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Elf Literaturhäuser

Das ist ja net.! Aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben sich elf Literaturhäuser zu einem Netzwerk zusammengeschlossen: Literaturhaus.net. Gemeinsam wollen sie die Orte der Literaturvermittlung hervorheben und rühren dafür ordentlich die Werbetrommel. Leider darf nicht jeder mitmischen.

Von Lina-Sophie Jacobs

Seit 2008 ist das Netzwerk der Literaturhäuser, das den Namen Literaturhaus.net trägt, unter der Leitung des Literaturkritikers Rainer Moritz ein gemeinnütziger Verein. Das Netzwerk der elf Mitglieder erstreckt sich über alle Himmelsrichtungen: An den Norden mit Rostock und Hamburg schließt sich mit Leipzig und Berlin der Osten an. Stuttgart, Frankfurt und Köln sind die westlichen Stationen und München, Graz, Zürich und Salzburg vertreten den Süden.

Die Zusammenarbeit des Netzwerkes begann – zunächst ohne Rostock, Zürich und Graz – bereits 1992. In dieser Zeit begann sich das Literaturhaus in Deutschland als neuer Ort der Literaturvermittlung zu etablieren, mit dem ersten Literaturhaus in Berlin. Vornehmlich sollte Gegenwartsliteratur gefördert werden und Literaturinteressierte sollten in diesem Forum mit Autoren, Verlegern oder Literaturkritikern in Dialog treten können.

Mit dem medialen Konkurrenten

Literaturhaus.net will die Marke Literaturhaus als Synonym für eine zeitgemäße, wandlungsfähige Förderung und Vermittlung von deutschsprachiger und internationaler Gegenwartsliteratur weiterverbreiten.1 Das Netzwerk setzt hierbei auf mediale Öffnung: So ist ein wichtiger Medienpartner der bereits im kulturellen Leben etablierte deutsch-französische Kultursender ARTE, ebenso ein Zusammenschluss auf europäischer Ebene. Durch diese Medienpartnerschaft unterstreicht das noch relativ junge Netzwerk der Literaturhäuser sein hochwertiges Image und setzt ein Zeichen: Hört man den Begriff ARTE soll sich neben den Begriffen Kultur, Qualität und Internationalität nun auch der Begriff Literaturhaus.net in die Assoziationskette mit einreihen.

Gleichzeitig wird das Internet, das ja eher als Konkurrent für den Literaturbetrieb gilt, als PR-Helfer und Inszenierungsplattform genutzt. Der `Abwanderung´ der Literaturinteressierten in den virtuellen Raum, um sich dort dem literarischen Diskurs hinzugeben, soll entgegengewirkt werden. Der Besucher der Homepage wird zunächst an die Seite des Netzwerkes gebunden und wird ausführlich über den Zusammenschluss, die Netzwerkarbeit, die gemeinsamen Projekte und Programm-Highlights informiert. Neben der Inszenierung als Zusammenschluss wird jedes Literaturhaus auch einzeln porträtiert. Diese Porträtseiten verweisen auf die eigentlichen Homepages der Literaturhäuser, auf denen der Besucher sich über aktuelle Veranstaltungen in der jeweiligen Stadt informieren kann.

Neben den individuellen Programmen der Literaturhäuser stehen allerdings die gemeinsamen Projekte im Vordergrund, die Literaturhaus.net auszeichnen: Auf regelmäßigen Treffen entwerfen die Mitglieder des Netzwerkes gemeinsame Projekte, wie das Projekt Poesie in die Stadt!. Diese im Sommer stattfindenden Plakataktionen bringen internationale Lyrik in deutscher Sprache der Öffentlichkeit näher, indem ausgewählte Zitate Busse, Bahnhöfe oder Fußgängerzonen zieren; »ein schön anzuschauendes Leseerlebnis in einem überraschenden Kontext.«2 Bei diesem Projekt arbeiteten bereits Günter Grass oder Herta Müller mit.

