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Der Phosphoreszierende Tiger IV
Die Milchsanduhr
Vermeerzur Übersetzung

von Wisława Szymborska

Dopóki ta kobieta z Rijksmuseum
w namalowanej ciszy i skupieniu
mleko z dzbanka do miski
dzień po dniu przelewa,
nie zasługuje Świat
na koniec świata

Vermeerzum Original

von Wisława Szymborska

Solange die Frau aus dem Rijksmuseum
in gemalter Stille und Konzentration
Tag für Tag Milch aus einem
Krug in eine Schüssel gießt,
verdient es die Welt nicht
unterzugehen.

Das unsignierte Gemälde »De Melkmeid« des niederländischen Malers Jan Vermeer wird auf den Zeitraum zwischen 1658 und 1661 datiert. Seit 1908 befindet sich das Werk in der Sammlung des Rijksmuseum in Amsterdam. Die Milchmagd steht in der Tradition der Gattung Keukenstuk. Darin geht es um die Darstellung von Kücheninterieur. Das Bild zeigt eine Frau in einem küchenähnlichen Raum. Sie trägt ein gelb-blau-rotes Kleid und ein weißes Kopftuch. Vor ihr befindet sich Gebäck und ein Korb mit Brot. Sie gießt Milch aus einem Krug in einen Tontopf. Ihre ganze Aufmerksamkeit widmet sie dieser Tätigkeit. Sie ist das Muster einer tüchtigen Frau, eine Metapher der Ordnung. In ihr treffen sich das Halbdunkel und das Licht, das durch das Seitenfenster einfällt. Das kunstreiche Spiel mit dem Licht betont die Natürlichkeit dieser Szene. An dem Gegensatz zwischen Dunkelheit und Helligkeit knüpft das Gedicht »Vermeer« von Szymborska an.

Es ist eins von neunzehn neuen Gedichten der polnischen Nobelpreisträgerin aus dem Band Tutaj (Hier). Visuell ergeben die sechs Verse eine auf den Kopf gestellte Pyramide; die Worte fließen aus, wie der Milchstrom aus dem Krug.

M. Chmiela

Monika Chmiela hat wie Wisława Szymborska an der Jagiellonen-Universät in Krakau Polonistik studiert. Anders als ihre Kommilitonin setzte sie ihr Studium in Göttingen fort. Dort schreibt sie zurzeit an ihrer Magisterarbeit.
 

D.P.T.

Der Phosphoreszierende Tiger ist der Lyrik-Essay auf Litlog. Er bespricht Gedichte jenseits der Lehrbücher. Er legt einen anderen Zugang zum Gedicht – eine Sammlung mit schiefem Blick. Wer am Projekt mitwirken möchte, meldet sich bei den beiden Herausgebern Andreas Bülhoff und Niels Klenner unter phosphor@litlog.de.
 
 
Szymborska reiht sich damit in die Tradition der »carmen figuratum«, die in der Antike entstand, sich besonders im Barock entwickelte und in der polnischen Avantgarde (1917-22) wiederkehrte. Charakteristisch für diese Texte ist, dass der Versaufbau die Form eines Objekts nachahmt, das im Gedicht thematisiert wird. Als ein bekanntes polnisches Beispiel kann der Gedichtzyklus »Pegaz dęba« von Julian Tuwim angeführt werden.

Buch


Wisława Szymborska:
Tutaj
Znak: Kraków 2009
48 S., 10 €
Der Band liegt in englischer Übersetzung mit einer Leseaufnahme vor (ISBN 978-83-240-1158-2).

 

Szymborska

Wisława Szymborska wird 1923 bei Posen geboren. Sie studierte Polonistik und Soziologie an der Jagiellonen-Universität in Krakau. 1996 erhält sie den Literaturnobelpreis. Sie ist heute in Polen beinahe so bekannt wie Papst Johannes Paul II. Sie lebt zurückgezogen in Krakau.
 

Tuwim

Julian Tuwim wird 1894 in Łódź als Sohn eines jüdischen Bankbeamten geboren. 1939 flieht er nach dem Einmarsch der Deutschen und landet schließlich über Paris und Rio in New York. 1946 kehrt er zurück nach Polen. Der ehemalige Skamander übersetzt und arbeitet als Dramaturg am Warschauer »Nowy Teatr«. Er stirbt 1953 in Zakopane. In Polen ist er heute v.a. für sein lautmalerisches Kindergedicht »Lokomotywa« bekannt. Auf Deutsch erschien zuletzt »Herr Klitzewinzig und der Wal.«
 
 
Der Einfachheit des Szymborska-Gedichts, das nur einen Satz lang ist, entspricht die Einfachheit des Vermeer-Gemäldes. Sowohl auf dem Bild als auch im Gedicht wird die Tätigkeit akzentuiert. Die Frau bleibt hier wie dort namenlos. Sie verkörpert Ruhe und Harmonie, gießt eine Hoffnung in die Herzen der Menschen für ein besseres Morgen. Die Welt kann nicht zu Ende gehen, sie verdient es nicht. Erst wenn die ganze Milch in den Tontopf umgefüllt ist, erfüllt sich die Zeit. Die Milchsanduhr. Der Krug wird nie leer sein, wie das Füllhorn der Almatheia, aus dem das lebendige, ewige Weiß fließt. Ein polnisches Sprichwort sagt: Der Krug geht solange zum Wasser, bis er bricht; solange die Schönheit in den Werken Vermeers gezaubert wird, solange wird die Welt einen Sinn haben. Die Rettung ist dann in der Kunst.

Von Monika Anna Chmiela



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 Veröffentlicht am 29. April 2011
 Kategorie: Misc.
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