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Die Radiofamilie

Ingeborg Bachmanns Die Radiofamilie ist eins der 2011 von Jospeh McVeigh veröffentlichten Funkmanuskripte, die die Autorin in einem optimistisch-harmlosen Licht erscheinen lassen. Rahel Rami nimmt sich Manuskript und Herausgeberkritik an und vernimmt eine instrumentalisierte Hörpielautorin sowie einen verflachenden Biographismus.

Von Rahel Rami

1950 starten die amerikanischen Besatzungsmächte in Wien eine Propagandaoffensive, die sie vor allem über ihren Rundfunksender Rot-Weiß-Rot verbreiten. Der Plan ist, durch mehr Unterhaltungssendungen eine höhere Quote zu erreichen und dementsprechend dem sowjetischen Rundfunk die Hörer abspenstig zu machen.
Im September 1951 schreibt Ingeborg Bachmann an ihre Eltern:

[…] ich mußte um jeden Preis gleich sagen, daß ich so glücklich bin über die Wendung, die gestern mein Leben plötzlich genommen hat. Ich wurde zum amerikanischen Oberchef des Senders Rot-Weiß-Rot gerufen und man sagte mir dort aus heiterem Himmel heraus, daß ich eine Script Writer Editor Stelle bekäme[.]

Bachmann hatte zuvor im Sekretariat des Senders gearbeitet und war nun, nach ihrer unvermuteten Beförderung, unter anderem für das Aussuchen und Verfassen von Hörspielen und Features zuständig. Hauptaufgabe war eigentlich die Leitung des Wissenschaftsbereichs; in der Hörspielsektion sollte sie lediglich »mitvertreten helfe[n]«. In der Zeit bei Rot-Weiß-Rot entstanden dann ihre wichtigsten Hörspiele wie Der Gute Gott von Manhattan, für das sie den Hörspielpreis der Kriegsblinden bekam, oder auch Ein Geschäft mit Träumen. Eher in Vergessenheit geraten hingegen war ihre Mitwirkung bei der Hörspielserie Die Radiofamilie, die sie zusammen mit Jörg Mauthe und Peter Weiser schrieb.

Bürgerliche Exzentrik

Joseph McVeigh hat 15 Typoskripte, die Bachmann zwischen 1951 und 1955 zu dieser »Erfolgssendung« beigesteuert hat, unverhofft im Nachlass Jörg Mauthes entdeckt und nun herausgegeben.

Buch


Ingeborg Bachmann
Die Radiofamilie
Suhrkamp: Berlin, 2011
411 Seiten, 24,90€

 
 
Die Radiofamilie gibt einen Einblick in das Alltagsleben der bürgerlichen Mittelschicht im Nachkriegsösterreich. Im Zentrum der halbstündigen Episode steht die Familie Floriani. Das sind der vergeistigte Oberlandesgerichtsrat Hans Floriani, seine Frau Vilma, Helli, die pubertierende Tochter, deren Gedanken stets bei Männern oder ihrer Figur sind und der Sohn Wolferl, der gegen die Widrigkeiten der lateinischen Grammatik und das dadurch mitbedingte Sitzenbleiben ankämpft. Hinzu kommt noch der Halbbruder von Hans Floriani: Guido, ein »ehemaliger Nazi« der nach dem Krieg »einer der ersten [war], die sich betont distanziert haben« und nun seinen Lebensunterhalt hauptsächlich mit einer Hühnerfarm in Purkersdorf verdient und durch seine Frau Liesl meistens erfolgreich daran gehindert wird, seine abstrusen Geschäftsideen umzusetzen.

Familie Floriani steht mit ihrem festen Wertegefüge, das in jeder Folge subtil auf Beständigkeit geprüft wird, soweit in der Mitte der Gesellschaft, dass es gut ist, wenn der Hallodri-Onkel für die notwendige Dosis Exzentrik sorgt. Beispielsweise dann, wenn er sich als letzter Nachfahre der Habsburger wähnt, bis ihn Nichte Helli am Schluss einer Folge dezent darauf hinweist, dass er viel jünger als der vermeintliche Habsburg-Enkel ist und damit zu jung, um nach der Geburt vertauscht worden zu sein. Und zum Schluss ist die gewohnte Ordnung wieder hergestellt: Onkel Guido, der sich schon in Schönbrunn wähnte, wird weiterhin in Purkersdorf seine Hühner füttern.

