Überlebenswillen getriebene Kreaturen, Seelen und Körper zertrümmern.

»Durchbruch bei Stalingrad« ist ein sehr wichtiges Buch, sein Stoff von ungebrochener Relevanz. Den Vergleich mit kanonisch gewordenen deutschen Antikriegsromanen braucht es nicht zu scheuen. Aber man sollte den Roman wohl am besten als ein Zeitdokument und ästhetisches Gebilde getrennt von der Person seines Verfassers betrachten. Als Lieblingsautor eignet sich NS-Offizier Gerlach nicht.



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 Autor:
 Veröffentlicht am 22. Juli 2016
 Kategorie: Belletristik
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