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Die Politik der Wörter

Weltpremiere in Göttingen: Erstmals stellte Günter Grass sein neues Buch Grimms Wörter vor. Für Litlog sprach Josephine Kujau mit dem Nobelpreisträger über die Grimms, die Politik der Wörter, die neuen Medien und seine Hoffnung auf das Engagement der nachwachsenden Generationen.

Josephine Kujau: »Es wär schön, wenn man sich einfach in die Zeit hineinweben könnte«, heißt es bei William Faulkner. In Ihrem neuen Buch tun Sie genau das. Sie weben ihre eigene Lebensgeschichte, als abschließenden dritten Teil Ihres autobiographischen Zyklus, in die der Brüder Grimm ein. Was war zuerst da: Die Idee, den Grimms ein Denkmal zu setzen, in dessen Urform sie dann begannen autobiographische Begebenheiten einzuflechten, oder die Suche nach einer Schablone, um die eigene Biographie zum Abschluss zu bringen?

Günter Grass: Mit Grimms Wörter schließt bei mir ein längerer Schreibprozess ab; siebeneinhalb Jahre habe ich daran geschrieben. Erst erschien Beim Häuten der Zwiebel, dann Die Box und jetzt habe ich dieses Buch geschrieben. Alle drei Bücher, so unterschiedlich sie von der literarischen Gestaltung sind, haben etwas Autobiographisches. Erst meine jungen Jahre, dann meine Familie, das Verhältnis zu den Kindern, und hier nun das Verhältnis zur Gesellschaft, bis in die politischen Umstände hinein. Und da war es naheliegend – eigentlich lockte mich auch, mein Verhältnis zur deutschen Sprache zu definieren – auf die Brüder Grimm zu kommen.

Günter Grass


Günter Grass vor seiner Lesung vergangene Woche im ZHG.

 

Bio

Günter Grass wurde 1927 in Danzig geboren. Nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft machte er eine Lehre als Steinmetz und studierte anschließend Grafik und Bildhauerei. Seinen ersten Gedichtband veröffentlichte Grass 1956. Drei Jahre später erschien der erste Roman Die Blechtrommel, für den er 1999 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Heute lebt Günter Grass in der Nähe von Lübeck.

 
 
Seit vielen Jahren ist es so, dass ich, sowie ich das Wörterbuch aufschlage, mich festlese. Und es wird hoffentlich in meinem Buch deutlich, wie kühn die beiden Bedingungen gestellt haben, in erster Linie Jacob Grimm. Er wollte ja nicht einfach nur ein Lexikon erstellen wie Adelung und Schottelius. Alles, was davor war, hat er abgelehnt. Jedem Stichwort wollte er das Herkommen nachweisen und das hat er getan mit dieser Sintflut von Zitaten: Angefangen bei Ulfilas, der die Bibel ins Gotische übersetzt hat, über das Mittelalter – sehr viele Lutherzitate, aber eben auch Fischart, der Gargantua und Pantagruel von Rabelais ins Deutsche übertragen hat und dadurch den Wortschatz der deutschen Sprache erweitert hat – bis hin zu Goethe und Schiller. Diese Fülle ist da. Seine Zeitgenossen, also das Junge Deutschland mit Gutzkow und auch Heine, lehnte er allerdings ab. Da wird es dann auch bei ihm politisch.

Das Buch setzt ja in Göttingen an, mitten im reifen Mannesalter der Grimms: Wilhelm hat Familie, sie sind in Göttingen Professoren. Da bricht Ernst August, der frisch inthronisierte König von Hannover, die Verfassung. Das heißt, er setzt sie außer Kraft und legt sich eine neue, reaktionäre zu. Dagegen protestieren die Göttinger Sieben: Sieben Professoren, unter anderem Jacob und Wilhelm Grimm. Und das führte zur Ausweisung. Erstmal von Jacob, Wilhelm zieht dann nach Kassel nach, wo sie zwar in ihrer eigentlichen Heimat Asyl finden, aber keine Heimat mehr vorfinden …

J. K.: Sie beschreiben einige Episoden aus dem Leben der Brüder Grimm sehr detailliert, nennen Zahlen und verorten das Geschehen ganz konkret. Haben Sie dafür genauestens recherchiert, oder sind biographische Fakten mit fiktiven Schilderungen verquickt?

