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Ein Abend zu Facebook

Mathias Mertens und Stephan Porombka diskutieren im Literarischen Zentrum über das aktuelle Zeitgeistphänomen und stellen den Band Statusmeldungen vor. Da kann man schon mal ins Stutzen kommen. Ein Buch über Facebook? Ein statisches Printmedium bei dem Versuch, ein fluides Netzwerk zu portraitieren? Funktioniert das oder ist das Buch am Tag seiner Publikation bereits überholt?

Von Helge Ernst

Es geht in der Tat. Denn der Essayband Statusmeldungen (2010 erschienen bei Blumenkamp), den Mathias Mertens und Stephan Porombka von der Uni Hildesheim zusammen mit Kollegen und Studierenden herausgebracht haben, beschäftigt sich vor allem mit dem Schreiben auf Facebook. Wie, was und warum schreibt man da überhaupt, was tut man, wenn man schreibt und warum ist das alles andere als belanglos? Diese Fragen haben die beiden Schreibroutiniers im Literarischen Zentrum Göttingen unter Moderation von Matthias Dell, Kulturredakteur bei Der Freitag, diskutiert.

Eine kleine Videoeinführung mit Statistiken über Nutzer, Klicks und Einnahmen handelt die astronomischen Zahlen für den Abend ab und findet nicht weiter Erwähnung, zeigt aber immerhin nochmal die Größenordnungen auf, mit denen das social network no. 1 sich zu rühmen vermag. Man kennt das ja: Wären die Nutzer Einwohner, wäre Facebook immerhin das drittgrößte Land der Welt…

Ein Fall für die Wissenschaft

Was aber macht das Schreiben auf facebook so gewöhnlich und dann doch wieder ungewöhnlich? Die einfache Frage »Was machst du gerade?« steht dabei ganz am Anfang und öffnet Tür und Tor für Selbstinszenierung und Gedankenverschriftlichung jedweder Couleur. Das reicht vom simplen Beantworten der Frage bis zum Ausstellen retuschierter Fotoalben, vom »gehe schwimmen« bis zum Sinnieren über ästhetische oder praktische Lebensentwürfe.

Der Grund dafür, dass sich die beiden Dozenten Mertens (Medienwissenschaft) und Porombka (Literatur- und Kulturjournalismus) mit facebook beschäftigen, ist ein Versuch der Gegenwartsbetrachtung und somit des Schaffens einer genuinen, zeitgenössischen Quelle. Dem liegt der Gedanke zugrunde, dass es sich bei Facebook um ein Phänomen handele, dessen Halbwertszeit nicht über ein paar Jahre hinausgehe und an das man sich in 10 Jahren nur noch vage erinnern werde können.

Buch-Info


Mathias Mertens / Stephan Porombka (Hg.)
Statusmeldungen.
Schreiben in Facebook

Mit Essays von Mathias Mertens, Jan Fischer, Jule D. Körber, Lino Wirag, Alexandra Müller, Kathi Flau, Stefan Mesch, Yves Regenass, Johannes Schneider, Lucas Humann, Merlin Schumacher, Kevin Kuhn, Jonas Bohlken, Kilian Schwartz und Stephan Porombka.
Göttingen 2010
216 Seiten, 18,00 €

 
 
»Einer wissenschaftlichen Betrachtung durchaus würdig«, findet Mertens, und reagiert damit auf die Frage, ob Facebook nicht viel zu banal für eine derartige intellektuelle Untersuchung sei – mit Nichten. Dem pflichtet Porombka bei; das Beobachten komme im Falle Facebook vor allem nicht ohne aktive Teilnahme aus. Folglich ist die Autorschaft ihrer Studierenden und Kollegen interessant, die auf Facebook posten und dabei mehr tun, als bloß zu schreiben, was sie gerade machen. Die Betrachtung sei mithin auch eine Art Poetologie. Und eben weil das Schreiben auf Facebook so unglaublich flüchtig ist, lohnt sich eine Bestandsaufnahme im Kleinen.

Für Mathias Mertens ist Facebook eine Plattform für Treppenwitze, also jene geistreichen Gedanken, die einem zu einer Situation einfallen, wenn man sie – gerade verflogen – retrospektiv betrachtet. So formuliert er es auch in seinem vorgetragenen Aufsatz Vom Netzwerkschürfen und Witzeln auf der Treppe. Diese Situation ist der virtuelle Facebook-Alltag, der Treppenwitz, das schlagfertige Argument, der smarte Spruch oder das charmante Kompliment, das einem einfach nicht rechtzeitig einfallen wollte.

