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Händel-Festspiele 2011
Ein Komponist im Gefühlschaos

Der Tübinger Romanist Dr. Steffen Schneider bot im Rahmen der Händel-Festspiele Göttingen 2011 einen Überblick über die französische Literatur zur Händelzeit im Zwiespalt zwischen Vernunft und Gefühl. Sarah Schädler besuchte den Vortrag und berichtet in ihrem zweiten Artikel zu den Händel-Festspielen 2011.

Von Sarah Schädler

Neben verschiedenen Konzerten und der Oper Teseo gehört auch ein Blick auf die französische Literatur im 17. Jahrhundert auf das Programm, dachten sich wohl die Organisatoren der Händel-Festspiele Göttingen 2011, als sie den Romanisten Dr. Steffen Schneider von der Universität Tübingen einluden, einen Vortrag zu diesem Thema zu halten. Unter dem Titel Zwischen Vernunft und Gefühl – die französische Literatur zur Händelzeit gab der Universitätsdozent im Kaminsaal des Göttinger Goethe-Instituts eine Einführung in die Epoche der Aufklärung und die klassischen französischen Autoren, deren Werke Händel in seiner Arbeit am meisten beeinflusst haben.

Auf den ersten Blick war sicher der ein oder andere Besucher der Göttinger Händel-Festspiele in diesem Jahr irritiert, als er einen Vortrag zum Thema »Literatur« in seinem Programmheft fand. Denn: »Händel – der war doch Komponist, oder nicht?« Ja, das war er. Allerdings nahm er sich – wie viele seiner Kollegen – das literarische Material bekannter Autoren zur Grundlage seiner komponierenden Tätigkeit. Da erscheint es gar nicht mal so abwegig, dass ein Spezialist für Literatur das Publikum der Händel-Festspiele mit den literarischen Vorläufern Händels vertraut machen soll. Getreu dem diesjährigen Festspiel-Motto «Händel und Frankreich« kam für diese Aufgabe natürlich nur ein Romanist in Frage, der den Fokus auf die französische Literatur legen kann. Aber stellt dieses Angebot tatsächlich eine sinnvolle Ergänzung zum Programm der Händel-Festspiele dar? Wie stark hat sich Händel von den Literaten beeinflussen lassen? Und was hat die Aufklärung zwischen all dem zu suchen? Dr. Steffen Schneider versuchte auf diese Fragen Antworten zu finden…

Händel und Jean Racine

Zu Beginn seines Vortrages konzentrierte sich der Referent auf die Verbindung zwischen Händel und den französischen Autoren des 17. Jahrhunderts. Sein Hauptanliegen war in diesem Fall, die jeweiligen Unterschiede besonders deutlich zu machen. Neben Pierre Corneille und Moliére habe sich der bekannte Barockkomponist auch mit den Werken Jean Racines auseinander gesetzt. In seinen Oratorien Esther (1718) und Athalia (1733) nahm sich Händel die gleichnamigen Werke des französischen Schriftstellers zur Textgrundlage. Dr. Steffen Schneider entschied sich, seinen Zuhörern die verschiedenen Versionen der Athalia von Händel und Racine gegenüberzustellen, da dieses Oratorium am gleichen Abend in der Göttinger Stadthalle aufgeführt werden sollte.

Zum Projekt

Sarah Schädler besuchte für Litlog eine Reihe von Veranstaltungen der Händel-Festspiele 2011 und berichtet in vier Artikeln über ihre Eindrücke. Der nächste Artikel wird sich mit der Inszenierung von Athalia unter der Leitung von Nicholas McGegan befassen.

