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Desillusioniert

Zwischen Schwalmstadt und Niederzwehren: Vor 200 Jahren reisten die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm umher, ließen sich von den Menschen Geschichten erzählen und schrieben diese als Kinder- und Hausmärchen nieder. Jetzt hört Karen Duve den Grimms zu und findet in den altbekannten Märchen kleine Unschlüssigkeiten.

Von Marie Krutmann

Denn wer würde aufgrund von Geschirrmangel das Risiko eines Familienfluchs auf sich nehmen? Und wieso kommt der Prinz immer erst am Ende der Geschichte, um dann sofort das Mädchen zu heiraten, ohne sie vorher kennen zu lernen? Mit ihrem Erzählband Grrrimm deckt die Autorin Paradoxien auf und schließt erzählerische Lücken. Fünf Grimm´sche Märchen überführt sie in eine Realität, in der Rotkäppchens Eltern Hartz-IV-Empfänger sind und es das Wasser des Lebens in PET- Flaschen gibt.

Kein vorprogrammiertes Happy End

Schon als Kind hat sie sich gerne von ihrem Opa Märchen erzählen lassen. Heute schreibt Karen Duve selbst welche, doch auf eine andere Weise als es die Brüder Grimm damals taten. Märchen folgen häufig einem bestimmten Schema, bei dem am Ende alles gut ausgeht. Prinz findet Prinzessin und alle leben glücklich bis an ihr Lebensende. Karen Duve setzt an dieser Stelle an und überrascht den Leser dort, wo er den weiteren Handlungsverlauf zu kennen glaubt. Auf ein vorprogrammiertes Happy End hofft man hier vergeblich. Die Auswahl der Geschichten erfolgte nach dem persönlichen Geschmack der Autorin, und so findet sich zwischen Klassikern wie Schneewittchen, dem Froschkönig, Dornröschen und Rotkäppchen auch die weniger bekannte Geschichte des Bruder Lustig. Ein einheitlicher Stil innerhalb der Märchen ist nicht zu erkennen, denn jede Geschichte ist etwas ganz Eigenes. Alle haben sie aber zum Ziel, die Dinge auszusprechen, die im Original häufig zu kurz kommen.

Von notgeilen Zwergen und blutrünstigen Großmüttern

Sieben Männer und eine Frau? Hier ist der Konflikt schon vorprogrammiert. Da kommt ein Mädchen und bricht einfach in ihr Haus ein, isst und trinkt ihnen alles weg, legt sich auch noch zum Schlafen in eines der Betten »und dann behauptet sie doch ohne mit der Wimper zu zucken, sie sei eine Königstochter.« Die anderen Zwerge mögen vielleicht auf das schöne Schneewittchen reinfallen, aber einer wird skeptisch. Ihm mangelt es nicht an Selbstbewusstsein und so versucht er jedes Mal, wenn die anderen Zwerge im Bergwerk arbeiten, Schneewittchen rumzukriegen. Diese jedoch, nicht an kleinen Männern interessiert, erteilt ihm eine Abfuhr. Woraufhin der Zwerg handgreiflich wird und sie zweimal versehentlich fast umbringt. Hinterher berichtet Schneewittchen, das habe ihr eine alte Frau angetan – die böse Stiefmutter in Wirklichkeit also ein Zwerg!

Schließlich findet sie ihren Prinzen, verlässt die Zwerge und das Ende der Geschichte ist jedem bekannt. Wobei: Der Prinz will sich nach einem Jahr scheiden lassen, denn er kann nicht mit einer Frau zusammen sein, die wochenlang mit sieben Männern in einer Hütte im Wald zusammengelebt hat. Schneewittchen wird als Geliebte innerhalb des Schlosses weitergereicht und von da an von den Zwergen nicht wiedergesehen.

Frosch, Prinz oder Polizist?

Wie wir wissen kann es in Märchen auch brutal zugehen, so wie beispielsweise im Froschkönig. Duves Version der Geschichte ähnelt allerdings fast schon einem Krimi. In Die Froschbraut ist der Vater der Königstochter ein raffinierter Verbrecher, der in der goldenen Kugel ein Dokument versteckt, welches die Polizei unter keinen Umständen finden darf. Als das Haus durchsucht wird, verschwindet die Tochter mit der Kugel in einen verzauberten Wald. Denn so real es auch zugeht, auf Magie wird nicht verzichtet. Der Polizist, der sie verfolgt, verwandelt sich in einen Frosch.

