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Die Ö-Show

Klavierkabarettist Bodo Wartke machte mit seiner ganz eigenen Version des Sophokles’schen Dramas König Ödipus Station in der Göttinger Stadthalle. Sven Grünewald saß im Publikum und findet: ein gelungenes Stück, das von emotionalen Höhen und Tiefen durchdrungen ist und von witzig komödiantisch bis ernst tragisch reicht.

Von Sven Grünewald

Am 29. März gehörte die Bühne in der Göttinger Stadthalle nur einem Mann, wenn auch in 14 Rollen: Bodo Wartke. Traditionell als kabarettistischer Liedermacher am Klavier bekannt (Monica), tourt Wartke seit einiger Zeit mit seiner Version des Sophokles’schen Dramas König Ödipus durch die Lande. Mit über zweieinhalb Stunden Performance vor so gut wie ausverkauftem Haus schlug Wartke das bunte Publikum von Schüler bis Senior in seinen Bann, am Ende gab es stehende Ovationen für eine geniale schauspielerische Leistung und ein Drama, das eigentlich keines war.

Um Wartke zu zitieren: Als er damals in der 11. Klasse das Original lesen musste, entfuhr ihm im Angesicht der Reclam-Ausgabe nur: »Hä?« Seitdem war König Ödipus ein work in progress – über die Jahre und einzelne Bühnensketche wuchs das Stück, bis es »rund« war, inhaltlich wie die Vorlage und doch ganz anders. Durchaus tief, (erstaunlicherweise) nie langweilig, von emotionalen Höhen und Tiefen durchdrungen. Es ist eine Betrachtung von menschlicher Selbstbestimmung und ihrem Scheitern: witzig und komödiantisch, wenn etwa Ödipus (alias Wartke) auf die Sphinx (alias Carl, der Löwe alias Wartke mit Handpuppe) trifft; ernst, wenn er vom blinden Seher Teiresias (natürlich auch Wartke, mit Sonnenbrille) erfährt, dass er seinen Vater getötet hat; tragisch, wenn sich seine Mutter (Wartke, ohne Baseballmütze) umbringt und er sich die Augen aussticht und zum Schluss, wenn ganz undramatisch die Wendung zum halben Happy End gelingt, indem Seher ›Ray Charles‹ Teiresias den Ödipus an die Hand nimmt.

Das Spiel Wartkes mit sich selbst und dem Publikum funktionierte blendend: Bühnenminimalismus, während Ödipus und der Korinther Bote auf den Thebaner Boten warteten (Schweigen, Reglosigkeit – mehr Schweigen – »Und sonst so?« – »Muss.« – Schweigen), bis zum Live-Konzert, als der Saal die Bühne erweiterte und das Publikums-Volk von Theben unter den ekstatischen Rufen des Priesters den Chor übernahm und »Ö-di-pus« zu seinem rockigen Klagelied schmetterte. Wartke in 14 verschiedenen Rollen, im Erzählermodus, im Monolog, im Dialog und Trialog – die unterschiedlichsten Charaktere sind derart ausdifferenziert in Gestik, Mimik, Stimme und Accessoire (einzig die Position der Baseballmütze), dass sofort klar war, wer spricht. Der obercoole Seher Teiresias, das genervte Orakel, der überdrehte Priester, die Sphinx mit Raucherstimme – staubtrocken an der ganzen Inszenierung blieb nur der Humor. Kostprobe gefällig?

König Laios: »Iokaste!«
Königin Iokaste: »Wat haste?«

Oder der hier:

Die Sphinx: »Sphinx. Wie Pfingsten mit s.«

Alle guten Dinge sind ja bekanntlich drei:

Orakel: »Ich find’ ja, du bist Laios und Ödipus ziemlich ähnlich.«
Kreon: »Inwiefern?«
Orakel: »Die Fragen, die ihr stellt, sind alle ganz schön dämlich.«

Vor allem aber sorgten die Musik-Einlagen für den Anstieg des Stimmungsbarometers. Der angesprochene Priester-Rock (das Klagelied), ein Mundharmonika-Solo von Spiel mir das Lied vom Tod oder Ödipus’ Rap zur Einstimmung auf den Battle zwischen ›Grandmaster Ödipus Rex vs. MC Kreon‹ waren nur die Highlights; in den Sentenzen dazwischen ließen sich zudem zahlreiche Verweise auf die Film- und Kulturgeschichte finden – egal ob Asterix, Life of Brian oder die Blues Brothers. Kurzum: Stimmung super, Darstellerriege bestens aufgelegt, Inhalt top. Aber im Grunde gilt: Beschreibung zwecklos. Muss man gesehen haben.

Und ein Bonbon hatte Wartke dann am Ende noch für seine Fans – seinen One-Man-Trailer für Antigone, das Sequel zu König Ödipus, zitatereich: »Helft uns, Adrastos, Ihr seid unsere letzte Hoffnung!« – »Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!« – »Es kann nur einen geben!« – Star Wars, Highlander, Matrix ließen grüßen und wünschten einen guten Heimweg.



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 Veröffentlicht am 6. April 2011
 Kategorie: Misc.
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