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Eine gescheiterte Abrechnung

Mindestens ebenso spannend und vielschichtig wie Leon de Winters neuer Roman Ein gutes Herz ist die Geschichte dahinter. Am 14.10.2013 ließ der 59-Jährige die Zuhörer im Alten Rathaus in Göttingen einen tiefen Blick hinter die psychologischen Kulissen seines neuen Werks werfen und offenbarte dabei großes erzählerisches Geschick – in jeglicher Hinsicht.

Von Lukas Nestvogel

Leon de Winter ist dafür bekannt, dass er brisante Themen und Diskussionen nicht scheut, was auch sein neuester Roman beweist. Denn kreativer Ausgangspunkt De Winters ist die Frage, ob ein Ereignis wie »nine-eleven« auch in den Niederlanden möglich wäre, in einer Zeit, in der in explosiver Mischung verschiedene Weltanschauungen ungebremst aufeinanderprallen und der mutige Islamkritiker sich in Kolumnen immer wieder an die vorderste Front der Diskutanten wagt.

Die andere treibende Kraft war der Wunsch über Theo van Gogh zu schreiben. Eine Abrechnung mit einem Feind, dem auf anderen Wegen nicht mehr beizukommen ist, da Van Gogh im Jahre 2004 von Islamisten auf offener Straße enthauptet wurde. Doch De Winters Abrechnung weigert sich schlichtweg, eine solche zu sein. Warum? Durch die belletristische Thematisierung wird das Opfer nicht verrissen, sondern dem Leser sympathisch, und das so sehr, dass am Ende alte Feindschaften ruhen. Klingt komplex? Ist es auch. Doch nichts anderes würde zum neuen Roman Ein gutes Herz passen, denn ebenso wie die Hintergründe seiner Entstehung ist das Handlungsgeflecht der Figuren vielschichtig und engmaschig und dabei doch genau durchkomponiert.

De Winter ist ein Erzähler aus Leidenschaft, sowohl was seine belletristischen Stoffe angeht, als auch im Hinblick auf seine Bühnenpräsenz bei der Lesung. Der Niederländer liebt es »Schach zu spielen« mit den einzelnen Charakteren als Figuren und dabei die verschiedenen Schicksale miteinander zu verweben. Den Startpunkt bietet Theo van Gogh, der De Winter zu seinen Lebzeiten zum »Favorit-Feind« erkoren hatte und diesen in Interviews und Kolumnen heftig beleidigte. Was der Grund dieser Feindschaft war, weiß de Winter nach eigener Aussage bis heute nicht, er vermutet Neid als Motiv der immer wiederkehrenden Feindseligkeiten Van Goghs. Fakt ist, dass Van Gogh sowohl als Regisseur und Publizist immer wieder durch Provokationen und bewusste Geschmacklosigkeiten auffiel, weshalb er besonders in den letzten Jahren seines Lebens in der niederländischen Öffentlichkeit sehr umstritten war. Im Roman findet er sich als körperloses Phantom wieder, das im Vorzimmer des Himmels auf seinen Einlass ins Paradies warten muss. Denn es gibt eine Bedingung für Theo für den Eintritt in die Welt des ewigen Glücks: Er muss mit (Noch-)Lebenden kommunizieren und diese zum Guten beeinflussen. Um dem selbst im Himmel kettenrauchenden und Whiskey konsumierenden Van Gogh dieses zu ermöglichen, wird ihm ein Berater zur Seite gestellt. Jimmy Davis, seines Zeichens Franziskanermönch, hat auch noch etwas aus der Zeit seines Erdenlebens gutzumachen, nämlich eine Affäre mit der schönen Sonja Vonstraete. Diese wiederum liebt eigentlich noch den jüdischen Drogenbaron Max Koen, rannte jedoch vor ihm davon.

Anhand der Figurenkonstellation entpuppt sich De Winters erzählerisches Talent, das höchst originelle, wenn auch manchmal ein wenig rührselige Wendungen kreiert. So bewirkt Jimmy Davis, als er davon erfährt, dass er bald sterben muss, dass sein Herz Max Koen transplantiert wird. So kann er im Körper von Max Koen Sonja weiterlieben und sie endlich mit ihrer großen Liebe Max Koen glücklich werden. Mit ein wenig Stolz und einem verschmitzten Lächeln kommentiert de Winter seinen Kniff: »Ich genieße den Gedanken immer noch, auch wenn ich jetzt davon erzähle.«

Buch-Info


Leon de Winter
Ein gutes Herz
Roman
Diogenes Verlag: Zürich, 2013
512 Seiten, 22,90€

 
 
Doch damit nicht genug: zusätzlich kommen noch ein Fußballteam von terroristischen jungen Marokkanern, niederländische Politprominenz wie Gert Wilders und Leon de Winter selbst als Akteure vor. Alle werden bisweilen in solch satirischer Art und Weise dargestellt, dass das Opus zwischen satirischer Gesellschaftskritik und packendem Thriller changiert. Ein Hauch von faustischem Welttheater nennt das Sabrina Wagner, die Moderatorin des Abends und Germanistin an der Georg-August-Universität Göttingen. Dabei zieht sich eines wie ein roter Faden durch den Abend im Alten Rathaussaal: De Winter ist Geschichtenerzähler mit Leib und Seele. Als gelernter Regisseur hat er ein Händchen für eine gelungene Selbstinszenierung, durch seine Selbstironie, gepaart mit Nonchalance, gibt er dem Hörer wohlüberlegte Einblicke ins schriftstellerische Nähkästchen, ohne anbiedernd persönlich zu wirken. De Winter liest nicht einfach nur, vielmehr erzählt er wirklich und zieht seine Zuhörer gekonnt in den Bann. Und eben dieser erzählerische Verve des belletristischen Stoffs und De Winters Nähe zum Publikum machen den besonderen Reiz des Abends aus. Dem Hörer wird nicht nur der Roman präsentiert, vielmehr fühlt er sich als Augenzeuge, der de Winter bei der Entstehung des Werks über die Schulter und ins erste Manuskript schauen darf.

»Spaß, Vergnügen, Glück dann und wann« hat De Winter bei den Zügen seines »Schachspiels« empfunden, doch ist dies nicht allein auf seine Faszination für die Verschränkung der einzelnen Figuren und Ebenen zurückzuführen. Vielmehr betont De Winter den beinahe kathartischen Effekt der Arbeit an Ein gutes Herz für sein Verhältnis zu Theo van Gogh. Was als Verarbeitung von zahlreichen Beleidigungen begann, führte schließlich dazu, dass De Winter seinem alten Widersacher »näher gekommen« sei und »seinen Frieden mit ihm gemacht« habe.

Und in dieser Art liegt De Winters große Stärke, sowohl als Autor als auch als Vorleser. Er kann mit Selbstironie von sich absehen. Zur Illustration dessen sei eine letzte konzeptionelle Finesse genannt, die De Winter seinen Lesern präsentiert. Er macht sich selbst zur unsympathischsten Figur im ganzen Roman, was ihn gleichzeitig auch unangreifbar macht. Oder vielleicht gerade nicht? De Winter zitiert das Votum seiner Ehefrau Jessica Durlacher: »Über sich selber so schreiben zu können, ist die größte Form des Narzissmus.« Der Autor berichtet dies mit einem süffisanten Grinsen. Ob dem wirklich so ist, muss der Leser selbst herausfinden – über 500 Seiten sollten dafür ja wohl genügend Zeit lassen.



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 Veröffentlicht am 25. November 2013
 Bild von mconners via morguefile
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