Bemerkenswert findet Mertens, dass man auf Facebook kein Netzwerk aufbaut, sondern vielmehr eins vorgeschlagen bekommt. Porombka hingegen hat sich vor allem mit dem Rausch, in den Facebook einen oft unbemerkt versetzt, beschäftigt und ihn am eigenen Leibe, oder vielmehr Geiste, ausgiebig erprobt und dem Resultat den Namen My Secret Little Facebook-Text-Posting-Machine gegeben. Nicht das Lesen und Stöbern, vielmehr das Heranschaffen von (mit)teilenswertem Material, das sich »bis in das Denken hineindrängt«, hat ihn fasziniert. Es handele sich, unter Rekurrenz auf das Modewort schlechthin, um eine Art produktive Prokrastination. Dabei wird zwar kein ganzes Werk erschaffen, aber immerhin kleine Schnipsel, Gedanken, Snapshots, Beschreibungen und Beobachtungen des Alltäglichen – ein Journal. Diese Art des Schreibens versucht Porombka seinen Studenten auch in seinem Seminar zum elementaren Schreiben beizubringen; was sie dann bei Facebook in die Praxis umsetzen sollen.

Facebookeske Janusköpfigkeit

Wie also schreibt es sich auf Facebook? Bei allem Sinn und Unsinn, den man dort treiben kann, ist es wichtig, impulsiv zu bleiben und nicht in Routine zu verfallen, mit der man seinen ›Lesern‹ kontinuierlich etwas vorsetzt oder versucht, ein Format zu entwickeln. Wer zu oft und regelmäßig bzw. gleichförmig schreibt, wird nicht gelesen, so die Erfahrung der beiden Fachleute. Aber das gehe ohnehin dem Treppenwitzgedanken entgegen. Daher müsse man auch einmal Abstand gewinnen und das eigene Schreiben und Kommentieren eine Zeit lang vermindern oder aussetzen.

Über die eigene Aktivität und das individuelle Schreibverhalten hinaus gilt es zu bedenken, dass nicht jedes Facebook-Profil gleich ist. Je nachdem was für Kontakte und Interessen man pflegt und verlinkt hat, gestaltet sich die persönliche Seite von Nutzer zu Nutzer sehr unterschiedlich. Bei dieser Form der Individualisierung sei es nicht oder nur schwer möglich, etwas an die breite Masse zu bringen. Anders als auf YouTube wird hier nur der Kreis erreicht, mit dem man unmittelbar Kontakt hat – oder zumindest ›befreundet‹ ist. Folglich ist Facebook auch kein Massenmedium im eigentlichen Sinne; zwar wird es von einer Unmenge Menschen genutzt, aber man erreicht nur einen Bruchteil der Nutzer. Die Form der individuellen und meist noch überschaubaren Vernetzung sorgt für relativ kleine und homogene Kommunikationsgruppen; es handelt sich, unter dem Gesichtspunkt des Schreibens, vielmehr um ein kontinuierliches, sprachliches Gesellschaftsspiel. Daher ist auch der Überblick über die eigenen Kontakte wichtig. Reduzieren sich diese auf ein Publikum, das nichts zu (be)antworten oder kommentieren hat, verkommt das Spiel zu bloßem Monologisieren – und dafür gibt es ja schon Blogs.

Der Reiz des Rollenspiels

Über die Kommunikation hinaus ist auf Facebook die Selbstinszenierung omnipräsent. Im Grunde, so Mertens, erstelle man eine Persona von sich selbst. Fotos, Posts, Kommentare, im Grunde prüft man alles, was man veröffentlicht auf seine Tauglichkeit, das eigene Profil zu ergänzen oder wenigstens weiterzuführen. Nur wer postet, ist überhaupt existent.

Diese Andersartigkeit des Kommunikationsmodells fordert von den Nutzern aber auch eine gewisse Kompetenz ein, sich mit dem Medium auszukennen und eine Rolle auszufüllen. Taucht plötzlich die eigene Mutter unter den Kontakten auf und kommentiert die eigenen Posts, wird schnell klar, wie bizarr das eigentlich ist. Merkwürdig ist das Verschwimmen von beruflichen und gesellschaftlichen Distanzen. Porombka hat zusammen mit seinen Studenten eine Produktionsgemeinschaft gebildet; die Hemmschwelle zwischen ihm als Dozent und seinen Studenten war bei Facebook weit geringer als im ›real life‹, da in ersterem mit der eigenen Rolle gespielt werden kann. Sie wird reflektiert, thematisiert und ironisiert; etwas, das im Seminar oder der Sprechstunde so nicht funktionieren würde. Auch Mertens hat Vergleichbares erlebt, bei Facebook vom Studenten geduzt, kommt selbiger in seine Sprechstunde und siezt ihn. Eine halbwegs natürliche Situation, die einen souveränen Umgang mit den unterschiedlichen Kommunikationskanälen darstelle, findet er – immerhin rede man am Telefon ja auch anders miteinander als in einer Konversation unter vier Augen.

