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Das hier ist Wasser

Schwimmen zwei junge Fische des Weges und treffen zufällig einen älteren Fisch, der in die Gegenrichtung unterwegs ist. Er nickt ihnen zu und sagt: »Morgen Jungs. Wie ist das Wasser?« Die zwei jungen Fische schwimmen eine Weile weiter und schließlich wirft der eine dem anderen einen Blick zu und sagt: »Was zum Teufel ist Wasser?«

Von Imke Wittig

Mit dieser Parabel eröffnete David Foster Wallace seine Rede, die er, über ein Thema seiner Wahl, vor dem Abschlussjahrgang 2005 des US-amerikanischen Kenyon Colleges hielt.

Sein Anliegen dabei war es nicht, wie die Parabel auf den ersten Blick vermuten lässt, den alten Fisch zu mimen, der den jungen Fischen erklärt was Wasser ist, sondern zum Ausdruck zu bringen, »dass die offensichtlichsten, allgegenwärtigsten und wichtigsten Tatsachen oft die sind, die am schwersten zu erkennen sind«.

Das wichtige an einem Studium sei es nach Wallace nicht, geballtes Wissen zu sammeln, sondern bestünde darin, Entscheidungen zu treffen, worüber es sich zu denken lohnt. Um diesen Gedankengang weiter auszuführen greift Wallace in seiner Rede erneut auf eine Parabel zurück. Er erörtert anhand eines Beispiels über einen Atheisten und einen Gläubigen, wie ein und die selbe Begebenheit aus zwei verschiedenen Perspektiven zu unterschiedlichem Sinn konstruiert werden kann. Es stelle sich daher lediglich die Frage, woher diese »Schablone«, dieses Innere eines Menschen, komme, das die Entscheidungen trifft, wie man die Welt zu verstehen, wie man einem Ereignis einen Sinn zukommen lassen kann.

Unser Geist, eine absolute Gefängniszelle

Die Sicht eines Menschen sei, so Wallace, nicht genetisch vorprogrammiert wie dessen Körpergröße und nicht kulturell vorgegeben wie die Sprache: Die Konstruktion von Sinn sei eine Frage der persönlichen Wahl. Leider würde diese oft geprägt durch die feste Überzeugung, dass die eigene Konstruktion die einzige sei.
»Arroganz, blinde Gewissheit, eine Engstirnigkeit, die wie eine Gefängniszelle so absolut ist, dass der Häftling nicht mal merkt, dass er eingesperrt ist.«

Buch-Info


David Foster Wallace
Das hier ist Wasser. Anstiftung zum Denken
Aus dem Englischen übersetzt von Ulrich Blumenbach
KiWi: Köln 2012
64 Seiten, 4,99€

 
 
Denken lernen ist für Wallace gleichzusetzen mit der Fähigkeit seine Arroganz abzubauen und ein kritisches Bewusstsein für die eigene Sicht zu entwickeln. Ein Beispiel dafür, dass man seiner eigenen Weltbetrachtung nicht immer glauben schenken darf, erörtert Wallace mit der Tatsache, dass jeder Mensch sich selbst als Mittelpunkt des Universums sehen muss, da niemand in seinem Leben jemals eine Erfahrung machen wird, in der man nicht der Mittelpunkt des Geschehens ist.
Alles was man erlebt, passiert um einen herum, alles was wahrhaftig ist und daher nicht kommuniziert werden kann, erlebt man für sich – als Mittelpunkt. Würde man also seiner eigenen Wahrnehmung vertrauen, würde somit der Beweis erbracht, dass sich die Welt nur um einen selbst dreht.

Wallace nennt diesen Zustand eine »Standardeinstellung« mit der wir quasi geboren werden und über die, obwohl sie jeder Mensch teilt, aus sozialen Beweggründen nicht gesprochen wird.

Der Geist ist ein ausgezeichneter Diener, aber ein schrecklicher Herr

Für Wallace stellt sich die Frage, ob man diese angeborene Einstellung, die die Welt nur durch eine Linse des eigenen Selbst erscheinen lässt, überwinden möchte, oder man seiner Selbstzentriertheit das Denken überlässt. Selber Denken heißt demnach eine Kontrolle über das »wie« und das »was« des eigenen Denkens auszuüben, vor allem aber, sich zu entscheiden, wie man aus Erfahrungen Sinn konstruiert.

Wallace hat es geschafft mit seiner Rede, die in einem übersichtlichen Buch zweisprachig gedruckt wurde, sein Ziel umzusetzen und einen Denkanstoß zu geben. Anhand gut gewählter, vollkommen simpler Beispiele erörtert er tiefgreifende Sachverhalte mit praktischer Relevanz. Ohne erhobenen Zeigefinger schafft es der Autor, weise Ratschläge zu erteilen und sich dabei nicht über das Publikum zu erheben. Wallace erteilt keine Lehren in den Kategorien richtig oder falsch, sondern zeigt eine Alternative auf, mit der die Menschen andere, sich selbst und somit auch ihren, vielleicht einmal schnöden, routinierten Alltag betrachten könnten, um somit ein zufriedeneres Leben zu gestalten. Wallace erhängte sich nur drei Jahre nach seiner Rede in seinem Haus, hat aber einen Leitfaden für eine Generation hinterlassen:

Jeder Mensch glaubt an irgendetwas, aber jeder kann entscheiden an was er glauben will. Die wirkliche Freiheit liegt in der Wahl der Gedanken.
Denn das einzige was wahr ist, so weiß man spätestens nach dieser Rede, ist, dass jeder Mensch sich entscheiden kann, was für ihn zur Wahrheit wird.



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 Veröffentlicht am 23. August 2012
 Kategorie: Misc.
 Bild von John ´K´ via flickr.
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