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Berlin, Berlin

Sprachwitzig schildert Beinahe-Buchpreisträgerin Katja Lange-Müller in ihrem Roman Böse Schafe die glückliche Unglücks-Beziehung von Soja und Harry im wenig hippen West-Berlin Mitte der achtziger Jahre. Eine faszinierende, schockierende, anekelnde, berührende Geschichte voller neuer Erkenntnisse.

von Catharina Koller

Die »alte neue Hauptstadt« Berlin befindet sich im ständigen Wandel. »Hip«, ja geradezu im Hype ist der alte Osten schon seit Jahren – immer noch und überhaupt: die coolste Großstadt Europas, arm aber sexy.
Von einem ganz anderen Berlin berichtet Katja Lange-Müllers Roman und Beinahe-Buchpreis-Träger des Jahres 2007 Böse Schafe. Abgeschieden und stagnierend, bevölkert vor allem von Republikflüchtlingen aus Ost und West, Tagträumern, Lebenskünstlern, linken Intellektuellen – West-Berlin Mitte der achtziger Jahre.

Gerade ist Soja aus dem Ostteil hierher gewechselt: Ein-Zimmer-Wohnung in Moabit, Hinterhaus, Dachgeschoss, Dusche in der Küche. Auf dem Weg zur Badewanne eines neu errungenen Freundes begegnet sie Harry, der wiederum unterwegs wer weiß wohin. »Na, Mausepuppe, wohin geht’s?« fragt er und sie hat fürs erste zumindest ihr Ohr verloren an seinen Berliner Schnabel, und ihr Auge an den »ausgewachsenen Westberliner«.
Es folgt ein »verpatztes Rendezvous« bei heißer Schokolade mit extra Sahne, am Sonntag kocht Soja Schnitzel und Spargel. Mit einem Kinderkuss erobert er ihr Herz und erzählt von Knast und Therapie. Das Wort »Junkie« muss Soja später nachschlagen. »Rauschgiftsüchtige«, wie es im Wörterbuch steht, gab es in Ostdeutschland nicht. Und dort »fing man sich leicht zehn Jahre ein, für Bagatellen wie Witze, Scheckbetrug, Diebstahl von Volkseigentum.« Am Montag fehlt Soja ein Zehnmarkschein, der Zettel auf dem Küchentisch sagt: »Bin bald zurück, die Kohle auch.«

Zwei Stunden, nachdem Soja die Notiz auf dem Küchentisch gefunden hatte, ist Harry zurück und bittet sie, für ihn eine neue Therapie zu organisieren. Soja weiß, wenn sie nicht einwilligt, verschwindet er aus ihrem Leben zurück in die JVA. Also setzt sie sich für Harry ein: ihren Kampfeswillen, ihren spärlichen West-Freundeskreis, ihre Gefühle, ihre Zeit, ihr Geld…
Jahre später fällt Soja ein Schulheft in die Hände, genau neunundachtzig Sätze hat Harry in ihren gemeinsamen Jahren hineingeschrieben – nur Soja ist in keinem einzigen erwähnt. Sie beginnt, ihre Zeit zu zweit nachzuerleben, sich selbst in seine und ihn in ihre Lebensgeschichte hineinzuerzählen.

Die Erzählstimme, die Katja Lange-Müller hierfür gefunden hat, ist eine eigentümliche, aber überzeugende, ein Dialog ohne zweiten Gesprächspartner, Soja ohne Harry. Dieser bleibt nichts anderes, als ihr Gegenüber in ihre eigene Rede und Sprache hinein zu flechten: » ›Wir sollen heute noch kommen, du und ich. Bitte, Mausepuppe, mein Schicksal liegt in deinen Händen‹, sagtest du und warst schlau genug, mich wieder an deine Brust zu ziehen und mir einen ebenso pathetischen wie scheuen Kuss auf die Stirn zu hauchen.«

