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Kommentar
Dreihundertsechzig Grad

Don Winslow, Diedrich Diederichsen, Fritz J. Raddatz und Arne Dahl sind die lesenden Superstars des Herbstes im Literarischen Zentrum, aber bei weitem nicht die einzigen Verlockungen, die die Führungsriege um Anja Johannsen und Gesa Husemann beim Pressekaffee präsentierten. Litlogs Redaktionskommentar.

Von Johanna Karch

Das Zentrum beweist ein ausgesprochen gutes Händchen für modernes Kulturmanagement: Netzwerken und Chancenverwertung gepaart mit charmanter Führungsqualität und einem 360° Grad-Blick auf das gesellschaftliche und politische Treiben lassen das mittlerweile 14 Jahre alte Haus immer mehr zur überregional wahrnehmbaren Kulturinstitution avancieren.

Eingeläutet wird der Herbst mit dem kongolesischen Schriftsteller Alain Mabanckou , der mit Black Bazar (Liebeskind, 2010) kein sozialkritisches »armes schwarzes Afrika«-Buch vorlegt, sondern einen sexistischen Protagonisten zu Wort kommen lässt, dem es die weiblichen B-Seiten angetan haben. Ein Buch, so scharfsinnig wie politisch inkorrekt, dass die Kritik jubiliert.

Ebensowenig den Höflichkeitsetiketten verpflichtet fühlt sich bekanntlich der ehemalige Feuilleton-Chef der ZEIT, Fritz J. Raddatz, der am 23. Oktober über den zweiten Band seiner Tagebücher berichten wird, in dem er sich, Spitzen verteilend, durch den Literaturbetrieb von 2002-2012 memoriert. Ein lesbarer Raddatz sei das, den man allerdings nur genießen könne, wenn man selbst nicht unter das Seziermesser des alternden Dandys geraten sei.

Mit Raddatz spricht der Journalist Stephan Lohr, der als neuer Berater des Göttinger Literaturherbstes künftig viel in Göttingen zu tun haben wird und zusammen mit Johannes-Peter Herberhold den Relaunch des Festivals voranbringen wird. Christoph Reisner, Initiator und Geschickelenker des »Herbstes« war im März dieses Jahres verstorben, weshalb die Festivalkonzeption neu justiert wird. Unterstützung bei der Programmplanung leistet fortan Gesa Husemann, die in ihrer Doppelfunktion als Vizeleiterin des Zentrums und Programmgestalterin des »Herbstes« beiden Institutionen als gewinnbringende Personalie dienlich sein wird. Waren »Herbst« und Zentrum vormals noch Parallelwelten, so kämen die Autoren- und Verlagskontakte, die das Literarische Zentrum vor allem auf den Messen pflegt, dem Festival zugute. Umgekehrt könne man große Autoren »abgreifen«, die der prestigeträchtige Literaturherbst nach Göttingen lockt, berichtet Anja Johannsen hoffnungsvoll.

So konnte Husemann schon jetzt einen, wenn nicht DEN Superstar der internationalen Literaturszene für eine Lesung gewinnen. Don Winslow, respektive »der Größte«, wie Volontärin Nikola Müller den Krimi- und Drehbuchautor vorstellt, wird sich am 9. November die Ehre geben und über seinen im Oktober erscheinenden Roman Missing New York (Droemer, 2014) sprechen. Daraus lesen wird Martin Keßler, dessen tiefes Timbre wir als deutsche Synchronstimme von Bad Boys wie Vin Diesel und Nicolas Cage kennen.

Derer, also der Boys, wenn auch nicht alle so ganz bad, gibt es ungemein viele in diesem Programm. 12 der 17 Veranstaltungen sind männlich besetzt. Dieses Ungleichgewicht sei allerdings erst beim Blick auf das frisch gedruckte Programm ins Auge gestochen und sage nichts aus über mögliche Genderpräferenzen. Kein Quotierungszwang also im rein weiblich besetzten Organisationsteam. Und an der erlesenen Auswahl lesender Damen lässt sich ableiten, dass hier auf Qualität geachtet wurde: Die renommierte Philosophin Rahel Jaeggi wird am 8. Dezember mit dem Journalisten Dirk Knipphals über alternative Lebensformen sinnieren und sich der Philosophie des Scheiterns annehmen. Vor Fehlschlägen dürfte sich nicht zuletzt die Spezies des alternden Dichters fürchten. Über Bedeutung und Besonderheiten des literarischen Spätwerks von Goethe bis Adorno werden sich die Literaturkritikerin Frauke Meyer-Gosau und der Litlog-Herausgeber und Literaturwissenschaftler Kai Sina am 12. Januar unterhalten. Zwar gehört die Veranstaltung in die Reihe »Das Alter in der Literatur«, allerdings soll ihr mit diesem Metaformat eine Art Frischzellenkur verpasst werden.

