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Familie kontrolliert gesprengt

Peter Buwalda ritzt in seinem Debütroman Bonita Avenue mit feiner Nadel ein reich schattiertes Familienporträt in niederländischen Parkettboden, nur um es dann mit Säge und Axt lustvoll zu zerlegen. Daniel Frisch wetzt die Filetiermesser.

Von Daniel Frisch

Seit der Moderne dürfen und sollen Romane die Leserin zum Puzzlespieler machen. Das chronologische Ende ist am Buchanfang oder irgendwo in der Mitte und der chronologische Anfang irgendwo ganz anders: Erst am Schluss hat man alle vielsträngigen Erzählteile zusammen, und es fügen sich Umrisse zu Figuren zu Beziehungen, Augenblicke zu Momenten zu Szenen zusammen, erklingen inhaltliche Dissonanzen im besten Fall stimmig als ein Plot. Auch Peter Buwalda schickt in Bonita Avenue seine Leser durch eine weder chronologisch noch vom selben Erzähler geschilderte Patchwork-Familiengeschichte, deren vollständiges Panorama sich gerade noch einen Atemzug lang dem Betrachter mit all seinen dunklen Flecken präsentiert, bevor es samt seiner Familienmitglieder auseinanderfliegt – und das fast im Wortsinne, denn der Beginn der familiären Katastrophe fällt mit der Explosion einer Feuerwerksfabrik in Enschede am 13. Mai 2000 zusammen.

Buch


Peter Buwalda
Bonita Avenue
Roman
Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 2012
640 Seiten, 10,90 €

 
 
Buwalda hat beinahe manisch und unter hohem Erfolgsdruck geschrieben, wie er selbst sagt, viereinhalb Jahre lang ein Eremitendasein führend, um diesen seinen ersten Roman abzuschließen. Seinen Job als Lektor hat er dafür aufgegeben, die Wohnung angeblich nur einmal verlassen, und dabei hatte er das Gefühl, er gehe seinem Text fremd. Doch die Arbeit hat sich gelohnt: Buwalda legt auf beeindruckende Weise gleich alle zehn Finger in familiäre Wunden.

Verlogenes Mittelstandsidyll

Im Mittelpunkt von Bonita Avenue stehen Aufstieg und Fall des Mathematikprofessors Siem Sigerius, eines Selfmade-Man, der nach einer gescheiterten Karriere als Judo-Ka seine Liebe zur Mathematik entdeckt, und es bis zum Universitätsrektor, sogar zum niederländischen Wissenschaftsminister bringt. Die harmonische Oberfläche seiner Familie bleibt jedoch nur solange intakt, wie Vater Siem und Tochter Joni die düsteren Heimlichkeiten ihres Lebens vor den anderen verbergen: Joni baut mit ihrem Freund Aaron ein lukratives Geschäft mit Internetpornografie auf – in den 90ern, als sich diese noch ausschließlich auf Fotos beschränkte. Einen kleinen voyeuristischen Ausrutscher erlaubt sich Siem, dessen sexuelles Verlangen nach seiner inzwischen adipösen Ehefrau Tineke komplett erkaltet ist, und stößt beim Surfen auf Pornowebseiten prompt auf die Bilder seiner Tochter. Darüber hinaus wird Wilbert Sigerius, sein Sohn aus erster Ehe, ein Totschläger und Krimineller, just dann wieder aus dem Gefängnis entlassen, als Siems Wissen um Jonis Karriere im Netz die Verhältnisse der Familie schon langsam aus dem Gleichgewicht geraten lässt. Im Haus der Familie Sigerius »logen alle. Die gesamte Familie rang verstohlen mit der Wahrheit. Obwohl Aaron wusste, dass es eine fadenscheinige Entschuldigung war, sagte er sich, dass jeder im Bauernhaus seine Geheimnisse gehabt hatte – Sigerius, Tineke, Joni, er, jeder verschwieg etwas. Wie lange hatte er nicht gewusst, dass Janis und Joni gar nicht Sigerius’ Töchter waren? Lange. Und am liebsten hätte man es ihm nie gesagt.«

Die titelgebende Bonita Avenue ist nicht nur eine Straße im kalifornischen Berkeley, wo Siem als Gastprofessor für eine kurze Zeit an der Universität gearbeitet hatte; sie ist auch Chiffre im Buch für das Mittelstandsidyll, in dem die Familie dort lebte. Sie bildet nach wie vor ihren Sehnsuchtsort. In der Erinnerung ist das Zusammenleben in der Fremde absolut harmonisch. In Enschede hingegen, wohin die Familie wieder zurückkehrt, findet die Eintracht schließlich mit der Explosion der Feuerwerksfabrik ein jähes Ende. Einer selbsterfüllenden Prophezeiung gleich bewegt sich Siem Sigerius immer weiter auf den Abgrund zu, je mehr er versucht, seine Familie vor Unglück zu bewahren. Dazu gehört an erster Stelle der unliebsame Stiefsohn Wilbert, dem die pubertäre Joni damals noch mit knappem Röckchen auf dem Schoß hin und her rutschte, schließlich aber – vom Vater dazu überredet – vor Gericht log, um ihren kriminellen Stiefbruder hinter Gitter zu bringen. Was folgen wird, ist unter anderem die denkbar beschämendste Situation, in der ein Familienvater von seiner Tochter mit einem ihrer Netzstrümpfe ertappt werden kann, ein blutiger Zweikampf mit einem rachsüchtigen Sohn, eine Leichenverhackstückung wie aus einem Splatterfilm, ein Selbstmord, eine paranoide Psychose, die Jonis Freund Aaron kaum noch in den Griff bekommt, und ein weiteres Mal die inzwischen erwachsene Joni, die ihren Vater in einem Zustand vorfindet, im dem sie ihn nie hätte sehen dürfen.

