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Literaturherbst 2014
Die Untiefen des Alltags

Über Judith Hermanns Können wird zurzeit heftig gestritten. Lilo Ruther hat Judith Hermanns ersten Roman Aller Liebe Anfang gelesen und war dabei, als Judith Hermann ihren Roman beim Göttinger Literaturherbst vorstellte. Sofie Bläsi begleitete den Abend im Deutschen Theater mit ihrer Kamera.

Von Lilo Ruther

Judith Hermann war zwischen Axel Hacke und Ferdinand von Schirach um 19.00 Uhr dran. Es ist ihre erste Lesung direkt nach der Frankfurter Buchmesse, die einen Tag vorher zu Ende ging. Der Deutsche Buchpreis und der Literaturnobelpreis sind in der vorangegangenen Woche vergeben worden. Der Man Booker Prize wird einige Tage später verliehen. Und mitten in diesem Literaturrummel stellt Judith Hermann, die schon einige wichtige Preise gewonnen hat, in Göttingen ihren ersten Roman vor. Die inzwischen 44jährige wurde schon 1998 mit Sommerhaus, später bekannt und als Stimme der Deutschen Gegenwartsliteratur (»Der Sound einer neuen Generation«, Hellmuth Karasek) gefeiert. 2003 und 2009 erschienen ihre Erzählbände Nichts als Gespenster und Alice. Im August erschien jetzt ihr erster Roman Aller Liebe Anfang (Fischer Verlag, 2014).

Judith Hermann beim Lesen aus ihrem neuen Roman

Judith Hermann war in den letzten zwei Monaten allgegenwärtig. Ständig wurde in den Feuilletons über sie geschrieben und man hörte sie im Radio über ihr Buch sprechen. Dazwischen las ich den Roman, und so bin ich nicht unbefangen und nicht ohne Vorwissen. Um es gleich zu sagen: Aller Liebe Anfang ist ein lesenswertes Buch und Judith Hermann hat auch im Gespräch mit Ulrike Sárkány, der Leiterin der Literaturredaktion von NDR Kultur, viel zu sagen.

Ein leeres Blatt wird beschrieben

»Am Anfang einer jeden Liebe ist ein leeres Blatt Papier. Es muss erst vollgeschrieben werden.«, antwortet Judith Hermann auf die Frage nach der Bedeutung des Titels Aller Liebe Anfang. Im Prolog erfährt der Leser vom Anfang der Liebe von Stella und Jason: Stella ist auf dem Rückweg von der Hochzeit ihrer besten Freundin. Sie fühlt sich einsam:

Sie hat den Brautstrauß gefangen, wahrscheinlich ist sie deshalb so aufgelöst, und sie hat sich von Clara verabschieden müssen, deshalb ist sie so verloren. Es ist eine schöne Hochzeit gewesen, von nun an muss Stella alleine weitersehen.

Sie hat Flugangst und setzt sich direkt neben Jason, obwohl das nicht ihr reservierter Platz ist. »Glühende Wangen, eine erschreckende Distanzlosigkeit« – so beginnt die Beziehung von Stella und Jason.

Er nimmt jetzt ihre Hand in seine beiden Hände, und dann küsst er ihre Hand, den Handrücken, fest und sicher. Wollen wir uns wieder sehen, sagt Stella. Sehen wir uns wieder. Ja, sagt Jason, er sagt das, ohne nachzudenken – ja.

[…]

Jason ruft drei Wochen später an. Stella fragt ihn nie, was er in diesen drei Wochen gemacht hat, worüber er eigentlich so lange nachgedacht hat, zu welchem Schluss er dann gekommmen ist.

So endet der Prolog. Zwischen dem Prolog und dem ersten Kapitel sind fünf Jahre vergangen. Das leere Blatt ist nun vollgeschrieben: Stella und Jason sind verheiratet, haben eine vierjährige Tochter, Ava, und wohnen in einer Vorortsiedlung. Stella arbeitet halbtags als Krankenpflegerin. Jason baut Häuser und ist oft unterwegs.

