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Liebe im Literaturbetrieb

Ein junges Pärchen, ein Erpresser und ein falscher Roman – mehr braucht es nicht, um den Identitätsverlust eines Hochstaplers zu inszenieren, der unversehens in die Maschinerie des modernen Literaturbetriebs gerät.

Von Herdis Monje

Martin Suter, seit 1991 freier Schriftsteller, erzählt in seinem Erfolgsroman Lila, Lila die verworrene Geschichte der Liebe, des Erfolgs und des inneren Falls von David. Der 23-jährige Kellner verliebt sich in Marie, doch in der Künstlerclique um einen Literaten, in der beide verkehren, geht David unter. Doch Marie liebt Literatur. Und so gibt David ihr, um sie zu beeindrucken, das Manuskript des Romans Sophie, Sophie von Alfred Duster – eine in den Fünfzigern angesiedelte, tragisch endende Liebesgeschichte über einen Peter und eine Sophie. Allerdings gibt David den Roman als sein eigenes Werk aus. Die beeindruckte Marie schickt dieses Werk daraufhin heimlich an einen Verlag, der ihn unter dem Titel Lila, Lila veröffentlichen will. Anfangs skeptisch, erklärt sich David schließlich einverstanden und gewinnt somit Maries Liebe.

Doch plötzlich taucht Jacky auf: Er gibt sich David gegenüber als der wahre Autor zu erkennen und weicht nicht mehr von seiner Seite. Jacky erpresst David, bis unter der Situation sogar die Beziehung mit Marie zu leiden beginnt und David als einzigen Ausweg den Mord an seinem Peiniger sieht. Doch dazu kommt es nicht: Jacky stürzt vom Balkon und eröffnet David auf dem Sterbebett, dass auch er nicht der Autor der Geschichte sei: Lila, Lila handelt von seinem Bekannten Peter, der über seine Liebe zu Sophie schrieb, bevor er sich umbrachte. Jackys Tod und die Trennung von Marie bringen David schließlich dazu, seinen ersten Roman zu schreiben. Er beginnt mit dem gleichen Satz wie Lila, Lila: »Das ist die Geschichte von David und Marie. Lieber Gott, lass sie nicht traurig enden.«

Liebe, Psychoterror und »Literaturstrich«

Schon die Frage, welchem Genre Lila, Lila zuzuordnen ist, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Suter stellt sowohl die Liebesgeschichte von David und Marie dar als auch die kriminellen Handlungen, die Jacky gegen den falschen Schriftsteller ausübt. Diese beiden Handlungsstränge greifen ineinander ein und sind verknüpft: Ständig bewegt sich Lila, Lila zwischen Liebesdrama und Psychokrimi.

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Martin Suter
Lila, Lila
Zürich: Diogenes 2004.
352 Seiten, 14,90 € [Tb. 9,90 €]

{/tabs}Dabei ist David jenes Element, das beide Geschichten am stärksten miteinander vereint: Sein Fall, sein innerer Zusammenbruch wird eindrucksvoll entwickelt. Während David zunächst nichts von seinem Erfolg wissen will, gewöhnt er sich mehr und mehr an seine Prominenz und das Leben im Luxus, so dass er mehr und mehr seine eigene Identität verliert. Dazu kommt sein Dasein als Dieb geistigen Eigentums, schließlich hat er plagiiert. Auf dieser Lüge baut die Liebe Maries auf. Doch obwohl David lügt, obwohl er eines der schwersten Verbrechen unter Künstlern begeht, bleibt er ein Sympathieträger, erweckt Mitleid – denn seine Liebe zu Marie ist makellos und vollkommen. Dass Suter diese Liebe nicht ohne Startschwierigkeiten und Komplikationen darstellt, macht sie umso realistischer und interessanter.

