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British fairness

»Wenn Sie die Deutschen kennenlernen, denken Sie wahrscheinlich, dass sie uns sehr ähnlich sind«. Wie uns die Briten im Jahre 1944 sahen und welche teils amüsanten, teils bedrückenden Gedanken sie sich über uns gemacht haben – zusammengefasst auf 59 Seiten im Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944.

Von Jana Fleischer

Als 1944 die britischen Soldaten in das im Krieg unterlegene Deutschland einmarschieren, haben sie eine kleine Broschüre im Gepäck – den sogenannten Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944, eigens verfasst vom britischen Außenministerium. Der Zweck dieses Leitfadens bestand darin, die Soldaten ausführlich über Deutschland zu informieren; über die wichtigsten Ereignisse der deutschen Geschichte, traditionelles deutsches Essen und Trinken, die deutsche Sprache, aber auch den nationalsozialistisch geprägten Charakter. Die Broschüre sollte die Soldaten auf ihre Zeit in einem deutlich vom Krieg gekennzeichneten Deutschland vorbereiten und vor allem verhindern, aufgrund des Leids der Menschen in »Versuchung zu geraten, Mitleid für sie zu empfinden«. Vielmehr wurde von den Soldaten ein konsequentes und durchsetzungsfähiges Verhalten gefordert, welches kein Sympathisieren mit den Gegnern duldete. Gleichwohl wird deutlich, dass das Außenministerium einen fairen und anständigen Umgang anstrebte und seine Streitkräfte zu einem korrekten, »soldatischen« Benehmen aufforderte.

Historisch veritabel

Nun ist erstmalig eine deutsche Übersetzung dieses Leitfadens erschienen; zusammen mit der englischen Originalversion bildet sie ein handliches, kleines Buch in leuchtendem Rot, gefüllt mit Informationen über »uns Deutsche«, die einerseits zum Schmunzeln, andererseits zum Nachdenken anregen. Aber dieses Buch ermöglicht uns auch, einen veritablen Blick in die Vergangenheit zu werfen, in das wohl dunkelste Kapitel deutscher Geschichte. Spannend hierbei ist vor allem der Aspekt, dass wir aus der englischen Perspektive auf Deutschland schauen, die Gräueltaten der Nationalsozialisten vor Augen geführt bekommen und indes frei von deutscher Propaganda eine unverfälschte Darstellung dessen erhalten, was Hitler und sein Gefolge aus unserem Land gemacht haben. Es ist ein lehrreiches Zeitdokument, welches uns zugleich die Fehler der Vergangenheit aufzeigt. Trotz der unvorstellbar entsetzlichen Taten ist auch diese Zeit ein Teil der deutschen Geschichte und sollte demnach nicht verdrängt, vergessen oder verschwiegen werden.

Buch


The Bodleian Library, University of Oxford
Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944
Zeitzeugnis
Aus dem Englischen von Klaus Modick
Kiwi Verlag, Köln 2014
160 Seiten, 8,00€

 
 
Das Buch enthält ein kurzes Vorwort des Herausgebers und Verlegers bei Kiepenheuer &Witsch, Helge Malchow, in welchem er berichtet, er habe bei einem Italienbesuch im Gästezimmer seines Schriftstellers Christian Kracht dieses kleine rote Büchlein entdeckt, allerdings lediglich in der englischen Originalversion. Malchow ist augenblicklich beeindruckt und entschlossen, seiner »Pflicht nachzukommen« und eine zweisprachige Ausgabe herauszubringen. Zum Glück, kann man da nur sagen. Wäre Helge Malchow die englische Originalversion niemals in die Hände gefallen, wer weiß, ob wir jemals in den Genuss der deutschen Übersetzung gekommen wären. Ohne eben diese deutsche Übersetzung ist es wohl auch fraglich, ob das Buch die gleiche Aufmerksamkeit bekommen und einen Platz auf der Bestsellerliste ergattert hätte, wie die nun neu verlegte Ausgabe. In diesem Sinne können wir Helge Malchow unseren Dank dafür aussprechen, dass er uns die Möglichkeit gibt, den Leitfaden nun auch in deutscher Sprache lesen zu können.

Antiquiert wie aktuell

Dieses historische Dokument ist es nun, das uns unmissverständlich zeigt, welche Sicht die Engländer auf das vom Nationalsozialismus beherrschte Deutschland gehabt haben müssen und dass man trotz der grausamen, durch uns Deutsche begangenen, Verbrechen das Wort »Rache« im Leitfaden vergeblich sucht. Lediglich wird eindringlich zur Vorsicht geraten. Es wird deutlich, in welcher bemerkenswert zivilisierten Art und Weise mit dem besiegten Feind umgegangen wurde.

