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Black Metal - Topoi des Bösen
Die Freude am Leben

Weder satanistisch noch okkult, aber mit unverzerrten Gitarren und einem Piano: Die schwedische Band Lifelover überschreitet Genregrenzen, gehört genealogisch aber doch in die Familie des Black Metal. Auch wenn beim letzten Album Sjukdom (Krankheit) die typischen Symptome fehlen, ergibt sich dennoch eine bittere Diagnose: Misanthropie.

Von Simon Inselmann

Nachdem wir während unserer letzten Nachforschungen in den lyrischen Untiefen des Black Metal, bzw. Pagan Metal, eher offensiv-aggressive Botschaften der satanistischen oder patriotisch-heidnischen Sorte zu Ohren bekommen haben und mit Watain nur einen wirklichen Black-Metal-Täter überführen konnten, begeben wir uns jetzt noch tiefer in die Welt der Misanthropie. Wenn der Hass auch vor einem selbst nicht mehr Halt macht, sich alle Gedanken nach innen kehren und man in seinen Texten das ganze Elend dieses Lebensgefühls zu transportieren gedenkt, ergibt sich ein lyrisches Werk wie das der schwedischen Band Lifelover. Schon der Bandname deutet eine zynische Marschrichtung an und entwickelt eine besonders makabere Note, da der Hauptsongwriter Jonas »B« Bergqvist kurz nach den Aufnahmen an einer Überdosis gestorben ist und die Band aufgelöst wurde. Stürzen wir uns also nun mitten hinein in den Rausch des letzten Albums Sjukdom (Krankheit), versuchen die Welt mit dem Blick eines psychisch Kranken zu sehen und bringen unsere Untersuchungen zum Thema Black Metal vorerst zum Abschluss.

Der seelenlose Terrorist bei einem inneren Spaziergang

Schon im ersten Lied »Svart Galla« (Schwarze Galle) wird deutlich, welchem Lebensgefühl wir bei Lifelover eigentlich begegnen, das Ich ist gefangen in Übelkeit und Lethargie: »Ett illamående som aldrig verkar ta slut.« (Eine Übelkeit, die niemals zu enden scheint), »Borde träna upp mig och äta mer och därmed kanske få upp humöret.« (Sollte mich aufraffen und mehr essen, um damit vielleicht die Laune aufzubessern). Diese reflektierende Selbstdiagnose führt allerdings nicht zum Versuch der Behandlung oder gar Heilung, das Ich ergibt sich vielmehr der Resignation und lässt die ewig zähen Tage vorüberfließen: »En dag känns som en vecka, som känns som en månad, som känns som ett år. Dag ut och dag in ligger jag kvar.« (Ein Tag fühlt sich an wie eine Woche, die sich anfühlt wie ein Monat, der sich anfühlt wie ein Jahr. Tag ein, Tag aus bleibe ich liegen). Das Vergehen der Zeit wird auch als »långpromenad i mitt inre« (ein langer Spaziergang in meinem Inneren) umschrieben und erklärt, warum das Ich keine sozialen Kontakte zu haben scheint: »Säger inte ett ord till någon.« (Sage nicht ein Wort zu jemandem). Die dauerhafte Isolation und die mangelnde Bewegung führen zum Gefühl des Alterns »så gammal i kropp och sinne« (so alt in Körper und Geist) und deuten schon eine Todessehnsucht an, die erst später im thematisch ähnlichen »Resignation« zum Ausdruck kommt: »Jag vill göra slut på mig själv.« (Ich werde mir selbst ein Ende bereiten). Das Hauptmotiv von »Svart Galla« bleibt die Resignation und Stagnation und so endet das Lied passenderweise in der gleichen Stimmung wie es begann: »Jag bryr mig inte.« (Es kümmert mich nicht).

In »Led by Misfortune« wird das lyrische Ich noch weiter ausgestaltet. Beginnend mit der Frage »Who am I?« findet sich zusammengefasst die Antwort: »a soulless terrorist […] with […] no emotions«. Die selbstgewählte Mission dieses misanthropischen Ichs besteht darin, andere Menschen in die gleiche Verzweiflung zu treiben, die es selbst erfüllt: »I want others to hit rock bottom as well.«, »I need you to be like me.«. Kernelement dieser Verzweiflung sind neben dem transportierten Lebensgefühl »hard drugs«, die allgemein eine sehr prominente Rolle in Lifelovers Schaffen spielen, was in der Selbstkategorisierung in Interviews als Narcotic Metal gipfelt.1 Dass die Musik und die Texte dabei insgesamt als eine Waffe gegen die Menschheit fungieren sollen, scheint sehr naheliegend, wird aber nicht ausformuliert.

