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»Das Schweigen der Lämmer«

Eine Familie wartet auf sein Oberhaupt mit dessen Leibgericht – doch dieses landet wenig später im Müll. Das Muschelessen von der Bachmann-Preisträgerin Birgit Vanderbeke: eine tragische, aber mit Leichtigkeit erzählte Familiengeschichte und eine Parabel auf das Leben in der DDR.

Von Madeline Junge

Die Vorstellungen meines Vaters von einer ordnungsgemäßen Familie waren eindeutig, obgleich mein Bruder und ich auch außerstande waren, sie hinreichend zu erfüllen, meinen Vater also zufrieden zu stellen. Habe ich mit meinen Einsen, die allerdings angesichts der heutigen »Husch-husch-Bildung« nicht mehr wert waren als eine Vier zu Schulzeiten meines Vaters, meiner naturwissenschaftlichen Begabung, die allerdings, laut Vater, den Jungen vorbehalten sein sollte, und meiner Sportlichkeit, für ein Mädchen überflüssig, seine Notwendigkeiten gerade so erfüllt, scheiterte mein Bruder mit seinem musischen Talent und seiner Weichlichkeit schon an den Grundbedingungen.

Das Hinreichende, den Zustand der väterlichen Zufriedenheit, seine Vorstellung einer richtigen Familie, haben wir nie verstanden, auch meine Mutter nicht, meine zu romantische, sich zu sehr gehen lassende Mutter, die Lehrerin, Hausfrau und zugleich Mutter war. Zudem war sie die Frau meines Vaters, unverständlich, trug sie doch zwei Gesichter, eines für uns und eines für ihn, wenn er nach Hause kam, müde von der Arbeit, voller Erwartung einer »hinreichenden« Ehefrau, die es nicht gab. Auch an dem besagten Abend hätte er, der unharmonische Vater, nach Hause kommen sollen, zu meiner harmonischen Mutter und seiner ihn erwartenden Familie, mein so gut wie beförderter Vater, gab es doch sein Leibgericht, Muscheln, aus denen wir uns alle nichts machten, bis auf mein Bruder, der sie gerne aß.

Die vorangestellte Zusammenfassung des Textes aus Sicht der Tochter trifft den Stil Vanderbekes nicht exakt, aber etwa in dem Ton dreht sich die Uhr der Erzählung bis die Zeiger dreiviertel zehn erreichen, bis zu dem Punkt, an dem das Telefon klingelt und die Muscheln im Müll enden.

Ein Abendessen. Muscheln, die so lange auf dem Tisch stehen, bis auch sie einsehen müssen, dass der Vater von seiner Dienstreise nicht mehr nach Hause kommen wird. Mutter, Tochter und Sohn haben das längst verstanden, doch kann weder von Sorgen noch von Trauer gesprochen werden. Vielmehr findet sich endlich eine Familie am Tisch versammelt, die dem konventionellen Verständnis des Begriffs »Familie« im Laufe des Abends zunehmend entsprechen wird.

Birgit Vanderbeke lässt in ihrer Novelle Das Muschelessen die Tochter erzählen. Sie, die sich als einzige gegen den Vater auflehnt, indem sie in ihrer Freizeit heimlich ins Kino geht und Bücher liest. Sie mit ihrer »schroben«, unweiblichen Art erzählt nur sekundär von ihrer Familie. Primär erzählt sie von einem Vater, der in ärmlichen Verhältnissen aufwächst und sich für seine Herkunft schämt. Erzählt von dem Skandal, den die Heirat ihrer Eltern auslöst. Wie der Vater bei der Geburt seiner Tochter die Hässlichkeit dieser nicht begreifen kann, geschweige denn akzeptieren will. Wie er die Weichlichkeit ihres Bruders verabscheut und am Abend nach Dienstschluss und einem Kognak die Kinder zunächst ausfragt und je nach Schulnote einen weiteren Kognak trinkt, um den Taugenichts zu verprügeln.