Preise binden

Ein weiteres gemeinsames Unterfangen ist der Preis der Literaturhäuser. Dieser mit 11.000 Euro dotierte Preis wird jedes Jahr auf der Leipziger Buchmesse an einen Autor vergeben, der gezeigt hat, dass er Literatur sehr kreativ zu vermitteln vermag, sei es bildnerisch, malerisch oder szenisch. Neben dem Preisgeld gibt es für dieses Genie dann noch eine Lesereise, die durch alle elf Literaturhäuser führt. Ihm wird ein neues Forum geboten, allerdings verpflichtet er sich gleichzeitig auch zu einer längeren Kooperation mit dem Netzwerk. Der Preis wird also nicht ganz uneigennützig vergeben. Unter den Gewinnern sind Anselm Glück3 oder Elke Erb.4

Diesen gemeinsamen Aktionen liegen zwei Leitmaximen zugrunde, die die elf Literaturhäuser vernetzen: Erstens sollen sich Literaturhäuser als literarische Zentren in den Städten etablieren und darüber hinaus auch überregional Aufmerksamkeit erregen. Zweitens ist es das Ziel »Literatur den Weg zu bahnen, die Qualität vor Kommerz stellt und nicht ausschließlich auf bloßen Mainstream setzt.«5

Ein Sonderling knüpft eigensinnige Bande

Wegen dieser – oft konsequent eingehaltenen – Abgrenzung zum Mainstream haftet Literaturhäusern das Image an, elitär zu sein und sich nur gewissen Randerzeugnissen zu widmen, von denen sich nur Kenner der ʽhohen Literaturʼ angesprochen fühlen. Ob dies tatsächlich auf alle Literaturhäuser zutrifft, sei dahingestellt. Fraglich ist jedoch, ob nicht Literaturhaus.net selber etwas Exklusives sein will und eine Art ʽelitären Kreisʼ bildet. So wurde jüngst das Wiesbadener Literaturhaus Villa Clementine6 abgelehnt. Dies trat eine Debatte los: wie viele Mitglieder können dem Netzwerk noch angeschlossen werden? Wird es dann immer unübersichtlicher und schwieriger, sich auf ein gemeinsames Programm zu einigen? Was müssen potentielle Mitglieder überhaupt erfüllen? Laut www.literaturhaus.net muss ein möglicher Kandidat dem Satzungszweck des Netzwerks entsprechen, um beitreten zu können. Näheres zu diesem Satzungszweck lässt sich jedoch auf der Homepage nicht finden.

Es klingt durchaus plausibel, dass das Netzwerk durch eine steigende Anzahl an Partnerstädten unübersichtlich(er) werden würde. Allerdings klingt es genauso plausibel, dass auch hier eine Art der Abgrenzung erfolgt (wie die Abgrenzung zum Mainstream) und dass eben nur ʽspezielleʼ Literaturhäuser oder Städte dieses Netzwerk erweitern sollen. Eine Zusammenarbeit mit den hippen Städten Prag, Brüssel oder London werde zum Beispiel angestrebt.7
Ob nun aus Platzgründen oder Imagefragen: Literaturhaus.net muss sich überlegen, inwiefern das Netzwerk und die gemeinsamen Aktionen noch funktionieren können, sollte sich die Mitgliederzahl erweitern.

Ebenso Lesenswertes zum Thema: das Interview mit Rainer Moritz, der Bericht über das erste Literaturhaus Deutschlands oder der Artikel über Literatur in Zeiten des medialen Wandels.

  1. http://www.literaturhaus.net/netzwerk/index.htm
  2. http://www.literaturhaus.net/projekte/poesie/index.htm
  3. http://www.perlentaucher.de/autoren/20298/Anselm_Glueck.html
  4. http://www.perlentaucher.de/autoren/4883/Elke_Erb.html
  5. Rainer Moritz: Ein Forum für die Literatur. In: Heinz Ludwig Arnold / Matthias Beilein (Hrsg.): Literaturbetrieb in Deutschland. 3. Aufl. München 2009, S. 124.
  6. http://www.buchreport.de/nachrichten/buecher_autoren/buecher_autoren_nachricht/datum/2011/04/05/perspektive-fuer-clementine.htm
  7. Ebd.


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 Veröffentlicht am 22. August 2011
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