Buch-Info


Karen Duve
Grrrimm
Erzählungen
Galiani: Berlin 2012
ca. 180 Seiten, 18,99 €

 
 
Dem Mädchen fällt die Kugel in einen Tümpel und so ergibt sich der altbekannte Deal: Der Frosch bringt ihr die Kugel zurück und kommt fortan zum Haus ihres Vaters. Er bittet darum, mit ihr von einem Teller zu essen und der Vater drängt die Tochter, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Der falsche Frosch nutzt die Gunst des Verbrechervaters und wird immer dreister. Der Ekel vor dem Frosch und das Entsetzen über den eigenen Vater wachsen. Schließlich will der Frosch die Nacht mit der Königstochter verbringen. Was im Kindermärchen schon irgendwie abartig war, aber überlesen wurde, da der Frosch am Ende zum Prinzen wird, spricht Duve deutlich aus: »Es gibt Dinge, die ein Vater nicht von seiner Tochter verlangen darf.«

In der dritten Geschichte, erzählt die Autorin in amüsantem Plauderton die Geschichte von Dornröschens 100-jährigem Schlaf, verfasst unter dem Titel Der geduldige Prinz. Da alle Personen Namen erhalten, ist nie die Rede von einem Dornröschen. Hier heißt die Prinzessin Florentine, der König ist der gutmütige Otto und die 13. Fee ist die eingeschnappte Cousine Fanny. Geschirrmangel als Grund um jemanden nicht zur Taufe einzuladen? Nicht sehr überzeugend, beschließt Karen Duve und spinnt ein soap opera-reifes Familiendrama, bei dem gemäß des Genres auch das Zeitverhältnis eins zu eins übertragen wird: Der Prinz muss die ganzen 100 Jahre aussitzen und sich dabei auf teilweise sehr lächerliche Weise fit halten. Als sie dann schließlich erwacht, ist die 15-Jährige allerdings gar nicht so erfreut, dass dieser alte Kauz sie heiraten möchte.

Wasser des Lebens in PET-Flaschen

Der Bruder Lustig ist wohl den Wenigsten noch aus der Kindheit ein Begriff. Jesus – im Original der heilige Petrus – trifft bei einem seiner Besuche auf Erden einen Soldaten, der sein Gefährte wird. Dieser Soldat, Bruder Lustig genannt, begleitet ihn dabei, wie er ein bereits totes Mädchen wieder zum Leben erweckt. Während ihrer gemeinsamen Reise versucht Jesus Bruder Lustig immer wieder zu vermitteln, bescheiden und ehrlich zu leben. Doch die Mühe bleibt vergeblich und so trennen sich die Wege der Männer nach einiger Zeit. Bruder Lustig versucht nun, das Wunder der Heilung noch einmal geschehen zu lassen, da er ja bei Jesus gesehen hat, wie das geht. Bei ihm läuft jedoch alles schief, da er nicht die rechte Gabe besitzt.

Auch hier weiß Duve Rat und lässt Jesus seinem Wegbegleiter mal eben eine PET-Flasche mit dem Wasser des Lebens reichen. Im Original in nur wenigen Sätzen abgehandelt, erscheint die Wiederbelebung der Toten hier als reinstes Horrorszenario. Wie in einem Splatter-Film zersägt Jesus die Körperteile des Mädchens und nach kurzer Zeit ist alles mit Blut durchtränkt. Spätestens nach diesen Eindrücken wird dem Leser klar, in Sachen Brutalität ist die Autorin schonungslos. So auch in der letzten Geschichte vom einst so lieben Rotkäppchen. Mit ›Es war einmal‹ und ›Und wenn sie nicht gestorben sind‹ hat diese Version nun wirklich nicht mehr viel gemeinsam.

Ich weiß nicht, wie das woanders läuft, aber hier bei uns in den Bergen ist es der soziale Tod, wenn jemand als Einziger auf dem Schulhof eine rote Kappe trägt, während alle anderen eine schwarze haben.