Geheimnisse gibt es innerhalb der Familie nicht, stattdessen wird dem Vater gepetzt. Jeder gegen jeden, der Vater darf dann richten. Seine Meinung frei zu äußern, ist nicht verboten, generell ist in der Familie nichts direkt verboten. Gefällt dem Vater das Gesagte jedoch nicht, hat man sich für seine Äußerung zu entschuldigen und dem Vater zuzustimmen. Einzig an dem Abend als klar zu sein scheint, dass der Vater nicht wie erwartet heimkehren wird, finden die bis dahin verschwiegenen Gedanken und Wünsche seiner Angehörigen endlich ein Ventil, das Schweigen wird gebrochen.

Buch-Info


Birgit Vanderbeke
Das Muschelessen
Rotbuch: Berlin,
128 Seiten, 12,00€

 
 
Die Sätze sind lang, doch verständlich. Zum einen folgt ein Satz kausal auf den nächsten, zum anderen scheint Vanderbeke in ihrer Erzählung kaum einen Unterschied zwischen gesprochener und geschriebener Sprache zu machen. Die Wiederholung von Aussagen zur Bekräftigung derselben, der Scharfsinn der Tochter, die wohl nie an eine »richtige« Familie geglaubt, sondern die Falschheit der Richtigkeit immer schon geahnt hat, sowie Vanderbekes eigenwillige Art Zeichen zu setzen, sodass oft ein Komma kein klares Komma, ein Punkt kein klarer Punkt ist (»weil wir die Tagesschau nicht gesehen haben wie sonst, wir haben das Nicht-Normale verstärkt,…«), verleihen dem Text einen ganz eigensinnigen Humor. So entfliehen der Tochter die Worte mit Leichtigkeit und Witz, verleihen den Leiden ihrer Kindheit und Jugend ein erträgliches Maß. Die Parabel, die sich zeichnen lässt, scheint damit in ein helleres Licht gerückt.

In der Erzählung tauchen keine Namen auf. Vater, Mutter, Tochter und Bruder sind neutrale Begrifflichkeiten, die sich ersetzen lassen. Die Handlung setzt sich aus zwei Oppositionen zusammen: auf der einen Seite der Vater, dem Kontrollwahn, Gewalt, schlicht eine patriarchalische Rolle zugeordnet werden; auf der Gegenseite Mutter, Tochter und Bruder, die im Gesamten als »Untergebene« charakterisiert werden können. Spätestens die Erwähnung der elterlichen Flucht aus der DDR in den Westen, verdeutlicht, dass der Text auf einer zweiten Ebene als Parabel auf den einstigen »Osten« verstanden werden kann. Das Patriarchat des Vaters wird ersetzt durch einen diktatorischen Staat, in dem es selbstverständlich war, Personen zu überwachen und zu Aussagen, im Text durch Petzerei wiedergegeben, zu zwingen. Die Vorstellung eines sozialistischen Staates war analog zur Vorstellung des Vaters von einer »richtigen Familie« nicht ausgereift und deshalb für das Volk, die Untergebenen, Mutter, Bruder und Tochter, unverständlich.

Die Neutralität der Begrifflichkeiten verneint eine rein autobiographische Interpretation des Textes, obwohl Vanderbekes Familie in ihrer Kindheit vom brandenburgischen Dahme nach Frankfurt am Main in den Westen übersiedelte und Parallelen zu ihrem Leben gezogen werden können. Im Westen war sie fremd, ein »Ostmensch«, der sich das Lesen im Flüchtlingslager beigebracht hat, und schon dort mit fünf Jahren beschlossen hatte, Schriftstellerin zu werden. Ihren Kindheitstraum hat sie sich mit ihrem leichten, humorvollen Stil und dem ausgedehnten Schwung ihrer eigensinnigen Sprache erfüllt und 1990 für Das Muschelessen den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten.

Neben Kritikern sprechen auch Schüler sehr positiv über ihre verständlichen Sätze, die, ganz nach dem Geschmack der Schüler, weder verschachtelt sind, noch mit Fachtermini hantieren. Doch ob Kritiker, Schüler oder andere Leser der Erzählung: Am Ende ist man ganz froh über die im Müll landenden Muscheln, Appetit machen dagegen weitere Werke Vanderbekes.



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 Autor*in:
 Veröffentlicht am 14. Mai 2014
 Kategorie: Belletristik
 Bild von joeb via morguefile
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