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Verlorener Spinnfaden

Klaus Kordon wählt stets sorgfältig recherchierte Kulissen für seine historischen Romane, die Jugendlichen Geschmack auf Geschichte machen wollen. Im Spinnennetz ist jedoch nicht der würdige Abschluss der Familientrilogie um die Jacobis, die im deutschen Kaiserreich spielt.

Von Rüdiger Brandis

Berlin, 1890

Es war einmal in Berlin.
Das Kaiserreich existiert noch.
Ein Reichskanzler namens Bismarck ist gerade von seinem Amt zurückgetreten.
Per Gesetz sind »die gemeingefährlichen Bestrebungen« sozialistischer, sozialdemokratischer und kommunistischer Aktivität verboten.
Lange wird dieses Gesetz jedoch nicht mehr bestehen.
In welchem Jahr befinden wir uns? Genau, im Jahr 1890.

In diese Zeit versetzt Klaus Kordons neuester Jugendroman Im Spinnennetz. Die Geschichte von David und Anna seine Leser.

David Jacobi heißt der junge Held des Romans, der Sohn einer politisch engagierten Arbeiterfamilie, dem wir auf dem schweren Weg durch seinen Alltag folgen werden. David ist 16 Jahre alt und geht aufs Gymnasium; zu dieser Zeit keine Selbstverständlichkeit für den Sohn eines Zimmerers und Sozialisten. In der Schule ist er ein Außenseiter unter den mehrheitlich bürgerlichen oder adeligen Mitschülern, wird wegen der politischen Gesinnung seiner Familie von Lehrern attackiert.

Als er der frechen Anna begegnet, die aus ärmsten Verhältnissen stammt, lernt David ein anderes Milieu und seinen brutalen Alltag im Deutschen Kaiserreich kennen. Annas Vater ist ein Trinker, der sich aufgegeben hat. Die Familie Liebetanz lebt nur vom spärlichen Einkommen der Fünfzehnjährigen und von kleinen Erzeugnissen, die ihre Mutter mit ihren jüngeren Geschwistern herstellt. Davids Weg führt schließlich immer weiter fort vom Gymnasium hin zur Welt seines Vaters, hin zum Zimmerer.

Freispruch! Freispruch!

Im Spinnennetz heißt Kordons Roman, in einem Spinnennetz der Gefühle wähnt man sich auch als Kenner seines übrigen Werks. Ein Grund für dieses Gefangensein findet sich bereits in der Länge des vorliegenden Buches: 534 Seiten. Dieser Seitenumfang wäre leichterhand zu bewältigen, wenn die erzählte Geschichte wie üblich voll von aufregenden Szenen wäre. Doch der Erzählfluss in diesem Roman ist so zäh wie altes Rindfleisch.
Warum ist das so?

Zu Beginn erfahren wir, dass Davids Großvater seit Längerem wegen seiner politischen Arbeit in Plötzensee inhaftiert ist, worunter die Familie leidet. Kurz darauf wird das Schicksal von Davids Vater erzählt, der im Gefängnis erkrankte, tödlich erkrankte. Vieles bereits Geschehene wird in diesem Roman erzählt; von Dingen, die nicht mehr zu ändern sind. Kordon lässt David nachdenken und grübeln, handeln lässt er ihn selten.
David wandert zwischen Schule, Anna und seinem Zuhause umher. Auch kommt es wiederholt zu Streit zwischen ihm und Anna. David fühlt sich fehl am Platz in seinem Gymnasium, er spürt, dass er von seinen Klassenkameraden als Sonderling betrachtet wird, der nicht dazu gehört. Selbst sein einziger Freund zeigt wenig Verständnis für seine Probleme und Sorgen. Gelegentlich schauen Verwandte zu Hause vorbei und reden über tagespolitische Entwicklungen.

Das sind die Hauptgeschehnisse der Erzählung Im Spinnennetz. Ihre simple redundante Aneinanderreihung ist der Grund, warum der Roman nicht in Fahrt kommt. Dem Roman fehlt es an spannenden Konstellationen, in denen David zwischen die Fronten gerät, die den Leser durch die dargestellte Szenerie gejagt hätten.