Ein niederländischer Jonathan Franzen?

Für diese ungeschönten Schilderungen vom Zerfall des Zuhauses wurde Buwalda in seinem Heimatland als ‚niederländischer Jonathan Franzen‘ gefeiert – doch wo Franzen Korrekturen dessen zulässt, was im familiären Gestrüpp schief gewachsen ist, fackelt Buwalda gleich alles komplett nieder. Aber im martialischen Zerlegen der Bürgerlichkeit lässt der Autor seine Charaktere nicht allein: Brutal sind zwar die Zufälle, die er in die Leben seiner Figuren schreibt, die absurden Situationen, die daraus resultieren und seine Charaktere bloßstellen, ruinieren, vernichten, vor allem je mehr sie versuchen, alles geradezurücken. Groß dagegen aber ist das Mitgefühl, mit dem der Autor den Weg seiner Figuren teilt, sie begleitet. Buwalda schreibt nicht als Sadist. Ihn reizt das familiäre Miteinander, aber nicht als oberflächliches Porträt von heimischem Geplänkel, wie dem ewigen Streit ums gemeinsame Weihnachtsfest – sondern als Hydra, die zum Vorschein kommt, wenn man die Decke wegzieht, jedes Geheimnis und jede Hinterhältigkeit, jedes Konkurrenzverhältnis und jeden rücksichtslosen Ehrgeiz ans Licht geholt hat; wenn man Menschen aufeinander loslässt, die zu wahrer Zuneigung kaum fähig sind, die sich einander nicht offen zeigen und sich einander nicht anvertrauen können. Das gute Leben der Familie Sigerius besteht aus selbstdiktierter unaufgeregter Zuneigung. Doch über »die tatsächlichen Familienbande wurde nicht gesprochen. Manchmal konnte der Eindruck entstehen, dass sie darüber selber nichts mehr wussten.«

Trotz der plastischen Feinheit, mit der das Familienporträt Bonita Avenue gearbeitet ist, erscheinen häufig Nebenhandlungen und Biografien anderer Figuren allzu unausgewogen. Am Ende tragen Siem und Joni Sigerius die Handlung allein, wird ein Großteil der Nebenfiguren zu flat characters degradiert, obwohl man gern mehr über sie erfahren würde. Jonis Schwester Janis führt ein blasses Durchschnittsleben und stellt nur an einer Stelle im gesamten Roman ihrem Stiefvater die richtige Frage, was sowohl ihn als auch den Leser überrascht und beeindruckt. Daraufhin verschwindet sie aber auch gleich wieder zu den anderen Randexistenzen wie Aarons Eltern, die scheinbar schon seit Jahren das Land verlassen haben, aber auch nie anrufen, oder Tineke, die als Siems Ehefrau nur deshalb so uneigennützig ihrem karriere- und mathefixierten Ehemann den Haushalt schmeißen kann, weil sie auch fast ausschließlich als fettleibiger Körper mit überschaubarer Anzahl an Eigenschaften angelegt ist.

Happy End? Langweilig. Zumindest Katharsis? Wäre eigentlich schön. Welcher Leser freut sich nicht, wenn ein Roman nicht in seelischer Mitternacht endet? Hand hoch! Doch jene zeitgenössischen niederländischen Romane der bodenlosen Finsternis, denen auch am Buchende der Schrecken nicht genommen wird, sind nicht wenige: Hermann Koch zum Beispiel ließ in Angerichtet (2010) Kinder eine Obdachlose erst misshandeln und schließlich anzünden. In Elvis Peeters’ Roman Der Sommer, als wir unsere Röcke hoben und die Welt gegen die Wand fuhr (2013) führen ein paar Jungs einer schwangeren Kinderprostituierten mit Knüppeln und Fußtritten eine Abtreibung herbei, kurz nachdem zwei andere Mädchen derselben Clique einen zweifelnden Selbstmörder zum tödlichen Sprung von einem Telefonmast angefeuert hatten. Man liest diese Romane beinahe wie einen Autounfall, dem man zwanghaft zusieht. Auch Buwalda kitzelt womöglich den voyeuristischen Leser hervor, der einen ungeschönten Blick auf die eigenen familiären Verhältnisse wagen will.

Seit seinem Debüt, das 2010 in den Niederlanden erschien, schreibt Buwalda Kolumnen für De Volkskrant. Ein zweiter Roman ist noch nicht in Sicht; eine Zeit der schriftstellerischen Entgiftung von Bonita Avenue, die man ihm gönnen mag. Allerdings nur in der Hoffnung, dass er ein weiteres Mal mit seiner psychologischen Feinsäuberlichkeit die Bürgerlichkeit seziert, einen Satz aus dem Teleshopping für ein Messerset in Erinnerung rufend: »Sie können das bereits Filetierte nochmals filetieren«.



Metaebene
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 Veröffentlicht am 2. Februar 2016
 Kategorie: Belletristik
 Aristotelian´s tragedy von kafre kafre via Flickr
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