Das alles klingt zugegeben erst einmal etwas langweilig: Heiraten, Sesshaftwerden und Vorortidylle. Ist es aber nicht, denn in der Klarheit der Sprache und den für die Prosa der Autorin typischen Leerstellen schwingt viel mehr als nur Klischeeromantik mit. Die detaillierte Beschreibung alltäglicher Handlungen und Gegenstände ist ihre große Stärke. Zwischen den Zeilen liegen die großen Themen von Sehnsucht und Zweifel. Judith Hermanns Prosa lässt viel Raum für Assoziationen, was kein Zufall ist: »Wichtiger als, das was ich schreibe, ist das, was ich nicht schreibe.« Mir gefallen die kurzen Sätze ihrer Prosa, die Uneindeutigkeit, die Leerstellen in ihren Texten.

Der Roman Aller Liebe Anfang

Mister Pfister klingelt jeden Tag

Eines Tages steht ein fremder Mann vor der Tür – und damit beginnt die eigentliche Geschichte des Romans. Der Mann bittet um ein Gespräch. Stella lässt sich nicht darauf ein, und der Unbekannte geht wieder. Von nun an kommt er fast jeden Tag und klingelt an ihrer Tür. Er wirft Dinge in ihren Briefkästen. »Mister Pfister« – so der Absender der Briefe – wohnt ein paar Häuser weiter. Sein Auftauchen bringt Stella durcheinander. Sie ist irritiert. Sie versucht, sich in ihn hineinzuversetzen. Seine Präsenz führt dazu, ihr eigenes Leben in Frage zu stellen. Sie ist unkonzentriert, weil sie nicht weiß, wie sie mit Mister Pfister umgehen soll. So fragt sie den Mann einer Patientin nach dem Begriff für Mister Pfisters Verhalten:

Dermot denkt nach. Dann sagt er, Sie meinen coup de foudre. Das Liebesgewitter, das ist es, was Sie meinen. Das Zerstörerische kommt vom Blitz. Von der Kraft des Blitzes.

Mister Pfisters coup de foudre ist eben auch der Anfang einer Liebe und so gesehen ebenfalls unter den Titel des Buches fassbar, wie Judith Hermann im Gespräch erwähnt – eine für viele wohl überraschende Analogie zwischen dem Anfang einer romantischen Liebesbeziehung (zwischen Jason und Stella) und dem »Stalking« von Mister Pfister. Es ist die »erschreckende Distanzlosigkeit«, die beiden Anfängen gemeinsam ist.

Als Stella Mister Pfister eines Tages beim Einkaufen trifft und sieht, wie er später an ihrer Haustür klingelt, obwohl er weiß, dass sie nicht da ist, wird ihr klar, dass er offenbar nicht an einem tatsächlichen Kennenlernen interessiert ist:

Mister Pfister hat sie erkannt, aber er meint sie gar nicht – diese Stella, die nach Feierabend in flachen Sandalen und mit einem müden, ungeschminkten Gesicht einkaufen geht, angespannt, hektisch und offenbar bedürftig, diese Stella interessiert ihn nicht. Mister Pfister interessiert sich für Stella in ihrem verschlossenen Haus.

»Stalking« – im Roman gibt Stella irgendwann das Stichwort in das Suchfeld einer Suchmaschine ein – ist aber nicht das alleinige Thema, auch wenn es den gesamten Roman durchzieht. Es geht um viel mehr. Um das So-Sein des eigenen Lebens und das Schicksal der eigenen Lebensumstände, die Stella immer wieder suchen muss. Ist Mister Pfister selbst vielleicht gar nicht real, sondern nur ein Symptom? Eine Frage, die sich für die Autorin nach Abschluss ihres Romans immer häufiger stellt. Obwohl Stella glücklich verheiratet ist und ein fröhliches Kind hat, dazu einen Beruf, der sie ausfüllt, sehnt sie sich nach etwas Anderem und hat ein unbestimmtes Sehnsuchtsgefühl. Stella fühlt sich durch Mister Pfisters wiederkehrendes Auftauchen jedenfalls immer schutzloser. Das Ende des Romans soll an dieser Stelle aber nicht verraten werden. Ein Zustand zwischen Furcht und Erwartung, wie Judith Hermann ihn im Gespräch nennt. Diesen Zustand kennen wir auch aus den anderen Büchern der Autorin, auch wenn die ProtagonistInnen dort jünger waren. Es ist ein Zustand, der uns ein Leben lang begleitet – oder sagen wir lieber: der die Autorin ihr eigenes Leben lang begleitet: Wie kann man mit der Sehnsucht nach Veränderung leben? Muss man dieses Gefühl einfach akzeptieren?