 
 
Der französische Schriftsteller Racine beginnt mit seiner Geschichte im Königreich Juda, das von der Königin Athalia regiert wird. Diese hat dem Judentum abgeschworen und sich dem Kult um den Gott Baal angeschlossen. Um die Geburt des Messias zu verhindern, hat sie all ihre Verwandten aus dem Geschlecht Davids ermorden lassen. Doch eines ihrer Enkelkinder überlebt und wird im Tempel von Hohepriestern großgezogen. Nachdem sie im Traum ein Kind gesehen hat, geht Athalia in den Tempel, wo ihr ein Knabe begegnet, der sich als Nachfahre König Davids offenbart. Der Hohepriester Joad will den Knaben als rechtmäßigen König von Juda etablieren und ermordet daraufhin die blutrünstige Königin Athalia.
In dieser Version der Geschichte siege am Ende das Gute über das Böse. Allerdings sei dieser Triumph mit einem »grausamen Pessimismus« über die Natur des Menschen verbunden. Er tue Unrecht, obwohl er Gutes tun könne. Das Werk Racines sei damit charakteristisch für die französische Literatur des 17. Jahrhunderts.

Händel hingegen verbreite Zuversicht, wo sich Racine im Pessimismus verliere. Er betone die Fruchtbarkeit der Natur und tilge die negativen Charakterzüge des Menschen. Während alles darauf deute, dass bei Racine der zukünftige König wieder dem Bösen verfiele, trete bei Händel eine Bejahung des Menschen in den Vordergrund.
Was in diesem ersten Teil des Vortages allerdings offen bleibt, ist die Frage: »Warum war Pessimismus ein Charakteristikum der französischen Literatur im 17. Jahrhundert? Und wie kann Händel dann nur etwa ein halbes Jahrhundert später vom Optimismus geprägt sein?« Kurzum: Es fehlt eine präzise Einordnung in den zeithistorischen Kontext, um den grundlegenden Unterschied zwischen der Interpretation Jean Racines und der Händels genau nachvollziehen zu können.

Warum »Aufklärung«?

Das Grundmotiv der Aufklärung sei der Gebrauch der eigenen Vernunft. So weit so gut. Aber was hat Händel denn nun mit der Aufklärung zu tun? Natürlich ist jedem literaturwissenschaftlich gebildetem Zuhörer klar, warum man bei einem Vortrag über die Literatur des 17. Jahrhunderts um eine kurze Auseinandersetzung mit der Aufklärung nicht herum kommt. Aber wie sieht das bei dem rein musikalisch interessierten Publikum aus? Nach einer kurzen Einführung in die Grundgedanken der aufklärerischen Bewegung stützt sich Dr. Schneider wieder auf ein Textbeispiel aus der entsprechenden Epoche. Er entschied sich für die Romansatire Der Optimismus von Voltaire.

Der junge Candide wächst im Schloss seines Onkels Baron Thunder-ten-Tronck in Westfalen auf und begibt sich eines Tages auf die Suche nach seiner geliebten Kunigunde. Auf dieser abenteuerlichen Reise muss er sich in einer tiefschwarzen, von Machtgier beherrschten Welt zurecht finden, die ihn als einzigen guten Menschen völlig lächerlich erscheinen lässt.
Das Fazit des Referenten lautete: Voltaire behaupte, die menschliche Natur sei beschränkt und aus diesem Grund auf die Vernunft angewiesen. In dem Roman Voltaires sei die ideale Welt noch nicht erreicht, was die Bedeutsamkeit der Aufklärung betone. Diese schonungslose Darstellung der Realität eignet sich tatsächlich besonders gut, um dem Zuhörer die Motive der Aufklärung nahe zu bringen.

Reine Vernunft und kein Gefühl?

Das erste woran jeder denkt, der das Wort »Aufklärung« hört, ist sicher der Gebrauch der eigenen Vernunft. Die Bewegung wird oft mit reiner Rationalität in Verbindung gebracht. Kann man die Aufklärung demnach als gefühllos und emotionslos bezeichnen? Keinesfalls, lautete die Antwort von Dr. Steffen Schneider. Ganz gleich wie viel Vernunft und Rationalität im Spiel war, so habe die Aufklärung laut dem Tübinger Romanisten dennoch eine neue Ästhetik begründet. Sein erstes Beispiel: wieder Voltaire. Er habe im Zuge der Aufklärung die Leidenschaft – neben der Vernunft – als gleichwertigen Teil der menschlichen Natur angesehen.
Zum Abschluss seines Vortrages konzentrierte sich der Universitätsdozent auf die Oper Die Hochzeit des Figaro von Wolfgang Amadeus Mozart, um seinem Publikum diesen Punkt noch einmal zu verdeutlichen. In diesem Werk Mozarts soll also seiner Ansicht nach die neue Ästhetik der Aufklärung zu finden sein…