Verwoben in diese Geschichte ist eine Kritik, die gerade in der heutigen Leistungsgesellschaft aktuell ist. Dem ›Kellner‹ David schenkt Marie kaum Beachtung. Als ›Autor‹ von Lila, Lila sieht sie ihn jedoch mit anderen Augen, ist erstaunt über das, was in ihm zu stecken scheint, und verliebt sich in ihn, den Erzähler dieser romantisch-tragischen Geschichte. In Frage steht damit nicht zuletzt, ob man für das geliebt wird, was man tut, oder für die Art und Weise, wie man tatsächlich ist?

Schließlich stellt Marie im Laufe der Zeit fest, dass David ihr immer fremder wird – oder, besser gesagt, dass er ihr eigentlich niemals nah war, weil sie sich aufgrund seines Romans ein Bild von ihm formte. Dass das jedoch nicht funktioniert, wird auch ihr klar, als die Beziehung scheitert: »Wie wichtig war ihr David überhaupt? War er es, in den sie verliebt war, oder war es Peter, der empfindsame, unglücklich Liebende aus Lila, Lila?« Doch die Identität, die David nach und nach verliert, ist nicht nur etwas, was Marie falsch einschätzt. Auch der Literaturbetrieb sieht in David nur den Autor und nicht seine Persönlichkeit.

David fühlt sich zunächst unwohl in seiner Rolle als Schriftsteller, ist bei Lesungen nervös, bei Interviews unsicher. Daraufhin sorgt sich seine Lektorin um seine Medienpräsenz, jedoch nicht um David als Person. So fragt sich die Lektorin bei Davids erster, »was dieser unbeholfene Junge dort vorne mit dem Text zu tun« hätte, geht diesem Zweifel aber nicht nach. Marie hingegen kritisiert die literaturbetriebliche »Massenindustrie« und ist der Meinung, dass es unmöglich sei, in dieser Branche ehrliche Arbeit zu leisten. Auch David merkt zunehmend, dass er zur Maschine in dieser Welt wird, und wirft Jacky vor, ihn auf den »Literaturstrich« geschickt zu haben.

Die hohe Unterhaltungskunst

Obwohl Lila, Lila flüssig zu lesen ist, zeichnet sich der Text durch eine anspruchsvolle Erzählweise aus. Dabei ist hervorzuheben, dass viele Ereignisse, wie beispielsweise die erste Begegnung des späteren Liebespaares, nicht nur aus Davids, sondern auch aus Marie Perspektive beschrieben werden. Die wechselnde Erzählperspektive zieht sich durch die gesamte Erzählung und führt zu einer kompletten Durchleuchtung der Charaktere. So lernt der Leser die Figuren sehr gut kennen und sieht verschiedene Blickwinkel auf das Geschehen. Spannung wird dabei durch eine teilweise achronische Ordnung der Ereignisse; viele Dinge werden erst später genauer geschildert, was den neugierigen Leser zum Weiterlesen treibt. Auch sprachlich beweist Suter Stärke durch eindringliche Beschreibungen, ohne dabei langweilig zu werden. Trotzdem ist es die Alltagssprache, die den Roman prägt: In Dialogen und Gedanken treten umgangssprachliche Ausdrücke wie »Scheiße« und »Schlampe« auf, die die erzählte Welt authentischer wirken lassen. Diese Bildhaftigkeit und Echtheit erzeugen einen Sog, der dem Leser mitten in die Geschichte hinein zieht.

Die Vielschichtigkeit, die breite Thematik und die sprachliche Genauigkeit machen Lila, Lila lesenswert. Gerade durch die Genres, die Suter hier miteinander verknüpft, wird diese Geschichte zu einem einmaligen Erlebnis. Eine weitere Besonderheit ist die Aktualität durch die Darstellung des modernen Literaturbetriebs und die Frage nach der emotionalen Verantwortung. Doch trotz – oder gerade wegen? – des vergleichsweise hohen literarischen Anspruchs behält der Roman einen mindestens ebenso hohen Unterhaltungswert und hebt sich somit zweifellos von anderer Trivialliteratur ab.



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 Veröffentlicht am 29. November 2010
 Kategorie: Belletristik
 Schlagworte: , ,
 Bild von Eirik Newth via flickr
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