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Die Zerstörung des Nichts

Matias Faldbakken avanciert derzeit zu einem der wichtigsten Multikünstler Skandinaviens. Das Fridericianum in Kassel gewinnt ihn für eine eigens auf das Museum abgestimmte Ausstellung, in der Faldbakken den und die Rahmen seiner eigenen Kunst sprengt. Ein Porträt über einen Querulanten.

Von Anja Schmidt

Der Norweger Matias Faldbakken hat kürzlich in Kassel etwa 25 Müllsäcke, fein gerahmt, an die vier Wände eines beeindruckend großen Raumes gehängt. Auf ihnen zu sehen sind von ihm gemalte oder getapete Tags, einzelne Buchstaben, ein paar Linien. Manchmal eindeutig Teile seines Namens, dann wieder nichts von erkennbarer Bedeutung. Auf dem Boden überall blauer Staub. In einem zweiten Raum hängen ebenso Bilder dieser Serie »garbage bag drawings«. Die hat Faldbakken aber gleich wieder von den Wänden gerissen, auch gar nicht erst gerahmt, und dann eine gute Prise mit einem Feuerlöscher herum gesprüht. Der liegt noch dort, achtlos fallengelassen, in der Mitte des Raumes. Und wieder dieser blaue Staub – Löschpulver. Er ist überall, auf dem Boden, an den Wänden, auf den Bildern, auf den Schuhen der Besucher. Zu sehen ist das Ganze noch bis zum 14. November 2010 in der Kunsthalle Fridericianum.

Der Titel der Ausstellung, »THAT DEATH OF WHICH ONE DOES NOT DIE«, ist das einzige, was hierher zu passen scheint. Ebenso sonderbar wie diese Botschaft ist es, in Faldbakkens salonartiger Präsentation blauer Müllsäcke herumzuschlendern. Der Raum ist zu groß, um so leer zu sein. Die Müllsäcke zu banal, um so akkurat in netten weißen Rahmen zu hängen. Außerdem werden Tags nicht gerahmt. Tags findet man als flüchtige Hinterlassenschaft von Identität unter Brücken, an Zügen, an kahlen Mauern. Flüchtiges in sorgfältig gefertigte Rahmen zu pressen scheint inkonsequent; Tags in ein Museum zu hängen verfehlt ihren Sinn. Und das Schlimmste: Es hätten auch 24 Bilder sein können. Oder 26. Kein Inhalt, der dabei verloren ginge, kein Motiv, das zu viel sein könnte. Ein Museum, das keines ist. Ein Tod, an dem man nicht stirbt.

Antimuseale Antikunst

Und warum, so kriecht die Frage nach dem Sinn weiter in den zweiten Raum der Ausstellung, sollte sich jemand die Mühe machen, dieses Nichts zu zerstören?

So antimuseal, so Faldbakken. Kunst macht er nur noch auf Einladung, hat er einmal in einem Interview gesagt. Seine Kunst an den Ausstellungsraum anzupassen, kommt für ihn nicht in Frage; und so gehört der Raum bei Faldbakken zu seiner Kunst wie Farbe zum Gemälde, wie die Noten zu einem Song, wie die Buchstaben zu einem Buch. Die Form und Art des Raumes werden das Medium seiner Kunst. So auch im Fridericianum, einem hoch geschätzten Ausstellungsort, einem Haus mit einer traditionsreichen Geschichte als Museum. Hier inszeniert Faldbakken eine Provokation der konventionellen Kunstpräsentation, bei der die traditionelle Kunstbetrachtung im Leerlauf hängt.

Info


Die Ausstellung THAT DEATH OF WHICH ONE DOES NOT DIE ist noch bis zum 14.11.2010 in der Kunsthalle Fridericianum in Kassel zu sehen

 

Bio

Matias Faldbakken, Jahrgang 1973, lebt und arbeitet als Schriftsteller und Künstler in Oslo. Seine Trilogie Skandinavische Misanthropie wurde als Bühnenfassung in Stuttgart, München und Berlin gespielt. Faldbakkens Werke wurden u.a. in London, Berlin, Oslo und New York ausgestellt.
 