Intention, Assoziation und Rezeption

Judith Hermann sieht müde aus, und das Gespräch mit Ulrike Sárkány erscheint ihr gerade am Anfang des Abends wohl als anstrengend. Einen viel wacheren und weniger angestrengten Eindruck hat man dagegen von Judith Hermann bei den vorgelesenen Passagen aus ihrem Roman, die sie in einem nüchternen Tonfall und Pausen an den richtigen Stellen zu Gehör bringt.

Ulrike Sárkány kommentiert und interpretiert viel. So mutmaßt sie, woher die Namen Jason und Ava kommen. Oder stellt fest, dass die Autorin keine psychologischen und auch keine sozialpädagogischen Erläuterungen gebe und auch keine Gesellschaftsgeschichte schreibe.

Direkte Fragen sind dagegen selten – was Judith Hermann auch zum Thema macht: »Ich finde es einfacher zu antworten, wenn Sie mir eine Frage stellen.«

Moderatorin Sárkány im Gespräch mit Hermann

Wie sie zu den Namen der Figuren komme, will Ulrike Sárkány noch wissen. »Es ist wie im Märchen«, antwortet Judith Hermann, »Ich habe drei Versuche. Wenn ich dann keinen Namen gefunden habe, dann verschwindet die Figur.«
Wir erfahren an diesem Abend viel über den Entstehungsprozess ihrer Bücher. So habe sie zunächst überhaupt nicht beabsichtigt, einen Roman zu schreiben. Die Frage nach ihrem ersten Roman, die ihr seit Jahren immer wieder gestellt werde, ärgere sie im Übrigen auch, da sie Erzählungen so liebe. Dass es dann doch ein Roman geworden ist, liege eben am Text selbst. Nicht der Autor entscheide über die Länge des Textes, sondern der Text selbst, zitiert sie ihre Kollegin Katja Lange-Müller.

Judith Hermann hat bislang im Fünf-Jahres-Rhythmus ein neues Buch vorgelegt. Das erste Jahr geht für Lesereisen drauf: »Zeit in der ich nicht schreiben kann.« Im zweiten Jahr muss sie sich dann vom Sprechen über das Schreiben erholen. Über das Schreiben zu reden, sei etwas vollkommen anderes als das Schreiben selbst. Erst im dritten Jahr kommt dann die Frage: Wie mache ich weiter? Kann ich überhaupt weitermachen? Die nächsten zwei Jahre dienen dann schließlich dem Schreiben. Zuerst schreibe sie sehr viel Text. »Text, der es noch nicht ist« und von dem vielleicht ein bis zwei Seiten übrig bleiben. »Ich schreibe über mich selbst, das ist sinnlos das nicht zu sagen.«

Ist ihre Sprache wirklich noch karger und reduzierter geworden, wie Helmut Böttiger in der Süddeutschen Zeitung feststellte? Sie raucht jedenfalls seit den letzten zwei Büchern nicht mehr. »Der Entzug äußert sich in den zurückgenommenen Sätzen.« Zudem habe sie beim Schreiben immer mehr Zweifel, was auch damit zu tun hat, dass sie über sich selbst schreibt. »Ich schreibe über mich selbst, das ist sinnlos das nicht zu sagen. So wie ich gerne wäre, wie man sich die Dinge gewünscht hätte, aber wie sie nicht gewesen sind.« In ihren Zweifeln fragt sie sich, ob es, solange man über sich selbst schreibe, richtige Literatur sei. Für mich ist Aller Liebe Anfang ohne jede Frage Literatur.

Nach der Lesung im Gespräch

Nach dem Abend haben wir eine sehr offene, zerbrechliche aber bestimmte Judith Hermann kennengelernt, mit der man gern am Küchentisch sitzen möchte – dort, wo auch viele ihrer Figuren anzutreffen sind, alleine oder zusammen mit anderen. Es ist eine Autorin, die in einem kleineren und persönlichen Rahmen vielleicht (noch) besser zur Geltung kommt als im Medientumult der Öffentlichkeit.



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 Veröffentlicht am 8. November 2014
 Bilder von Sofie Bläsi
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