Die Hauptfigur Figaro steht im Dienste des Grafen und trifft gerade die Vorbereitungen für seine Hochzeit mit dem Dienstmädchen Susanna, die im Dienste der Gräfin steht. Diese beiden Charaktere verkörpern die bürgerliche Liebe, die ganz im Sinne der Aufklärung die dauerhafte und aufrichtige Bindung symbolisiert. Im Gegensatz dazu existiert am Hof eine Scheinwelt, die Erotik und Verführung zu vertuschen versucht. Ausgerechnet Figaro verfällt diesem schönen Schein, als der Graf ihn anweist, mit seiner zukünftigen Frau das Gemach zwischen seinem und dem seiner Gräfin zu beziehen. In blindem Vertrauen zu seinem Herren registriert er nicht, dass der Graf nun ungestört zu Susanna gelangen kann, wenn er Figaro fortgeschickt hat, bis Susanna ihn darauf hinweist. Es mangelt dem Grafen an der – in der Aufklärung so wichtigen – Aufrichtigkeit. Aus diesem Grund möchte Figaro den Betrüger mit List bekämpfen und bedient sich der Intrige. In diesem falschen Spiel verliert er jedoch teilweise den Überblick und das ganze Theater wirkt zwar komisch, vermittelt aber auch tiefe Melancholie.

Die aufrichtige Liebe werde gestört und könne sich gegen die Eingriffe kaum zur Wehr setzen, folgert der Referent. Unter diesen Umständen sei die Intrige als letzter Ausweg unvermeidlich. Mozarts Oper vermittele die Emanzipation von Verstand und Gefühl. Die neue Ästhetik der Aufklärung sei demnach eine Ästhetik der Natürlichkeit.

Zeitverschwendung oder sinnvolle Programmergänzung?

Abschließend stellt sich die Frage, inwiefern ein akademischer Vortrag zum Thema »Literatur« das Programm der Händel-Festspiele Göttingen sinnvoll ergänzt und ob ein derartiges Angebot vom Publikum gut aufgenommen wird. Alles in allem hätte man den Teil über Händel und die französische Literatur etwas ausführen können, um den Bezug des Themas zu Händel und seinen Werken deutlicher zu machen. Obgleich der Vortrag aus literaturwissenschaftlicher Perspektive gut strukturiert und thematisch sehr interessant war, bleiben trotzdem aus Sicht des Laien einige Fragen offen. Zum Beispiel ist die Verbindung zwischen dem Komponisten Händel und der Aufklärung nicht ganz deutlich geworden. Das Ausmaß, in dem die neue Ästhetik der Aufklärung Händel in seiner Arbeit beeinflusst hat, bleibt ebenfalls offen. Betrachtet man den Vortrag als Ganzes, so war er sehr stark literaturwissenschaftlich geprägt und setzte an einigen Stellen auch Vorwissen in diesem Bereich voraus, um Zusammenhänge entsprechend nachvollziehen zu können. Es wäre also eine Überlegung wert, ob man einen Vortrag dieser Art nicht dem sicher größtenteils musikalisch interessierten Publikum der Händel-Festspiele anpasst, wofür sicher auch einige Zuhörer in dem mäßig besuchten Saal dankbar gewesen wären.



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 Autor*in:
 Veröffentlicht am 10. August 2011
 Kategorie: Misc.
 Georg Friedrich Händel. Gemälde von Thomas Hudson (1749). Via Wikimedia Commons.
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