Ein weiterer Coup: Arne Dahl, der Großmeister schwedischer Dystopien, verstört uns im September mit dem letzten Buch aus der Reihe über die Sonderermittlungseinheit aus Stockholm, die A-Gruppe. Karin Hoff, Leiterin des Seminars für Skandinavische Philologie, wird mit dem wohl bestaussehenden Krimiautor (so das Urteil aus den Reihen der Volontärinnen) in der Aula am Wilhelmsplatz über seine neuesten Krimikniffe parlieren. Aus der Übersetzung von Der elfte Gast (Piper, 2014) liest Litlog-Redakteur Christian Dinger.

Die Netzwerk-Ambitionen der Literaturmanagerinnen zielen nicht nur darauf ab, dicke Fische zu fangen, der Fokus richtet sich zunehmend auf noch hausfremde Arten: Neben bekannten Kooperationspartnern wie der Uni Göttingen oder der Buchhandlung Calvör (die eher das bildungsbürgerliche Publikum ansprechen) werden die Veranstaltungen der prominenten und bestens besetzten Krimireihe fortan durch die Medienpartnerschaft mit dem extra Tip unterstützt; eine Verbindung, über die ein völlig neues Publikum angesprochen werden soll.


Modernes Literaturmanagement aus Göttingen: Die Volontärinnen Nikola Müller, Birte Müchler, Anna-Lena Hennings, Annie Rutherford (oben, v.l.n.r.) und die Leiterinnen Dr. Anja Johannsen (l.) und Gesa Husemann (r.)

Eine Einladung an das wortspielaffine Publikum wird es am 10. November geben: Litlog freut sich ungemein auf die Audienz eines der dienstältesten Poetry Slammers, Sebastian 23, der mit dem Kultmoderator des Göttinger Slams, Christopher Krauß, über seinen ersten Roman Theorie und Taxis. Auswege aus der Philosophie (Carlsen, 2014) sprechen wird. Hinsichtlich der riesigen Fangemeinde des Göttinger Poetry Slams muss wohl mit ausverkauftem Haus gerechnet werden.

Und noch eine gute Nachricht sei hier verkündet: Nach drei Jahren Durststrecke wird Marcel Beyer die Lichtenberg-Poetikvorlesungen wiederbeleben. Inspiriert von den werkästhetischen Reflexionen Friedrich Dürrenmatts spricht der Dresdner Autor über Webfehler und Löcher der Wirklichkeit und vor allem derer literarischer Stoffe. Diese seien nicht zuletzt für sein eigenes poetisches Verständnis essentiell, was er am 12. Und 13. November in der Aula am Wilhelmsplatz ausführlich darlegen wird.

Natürlich werden nicht nur neue Pfade betreten, sondern auch gut laufende Projekte gepflegt. Das Kinderprogramm, erstmals in Eigenregie von Husemann konzipiert, steht im Zeichen des Gedenkens und widmet sich damit der didaktischen Funktion von Literatur: Anlässlich des Ausbruchs des ersten Weltkriegs vor 100 Jahren wird der Schauspieler Moritz Pliquet (DT) aus Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues (Neuausgabe KiWi, 2013) lesen und mit den SchülerInnen des Otto-Hahn-Gymnasiums über den Entstehungskontext des Romans sprechen, der dieses Jahr zum Abiturstoff zählt.