Zwischen Altruismus und Mordlust

Steht also zuerst noch ein böser Wille hinter dem Handeln des Ichs und erinnert an die bekannten Hasstiraden anderer Black Metal-Bands, zeigt »Expandera«, dass es sich dabei eher um unkontrollierbare Ausbrüche handelt, die aus der inneren Zermürbung des Ichs resultieren: »Så tomma och kalla i sitt evigt expanderande tomrum, likt hålet jag bär inom mig i ständig väntan på att slutligen implodera.« (So leer und kalt in seiner ewig wachsenden Leere, wie das Loch, das ich in mir trage, im ständigen Warten darauf, dass es schließlich implodiert). Hat man erstmal das Gezwungene im Handeln des Ichs verstanden, die Hilflosigkeit mit der das Ich an seinen eigenen Gefühlen und dem Mangel selbiger scheitert, ist »Homicidal Tendencies« das kürzeste, aber vielleicht auch pointierteste Stück auf »Sjukdom«. Die guten Absichten »I want to understand people instead of feeding of their misery, I want to help those in need, not fuck it up for every fucker.« werden von Hassausbrüchen überlagert und zurückgedrängt: »But mainly I want to kill everyone else …and then myself«. Der Suizid kann als Konsequenz von Schuldgefühlen aufgrund des erneuten Ausbruchs gedeutet werden, aber wahrscheinlicher bilden diese nur einen kleinen Teil des allgemeinen Hasses auf die Welt, die Menschen und sich selbst, aus dem sich das Ich in einer finalen Aktion befreit und darin die einzige Möglichkeit der Heilung sieht. Für ein Zusammenspiel beider Interpretationen spricht eine Wendung aus »Resignation«, denn dort wird das tote Ich als »oskadligjord« (unschädlich gemacht) bezeichnet, was von einer großen Angst vor dem eigenen Handeln zeugt.

Ein Hauch von Elitismus

Wenn das Ich einmal wie in »Totus Anctus« versucht, aus dieser hoffnungslosen, scheinbar unveränderbaren Wahrnehmung auszubrechen: »Visst, det finns optimism i min skalle. […] Verkligheten har väckt mig.« (Sicher, es gibt Optimismus in meinem Schädel. […] Die Wirklichkeit hat mich aufgeweckt), dann gelingt dies stets nur für eine kurze Zeit. Schon wenige Momente, bzw. Zeilen, später wird es von der Wut über den defizitären Menschen übermannt: »Likaså dras jag sakta ned av de omkring mig: Idioter, fittor, lögnare, svikare, parasiter. Ja, många är ni som jag mer än föraktar.« (Trotzdem werde ich langsam von denen heruntergezogen, die mich umgeben: Idioten, Fotzen, Lügner, Verräter, Parasiten. Ja, viele sind die, die ich mehr als verachte). Schon die sehr derbe Wortwahl zeigt den tief verwurzelten Hass und die Verbitterung. Das Ich erwartet auch in den seltenen Momenten leiser Hoffnung eigentlich nur eine weitere Enttäuschung. Zu beachten ist, dass sich der Hass und die Beleidigungen nicht an einzelne Personen richten, sondern die Menschen allgemein und besonders auch das eigene Ich umfassen: »Jag är inte bättre själv.« (Ich selbst bin nicht besser).

Was genau diesen Hass hervorruft, wird ebenfalls formuliert: Die Falschheit und der Zwang zur Verlogenheit des menschlichen Seins in der heutigen Gesellschaft werden als schlimmste Makel herausgestellt: »Ni har alla två ansikten.« (ihr habt alle zwei Gesichter) oder über sich selbst in »Svart Galla«: »[…] orkar inte längre skådespela.« ([…] schaffe es nicht mehr schauzuspielen). Mit den Liedern »Karma« und »Horans Hora« (Hure der Huren) erreicht dieser Vorwurf eine ganz persönliche Dimension, richtet sich die Klage doch direkt an ein unbenanntes Du und ist damit angesichts der sonst meist nach innen gerichteten Perspektive, erstaunlich extrovertiert: »Du lever utan ryggrad, [..], snor av andra den musik du skapar.« (Du lebst ohne Rückgrat, […], krallst dir von anderen die Musik, die du schaffst). Dabei erinnert der Vorwurf mangelnder Originalität anderer Künstler an die aus dem Hip-Hop-Genre bekannten Battle Raps und wirkt auf den ersten Blick aufgrund der gänzlich anderen Ausgangslage wie ein absurder Fremdkörper im Text, ergibt aber als kleines Fragment des im Black Metal verbreiteten Elitismus-Denkens durchaus Sinn. Dass die anderen Menschen und auch ähnlich gesinnte Künstler noch weit unter dem eigenen verhassten Wesen stehen, macht die Verachtung nur umso greifbarer, mit der Lifelover der Welt begegnen.

