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		<title>Plüschige Plaudereien</title>
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		<pubDate>Thu, 02 Feb 2012 12:04:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Anna Kleimann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literarisches Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Buchmarkt]]></category>
		<category><![CDATA[Göttingen]]></category>
		<category><![CDATA[Literarisches Zentrum]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturbetrieb]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturverteiler]]></category>

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		<description><![CDATA[Literaturverteiler No. 3: Der Buchmarkt - Zur misslichen Lage des Buchhandels.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Teddybären raus! So oder so ähnlich könnte das mehr oder weniger versöhnliche Fazit der dritten Podiumsdiskussion aus der Reihe <em>Literaturverteiler. Orte, Medien, Akteure im literarischen Leben</em> mit dem Thema »Der Buchmarkt« lauten. Obwohl die Vita der Diskutanten durchaus Raum für eine brisante ideologische Schlammschlacht unter der niedrigen Decke des Literarischen Zentrums geboten hätte, fanden die Key-Account Managerin Angelika Barth, der Sortimentsbuchhändler Michael Buchmann und der selbstständige Unternehmensberater Christian Rößner schnell einen Konsens: Plüschiges Kinderspielzeug, Duftkerzen und Gießkannen mit weiß-roten Punkten werden niemals einen gerechtfertigten Platz in einer Buchhandlung einnehmen können. Moderator Matthias Beilein (Literaturwissenschaftler) entlockte den gütlichen Gästen darüber hinaus aber trotzdem einige interessante Statements zur pekuniären Lage der deutschen »Literaturverteiler«.<br />
</strong></p>
<p><em>Von Anna Kleimann</em></p>
<p>Es ist wie es ist, will man mit melancholisch-lethargisch gesenktem Blick ins Rotweinglas schon seufzen, ob der friedlichen Konsensstimmung, die die Gäste ausdauernd bei jedem Aspekt der Diskussion an den Tag legen. Filialisten sind eben auch nur Menschen, sie machen eben auch nur ihren Job, die Armen, schließlich sitzen ihnen die Rendite-Vorgaben wie Geier im Nacken. Und inhabergeführte Buchhandlungen sind eben so wie sie sind. Sie fühlen sich zur intellektuellen Missionierung des Bildungsbürgertums berufen und haben trotz Konsumvorbehalts eine gleichwertige Existenzberechtigung. Sofern sie existieren. Nein, man verzichtet darauf, sich gegenseitig die Augen auszupicken und drischt lieber auf das kleine gemeinsame Hassobjekt ein: den Non-Book-Sektor. Die großen Flächen mit Büchern zu bestücken, ist nicht mehr rentabel, darum müssen die Buchrücken nun albernen Gimmicks weichen.</p>
<p>Im Sortiment der Händler werde der stationäre Anteil der Bücher heruntergedreht werden, stellt Suhrkamp-Abgesandte Angelika Barth in Aussicht. Dafür werde es mehr Angebote im (Achtung: »Zauberwort«!) Multichannel-Bereich, wie zum Beispiel im Online-Handel und bei den Digitalformaten, geben. Es geht hauptsächlich um Geld in dieser Sache, und das ist hart umkämpft auf dem Buchmarkt. Der Gesamtumsatz pro Jahr in dieser Branche betrage zirka 10 Milliarden Euro, informiert Moderator Matthias Beilein. Das sei ungefähr das, was Amazon und Google im Quartal machen. »Wir sind David, der gegen Goliath kämpfen muss«, sagt Barth. Dabei hätte man im Ringen um die Marktanteile wohl eher den Sortimentsbuchhändler Michael Buchmann in der Rolle des kleinen Steineschleuderers gesehen, aber die Hackordnung gewinnt aus diesem Blickwinkel eine neue Dimension. »Es gibt keine Konkurrenz von Gegenüber«, so Barth, »es geht nicht darum, wer die bessere Rolltreppe hat. Es geht um den unsichtbaren Konkurrenten, der alles weiß, besser informiert ist und vormacht, wie Kundenbindung geht.« </p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title=" Literaturverteiler."><h2><a href="# Literaturverteiler." name="advtab"> Literaturverteiler.</a></h2></p>
<div align="center"> Unter diesem Titel haben das <a href="http://www.literarisches-zentrum-goettingen.de/">Literarische Zentrum</a> Göttingen und Litlog drei Podiumsdiskussionen organisiert, in denen Wandlung und Veränderung literaturvermittelnder Institutionen ausgelotet wurden. Die Veranstaltung <em>Literaturverteiler No. 3: Der Buchmarkt</em>, die am 26. Januar 2012 im Literarischen Zentrum stattfand, war vorerst die letzte Podiumsdiskussion der Reihe.</div>