Soviel zum Schreiben. Aber was wäre eine Facebook-Diskussion ohne die Frage nach dem Spionieren. Der Vorwurf, es handle sich bei dem Netzwerk in erster Linie um eine Datenkrake, war im hiesigen Kontext allerdings weniger interessant (wir erinnern uns, keine Zahlen!), sondern vielmehr das sich informieren über andere Personen. Einige durchaus heikle Situationen können entstehen, insbesondere wenn man mit Vorgesetzten, ungeliebten Mitarbeitern oder eben seiner eigenen Mutter befreundet ist. Für Porombka ist das Verhältnis zu seinen Studenten nicht sehr viel anders als ohne Facebook, obwohl er mehr über sie weiß. Aber das beruht ja auf Gegenseitigkeit und vor dem Hintergrund der Selbstinszenierung in der Facebook-Öffentlichkeit ist das nicht das eigentliche Problem. Brenzlig wird es erst, wenn man Leute in seinem virtuellen Umfeld hat, für die manch ein Statement nicht unbedingt gedacht ist. Die ›Freundschaft‹ mit der Pressesprecherin der Uni Hildesheim hat Porombka tunlichst vermieden. Denn selbst wenn es an sich nicht die Inhalte sind, die problematisch werden können, so kann doch die Performanz missverstanden werden. Erst recht, wenn Statements von Leuten gelesen werden, die einen weder privat noch als Facebook-Persona sonderlich gut kennen. Ironie will immerhin verstanden werden.

Gelungene Statusmeldung?

Das Buch Statusmeldungen, an das die Diskussion angelehnt war und in dem auch die vorgetragenen Texte von Stephan Porombka und Mathias Mertens zu finden sind, ist in erster Linie eine Sammlung von Erfahrungsberichten. Die 15 Autoren plaudern ein wenig aus dem virtuellen Nähkästchen und wie sie daran geraten sind. Aus Neugier, aus Gruppenzwang, sogar aus Abneigung, mit dem Plan der Unterminierung, sind sie alle dabei geblieben und posten fleißig vor sich hin. Im Mittelpunkt stand dabei der Versuch, das Phänomen ›Facebook‹ irgendwie zu beschreiben, dem Ganzen eine Bezeichnung zu geben. Ob nun Stätte der »Selbstaufbereitung«, »teilironisierte Selbsthilfegruppe ohne gemeinsames Problem« oder »Kollektiv des Jetzt«, in dem »totale Kommunikation« herrscht, Facebook ist das, was man daraus macht.

Die Selbstinszenierung zieht sich ebenso wie die Poetologie gelungener Posts durch die diversen Aufsätze und trotz unterschiedlicher Herangehensweisen und Absichten kommen die Autoren zu vergleichbaren Schlüssen. Schade nur, dass niemand die Brücke zum eigenen Essay als Teil einer immanenten Selbstinszenierung schlägt. Denn Facebook ist, entgegen dem erhobenen Zeigefinger, mit dem hier viele der Autoren schreiben, bei weitem nicht der einzige Ort, an dem man sich inszeniert und erfindet.
Angehangen an jeden Aufsatz sind besonders markante Statusmeldungen samt Kommentar als Beispiele dafür, was Facebook für erstaunliche Blüten treiben kann. In diesen Aufsätzen finden sich Bekannte wieder und man merkt schnell, dass das Buch das Produkt einer eben solchen homogenen Kommunikationsgruppe ist.

Gut zu wissen, dass es sich nicht allein auf bloße Statusmeldungen beschränken muss, sondern weit mehr Möglichkeiten bietet. Wer Interesse am Schreiben hat und sein Kommentar-/Gefällt-mir-Konto auffüllen will, dem sei die Lektüre von Statusmeldungen empfohlen – die ein oder andere gute Idee steckt drin. Leider hat man ab der Hälfte des Buches den Eindruck, das alles schon mal gelesen zu haben und insbesondere der skeptisch-kritische Ton wird zuweilen anstrengend. Was nur zaghaft eingestanden wird: Facebook ist nicht nur ungemein praktisch, es macht auch Spaß. Warum die Hemmung, das zuzugeben? Und wo wir grade davon sprechen: Der »Gefällt mir«-Button steht links neben diesem Text.



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 Veröffentlicht am 14. Mai 2011
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