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Die Grimms und ihre Erben

Die Brüder Grimm im Jungen Theater. Die Geschichte zweier großer Männer, die sich für Gerechtigkeit und Wahrheit eingesetzt haben, die durch ihren mutigen Protest zu Verfassungsschützern wurden, trotz der Konsequenzen, die sie zu erwarten hatten. Es ist aber auch die Geschichte der »Stadt, die Wissen schafft«, der Bildung und Protest einst so wichtig waren und deren Oberhäupter anscheinend vergessen haben, dass durch Widerstand Gerechtigkeit entsteht. Es ist die Geschichte der Brüder Grimm und deren Erben.

Von Bettina Enghardt

Das Stück beginnt laut. Verschiedene Männer und Frauen schreien wild durcheinander, man hört nur Gesprächsfetzen, hört wie sie streiten – Es herrscht Chaos wohin man sieht. Der Zuschauer ist irritiert verstört, versucht zu begreifen, was da gerade passiert, versucht zu verstehen, welche Charaktere in das Stück eingeführt werden sollen. Die erste Szene weist so schon die Richtung, für die das Stück steht: Widerstand, Chaos, Wut, Verständnislosigkeit und Ohnmacht. Dann wird es plötzlich still auf der Bühne, wir befinden uns im Jahre 1822: Jacob Grimm (Dirk Böther) und Wilhelm Grimm (Gintas Jocius) betreten die Bühne, man hört vom Auszug der geliebten Schwester Lotte, von Zukunftsängsten und dem Schwur, niemals auseinander zu gehen. Dann gibt es verschiedene Einschnitte: die Grimms mit anderen Wissenschaftlern laut und lärmend über das erste deutsche Wörterbuch diskutierend, die Grimms wie sie versuchen, eine Dame zur Märchenerzählerin nach ihren Wünschen zu modellieren und schließlich das Kennenlernen von Wilhelm und Dorothea Wild.

»Was soll die Wissenschaft,…

Nach dem Beschluss der beiden Männer, Märchen zu sammeln, wenden sie sich ans Publikum und beginnen mit der Arbeit. Der Versuch, das Publikum als Märchen-erzählendes Volk einzubeziehen, gelingt. Ein Zuschauer erzählt sogar den Froschkönig nach. Es folgen erneut Sequenzen aus dem Leben der Grimms: Wilhelms Hochzeit mit Dorothea Wild, Konflikte zwischen Jacob und Wilhelm, über dessen Vaterpflichten und auch über den Umzug nach Göttingen. Dort arbeitet Wilhelm nun zuerst als Bibliothekar und erhält kurze Zeit später seine Professur. Nachdem 1837 Ernst August der Erste von Hannover direkt nach Amtsantritt die freiheitliche Verfassung wieder aufhebt, beschließen die Brüder mit fünf weiteren Professoren einen Protestbrief an den König zu verfassen. Dieser Brief wird in ganz Deutschland verbreitet und findet großen Zuspruch. Doch aufgrund des Protestes werden die »Göttinger Sieben« von ihrem Amt enthoben und drei von ihnen (darunter Jacob Grimm) des Landes verwiesen. Die Brüder flüchten zusammen nach Leipzig ins Exil. Dort bieten zwei bekannte Leipziger Verleger den Brüdern an, ihr Wörterbuch zu verlegen. 1840 folgen sie dem Ruf des preußischen Königs nach Berlin und werden in die Akademie der Wissenschaften aufgenommen. Wilhelm Grimm stirbt im Jahre 1859, Jakob Grimm, der seinen Brüder schmerzlich vermisst, folg ihm vier Jahre später.

…wenn sie sich nicht ins Leben traut,…

Und die Erben? Auch ihre Geschichte wird erzählt. Es sind die Studierenden von heute, die mit dem Bachelor-System zu kämpfen haben, mit Studiengebühren und hohen Mieten. Sie sind, laut Udo Eidinger, dem Dramaturgen, der Schnittpunkt zwischen den Brüder Grimm damals und der heutigen Hochschullandschaft. Auch sie sind dominiert von einem elitären System, das auf Ungerechtigkeit und Willkür beruht (an dieser Stelle sei angemerkt, dass außer Niedersachsen und Bayern kein anderes Bundesland mehr Studiengebühren verlangt). Auch sie haben sich wiederholt dagegen aufgelehnt, jedoch ohne Erfolg. Deswegen hat sich das JT Göttingen entschieden, den Studierenden eine Stimme zu verleihen. Als Gastschauspieler treten konsequenterweise vier Göttinger Studierende auf, die sich selber spielen. So wird beispielsweise nach dem Monolog des Königs über die Abschaffung der Verfassung, eine neue Bühne eröffnet, auf der die vier Studierenden sich dann zum Thema Studiengebühren und Bologna-Prozess äußern dürfen. Da geht es um Bulimie-Lernen, Leistungsdruck und Geldnöte, aber auch um eine Stadt, die sich mit Wissen und großen Denkern schmückt, dabei aber vergisst, dass es die Studenten sind, die dieser Stadt zur Blüte − damals wie heute − verhelfen.