Da der Historisierungsprozess unermüdlich voranschreitet, sieht man sich auch in der Pflicht, dem Vergessen jüngerer Ereignisse entgegenzuwirken, so Volontärin Nikola Müller. Die UdSSR und die DDR seien nach dem Mauerfall vor 25 Jahren manch einem Jugendlichen gar kein Begriff mehr. Aber Abhilfe könne literarisch geleistet werden: Schulveranstaltungen in Duderstadt und in Eichsfeld mit der Kinderbuchautorin Hanna Schott widmen sich einer ganz besonderen Wendewundergeschichte (Klett 2009). In dem Buch für Kinder ab ca. 8 Jahren geht es darum, wie Proteste gegen die »Firma mit den langen Ohren« aus der Kinderperspektive von statten gingen. Am 26. November wird Tonspur (dtv, 2014)-Autorin Susanne Krones über das heute absurd anmutende Verbot jugendgefährdenden Klangguts und gemeingefährlicher Literatur in der DDR sprechen. Da jedem Kapitel ein Song gewidmet ist, liest sich das Buch wie ein Soundtrack; ein Zeitdokument mit ästhetischem Mehrwert also. Ein historisches Heimspiel gibt es am 15. Dezember. Dem mit Günter Netzer befreundeten Diamanten-Eddie (FVA, 2014) wird Sabine Kray ein literarisches Denkmal setzen: Die Göttingerin stellt das biografisch gefärbte Buch über das glorreiche Ganovendasein ihres Großvaters als Schmuggler und Hehler im Theodor-Heuss-Gymnasium, ihrer ehemaligen Schule, vor.

Eine Veranstaltung darf besonders hervorgehoben werden, trifft sie doch nicht nur den Puls der Zeit, sondern will auch die frontalen Lesungsformate der Schulbesuche aufbrechen. In der Diskussionsrunde »Ich blogg dich weg« werden Uwe Leest, Vorsitzender des »Bündnisses gegen Cybermobbing«, Autorin Agnes Hammer sowie die Polizeiobermeisterin und Beauftragte für Jugendsachen, Jaqueline Emmermann, über die Auswirkungen des Cybermobbings diskutieren. Dabei soll mit der Einbindung der Schülerperspektive, vertreten durch Johanna Eckes vom Hainberg Gymnasium, das Thema von allen Seiten beleuchtet werden.

Um die tagespolitischen Belange kümmert sich in dieser Saison zum einen Dan Diner, der anlässlich des 50. Historikertages in Göttingen über die diasporische Erfahrung von Juden in der modernen Gesellschaft referieren wird. Gerade hinsichtlich jüngster Antisemitismus-Vorwürfe, die auch in Göttingen laut wurden, wird sein Auftritt von besonderer politischer Brisanz sein. Nicht weniger aktuell: Der Schriftsteller Andrej Kurkow liefert als Maidan-Anwohner mit seinem Ukrainischen Tagebuch (Haymon, 2014) gleichsam scharfe Beobachtungen und eine persönliche Chronik der Ereignisse zwischen November 2013 – April 2014. Kurkow, so erklärt Volontärin Annie Rutherford, wolle allerdings nicht immer politisch gelesen werden. Als fiktionales Gegengewicht bringt er deshalb seinen Roman Jimmy Hendrix live in Lemberg (Diogenes, 2014) mit, der mit ureigenem Witz von der einstigen Hippie-Hauptstadt der UdSSR erzählt. Diese mehr schlecht als recht zusammen gehenden Sujets an einem Abend zu verhandeln, fordert die Kunst des guten Übergangs, in der sich der Autor zusammen mit der Osteuropa-Expertin Katharina Raabe üben will.

Am 27. Januar kommt es zum royalen Abschluss, wenn der king of »pop theory«, Diedrich Diederichsen, sein Opus Magnum Über Pop-Musik (KiWi, 2014) auf die Turntables des Verstehens wirft. Wie sich ein so vielgestaltiges Phänomen wie das der Popmusik begreifen lässt, bespricht der ehemalige SPEX-Chefredakteur mit dem Kaiser der Reihe »Liederabend«, Gerhard Kaiser von der Uni Göttingen – selbstredlich mit musikalischen Probierstückchen.

Den Sommer ziehen zu lassen wird bei der Aussicht auf einen so veranstaltungsreichen Herbst keine Schwierigkeit sein. Gespannt sind wir jetzt schon darauf, welche Innovationen uns die Umtriebigkeit und der 360° Grad-Blick des Teams im Frühlingsprogramm 2015 bescheren werden.



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 Veröffentlicht am 30. Juli 2014
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