G. G.: Nein, nein, das sind die Tatsachen.

… Dann passiert eigentlich eine Sternstunde im deutschen Verlagswesen. Zwei junge Verleger aus Leipzig kommen angereist, Karl Reimer und Salomon Hirzel, und sagen, ich zitiere jetzt, »ob sie nicht bereit seien, die unfreiwillige Muße auszufüllen mit dem Verfassen eines Deutschen Wörterbuchs«. Und die Grimms fangen damit an.

All das ist bei ihnen auch vermischt mit politischen Ereignissen. Man darf nicht vergessen, so wie die Entlassung einen politischen Hintergrund hatte, leben sie in einer Zeit der Zensur, der Metternich’schen Beschlüsse. Die ganze Metternich’sche Politik wirkt sich aus, die Literatur ist davon geprägt, bis hin zur 48er Revolution, bei der dann Jacob in die Paulskirche geht, als Abgeordneter hineingewählt. Er stellt dort drei Anträge, alle werden abgelehnt und er scheitert im Grunde in Frankfurt im Paulskirchenparlament.

Dieser politische Hintergrund bot mir Gelegenheit, jeweils von den Stichwörtern ausgehend, Verbindungen zu meinen eigenen politischen Erfahrungen zu knüpfen – mein Buch ist ja so aufgebaut: Es fängt mit dem Buchstaben ›A‹ an, das erste Kapitel, mit der ›Ausweisung‹, und geht dann weiter ›Briefwechsel‹ wie ›B‹ und ›C‹ die ›Cäsur‹. Aber diese Verbindung mit den eigenen Erfahrungen macht vielleicht ein Fünftel des Buches aus, der Hauptteil ist eben die Geschichte des Wörterbuchs, die ja weitergeht nach dem Tod der Grimms.

J.K.: … bis heute weitergeht …

G.G.: Und zwar nach strikten Vorschriften, bei der Kleinschreibung angefangen und aufhörend bei dem Zwang, alles mit Zitaten zu belegen, jedem Wort die Herkunft nachzuweisen. Das macht diese Bücher so einzigartig.

Dann, durch die wechselnden politischen Verhältnisse, entsteht ein Stück deutscher Geschichte. Erst die Metternich’sche Zeit, dann ins Kaiserreich hinein, danach die Weimarer Republik, danach die Nazizeit. Nach 1945 dann das Erstaunliche. Der Kalte Krieg bricht aus, alles ist geteilt in Deutschland, aber die Arbeitsstelle in Ost-Berlin, in der Akademie der Wissenschaften, und die Nebenstelle in Göttingen arbeiten weiter. Bis 1960 geht das, da ist der 32. Band fertig. 120 Jahre hat es gedauert, um dieses Beispielhafte zu vollenden.

Aber kaum war es fertig, kam schon die Überarbeitung und das wird auch nie aufhören. In meinem Buch weise ich darauf hin, dass die beide den ersten Germanistentag, den Begriff Germanistik überhaupt erfunden haben, mit allen Vor- und Nachteilen, die dazu gehören.

Wilhelm sagt ja, dass die Franzosen es doch eigentlich gut haben. Die haben eine académie, die aufpasst, was richtiges Französisch ist. Sie ist eine Art Polizei. Doch dann sagt er auch, vielleicht sollten wir uns beglückwünschen, dass wir das nicht haben. Unsere Sprache, so verballhornt sie gelegentlich wird und in die sich zu allen Zeiten Fremdes hineinmischte, hat immer die Kraft gehabt, sich zu erneuern. Und dem stimme ich nach wie vor zu. Wir neigen manchmal dazu – wenn ich nur an die Debatte um die Rechtschreibreform denke – trocken zu werden, pedantisch zu werden und der Sprache nicht zu vertrauen. Durch die Geschichte der deutschen Sprache hindurch hat es diese Auseinandersetzung gegeben. In der Barockzeit zum Beispiel. Fast alle deutschen Barockdichter haben darüber geklagt, oder gar Spottgedichte über die Verwelschung der Sprache geschrieben. Was wir zur Zeit mit den englischen Ausdrücken erleben, läuft parallel dazu.

J.K.: Ist das klassische Wörterbuch in seiner Schwere und Detailversessenheit nicht längst überholt? In seiner raschen Aktualisierbarkeit ist das Internet womöglich der geeignetere Platz für eine Bestandsaufnahme der Sprache, die doch immerzu in Bewegung ist und nie statisch.