»Stehen bleiben!, ruft der Blaue noch einmal und reißt vor Schreck die Augen auf. Doch da ist David schon heran, schleudert ihm mit voller Wucht den Eimer mit dem Rest Kleister an den Kopf und den Pinsel hinterher und stürzt an ihm vorbei die Schönhauser Allee hinunter.«

Mit diesem Zitat wird die einzige aufwühlende Textstelle eingeleitet, die der Leser etwa in der Mitte des Romans erreicht. Schnell ist sie erzählt und damit vorbei. Zwar zieht sie innerhalb der Handlungsentwicklung weitreichende Konsequenzen nach sich, doch breiten sich diese ähnlich langatmig aus wie das, was auf den vorherigen Romanseiten passiert ist. David entkommt dieser Verfolgung, indem er auf einem Dach übernachtet. Er wird allerdings wenig später auf Verdacht verhaftet und wieder freigelassen.

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Klaus Kordon
Im Spinnennetz. Die Geschichte von David und Anna
Beltz&Gelberg: Weinheim 2010
560 Seiten, 19,95 €

{/tabs}All diese Ereignisse erstrecken sich über 70 Seiten, weil unwichtige Nebensächlichkeiten massiv in den Handlungsfortgang eingestreut wurden. Zum Beispiel erinnert sich David, als er im Gefängnis sitzt, an den Leichenzug von Kaiser Wilhelm I. und diese erinnernde Passage nimmt ganze 3 Seiten in Anspruch. Gegen Einschübe, Pausen und narratives Ornament ist prinzipiell ja nichts einzuwenden. Durchaus aber in einem Hochmoment der Spannung, in dem der Leser nur wissen möchte, ob David vom Gericht freigesprochen wird oder nicht.

Darüber hinaus liegt in Im Spinnenetz der Fokus viel zu stark auf der Liebesgeschichte zwischen Anna und David. Das Muster dieser Beziehung ist aus anderen Kordon-Romanen hinlänglich bekannt und insofern nicht innovativ: Protagonist trifft Mädchen/Junge, das/der aufregend und ungewöhnlich wirkt, und verliebt sich. Dann dient sie zur emotionalen Grundierung der fiktionalisierten historischen Phänomene, die Kordon darstellen will. Im Spinnennetz stellt die Liebesgeschichte jedoch so in den Vordergrund, dass Kordons Roman eher einer Teenagerschmonzette vor alter Kulisse als einem historischen Roman gleicht.

Sozialstudie ohne Spannungsbogen

Doch zurück zum Ausgangspunkt der Kritik: der Seitenanzahl.
Klaus Kordons Romane sind zumeist 500 Seiten schwer. Was allerdings den Umfang des Romans in diesem Fall erwähnenswert macht, ist, dass sich Im Spinnennetz wie ein 500 Seiten-Wälzer anfühlt, nämlich lang.
Dies ist zum großen Teil dem Setting geschuldet. 1848 ist so geschrieben, dass es, ohne Atem zu holen, in einem Stück zu lesen war. Von einer solchen Geschmeidigkeit des Lesevergnügens ist Davids Geschichte weit entfernt, weil einfach zu wenig passiert.
Während 1848 Straßenkämpfe in Berlin und Fünf Finger hat die Hand den deutsch-französischen Krieg von 1870/71, also zwei politische Kriegs- und Krisenzeiten als historische Konstellationen darstellten, ist das Jahr 1890 weniger ergiebig für eine aufregende Handlung eines Jugendromans.

Bei der Geschichte um David und Anna handelt es sich um eine vorsichtige Sozialstudie, die das Schema von Kordons Erzählweise bedient:
Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte,
eine mit der Gesellschaft kollidierende Familie,
beides eingebettet in sorgfältig recherchierte historische Ereignisse.

So gesehen ist Im Spinnennetz kein schlechter Roman, dem Titel eines fulminanten Abschlusses der Jacobi-Trilogie wird er jedoch nicht gerecht.

Kordon legte mit seinen Büchern fesselnde Geschichten vor, die Jugendlichen einen spannenden Zugriff auf deutsche Geschichte boten. Sie sind spannende Bücher, die Liebe, Hass und Leidenschaft enthalten und ganz nebenbei einen historischen Hintergrund vermitteln. Im Vergleich zu den Vorgängerromanen ist Im Spinnennetz ruhiger, langsamer erzählt. Es ist eine Gesellschaftsstudie, die den Leser leider nicht mitreißt. Es wird Jugendliche nur wenig für Geschichte begeistern können.

Von daher sind zuerst 1848 und Fünf Finger hat die Hand zu empfehlen, bevor man zu diesem Buch greift. Ihre Geschichten spielen zu einem spannenderen Zeitpunkt in der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts. Und wenn man danach noch wissen will, wie es mit der Familie Jacobi weitergeht, ist Im Spinnennetz genau richtig.



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 Veröffentlicht am 14. Februar 2011
 Kategorie: Belletristik
 Photoaufnahme der Maifeier 1890 in Dresden via Wikimedia Commons
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