Durch die vorangehenden Beispiele vorbereitet, ist man mit Grrrimm nun endgültig in der grausamen Realität angekommen. Rotkäppchen, bzw. hier: Elsie, ist eines von 12 Geschwistern. Die Mutter säuft und war schon einmal im Gefängnis, der Vater hängt tatenlos rum. Hinzu kommt, dass die Mutter von ihr verlangt, die rote Häkelmütze zu tragen, die die Großmutter eigentlich für die kleine Schwester gemacht hat. Die Geschwister geben ihr daher fiese Spitznamen wie »Feuermelder«, »Flammendes Inferno« oder eben »Rotkäppchen«.

Ohne EU-Gelder, mit Zombies und Werwölfen

Schauplatz ist, märchenuntypisch mit konkreter Ortsangabe, die Stadt Vifor, vermutlich in Osteuropa. Die EU-Gelder wurden gestrichen und überall türmen sich Berge von Müll. Diese wiederum locken die Wölfe aus dem umliegenden Wald an. Als der Vater von Elsie schließlich von einem Wolf gebissen wird und Tollwut bekommt, muss Elsie zur Großmutter in den Wald laufen, um sie um Hilfe zu bitten. Der Vater stirbt schließlich an den Wolfsbissen. Die familiäre Situation mit den vielen Geschwistern und der unachtsamen Mutter wird für Elsie zur reinsten Hölle. Sie beginnt sich gegen ihre Geschwister aufzulehnen, wird rausgeschmissen und geht zur Großmutter. Hier findet sich die vertraute Szene wieder, in der sich Rotkäppchen über das veränderte Aussehen der Großmutter wundert. Und dann die überraschende Aufklärung: Die Großmutter ist ein Werwolf. Entgegen der Annahme, nun müsse sich aber so langsam alles zum Guten wenden, wird das Ganze aber noch verwirrender.

Als Stepan am Haus der Großmutter ankommt, um Elsie dort abzuholen, ist der Großmutter-Werwolf tot und schwimmt in einer Suppe zerkleinert auf dem Teller vor Elsies Nase. In der Zwischenzeit ist nämlich eines der Werwolf-Opfer als Zombie aus dem Grab gekommen und hat sich an der Großmutter gerächt. Stepan und der Wiedergänger kegeln mit den Knochen der Großmutter um Elsies Überleben. Wer nach diesem brutalen Durcheinander auf ein friedliches Ende hofft, der wird enttäuscht. Rotkäppchen selbst wird zum Werwolf und stellt fortan die Bedrohung Vifors dar.

Originalität oder Original?

Und warum das alles? Duve holt die alten Geschichten zurück ins Leben. Die Charaktere sind markant, haben Fehler und versuchen ständig, sich innerhalb der Gesellschaft oder der eigenen Familie zu beweisen. Durch die teilweise sehr komischen Passagen lenkt sie das Augenmerk des Lesers auf Stellen, die sie beim Lesen der Originale haben stutzig werden lassen. Die neuen Versionen decken demnach die kleinen Ungereimtheiten in den Märchen auf. Das Besondere ist, dass es einem so vorkommt, als lese man etwas Vertrautes und trotzdem weiß man nie genau, was als nächstes kommt. Somit spielt die Autorin immer wieder mit der Erwartungshaltung des Lesers, um ihn dann zu enttäuschen und gerade dadurch seine Aufmerksamkeit zu erlangen.

Teilweise wirken die kleinen Witzchen, wie beispielsweise über den einseitigen Ernährungsplan des Prinzen, etwas aufgesetzt. Das Projekt der Autorin ist zudem gewagt, denn die Idee einer Märchenparodie ist im Grunde nichts Neues. Es ist also Originalität gefragt. Dieses Kunststück gelingt ihr je nach Geschichte mal mehr mal weniger. Alles in allem ist es jedoch eine schöne und etwas abgedrehte Hommage an die Arbeit der Brüder Grimm.



Metaebene
 Autor*in:
 Veröffentlicht am 15. April 2013
 Kategorie: Belletristik
 Wohlfahrtsmarken Berlin 1966, Märchen der Brüder Grimm, Froschkönig via Wikimedia Commons
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