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Die Schönheit im Inneren

An diesem Abend standen die Menschen im Mittelpunkt. Von Krieg und Frieden, Liebe und Verlust und von der Macht der Poesie handelt Marica Bodrožićs neuer Roman Mein weißer Frieden, den sie im Gespräch mit ihrem Dichterkollegen Christian Uetz im Literarischen Zentrum vorgestellt hat.

Von Sarah Schädler

Als zu Beginn der 90er Jahre Krieg über ihr Herkunftsland Jugoslawien hereinbricht, lebt die gebürtige Kroatin Marica Bodrožić längst in Deutschland, aber die Ereignisse an der Adria beschäftigen sie bis heute. Mein weißer Frieden ist ein autobiografischer Roman. Er beschreibt die Erfahrungen, die Marica Bodrožić auf einer Recherche-Reise durch ihre alte Heimat gesammelt hat. Dabei traf sie nicht nur auf Familienangehörige, sondern auch auf fremde Menschen, die von ihren ganz persönlichen Erfahrungen während des Krieges berichteten. »Das Leben ist ein Reise und die Erinnerung ist eine stille Mitschreiberin«, beginnt Marica Bodrožić ihre Lesung. Konkrete Situationen, die ihr während der Reise ins ehemalige Jugoslawien widerfahren sind, nutzt sie geschickt, um über Themen zu sprechen, die ein vom Krieg traumatisiertes Volk zutiefst bewegen, wie der Umgang mit der eigenen Schuld, mit Tod und Verlust.

Die Lesung

Tod und Verlust. Auch der Familie von Marica Bodrožić blieben diese Folgen des Krieges nicht erspart. Die erste Passage aus Mein weißer Frieden, welche die Autorin dem Publikum an diesem Abend vorträgt, handelt vom Selbstmord ihres Cousins Philipp, der im Krieg gekämpft hat. Obwohl er ihn überlebt hat, wollte er nicht weiterleben, was Bodrožić zu der Frage führte: »Was geschieht mit einem Menschen, dem sein eigenes Leben nicht mehr von Bedeutung ist?«

Als sie das Haus ihrer Tante Anastasia im Hinterland von Dalmatien im heutigen Kroatien zum ersten Mal seit 30 Jahren betritt, scheint äußerlich nichts verändert, aber doch ist alles anders: Die zwei noch lebenden Söhne Anastasias haben ebenfalls im Krieg gekämpft, doch ihre Seelen wandern seit dem Ende des Krieges »zur Hälfte im Nebel und zur Hälfte in dieser Welt«. So beschreibt Bodrožić ihre ganz persönlichen Eindrücke vom Zusammentreffen mit der Familie. Das Grauen des Krieges hat seine Spuren hinterlassen. Besonders das Schicksal von Philipp bewegt auch Bodrožić und das Konzept der Feindesliebe schleicht sich in den Vordergrund. Einst hatte sie es mit ihrem Cousin diskutiert. Wie man den Hass überwindet und die Nächstenliebe preist, darüber hatten sie gesprochen. Philipp sei nicht darauf vorbereitet gewesen, jemanden zu töten – »wie konnte er sich töten?«, fragt sie in den Raum. Die Stimmung im Publikum ist angespannt, die Stille fast greifbar.

Buch-Info


Marica Bodrožić
Mein weißer Frieden
Luchterhand Literaturverlag (Random House), München, 2014
336 Seiten, 19,99 €
E-Book: 15,99 €

 

Lit. Zentrum


Das Literarische Zentrum Göttingen e.V. ist eine überregionale Einrichtung, die sich als »Begehbares Feuilleton« versteht und Literatur in Nähe zu Film, Musik, Wissenschaft, Schauspiel und Popkultur diskutiert. Sie wurde im April 2000 unter dem Vorsitz von Heinz Ludwig Arnold, Thedel von Wallmoden und Hilmar Beck gegründet und war für zwei Jahre im Lichtenberghaus untergebracht. Seit 2002 hat das Literarische Zentrum seinen Sitz in der Düsteren Straße. Geschäftsführerin ist Dr. Anja Johannsen, das Jugend-/Kinderprogramm »Literatur macht Schule« wird von Gesa Husemann verantwortet.

 
 
Mit von Poesie durchzogener Sprache verliert sich Bodrožić in einem Monolog über die Bedeutung von Liebe, Tod und Verlust, der jeden Zuhörer an diesem Abend in seinen Bann zieht. Nach dem Krieg habe Philipp ein Hauch Gleichgültigkeit umgeben. Beachtung sei ihm keine geschenkt und die Würde geraubt worden. Bodrožić konfrontiert ihr lyrisches Ich mit Selbstvorwürfen und Schuldgefühlen: Wäre sie öfter in Dalmatien gewesen, hätte sie Philipp retten können? Hier gewährt die Autorin tiefe Einblicke in ihren psychologischen Kosmos. »Wie viel Lebenszeit verschwenden wir mit Krieg? Sei es der Krieg zwischen den Völkern, der Krieg im Alltag oder der Krieg in den Gedanken.« Ein Gedankenspiel, das Bodrožić zu der Frage führt: »Wie werden wir, was wir sind?«.