Brücken und Trümmer

Dass in dieser hasserfüllten Seelenöde ein lyrisch wirklich schönes, wenn auch trauriges Stück wie »Utdrag« entsteht, war nicht unbedingt zu erwarten. Der nur zwei Strophen lange Text vermittelt in kraftvollen Vergleichen das Lebensgefühl einer ganzen Subkultur. Die Abgrenzung vom Rest der Gesellschaft erfolgt durch eine scheinbar einfache Gegenüberstellung: »Ni bygger utifrån, vi byggs inifrån.« (ihr bildet euch von außen, wir werden von innen gebildet). Menschliche Natürlichkeit wird also als wichtigstes Ideal gesehen und gegen die Fremdbestimmung und Sozialisierung in einem bestimmten Umfeld gesetzt. Diese Beeinflussung von außen wird als unnatürlich wahrgenommen und findet im »Auseinanderfallen« ein entsprechend unbelebtes Ende: »Ni bygger er själva som stenar, faller sönder.« (ihr baut euch selbst wie Steine, fallt auseinander). Auf der anderen Seite finden wir das natürliche Wachsen eines Baumes: »Vi byggs som träd och det växer broar emellan oss, som inte är utav dödmateria och dödstvång.« (Wir werden wie Bäume gebildet und zwischen uns wachsen Brücken, die nicht aus toter Materie und Todeszwang bestehen).

Zum Projekt

Das Projekt »Black Metal – Topoi des Bösen« widmet sich in mehreren Artikeln den verschiedenen lyrischen Konzepten im Musikgenre Black Metal. Zum ersten, einführenden Artikel geht es hier.

 

Das Album


Sjukdom by Lifelover
1. Svart Galla
2. Led By Misfortune
3. Expandera
4. Homicidal Tendecies
5. Resignation
6. Doften Av Tomhet
7. Totus Anctus
8. Horans Hora
9. Bitterljuv Kakofoni
10. Becksvart Frustration
11. Nedvaknande
12. Instrumental Asylum
13. Utdrag
14. Karma
 
 
Besonders auch die zwischenmenschlichen Beziehungen sind hier natürlich, freiwillig und entstehen nicht aus einer gesellschaftlichen Pflicht heraus. Erstaunlich angesichts der hasserfüllten anderen Texte ist die Wahl des friedlichen Baumes als metaphorischer Körper des »Wir«, der den anderen Menschen auch noch Kraft und Leben gibt. Dabei rufen wir uns unweigerlich die Unfreiwilligkeit der Hassausbrüche in »Expandera« zurück ins Gedächtnis und am Ende bleibt eine gute Absicht ähnlich der in »Homicidal Tendencies« stehen: »Från oss går det levande ut.« (Von uns geht das Lebende aus). Das Beharren darauf wahrer und damit auch besser als die anderen Menschen zu sein, erklärt die extreme Reaktion darauf, dass man auch in diesem Umfeld betrogen und hintergangen werden kann und die Wiederholung des Vorwurfs der Rückgratlosigkeit in »Karma« als schlimmstes Vergehen: »Du är en ryggradslös liten Fitta, […]. Efter att jag har hämnats klart, […] kommer inte en djävel vilja ha dig, varken dina vänner eller föräldrar.« (Du bist eine kleine rückgratlose Fotze, […]. Nachdem ich die Rache bekommen habe, […] wird nicht ein Teufel dich haben wollen, weder deine Freunde noch deine Eltern.).

Unzurechnungsfähig

Das fast in jedem Stück zum Ausdruck gebrachte Lebensgefühl der absoluten Stagnation, Lebensmüdigkeit und Hoffnungslosigkeit, unterbrochen nur von kurzen, dafür gewaltigen Hassausbrüchen wird von Lifelover auch musikalisch entsprechend in Szene gesetzt. Einzelne simple Riffs werden fast eine Minute lang wiederholt, Strophen werden in einem monotonen Rezitativ vorgetragen, um dann von einer teilweise kakophonischen Lärmwand und Schreien unterbrochen zu werden, die sich aber meist wieder beruhigen und das Lied in trister Monotonie oder mit wehmütigen Melodien ausklingen lassen. Dass dabei häufig auch unverzerrte Gitarren, ein Piano und verschiedenste elektronische Elemente zur Stimmungserzeugung verwendet werden, lässt Lifelover schon auf musikalischer Ebene nur noch als einen entfernten Verwandten des Black Metal erscheinen. Begeben wir uns dann auf die lyrische Ebene des Schaffens, finden wir nicht einmal eine winzige Andeutung des Satanistischen oder Okkulten. Mit seiner Innensicht und seiner Hoffnungslosigkeit liegt es viel eher dicht an Knut Hamsuns 1890 erschienenem Durchbruchsroman »Sult« (Hunger) orientiert als an einer skandinavischen Black Metal-Band wie den bereits verhafteten Watain [http://www.litlog.de/kiss-of-death/]. In diesem Sinne sind Lifelover auf jeden Fall »criminally insane« und ein Platz in unserem Genregefängnis »Black Metal« damit ausgeschlossen. Ob wir uns mit Begriffen wie »Depressive Rock« oder »Suicidal Black Metal« aufhalten sollten, um der letzten Akte einen passenden Stempel aufzudrücken, sei dahingestellt, denn den Kern ihrer Kunst haben Lifelover selbst am besten beschrieben: »Sjukdom«.

  1. http://www.mortemzine.net/show.php?id=2500


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 Autor*in:
 Veröffentlicht am 3. September 2012
 Kategorie: Misc.
 Bild von another.point.in.time via flickr.
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