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Diskursmaschine

Im Jungen Theater Göttingen wird Antigone von begabtem Regie-Nachwuchs inszeniert. Und auch wenn bei einer Fülle von Fremdtexten und Diskursen von Sophokles nicht viel übrig bleibt, würde dieser vermutlich applaudierend in der ersten Reihe sitzen.

Von Leonie Krutzinna

Die griechische Tragödie funktioniert so: Die Charaktere repräsentieren Werte, und Handlung entsteht aus dem Konflikt dieser sich in Widerstreit befindenden Werte. Dann kommt die Frage der Schuld ins Spiel, denn die tragische Figur macht sich, egal wie sie sich verhält, in der Herausbildung des Konflikts schuldig. Bei Sophokles gerät der Wert Familienliebe (Antigone) in Konflikt mit dem Wert Staatsräson (Kreon), denn Antigone wird bezichtigt, entgegen Kreons Verbot, ihren Bruder bestattet zu haben – einen Landesverräter, der die ewige Ruhe nicht verdient. Unnachgiebig manifest sind beide Parteien und so endet die griechische Tragödie mit der Katastrophe: Antigone bringt sich um, es gibt weitere Todesopfer und dann erst erkennt Kreon, dass er sich den falschen Idealen unterworfen hat.

Gernot Grünewald, Regiestudent an der Theaterakademie Hamburg, stellt dieses Ende an den Anfang. Er zäumt die Antigone von hinten auf und lässt die Schauspieler den Plot erzählen, bevor das Stück überhaupt in Gang kommt. Hier wird nicht Handlung gezeigt, denn um die Handlung selbst geht es gar nicht. Grünewald erzählt nicht was passiert, sondern warum etwas passiert. Er stellt, anders als bei Sophokles, pluralistisch angelegte Charaktere auf die Bühne: eine Antigone, die femme fragile und Ulrike Meinhof zugleich ist, und einen Kreon, der sich weigert, seinen eigenen, von Sophokles auferlegten 2500 Jahre alten Text zu wiederholen. Sprache überhaupt ist in der Antigone im Jungen Theater nicht Mittel, sondern Gegenstand des Spiels – stets omnipräsent als Reclam-Heft, mittels Overhead-Projektor im Rücken des Publikums oder an die Bühnenwand gebeamt. Sophokles in der Figurenrede und ein Meta-Sophokles im Figuren-Ich.

Das Stück

antigone-plakat
Antigone
Regie: Gernot Grünewald
Mit: Anne Düe, Henrike Richters, Florian Lenz, Agnes Giese, Jan Reinartz

 

Junges Theater

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Das Junge Theater Göttingen entstand 1957 als innovatives und alternatives Zimmertheater. Der Schauspieler Bruno Ganz läutete hier seine Karriere ein, auch Benjamin von Stuckrad-Barre und Christian Kracht verwirklichten sich im Jungen Theater. Heute bietet das Haus rund 200 Zuschauern Platz. Unter Intendanz von Andreas Döring setzt das JT auf zeitgemäße Themen auch in klassischen Stoffen.

 
 
Die Inszenierung verweigert sich der Illusion. Masken enttarnen den Doppelcharakter des Spiels auf geniale Weise, wenn sie dem Schauspieler ein zweites Gesicht am Hinterkopf verleihen: Ein starres und mimisch eingefrorenes Rollen-Ich und ein Schauspieler-Ich, das tobt und schreit, leidet und empfindet. So verabschiedet sich Henrike Richters vor dem Tod von Antigone und von ihrer Rolle, indem sie liebevoll die Maske streichelt. »Ich brauche eine größere Bühne«, fleht sie das Publikum um Hilfe an und sie brüllt es zugleich Sophokles entgegen, will sich von ihm emanzipieren, zeigen, dass sie Rebellin und Liebende ist, irrational und cholerisch. Und vor allem will sie die Grenzen des Widerstands neu abstecken.

Es sind genau derlei Nuancen, die Grünewalds Sophokles-Diskursmaschine genial machen: Das Spiel mit der Tradition, das ausnahmslos intellektuell und wohlbedacht gespielt wird. Manchmal nur wird es fast zu mechanisch: die Hintergrundbeschallung aus einzelnen Loops von Kassetten- und Plattenspieler, das Spiel auf Metallplatten und knirschendem Sand, die Mikrophone und ihr Rückkopplungseffekt, der Dramentext, der vor dem Auge des Zuschauers vorbeizieht (ist die deutliche Aussprache deshalb egal, weil der Text sowieso angeworfen wird?). Wie gut, dass als Farbklecks dann so viel Theaterblut fließt.

Man schaut Antigone nicht empathisch. Aber sie ist kluges Konzepttheater mit einem stattlichen Diskursbestand: Nietzsche, Hegel, Wittgenstein finden ebenso ihre Erwähnung wie – im Stückzettel zitiert – »Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof, Bernhard Vesper, Jenny Holzer und Wikipedia«. Und Theater, das nicht mimetisch und illusorisch sein will, sich nicht an einen, sondern vielen Prätexten orientiert, braucht ein Ensemble, das nicht nur die Bühne, sondern den ganzen Saal beherrscht. Grünewald hat es gefunden und zum Glück wurden alle antik-antiquierten Rollen von vornherein gestrichen, so zum Beispiel Chor und Bote.

Nach knapp 90 Minuten führt die umgestülpte und anachronistische Tragödie nicht etwa zum Anfang, sondern erneut zum Schluss. Und es ist nur konsequent, dass Antigone zweimal sterben muss, denn ihr Tod fordert zum neuen Umgang mit Schuld, mit Anklage und Strafe auf. Antigone stellt die Systemfrage und geht zugleich an ihr zugrunde. Sophokles könnte zu Grünewalds Inszenierung sicher nicht nein sagen, denn sie ist eine resolute und mehr als konsequente Transplantation des antiken Stoffes in unsere Zeit.



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 Veröffentlicht am 17. Mai 2010
 Bild mit freundlicher Genehmigung vom Jungen Theater Göttingen.
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