 
Dies gehört sicherlich zu den Intentionen Faldbakkens. Gerade in den letzten zwei Jahren hat der 37-Jährige an verschiedenen Ausstellungsorten mehrfach die Gelegenheit bekommen, seine Kunst zu präsentieren, oder vielmehr, Kunst zu machen. Seiner eigenen Auffassung nach beschäftigt diese sich zumeist mit Zerstörung, mit Vandalismus, mit Negation. Und dies nicht ohne Grund. Faldbakken macht Kunst, indem er sie vorführt. Sein vermeintlich blinder Vandalismus ist so blind nicht, sondern wirft einen fast verächtlichen Blick auf die zeitgenössische Kunst und den sich schnell verändernden Markt. Seine Ausstellung im Fridericianum, so sagt er selbst in einem öffentlichen Künstlergespräch vor Ort, zeige den Übergang von Objekten mit künstlerischem Wert zu Objekten, die unbrauchbar, reiner Abfall geworden sind. Auch die Form des Museums selbst muss sich dieses gegen sich selbst gerichtete Spiel gefallen lassen, wenn die ausgestellten Objekte im vandalistischen Akt ihren Kunstwert verlieren. »The vandalistic act in an empty space kind of loses its vandalistic point«, meint Faldbakken, und gibt unumwunden zu, dass er gegenüber seiner eigenen Arbeit kontraproduktiv sei. Die Negation an sich ist es, die Faldbakken fasziniert. In Kassel wird dies besonders deutlich durch den Ersatz von Leinwänden durch Abfalltüten, einem Medium, das per definitionem keinen anderen Sinn hat als den, weggeworfen zu werden. Und darauf malt Faldbakken Zeichen, die per definitionem dazu gemacht werden, für immer auf eine bestimmte Identität zu verweisen. Dabei sollen sie von ihrem Urheber erzählen, ohne ihn zu verraten. Faldbakken spielt das Spiel zunächst auch mit und entwirft identitätsstiftende Akronyme. Doch zugleich unterläuft er das Prinzip der Tag-Kultur: Seine Identität an diesem Ort ist ohnehin jedem bekannt – die Tags verfehlen ihren Sinn – und so verfällt auch der Anonymitätscharakter der Tags durch Akronyme, die auf eine ohnehin bekannte Identität verweisen.

Die beängstigende Ordnung im Chaos

Auf diese Weise rüttelt Faldbakkens kontrollierter Vandalismus an dem Betrachter und seinem Blick auf Kunst. Mehr noch, Faldbakken gibt dem Betrachter die Freiheit, an der Kunst teilzuhaben, sie zu verändern, indem dieser das Löschpulver weiterträgt, es verwirbelt, und mit Händen und Füßen selbst Zeichen im Pulver hinterlässt, bewusst und unbewusst. Faldbakkens Kombination von unvereinbaren Elementen, von Freiheit und Kontrolle, und von einer fast beängstigenden Ordnung, die sich im Chaos kaum aufzulösen scheint, schaffen einen Raum, der den Betrachter mit diesem ganz eigentümlichen Gefühl faszinierter Irritation anfüllt.

Auch in früheren Ausstellungen – unter anderem in London, Berlin, Oslo, Birmingham und St. Gallen – verfolgte Faldbakken dieses Prinzip, durch Zerstörung und Kombination eigentlicher Gegensätze eine neue Form von Ästhetik zu schaffen. So ist die Negativität in seinen Arbeiten der Treibstoff für eine Ästhetik, die Faldbakken als »positive freedom« bezeichnet. Dabei ist seine Kunst keineswegs immer nur auf ihren eigenen Gegenstand gerichtet. Als Künstler, der sich selbst als Pessimist bezeichnet, zeigt Faldbakken Aspekte der Welt, wie er sie sieht: Sinnlos, sich selbst zerstörend, ohne Sicherheit. Eben mit den Absurditäten dieser Welt beschäftigt sich Faldbakkens Kunst, was sich auch in dem verwendeten Material widerspiegelt. Oft greift er auf Objekte aus der Medienwelt zurück, wie alte, leere Hüllen für Filmrollen, die dazu verdammt sind, dass sie nach relativ kurzer Zeit ihre Funktion verloren haben. Ein ähnliches Prinzip verbirgt sich auch hinter seiner häufigen Verwendung von Tape als Material für Schriftzüge. »When they are put directly on a wall, when it is sold, you have to re-do it«, erklärt Faldbakken. Sein ganzes Werk ist geprägt von dieser Faszination für den Verlust von Funktion und für eine Ordnung, die keinen Bestand hat. Dieser Sinn für Vergänglichkeit ist es, der ihn Unvereinbares vereinbaren lässt und so aufzeigt, was Veränderungen mit dem Medium, mit der Kunst, und letztendlich auch mit der Gesellschaft machen. So bringt er immer wieder Sub- und Hochkultur zusammen, verbindet in seinem Video no comment die alberne Pannenshow mit ernsthaften Dokumentationen. Slapstick und extremer Ernst werden hier gegeneinander gespielt – der Titel der Ausstellung in St. Gallen, in der das Video gezeigt wurde, spricht für sich: »extreme siesta«.

