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Einmal Freiheit und zurück

»Manchmal kann die Wahrheit nur erfunden werden«, lässt Siegfried Lenz seinen Erzähler konstatieren und schickt den Leser in eine Welt, die weder als gesellschaftskritische Parabel noch als Utopie so recht funktionieren möchte.

von Christian Dinger

Ein neues Buch von Siegfried Lenz ist immer ein Ereignis. Er gehört zu den wenigen Autoren, die sowohl auf der SPIEGEL-Bestsellerliste als auch in den Feuilletons ihren festen Platz haben. Und er hat bewiesen, dass er, anders als andere Überbleibsel der Gruppe 47, in seinem Alterswerk mehr zu bieten hat als alte Erfolge wieder aufzuwärmen. Lenz’ Alterswerk hat nichts von Trägheit oder einer übersättigten Arroganz wie man sie in der Sprache manch alternder Autoren findet, die ihren Zenit längst überschritten haben. Spätestens mit seiner viel beachteten Novelle Schweigeminute hat Lenz gezeigt, dass er den Leser noch zu fesseln vermag. Ein kleines, poetisches Werk, das in Form und Sprache ruhig und bescheiden daherkommt und doch von beachtlicher erzählerischer Kraft ist, sodass es den Leser auf anrührende Weise in seinen Bann zu ziehen vermag.

Poetisch ist auch die ein Jahr später erschienene Novelle Landesbühne. Die Sprache des Autors bleibt unverkennbar ruhig und behutsam, auch wenn Lenz hier eine ganz andere Geschichte erzählt. Sie beginnt in der JVA Isenbüttel, einem Gefängnis, das so gar nicht unserem Bild von einem Gefängnis entspricht. Von Brutalität unter den Insassen kann keine Rede sein, die meisten sitzen wegen kleinerer Betrugsdelikte, die in ein bis zwei Sätzen erwähnt werden und die man den Gefangenen als Leser schnell verzeiht. Der Protagonist war früher ein Literaturprofessor, der Studentinnen durchs Examen schleuste, mit denen er zuvor das Bett geteilt hatte. Nun sitzt er vier Jahre in Isenbüttel. Ob eine solche Strafe neuerdings auf das betreffende Vergehen steht oder ob der »Professor«, wie er auch von seinem Zellengenossen genannt wird, sich noch mehr zu Schulden hat kommen lassen, bleibt unbeantwortet.

Auch ein Ausbruch scheint in diesem Gefängnis keine große Hürde zu sein. So wird kurzerhand während eines Theaterbesuchs der Bus des Ensembles gekapert. Und ganz ohne Verfolgungsjagd landen die Ausbrecher in dem Provinznest Grünau. Hier feiern die Kleinstadteinwohner ihren persönlichen Jahreshöhepunkt mit dem Nelkenfest und begrüßen die Ausbrecher als Vertreter der Landesbühne, die zu Ehren des Festes der Stadt einen Besuch abstatten. Die Insassen werden mit den höchsten Ehren der Stadt überhäuft, die sich gleichsam in einem Taumel befindet, der sie geradewegs zum kulturellen Mittelpunkt der schleswig-holsteinischen Provinz befördern soll. Die Entflohenen ihrerseits sind geschmeichelt von der Anerkennung, die ihnen nach Jahren der Ächtung entgegengebracht wird und beschließen in Grünau zu bleiben und sich in die Bevölkerung zu integrieren, was ihnen auch bemerkenswert einfach gemacht wird. Auch als es absehbar wird, dass ihre Tarnung bald auffliegt und ihre Chance auf ein unerkanntes Leben im beschaulichen Grünau dahinschwindet, schaffen es die Häftlinge nicht, sich den Huldigungen der Gemeinde zu entziehen, um die Flucht gen Dänemark anzutreten.

Buch-Info


Siegfried Lenz
Landesbühne
Hoffmann & Campe: Hamburg 2009
128 Seiten, 17 €

 
 
Angesichts des kulturellen Ehrgeizes, mit dem sich die Häftlinge in das gesellschaftliche Leben in Grünau integrieren, könnte man die Novelle als Aufruf zu einem anderen Umgang mit Straffälligen auffassen, aber mit der Realität von Straftätern und Justizvollzug scheint diese surreale Geschichte wenig zu tun zu haben. Zudem macht der kulturelle Aufstieg der Ausbrecher irgendwann doch der unvermeidlichen Rückführung in die JVA Platz und die Geschichte verwandelt sich von einem bizarren Ausbruchsthriller in eine anrührende Geschichte über die Freundschaft zweier Zellengenossen. Der ehrgeizige Serienausbrecher Hannes verzichtet auf seinen letzten Ausbruchsversuch, um seinen Freund Clemens, den »Professor«, nicht im Stich zu lassen. Hier zeigt Lenz seine Gabe des einfühlsamen Erzähltons, der dem Leser ohne jeden Kitsch Sentimentalitäten erzählen kann, wie er es zuletzt in Schweigeminute eindrucksvoll getan hat.

An diesen Vorgänger reicht seine Erzählung dann leider doch nicht heran, die sich nicht ganz entscheiden kann, ob sie Realität wiedergeben will oder nicht. Aber vielleicht stimmt es ja auch, was Lenz’ Protagonist zum Gefängnisdirektor sagt: »Manchmal kann die Wahrheit nur erfunden werden.« Und nach diesem Motto experimentiert der Autor in dieser Geschichte ein bisschen herum. Herausgekommen ist dabei eine nette Erzählung, die zuweilen anrührend ist, zuweilen auch grotesk. Man denkt nach der Lektüre vielleicht, dass Lenz doch besser ein Werk hätte schreiben sollen, das einen als Leser etwas mehr angeht, denn als gesellschaftskritische Parabel wirkt die Geschichte zu irreal, als Utopie zu tragisch. Doch allein Lenz’ Sprache macht die Novelle lesenswert. Denn die Hauptsache bleibt, er erzählt. Denn das kann er.



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 Veröffentlicht am 26. April 2010
 Kategorie: Belletristik
 Foto von Manuel Helbig via flickr
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