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Der Fänger im Osten

Wolfgang Herrndorfs neuer Roman tschick ist keinesfalls nur ein Jugendbuch. Hendrik Kalvelage befindet: Herrndorf hat mit dieser furiosen Mixtur aus Roadmovie, Western und Abenteuerroman, die kunstvoll auf den »klassischen« Abenteuerliteratur und -film Fundus zurückgreift, große Literatur geschaffen.

Von Hendrik Kalvelage

Handelt es sich bei Wolfgang Herrndorfs neuem Roman tschick um ein Jugendbuch? Durchaus. Die schnörkellos erzählte Geschichte des vierzehnjährigen Icherzählers Maik, wie er mit seinem gleichaltrigen Klassenkameraden Tschick in einem geklauten Lada durch die brandenburgische Provinz gurkt, um dessen Onkel in der Walachei zu besuchen, ist ein überaus komischer und gleichzeitig anrührender Roman. Dieser verhandelt mit seiner frechen und unprätentiösen, sich aber nie plump anbiedernden Sprache glaubhaft diejenigen Themen, die ein jugendliches Publikum ansprechen: Liebeskummer, Probleme im Elternhaus, der Ruf des Abenteuers und vor allem die Kraft der Freundschaft.

Zwei jugendliche Außenseiter fliehen vor der demütigenden Einsamkeit der Sommerferien und nehmen das Heft in die Hand, durchbrechen alle Konventionen und Verbote und begeben sich auf eine rasante, surreale Odyssee durch das Berliner Hinterland. Dabei verstricken sie sich immer tiefer in Schwierigkeiten und landen schließlich erst im Krankenhaus und dann vor dem Jugendrichter. Und dennoch wird Maik am Ende rückblickend bekennen: »Ich dachte, dass ich das alles ohne Tschick nie erlebt hätte in diesem Sommer und dass es ein toller Sommer gewesen war, der beste Sommer von allen«. Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt… Und das war auch gut so!

Buch-Info


Wolfgang Herrndorf
tschick
Rowohlt: Reinbek 2010
256 Seiten, 16,95 €

 
 
Mit traumwandlerischem Gespür für Komik und Lakonie schildert Herrndorf diese Coming-of-Age-Geschichte als furiose Mixtur aus Roadmovie, Western und Abenteuerroman. Und gerade darin liegt der Reiz begründet, den das Buch auch auf Erwachsene auszuüben vermag. Denn tschick ist mitnichten nur ein Jugendbuch. So butterweich und eingänglich sich der Roman auch liest, Herrndorf hat mit tschick große Literatur geschaffen. Fast unmerklich webt er Zitat um Zitat aus dem »klassischen« Abenteuerliteratur und -film Fundus in seine Geschichte ein: Twain, Hesse, Salinger – aber auch Easy Rider und Thelma and Louise – die großen Vorreiter begegnen, mehr oder minder stark verschlüsselt, auf Schritt und Tritt.

So kann der Leser sich bisweilen durchaus fragen, ob die jugendlichen Helden wirklich noch mit dem Lada durch die Lausitz tuckern oder ob sie nicht schon längst im Wilden Westen angekommen sind. Und das geht so: Ein einsames Dorf im Nirgendwo:

Tschick wollte nach links. Ich wollte schräg geradeaus, und es war keiner auf der Straße, den man fragen konnte. Wir liefen durch menschenleere Gassen, schließlich kam uns ein Junge auf einem Fahrrad entgegen, einem Holzfahrrad ohne Pedale. … Seine Knie schleiften auf der Erde. Er blieb direkt vor uns stehen und glotzte uns mit riesigen Augen an wie ein großer behinderter Frosch.

Menschenleere Gassen? Holzfahrrad? Froschaugen? Im nächsten Kapitel hat dann tatsächlich noch der »Dorfsheriff« seinen Auftritt. Alles klar, man ist also bei den Hillbillies gelandet. Und die haben einen garantiert zum Fressen gern: »Um zwölf gibt es Mittag. Ihr seid herzlich eingeladen, ihr jungen Leute aus Berlin. Ihr seid unsere Gäste.« Haut so schnell ab wie ihr könnt, möchte man den Helden noch zurufen, die nichtsahnend auf das Angebot eingehen. Wer sich wirklich in dem Geisterdorf versteckt – Hinterwäldler von ganz anderem Kaliber – ist dann so verblüffend und schreiend komisch, dass es hier nicht verraten werden soll.

Aber auch sonst ist der Roman voll von solchen, immer wohlintegrierten, Genrezitaten: der schießwütige Einsiedler in der Felsenschlucht, die herbe, schöne Unbekannte auf geheimer Mission, mysteriöse Orte mit unaussprechlichen Namen (die Indianer sprechen Sorbisch), sogar die obligatorische Verfolgungsjagd fehlt nicht. Es ist eine wahre Lust, die Versatzstücke ausfindig zu machen, die Herrndorf so überaus leichtfüßig in seine Romanhandlung integriert. Und das ist die größte Stärke von tschick: Man kann dies als erwachsener Leser alles wissen und sich an dem selbstreferentiellen Spiel mit der Genretradition erbauen. Man muss dies aber keineswegs. Denn auch ohne jedes Vorwissen ist Herrndorfs Roman ein atemberaubendes, kurzweiliges Stück Literatur, das durch seine sympathischen Charaktere, den schnodderigen Humor und die heitere Melancholie durchweg zu fesseln weiß, und das nicht nur die jungen Leser.



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 Veröffentlicht am 6. Oktober 2011
 Kategorie: Belletristik
 Bild von kevinmurray via morguefile.
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