Da ist sie also, die ›triviale Inge‹. Im schönsten Wienerisch werden Dinge des Alltags verhandelt und immer gibt es ein Happy-End für alle. Keine Darstellung der Kindheit als Harmonie-Utopie. Keine Verstörung, sondern Optimismus wohin man sieht. Und warum? Weil das Sinn und Zweck der amerikanischen Propaganaoffensive war. Mission accomplished.

»Guidos kommen in den besten Familien vor.«

Aber Herausgeber Joseph McVeigh will die ›triviale Inge‹ nicht so einfach akzeptieren. Seine These, die er im Anhang des Bandes aufstellt, lautet, dass Bachmann versucht, vermittels der Radiofamilie ihre »persönliche[n] Dämonen zu bannen«. Da ist zum Beispiel Bachmanns Vater, der einer von Klagenfurts ersten Nazis war und nach dem Krieg mit Berufsverbot belegt wurde. Die Auseinandersetzung mit ihm und seinen Überzeugungen und Taten ist immer wieder Motiv in Bachmanns literarischem Schaffen, speziell in dem Todesarten-Roman Malina. Diese tiefdunkle, drängende und zum Teil alptraumartige Verarbeitung steht im absoluten Kontrast zum Umgang mit dem Ex-Nazi Guido und dessen Charakterisierung als »komische Figur«. Er ist ein Hans Dampf in allen Gassen, der damals ›irgendwie aus Versehen dabei war‹ und daher für seine Taten nicht so sehr zur Verantwortung gezogen werden kann. Schließlich stellt Vilma fest: »Guidos [kommen] in den besten Familien vor.«

McVeigh sieht nun in der schuldmindernden Darstellung des Ex-Nazis eine »symbolische Rehabilitierung des Vaters in der Figur des Onkel Guido«. Allerdings heißt es dann auch, die Rehabilitierung der Figur und ihre positive Darstellung sei aber nur mit Bezug auf die »familiäre Dynamik« möglich.

Was nichts anderes bedeutet, als dass Guido ein Sympathieträger ist, weil es die Figurenkonstellation, die vom Autorenkollektiv entworfen wurde, und der erzieherische Anspruch der Alliierten so will. Es geht hier also nicht um den Versuch Bachmanns, ihr verloren gegangenes Kindheits-Idyll wiederherzustellen, indem sie das Vater-Motiv positiv besetzt, wie es die Interpretation des Herausgebers suggeriert. Es ist bei McVeigh nicht ganz klar, ob er zwischen dem fiktiven Vater als Motiv und dem realen Vater Bachmanns unterscheidet.

Problematisch ist nicht nur die biographistische Herangehensweise, sondern auch, dass McVeigh versucht, eine tiefere Bedeutung in etwas hineinzulesen, das in diesem Maße nicht vorhanden ist. Offensichtlich ist, dass es sich um eine Radioserie handelt, die einen pädagogischen Anspruch erfüllt, nämlich die Verbreitung optimistischer Zukunftsgedanken. Offensichtlich ist auch, dass hier eine Figur vorkommt, die Parallelen unter »umgekehrten Vorzeichen« mit Motiven aus Bachmanns späterem Werk hat. Und vielleicht ist es für Bachmann-Kenner ein erfrischender Zeitvertreib biographische Anspielungen, Motiv-Parallelen und -unterschiede zu ihrem Werk zu suchen, das unter anderen, freieren Bedingungen geschrieben wurde. Der Rückbezug auf die Biographie der Autorin ist hingegen ein »gewagtes Unterfangen«, wie McVeigh selbst an einer Stelle schreibt – was ihn aber von nichts abhält.



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 Autor*in:
 Veröffentlicht am 27. Februar 2012
 Kategorie: Belletristik
 Bild Family Favourite 1964 von Gareth 1953 via flickr.
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