Im Gegensatz zu Philipp sei sie mit Freiheit und Unversehrtheit gesegnet, was Bodrožić als »Luxusgut« bezeichnet. Dieses »Luxusgut« sei auch ihren anderen Cousins versagt geblieben. Obwohl auch sie im Krieg getötet haben, liebe sie diese wandernden Schatten. Ein Konflikt, mit dem sich Bodrožić intensiv auseinander setzt. Auch für ihren Cousin Philipp haben sich ihre Gefühle nach dem Ende des Krieges nicht geändert. Er war ihr ein wertvoller Mitmensch, aber letztlich sei er ihnen nur geborgt gewesen. Auf die Frage, wie man mit dem Verlust eines geliebten Menschen umgehen soll, findet Bodrožić eine klare, aber kontroverse Antwort: »Der Tod ist der Kern des Lebens. Vielleicht können wir nur durch den Tod die wahre Bedeutung eines Menschen erfassen.«

In einer anderen Passage aus Mein weißer Frieden geht es nicht nur um den Selbstmord des Cousins, sondern vor allem um die Frage der Schuld. Bodrožićs Tante Anastasia leidet mittlerweile an Parkinson. Die lebenden Söhne sehe sie nicht mehr, stattdessen habe Philipps Tod ihr einen »inneren Stempel« aufgedrückt. Einst habe auch Anastasia den Krieg befürwortet. Jetzt sei sie gefangen im Zwiespalt und habe eingestanden, dass es ein Fehler gewesen sei, denn ohne den Krieg wäre Philipp noch am Leben.

Mein weißer Frieden ist nicht nur eine autobiographische Erzählung, sondern vor allem ein Plädoyer für die Schönheit und Einzigartigkeit der menschlichen Seele. Diese innere Schönheit, die nach Auffassung der Autorin jedem Menschen von Natur aus gegeben ist, werde durch den Krieg gefoltert, verkrüppelt und misshandelt. Der Hass auf die Serben, welcher den Krieg in ihrem Herkunftsland solange am Leben gehalten hat, sei vor allem durch die Kriegspropaganda zu begründen. »Menschen können auf tiefste Weise manipuliert werden«, warnt Bodrožić und spricht über die Spannung zwischen Individuum und Kollektiv, die in Kriegszeiten miteinander verschmelzen. Das Individuum sei im Kollektiv gefangen und habe fürchterliche Angst, sich diesem zu entziehen. Es werde »unsichtbar«, denn in Kriegszeiten zähle Loyalität mehr als Ethik. Das Volk werde zur Masse und es sei einfach nicht erlaubt, individuell zu denken. Nur Geflohene aus der Kriegsmaschinerie könnten sich selbst neu denken und dem Kollektiv entziehen. »Nur wer in die Tiefe geht, findet die eigene Vernunft und wird verantwortlich«, erklärt Bodrožić. Der Charakter eines Menschen sei kein Zufall, sondern eine Aufgabe.

Im Gespräch mit Christian Uetz

Bereits in der Einführung hatte der Lyriker und Performer Christian Uetz Marica Bodrožićs künstlerisches Gesamtwerk als »einzigartig« und »unverwechselbar« angepriesen. Bei ihr sei auch »das Banale besonders.« Ein Lob, das den Kern der Arbeit von Marica Bodrožić erfasst, denn auch im Gespräch betont sie die Würde des Menschen, der sich selbst als wertvoll empfinden und das Leben schätzen solle. Dabei steche die Bedeutung der Poesie und der Sprache eindeutig hervor. Nur durch Sprache könne man sich seiner Identität vergewissern und der Aufgabe der Charakterbildung annehmen. »Vielleicht leben wir nur, um herauszufinden, wer wir sind«, gibt Bodrožić zu bedenken und damit kommt Christian Uetz wieder auf die Schönheit im Inneren zu sprechen.
»Marica, Du glaubst, dass jeder Mensch im Inneren gut ist und sich das Brutale auf die Oberfläche beschränkt, die durch die Masse manipuliert wird.« »Wer tötet, verleugnet sich selbst«, bestätigt Bodrožić im dynamischen Wortwechsel mit ihrem Dichterkollegen. Es gebe eine innere Wirklichkeit und diese werde vergessen, je radikaler die äußere Wirklichkeit sei. Gerade im Krieg solle man vergessen, dass es einen inneren Moment gebe. Die Menschen seien empfänglich für Extreme und Manipulation. »Wir müssen zur inneren Schönheit zurückfinden und sie in Handlungen umsetzen«, denn nur so können wir die Menschlichkeit erhalten. »Bleibe innen, dann ist auch das Äußere eine innere Begegnung«, schließt Christian Uetz den kurzen aber ergiebigen Dialog mit dieser bemerkenswerten Autorin über den Konflikt zwischen Gut und Böse und die Gesundheit der menschlichen Seele.



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 Veröffentlicht am 18. Mai 2015
 Mit freundlicher Genehmigung des Literarischen Zentrums in Göttingen
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