Nachdenklich stimmen dagegen Sätze wie

Es gibt fanatische junge Nazis – sowohl Mädchen als auch Jungen -, deren Hirne und Herzen immer noch voll der grausamen Lehren sind, die sie in der Hitlerjugend aufgesogen haben. Ihre Worte, wenn Sie sie je gehört haben sollten, mögen plausibel und womöglich sogar richtig klingen, denn Hitlers Propagandisten haben natürlich seine Ideen so verpackt, dass sie für die Jugend attraktiv sind.

Diese Zeilen sind Ausdruck der fatalen Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten und erinnern uns an Hitlers schauderhafte Fähigkeit, Menschen zu manipulieren und zu seinen ideologisch perfiden Gunsten zu beeinflussen, wovon die verstörende Idee, »eine Roboterrasse heranzuzüchten«, eindrücklich Zeugnis ablegt. Anschließend folgt ein Hinweis in fettgedruckten Buchstaben an die englischen Soldaten, dass sie sich nicht wundern sollten, »wenn sich herausstellt, dass uns der Deutsche weniger ähnlich ist, als es auf den ersten Blick zu sein scheint«. Eine bedrückende Stimmung überkommt einen beim Lesen dieser Hinweise, Vorschriften und Ratschläge: Der Deutsche wird hier einer gnadenlosen Analyse unterzogen, sein Wesen bis ins kleinste Detail zerlegt. So werden wir als fleißig und gründlich, andererseits auch als brutal und hysterisch beschrieben. Andere Beobachtungen wirken dagegen amüsant; der Deutsche sei nicht fähig, einen Tee zuzubereiten, aber das deutsche Bier sei eines der besten Europas. Gewarnt wird jedoch eindringlich in dicken schwarzen Buchstaben vor einem übermäßigen Konsum von Schnaps, denn »die billigeren Sorten verbrennen einem die Kehle«.

Erschreckend und erheiternd gleichermaßen ist der Fakt, dass die Briten bereits im Jahre 1944 auf unsichere Telefonleitungen hingewiesen und infolgedessen ein Thema angesprochen haben, welches noch heute aktuell ist. Wir erinnern uns an den US-amerikanischen Whistleblower Edward Snowden, der im Jahr 2013 den riesigen Abhörskandal der NSA aufdeckte und angesichts dieser folgenreichen Enthüllungen dem Phänomen der Überwachung eine ganz neue politische Dimension verlieh. Wovor das britische Außenministerium schon 1944 gewarnt hat, ist heutzutage längst traurige Realität. Es bleibt gewiss fraglich, ob es legitim ist, Nachbarstaaten oder Bündnispartner auszuspionieren. Ebenso zweifelhaft ist, wie wir als Bürger mit diesen Erkenntnissen umgehen sollen. Eine akzeptable Lösung für diese flächendeckende Überwachung wird uns im Leitfaden nicht präsentiert, ebenso wenig erhalten wir in der heutigen Zeit Aufschluss über das wirkliche Ausmaß der Abhöraffäre durch die NSA.

Der Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944 ist insgesamt ein wertvolles, historisches Dokument, welches uns in mancherlei Hinsicht einen Spiegel vorhält: Noch heute werden uns Deutschen häufig die Tugenden des Fleißes und der Ordnung nachgesagt, so auch der nicht seltene Konsum von Bier. Ja, das Buch enthält Klischees, erschreckend oft finden wir uns in den Beschreibungen wieder, überrascht mit welch scharfem Verstand das britische Außenministerium damals seine Beobachtungen über »den Deutschen« darlegt. Gleichwohl stellt das kleine rote Buch einen historisch fundierten Beitrag dar, der zu einer Reflexion über nationale Stereotypen und Klischees anregt. Der Leser kommt nicht umhin, sich zu fragen, inwiefern sich die beschriebenen Charaktereigenschaften der Deutschen von damals von denen der Deutschen von heute unterscheiden. Sind wir tatsächlich so brutal wie in dem Leitfaden dargestellt? Essen wir wirklich so besonders gerne Leber- und Mettwurst? Gibt die Fremdanalyse von damals Aufschluss über das deutsche Wesen, gar die deutsche Seele? Gedanken wie diese sind es, welche einen bei der Lektüre des Buches beschäftigen. So lädt der Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944 mitunter zu einer Auseinandersetzung mit den eigenen Gewohnheiten ein, lässt den Leser Überlegungen über sich selbst anstellen und schlussendlich zu der Gewissheit gelangen, dass wir nicht nur aus den Fehlern der Vergangenheit lernen müssen, sondern dass das Fremdverständnis einer Nation ein wichtiger Schritt zur Selbstwahrnehmung sein kann.



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 Veröffentlicht am 3. März 2015
 Kategorie: Misc., Wissenschaft
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