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»Und jetzt pass auf«

Simon Brenner kommt in Wolf Haas’ neuem Roman Brennerova endlich aus den kleinen Dorfschaften Österreichs heraus und verfolgt Terroristen quer durch die Mongolei – nicht unbedingt zu seinem (und des Lesers) Vorteil. Die aemulatio hat im achten Teil der Brenner-Reihe trotz sprachlicher Spritzigkeiten ihr Ende gefunden, befindet Louis Liesecke.

Von Louis Liesecke

Jetzt ist schon wieder was passiert: Simon Brenner, in die Jahre gekommener Privatdetektiv, ist seit einem halben Jahr von seiner Ex-Freundin Herta getrennt. In der Hoffnung eine neue Bekanntschaft zu finden, meldet er sich auf einer Internetplattform zur Partnersuche an. Benutzername: Brennerova. Plötzlich schreibt ihm eine Russin, auf deren Nachrichten er zunächst nicht antwortet. Nachdem Brenner sich kurz darauf wieder mit Herta versöhnt hat und sie mehrere Wochen zum Wandern verreist, besucht er erneut sein Profil bei der Partnerbörse. Die Russin, Nadeshda, möchte unbedingt nach Wien, doch sie kann sich die Reise nicht leisten. So macht sich Brenner wenig später auf den Weg nach Moskau, wo er kurz nach seiner Ankunft von kleinen Kindern zusammengeschlagen und ausgeraubt wird. Ohne Geld und Handy, aber mit einer Bahnfahrkarte nach Nischni Nowgorod, begibt sich der Detektiv zum Bahnhof. Nadeshda erwartet ihn dort und erzählt Brenner, dass ihre Schwester Serafima entführt wurde. Ein Modefotograf namens Mike habe Fotos von ihr gemacht und ihr anschließend ein Flugticket von Moskau nach Wien gegeben. Seither ist jeglicher Kontakt abgebrochen. Brenner nimmt Serafimas Spur auf und die Suche im Wiener Prostituiertenmilieu beginnt. Dass der talentierte Detektiv dabei einige Machenschaften an den Tag bringt, gefällt nicht allen Wienern…

Wolf Haas spielt mit der Sprache. Ja was glaubst du denn?

Wolf Haas verwirklicht einen seiner Träume bereits auf dem Cover. Eine geschlossene linke Faust mit dem Romantitel und seinem tätowierten Namen auf den Fingergliedern ziert den Einband. Auch der obligatorische Anfangssatz aus fünf der bisherigen sieben Werke der Brennerserie fehlt bei dem neuesten Roman nicht. Dreht der Leser das Buch um, so erblickt er die Faust von der Innenseite. Dort steht: »Jetzt ist schon wieder was passiert.« Wolf Haas, selbst promovierter Linguist, liebt Wortspiele und das Spiel mit der Sprache. Haas versucht in seinen Werken, die Umgangssprache zu verschriftlichen.

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Wolf Haas
Brennerova
Hoffmann und Campe, Hamburg, 2014
240 Seiten, 20,00€
E-Book: 15,99€

{/tabs}Gerade zu Beginn sind die Brennerromane deshalb sehr holprig zu lesen. Über Sätze wie »Im Kaffeehaus dann natürlich komische Situation« oder »Und sie waren sich einig, dass sie wahrscheinlich im ausgeschlafenen Zustand nicht so gut gewesen wären, weil ohne Schlaf und mit dem Entführungsstress natürlich Sonderzustand, Adrenalinschub Hilfsausdruck.« stolpert anfangs selbst der geübte Leser. Erfrischend hingegen ist der Auftritt des Erzählers: Mit einem »Ob du es glaubst oder nicht« und »… frage nicht.« erhält man den Eindruck, dass einem ein guter Bekannter diese Geschichte gerade in einem österreichischen Wirtshaus erzählt. An wichtigen Stellen wird die Konzentration des Lesers durchaus mal mit einem »Und jetzt pass auf« zurückgeholt. Die humorvolle Art der Dialoge und die ironischen, teils auch gesellschaftskritischen Anmerkungen tragen dazu bei, den Erzähler zu mögen und an einigen Stellen des Romans herzhaft zu lachen.

Substanzverlust beim Protagonisten und dem Plot

Simon Brenner ist in den acht Romanen und gut sechzehn Jahren seit seinem ersten Fall in Auferstehung der Toten spürbar gealtert. Zum ersten Mal hat Brenner eine feste Freundin und ist sesshaft geworden. Er fährt nicht mehr mit seinem alten Moped durch die österreichischen Kleindörfer und nimmt es mit Brathähnchenverkäufern oder Rettungssanitätern auf, sondern fliegt von Wien aus nach Russland und Ulan Bator, um die Schwester einer Russin zu finden, die er über das Internet kennengelernt hat. Durch diese Globalisierung des Protagonisten geht leider der Charme des grantigen, österreichischen Dorfdetektivs verloren, der eher mit Zufall und Intuition durch seinen Fall hindurch taumelt, als durch scharfen Verstand und logische Schlüsse zu glänzen.
So, wie sich Simon Brenner geändert hat, scheint sich auch Wolf Haas’ Lust am Experimentieren mit der Sprache gewandelt zu haben. Im Gegensatz zu Silentium oder Komm, süßer Tod bleiben die Sprachspiele eher blass und tauchen nicht mehr in der Häufigkeit auf. Die Handlung beginnt gewohnt stark und man ist spätestens nach 15 Seiten im Lesefluss. Leider driftet der Roman auf den letzten 30 Seiten ab und verfällt dem Gestellten und Unrealistischen, was durch die enorm ansteigende Dynamik der Ereignisse nicht besser wird. Das Ende ist überraschend offen und der Fall scheint für Brenner noch nicht vollständig abgeschlossen zu sein. Aber vielleicht ist das nur wieder eines dieser Spiele, die Wolf Haas mit den Erwartungen seiner Leser treibt: Der Erzähler dieser Krimireihe wurde beispielsweise im sechsten Roman erschossen, um dann in zwei weiteren Romanen erneut aufzutauchen.

Brenner schwächelt, fällt aber nicht

Insgesamt besticht dieser Brennerroman nicht unbedingt durch seine letzten vier Kapitel, beleuchtet jedoch das durchaus interessante Milieu der Zwangsprostitution und den Wiener Untergrund. Einige skurrile Dialoge und Wortspiele bringen den Leser zum Lachen und der Erzähler ist auch in der achten Folge der Brennerserie ein Genuss. Abstriche müssen – insbesondere im Vergleich zu den anderen Romanen der Reihe – bei der Handlung und beim experimentellen Sprachstil gemacht werden. Doch das liegt mitunter daran, dass sich Wolf Haas die Messlatte durch seine vorherigen Brennerromane sehr hoch gelegt hat. Wer keine Lust mehr auf vorhersehbare Krimis hat, einmal österreichische Luft schnuppern und einem unorthodoxen Detektiv bei der Arbeit zusehen möchte, der ist mit Brennerova gut bedient.



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 Veröffentlicht am 1. September 2015
 Kategorie: Belletristik
 I´m putting my fist down von Tojosan via Flickr
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