Mehr Gesten, weniger Sprache

Faldbakkens Kunst ist pessimistisch, keine Frage, aber nicht humorlos. Immer wieder lässt er Ernst und Witz aufeinander prallen, und schleudert der Welt ein lautes Lachen ins Gesicht. Der zweite Teil der Ausstellung im Fridericianum verdeutlicht diesen Zynismus, mit dem Faldbakken die Moderne, ihre Darstellungsformen und vor allem auch die Kunst betrachtet: Eine Wand im Rondell des Gebäudes ist großflächig tapeziert mit Kopien aus der Times bzw. aus dem New Economist. Faldbakken spricht von Faksimiles, doch bei näherem Hinsehen sind sie eben das nicht. Richtig ernst nimmt Faldbakken diese Magazine nicht, und so sagt er selbst: »I wanted to ridicule the centralized language of a certain magazine.«

Faldbakkens Werk ist gradlinig, seine Thematik entschieden. Trotzdem hat sich seine Arbeit mit den Jahren auch gewandelt, eine Entwicklung hin zu mehr Gestik, zu weniger Sprachlichkeit, ist unverkennbar. Vielleicht spart Faldbakken sich diesen Aspekt für seine Literatur auf. Im Jahr 2009 erschien der dritte Teil von Faldbakkens Trilogie Skandinavische Misanthropie, die, der Titel lässt es erahnen, ebenso zynisch und pessimistisch auf eine Gesellschaft blickt, wie seine Installationen. Das ist nicht weiter verwunderlich, sieht Faldbakken sich doch nicht als Künstler und Schriftsteller, sondern als Künstler, der Literatur als Teil seiner Kunst betrachtet. Literatur ist für Faldbakken ebenso ein Medium, wie es seine Bilder und seine Installationen sind, und so nutzt er auch diese als Raum für Provokationen.

Doch auch wenn das Bild heute mehr im Vordergrund steht als die Sprache, weil Faldbakken seine Kunst de-verbalisieren möchte, ist die Beziehung zwischen Bild und Sprache noch immer Teil seiner künstlerischen Auseinandersetzung mit der Gesellschaft. Denn Kunst, meint Faldbakken, hat die Fähigkeit, Sprache zu dekonstruieren. Sprache, das sind Zeichen, die bedeutungstragend sind. Bei Faldbakken verlieren diese Zeichen ihren Sinn, und so läuft auch auf dieser Ebene alles auf Negation hinaus.

Trotz allem wird man das Gefühl nicht los, dass Faldbakken das Spiel mit der Kontrolle manchmal verliert und ihm seine Kunst zu entgleiten droht. Denn Intention ist nicht gleich Rezeption. Gerade auch Faldbakken, dem es gefällt, wenn der Betrachter das Kunstwerk verändert, der also seine Kunst dem Engagement des Betrachters freigibt, sollte dies wissen. Denn bei aller Raffinesse seiner Arbeit und aller Faszination, die diese hervorruft, bleibt doch irgendwie ein fader Nachgeschmack, trotz allem Gefallen an der Absurdität der Inszenierung, ein kurzes Gähnen: Anti? Hatten wir das nicht schon?… aber wenn Faldbakkens Kunst sich damit im Auge des Betrachters verändert und ihre vermeintliche Absicht »out of control« gerät, ist sie wohl wieder genau da, wo Faldbakken sie haben will.



Metaebene
 Autor*in:
 Veröffentlicht am 8. November 2010
 Matias Faldbacken, THAT DEATH OF WHICH ONE DOES NOT DIE, 2010 Installation view Kunsthalle Fridericianum. Courtesy: the artist, STANDARD (Oslo), Simon Lee Gallery, London and Galerie Giti Nourbakhsch, Berlin. Photo: Nils Klinger
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 Ein Kommentar
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Ein Kommentar
Kommentare
 Phire
 11. November 2010, 18:14 Uhr

Schöner Text

“Die beängstigende Ordnung im Chaos”, das erinnert mich an das Motto meines Blogs ntropy.de

Entropie ist ja ein Begriff, der das unaufahaltsame Anwachsen der Informationen beschreibt, aus deren Konsequenz vor allem Chaos entsteht…Zufälligerweise war ich zuletzt auch auf der Ausstellung…Nachzulesen hier:

http://ntropy.de/?p=930

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