G.G.: Ich bin in der Beziehung ziemlich altmodisch. Ich mache von diesen Dingen keinen Gebrauch. Nach wie vor schreibe ich mit einer Schreibmaschine, habe kein Faxgerät und kein »Handy«, wie man auf Deutsch sagt. Das Wörterbuch ist etwas, mit dem ich älter geworden bin, das ich aufschlage, in dem ich mich festlese. Und es ist ja etwas, was immer wieder belegt, wie sich die Wörter wandeln, wie sie auch an anderen Bedeutungen gewinnen. Ob die Neuen Medien das so leisten können, weiß ich nicht. Da wird zwar eine Informationsflut geliefert, aber ob daraus Wissen wird, ist eine andere Frage. Das wird sich bei Ihrer Generation rausstellen, die damit aufwächst. Wissen ist ja etwas, das man sich erarbeitet, und ich habe eine gewisse Befürchtung, dass durch dieses Angebot der Neuen Medien, mit dieser Flut von Informationen, der Arbeitsprozess so verkürzt wird, dass man meint, Information sei schon Wissen. Es führt auch bei den Produkten, die daraus entstehen, zu einer gewissen Beliebigkeit. Da kann man, was man noch nicht einmal erarbeitet hat, rausziehen und das flickt man umstandslos mit einem Fingerklick hinein und schon steht es da. Ich halte nicht viel davon.

J.K.: Dabei stellt sich auch die bisher ungeklärte Frage der Urheberrechte.

G.G.: In all den Bereichen hinkt unsere Gesetzgebung um ein Jahrzehnt und länger hinterdrein.

J.K.: Ein wichtiges Thema Ihres neuen Buchs ist Ihr  politisches Engagement. Ist Ihnen meine Generation allgemein zu unpolitisch?

G.G.: Es ändert sich momentan, glaube ich. Ich glaube, dass Ihre Generation nach einer langen Phase davor, wo man meinte, Distanz halten zu können, sich raushalten zu können, merkt, welches Erbe sie antritt. Von der Schuldenlast bis zu unserer beschädigten Verfassung. Das sehen Sie sicher anders als ich, ich bin bei Kriegsende 17 Jahre gewesen und habe diesen mühsamen Aufbau von demokratischen Verhältnissen in Westdeutschland erlebt; das ist eine gewisse Leistung gewesen, wie so etwas aus Trümmern entstanden ist, mit all den Beschädigungen, mit der Last der Verbrechen, die von Deutschen zu verantworten sind. Sie haben das Ergebnis überliefert bekommen und Ihnen fehlen oftmals die Vergleichsmöglichkeiten. Ich weiß nicht, ob Ihnen auffällt, was mir auffällt.

In meinem Buch erwähne ich, dass bestimmte Dinge, die in unserer Verfassung stehen, etwa dass jeder vor dem Gesetz gleich ist, nicht der Wirklichkeit entsprechen. Der Geldbeutel entscheidet, ob jemand in der Lage ist, sich einen Anwalt oder gar eine Anwaltskanzlei zu leisten, die mit ihm durch alle Instanzen geht. Da ist die Ungleichheit ganz eklatant. Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen: die Sozialverpflichtung des Eigentums, die ja auch in der Verfassung steht. Allerdings leben wir in einem Land, das nach wie vor reich ist, in dem aber nicht zu übersehen ist, auch von ihrer Generation nicht zu übersehen ist, dass die Kinderarmut zunimmt und wir Gefahr laufen, wieder ins 19. Jahrhundert, wieder in eine Klassengesellschaft zurückzufallen, denn die Diskrepanz zwischen arm und reich nimmt zu.

Sie sprachen von der Gesetzgebung. Unsere persönlichen Daten sind nicht mehr geschützt. Wir laufen Gefahr in einen Überwachungsstaat zu geraten, der außer Kontrolle gerät, weil die Gesetze nicht ausreichen. Das sind Dinge, die eigentlich von Ihrer Generation erwarten lassen, dass sie sich als citoyens betragen. Das ist die Lektion, die meine Generation auch erst lernen musste: Dass man nicht Bürger ist, wenn man irgendwann mal zur Wahl geht und sein Kreuzchen macht. Demokratie ist kein fester Besitz. Man kann etwas dafür tun. Es ist leicht über die Parteien zu schimpfen, aber es steht nirgendwo geschrieben, dass man die politischen Verhältnisse, die gesellschaftlichen Verhältnisse, alleine den Parteien überlassen muss. Wir haben aufgrund der Verfassung, soweit sie noch intakt ist, Rechte und Pflichten. Es kommt auf den Einzelnen an, diese wahrzunehmen. Warnend kann ich nur sagen, und das wird einem dann immer als Moralapostel angekreidet, die Weimarer Republik ist unter anderem daran kaputtgegangen, dass sich nicht genügend Bürger schützend vor sie gestellt haben.

