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Briefe ohne Antworten

Nicht nur Kempowski, Schnurre oder Fichte wendeten sich einst ratsuchend an Ernst Jünger. Im Haus der Briefe. Autoren schreiben Ernst Jünger 1945-1991 versammelt Briefe von etwa 50 Bewunderern Jüngers. Dabei bestätigt diese Edition vor allem eins: Jüngers zentrale Stellung im literarischen Feld.

Von Niels Penke

Dass Ernst Jünger ein ebenso emsiger Briefschreiber wie dankbarer Empfänger und Sammler war, weiß die Lesergemeinde schon lange. Vieles von dem, was Jünger an die Großen seiner Zeit verfasste oder von ihnen empfing, hat er in seine Tagebücher übernommen und so seine Korrespondenz zeitnah dokumentiert. Diesem Umstand haben in der letzten Dekade zahlreiche Editionen Rechnung getragen, etwa die Briefwechsel mit Carl Schmitt, Martin Heidegger oder Gottfried Benn. Höfliches und Belangloses lässt sich darin zu Hauf finden und macht schnell deutlich, dass dort, wo zwei Geistesgrößen auf dem Umschlag beieinander stehen, nicht zwangsläufig auch große Gedanken oder sprachlich versierte Briefprosa zu finden sein müssen.

Doch im Haus der Briefe, das Jünger sich in seinem Jahrhundert von Freunden, Bittstellern und auch einigen Kritikern – in materialisierter Form von nun in Marbach eingelagertem 270 Archivkästen – errichten ließ, fühlte er sich auch dann merklich wohl, wenn die Plattheiten nur mit klangvollen Namen unterzeichnet waren. Die Tagebücher Siebzig verweht liefern mehr als nur ein Beispiel für die »doppelte Buchführung« Jüngers, der die Briefe nicht nur aufbewahrt, sondern auch in seine Texte montiert hat.

Buch-Info


Detlev Schöttker (Hrsg.)
Im Haus der Briefe. Autoren schreiben Ernst Jünger. 1945 – 1991
Göttingen 2010
151 Seiten, 16,90 €

 
 
Die vorliegende von Detlev Schöttker und Anja S. Hübner besorgte Auswahl Im Haus der Briefe. Autoren schreiben Ernst Jünger 1945-1991 dreht den Spieß einmal um und lässt Jünger nur ganz am Rande zu Wort kommen. Den Kernbestand bilden 52 Briefe, die Ernst Jünger zwischen 1945 und 1991 von deutschsprachigen Autoren und auchdrei Autorinnen in der »neuen Lebensphase« nach Ende des Zweiten Weltkriegs zugegangen waren. Insofern versteht sich die Auswahl nicht als »werkfremde Zusammenstellung« sondern am »Sammelinteresse des Besitzers« orientiert, wie die Herausgeber im Nachwort schreiben.

Darunter finden sich neben einigen bekannten, bereits publizierten Briefen viele neue, teilweise überraschende Funde aus den Beständen des Marbacher Archivs. Wie etwa der Auftakt dieser Sammlung, der die Bitte des sechsundzwanzigjährigen Wolfdietrich Schnurre um eine Ausgabe von Auf den Marmorklippen darstellt. Er habe dieses Buch in den Kriegswirren verloren und daher bedauerlicherweise nie zu Ende lesen können. Schnurre zeigt sich vom Stil angezogen und attestiert Jünger die »geistige Führerschaft« derjenigen, »die den Weg schon gefunden haben«. Er hofft auch darauf, seine Bibliothek mit Jüngers populärer Untergangserzählung neu begründen zu können. Oder der ebenfalls noch junge Hubert Fichte, der Jünger nicht nur mit seinem Übervorbild Hans Henny Jahnn zusammenbringt (»üppige und seltene Landschaften« haben sie gemeinsam), sondern auch um eine Art Mentoring für sein erstes, nicht erhaltenes oder weiter bezeugtes Stück bittet. Vom Schafehüten in der Provence aus, versteht sich.

Über eine Antwort ist nichts bekannt

Wenn auch diese interessanten, vielleicht sogar überraschenden Konstellationen dadurch folgenlos blieben, dass Jünger die Absender – wie etwa Schnurre, Fichte oder den nur als »Wal« zeichnenden Kempowski – keiner Antwort würdig befand, so wiederholen und bestätigen sie doch das, was bereits vor einigen Jahren1 anlässlich des hier erneut abgedruckten Briefs Paul Celans festgestellt werden konnte: Jüngers zentrale Stellung im literarischen Feld. Mehr als ein junger Dichter – und allesamt zählen sie nicht zu den unbedeutenden – hat Jünger um Rat und Unterstützung gebeten, obwohl dessen intermedial vermittelte Haltung als elitärer »Waldgänger« im historischen Rückblick keinesfalls einladend erscheint.

Dass die Verehrung des Großautors Jünger sich so deutlich artikuliert, liegt natürlich an der Auswahl. Allzu kritisch oder polemisch wird es nämlich nicht – Hans Mayers Richtigstellung, dass er kein »Feind Ernst Jüngers« sei, ist da schon das höchste der Kritik. Diese Einseitigkeitschmälert den Wert dieser Veröffentlichung, die so leicht den Eindruck entstehen lässt, Ernst Jünger sei dann wohl eben doch eine Art Goethe des 20. Jahrhunderts gewesen und die Labels vom Faschisten, Militaristen und Elitisten als ewig miesmachende linke Propaganda endlich überwunden.

Damit fügt sich dieses Buch bestens in den derzeitigen Konsens, der mit Martin Walser, Bernd Neumann und Ulrich Raulff den viel gescholtenen Sohn ins Bürgertum »heimholen«2 möchte, um endlich unbefangen den »Reichtum« des Jünger’schen Oeuvres zu genießen, ein angemessenes Bild liefert es allerdings nicht. Aber das ist ja auch kaum der Anspruch eines solchen Appetithappens, der Lust auf den großen »Repräsentanten des postalischen Zeitalters« machen möchte. Dabei zeigt diese Edition einige weniger bekannte Perspektiven auf, die es vielleicht doch ermöglichen, einen neuen Blick auf Ernst Jünger zu werfen und das immer noch beherrschende monolithische Selbstbild durch die Vielzahl der hier abgegebenen Fremdbilder ein kleines Stück zu relativieren.

  1. Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 8. Januar 2005. Tobias Wimbauer: In Dankbarkeit und Verehrung. Hilfe kommt aus Wilflingen. Ein Brief von Paul Celan an Ernst Jünger wurde im Marbacher Literaturarchiv entdeckt, S. 33.
  2. Raulff sprach von »Heimholung«, vgl. http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/tips/149356/index.html.


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 Veröffentlicht am 28. Februar 2011
 Kategorie: Misc., Wissenschaft
 Mit freundlicher Genehmigung vom Wallstein Verlag.
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