Buch-Info


Katja Lange-Müller
Böse Schafe
Kiepenheuer & Witsch: Köln 2007
208 Seiten, 16,95 €

 
 
Ihren gesamten Redeeinsatz hindurch erzählt und erklärt Soja Harry ihre Version der Geschichte. Hier wird nicht nur Harry, sondern auch der Leser direkt angesprochen, das durchgehende »Du« lässt seine Distanz zum Geschehen zusammenschrumpfen. Gegen die Gefahren dieser Erzählform verfolgt der Roman gleich mehrere Strategien: Die Einseitigkeit der Ich-Erzählerin wird durch Vielstimmigkeit aufgefächert: Soja leiht sich Wortfetzen und Satzbrocken von Blumenverkäufern, Dealern, Junkiemüttern, Polizeibeamten, Bildhauern, Studenten und flicht sie in ihre Rede ein. Pathos wird geschickt gebrochen durch Selbstreflektion und Selbstironie, und jeglicher Kitsch wird ironisiert durch einen unglaublich trockenen und bodenständigen Humor, Berliner Schnauze. Überhaupt, der Sprachwitz! Wo Komik, Humor und Klamauk andernorts Distanz und Erleichterung bringen (so wie bei Herr Lehmann beispielsweise, einem der wenigen anderen West-Berlin-Roman), so lassen sie hier die Erzählstimme noch ein wenig persönlicher, intimer, eindringlicher wirken. Und das in einer Geschichte, die beginnt wie ein Flirt und ziemlich schnell das Wort »Grauen« einführt:

Für das Grauen, das mich damals gepackt hat und mir treu ist bis heute, das mich anspringt wie ein Hund, gibt es außer diesem einen viel- und nichtssagenden Wort kein auch nur annähernd adäquates. Das unbesiegliche Grauen selbst macht mich sprachlos, immer wieder, immer noch; zumal ich nichts dergleichen an dir bemerkt habe, nicht im mindesten.

Soja graut es und sie bleibt bei Harry, bis zum Ende und darüber hinaus. Damit stößt sie auf Unverständnis: » ›Wir sind die Mütter von denen, die hier landen. Und sein Kind kann man sich nicht aussuchen. Aber was ist mit Tussis wie dir? Bist du pervers, oder findest du keinen besseren Stecher?‹ Ist das nicht ein bißchen einfach gedacht, erwiderte ich, lapidarer als beabsichtigt, und drückte mich, meinen Hintern an der Wand entlangschiebend, an den Frauen vorbei.« Komplizierter gedacht entsteht in Sojas Fall ein Motivationsgewirr: Sicher handelt sie nicht aus Mausepüppchenhaftigkeit aber aus Liebe, aus Verbundenheit andererseits auch Eigennutz, denn in ihrem eh schon halb vermurksten Leben, meint Soja, sei ja sonst nichts los. Und Harry? Wieder und wieder fällt die Frage »ob du mich liebtest oder mir nur etwas vormachtest«. Sojas »Vermutung ist die, dass ich dir so gleichgültig war wie alles auf der großen weiten Welt, außer deinem Lebenselixier und der Angst davor, wieder im Knast zu landen.« Die Antwort klaubt sie zusammen aus Harry-Zitaten »Ach, Mausepuppe, ich habe doch gar keine Freunde, nur eine Freundin, und die legt sich jetzt zu mir ins Bettchen«.

So gräbt sich der Leser in die Geschichte von Harry und Soja und ist, wie die Erzählerin selbst, fasziniert, schockiert, angeekelt, berührt, voller neuer Erkenntnisse. Bei allem erzählerischen Reichtum, bei aller Lebensnähe, Todesangst und »LMAA-Haltung« ist der Roman dann am eindrücklichsten, wenn es für Momente doch so scheint, als würde hier eine große unendliche Liebe zwei Menschen für immer verbinden.



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 Autor*in:
 Veröffentlicht am 30. April 2010
 Kategorie: Belletristik
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