J.K.: In Göttingen gibt es seit nunmehr 11 Jahren eine jährlich wechselnde Dozentur für Literaturkritik. In diesen Seminaren versuchen sich Studierende unter der Obhut renommierter Kritiker am Verfassen von Literaturkritiken. Sie selbst waren nicht immer einverstanden mit Ihren Kritikern. Können Sie den Studierenden eine Idee vermitteln, was eine gelungene Rezension ausmacht?

G.G.: Sich auf den Text einlassen. Nicht fragen, was man sich wünscht vom Autor, sondern fragen, was wollte der Autor mit diesem Buch erreichen – und was gibt der Text her. Immer wieder erlebe ich, dass an den Intentionen völlig vorbeidiskutiert wird. Bei Grimms Wörter zum Beispiel wird mir vorgeworfen, dass ich von mir spreche. Also wenn man autobiographisch schreibt, und das macht vielleicht ein Fünftel des Buches aus, bleibt nichts anderes übrig, als gelegentlich seine eigenen Erfahrungen mit einzubringen. Und nichts anderes habe ich getan.

J.K.: Sehr geehrter Herr Grass, ich bedanke mich für das Gespräch.



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 Autor*in:
 Veröffentlicht am 19. September 2010
 Großes Bild mit freundlicher Genehmigung vom Steidl Verlag, kleines Foto von Christoph Heymel
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 2 Kommentare
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2 Kommentare
Kommentare
 Hans-Werner
 19. September 2010, 10:54 Uhr

Danke, schönes Interview, zwar ein bisschen Rosinenpickerei bei den Fragen, aber dafür angenehm ausführliche Antworten!

 Silvana Zehnpfennig
 7. März 2012, 14:49 Uhr

Dass Interessante an der heutigen Gesellschaft ist doch, bzw. vielmehr das Erschreckende, dass die Politik als vorgefertigtes, mudgerecht zugeschnittenes und absolut gegenwärtig in ihrem Wahrheitsgehalt angenommens Medium, verstanden wird. Die Frage ist aber: Sollte der Gesellschaftsbürger sich einer Politik bedienen, die minder aus seinem eigenen, sondern mehr aus dem Interesse der globalen Marktwirtschaft enspringt? Die globale Politik fungiert als Vermittler von marktwirtschaftlichen Machtinteressen, geleitet von den Monopolen der Welt, welche alles andere außer demokratische Absichten im Sinne führen. Es gilt das globale Netz zu stabilisieren – und das um jeden Preis – soziale und menschliche Interessen stehen am Ende der lang und breit diskutierten Debatten demokratischer Zielsetzungen. Doch was ist eigentlich Demokratie? In meinem Verständnis ist sie eine Einstellung des Menschen, nach Verfassung und Satzung des Bürgerlichen Gesetzbuches zu handeln und nach dem Interesse seines ihm zustehenden Rechtes und seiner Pflichten, aktiv zu agieren, nicht passiv zuzusehen. Wenn die eigene Haltung also den demokratischen Sinn verfehlt, so ist eine Gesellschaft, welche sich fremdführen lässt anstelle selbst zu denken, von der Demomkratie weit entfernt. Wenn ich mir und meinen Mitmenschen es nicht Wert bin, für die Menschenwürde, für die Gerechtigkeit, die Chancengleichhiet und so weiter und sofort, zu kämpfen, wie kann ich da verlangen, dass der Staat mir dieses und jenes zubilligt, da der politische Diskurs gänzlich an mir vorbeigegangen ist? Wer beginnt für die Demokratie sich einzusetzen, da er demokratisch gesinnt ist, der kann auch etwas bewegen, auch wenn es kleine Schritte sind. Denn was zählt ist die Gesinnung, von anderen wahrgenommen, ein wöhlmöglich kleiner rollender Stein, der, bei Zeiten, zur Felslandschaft werden kann.

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