…nicht in die Politik?«

Durch den Weggang der Brüder Grimm im Jahre 1837 verlor Göttingen viele Studenten und sein großes Ansehen. Und heute? Die Stadtverwaltung und Landesregierung haben offensichtlich nichts aus ihrer Geschichte gelernt. Zu Recht richtet sich das Stück gegen mangelnde Unterstützung der Studenten und endet mit der Aufforderung, ein Protestschreiben zu unterzeichnen, das dann an das niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur geschickt wird. Aber nicht nur die Bildungspolitik wird kritisch reflektiert, auch kulturelle Aspekte wie der Zukunftsvertrag, die Schließung des Weender Freibads oder auch die unzureichende Unterstützung von kulturellen Einrichtungen werden angeprangert. Es ist der Versuch, heutige Sozialkritik mit historischen Ereignissen zu verweben und sie publikumsreif zu inszenieren − dieses Vorhaben ist durchaus geglückt.

Das Stück

Die Brüder Grimm
Regie: Andreas Döring
Dramaturgie: Andreas Döring, Katja Klemer, Udo Eidinger
Premiere: 26.05.2012

 

Junges Theater

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Das Junge Theater Göttingen entstand 1957 als innovatives und alternatives Zimmertheater. Der Schauspieler Bruno Ganz läutete hier seine Karriere ein, auch Benjamin von Stuckrad-Barre und Christian Kracht verwirklichten sich im Jungen Theater. Heute bietet das Haus rund 200 Zuschauern Platz. Unter Intendanz von Andreas Döring setzt das JT auf zeitgemäße Themen auch in klassischen Stoffen.

 
 
Die Inszenierung des Stückes läuft über diese zwei Stränge, die sich ständig kreuzen und fest miteinander verwoben sind. Da gibt es ein relativ altertümliches Bühnenbild, an dessen Sprossenwänden dann Plakate gehängt werden, mit der Aufschrift: »Bildung für alle und zwar umsonst!«. Da gibt es Schauspieler, die in typischen Gewändern des 19.Jahrhunderts spielen, sich aber über die Schließung des Weender Freibads unterhalten. Diese Verknüpfung gelingt so gut, dass der Eindruck entstehen könnte, dass die Grimms damals gegen Studiengebühren von heute gekämpft hätten. Dies liegt nicht zuletzt an der sehr guten Leistung der Schauspieler. Allen voran Dirk Böther und Gintas Jocius, die schon zuvor gut miteinander harmoniert haben. Sie spielen die sensiblen, einander bedürfenden Gebrüder Grimm. Es gelingt ihnen die innige Beziehung zweier sich abgöttisch liebender Brüder klar hervorzuheben ohne dabei ins Plakative abzurutschen. Den Gegenpol dazu bildet Felicity Grist, die eine erfrischende, spritzige Bettina von Arnim abgibt. Die vier Göttinger Studenten ihrerseits sorgen für mehr Authentizität und frischen Wind. Das Bühnenbild als Protestkulisse erzielt mit spartanischer Ausstattung große Effekte und hebt das Flair des 19. Jahrhunderts hervor. Gut wäre es allerdings gewesen, vorhandene Charaktere am Anfang deutlicher einzuführen, damit es dem Publikum schneller möglich ist, in den komplexen Spielverlauf einzusteigen.

Dem Jungen Theater in Göttingen ist ein tiefgründiges und historisches, aber keineswegs klassisches Theaterspiel gelungen. Durch seine laute, rasante und durchaus chaotische Stimmung wird der Zuschauer mitgerissen, konfrontiert und provoziert. Es glänzt durch die Abwechslung zwischen melancholischen, sensiblen, wissenschaftlichen Sequenzen und schrillen wie verstörenden Akten. Es ist wie der Protest selbst: leise und bedächtig und dann wieder laut und unbedacht.



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 Autor*in:
 Veröffentlicht am 17. September 2012
 Mit freundlicher Genehmigung des Jungen Theaters.
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