<p></div></div><br class="jwts_clr" />Die »Großkundenbetreuerin« ist noch am besten in der Lage, die aktuelle Situation klar zu umreißen: »Im Moment gibt es ein Erdbeben bei den Filialisten und wir wüssten alle gerne wie das endet.« Die finanziellen Grenzen sind aber auch bei den Verlagen scharfkantig spürbar. Werbekosten und Lizenzen werden zu elementaren Posten auf der Rechnung. Buchverkäufe sind schwer berechenbar und »1,5 Millionen Vorschuss für ein Buch können wir nicht stemmen«, erklärt Suhrkamperin Barth. Daher gebe es bei ihnen vom Bestsellerautor Carlos Ruiz Zafón auch nur eine frühe Ausgabe seiner zahlreichen Romane zu kaufen, die Vorschuss-Forderungen für sein zweites Buch sprengten schlichtweg das Budget. Das finanzielle Ideal sei immer noch ein Geheimtipp, der sich allmählich zum Bestseller entwickele.</p>
<p>Christian Rößner, Coach, Trainer, Personaler und ehemaliges Mitglied im Einkaufsgremium von Branchen-Riese Thalia, beschränkt sich weitestgehend darauf, den inhabergeführten Buchhandlungen zu attestieren, sie hätten sich beim Bestseller-Geschäft das Wasser abgraben lassen und den Lesern zu bescheinigen, sie seien durch ihre Nachfrage selbst Schuld an der ganzen Misere beziehungsweise an der Überproduktion von Büchern: Die Dynamik der immer schneller werdenden Umschlagsgeschwindigkeit lasse sich jetzt kaum aufhalten. Auch für netzresistente Händler kann er keine Empathie aufbringen: »Der Händler, der jetzt erst anfängt, sich ein zweites Standbein im Internet aufzubauen, ist schon viel zu spät dran.« Offenbar ein Mann ohne größere Sorgen. Die Debatte über E-Books und sterbendes Papier wurde Gott sei Dank weitestgehend außer Acht gelassen, wäre sie doch – gerade an diesem Abend – auch zu keinem nennenswerten Ergebnis gekommen. </p>
<p>Der einzige zaghafte Antipode des Abends war Buchmann, promovierter Philosoph und Lehrbeauftragter der Universität Karlsruhe, der zunächst selbstkritisch dem Kleinbuchhandel mangelnde Professionalität zuschrieb und ihm mit Kurt Tucholsky eine »apothekerhafte Schwerfälligkeit« unterstellte, durch die der Kunde zum Bittsteller gemacht werde, der sich doch einfach etwas aussuchen solle. »Man muss sich von den Filialisten abgrenzen, die Vielfalt auffangen, sein Profil schärfen und die regionale Anbindung nutzen.« Relativ offensiv ging er das Thalia-Programm an, das durch »austauschbare Uniformität« geprägt und dessen Angebotsbreite ja schon Selbstzweck sei. Gegenrede = keine. Also beschwor er ungestört die Vermittlungs- und Beratungsfunktion des Kleinbuchhandels als seine Stärke  herauf: »Das Nadelöhr ist nicht aufgehoben, Bücher müssen kommuniziert werden. Und das wird immer so sein.« </p>
<p>Buchmann beschloss seinen Beitrag zur abendlichen Plauderstunde mit einer Anekdote über einen Kunden, der die Nachricht, dass der gewünschte Titel in der Buchhandlung nicht geführt werde, mit der Antwort quittierte, dann müsse er ihn eben bei Amazon bestellen, und seiner Einschätzung, dass dieses Amazon doch im Vergleich zum Buchmarkt keinen nennenswerten Mehrwert biete, da er als Händler ja genauso versandfrei Bücher direkt zum Kunden ordern könne. Der entscheidende Unterschied bleibt jedoch, dass der Kunde sich dafür noch aus dem Haus wird bewegen müssen. Buchmann wird es wohl nicht für möglich halten, dass es auch im Bildungsbürgertum so etwas wie Bequemlichkeit gibt. </p>
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		<title>Take one – Theatersession</title>
		<link>http://www.litlog.de/take-one-theatersession/</link>
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		<pubDate>Mon, 30 Jan 2012 20:08:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sukie Brinkmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Misc.]]></category>
		<category><![CDATA[Göttingen]]></category>
		<category><![CDATA[Jazz]]></category>
		<category><![CDATA[Jazzfestival]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Reportage]]></category>

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		<description><![CDATA[Durch Feder zur Note: Sukie Brinkmann ergründet schreibend die Göttinger Jazz-Szene. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><em>Durch Göttingen geJazzt!</em> Sukie Brinkmann durchstreift in drei Artikeln die Göttinger Jazz-Szene und sammelt Stimmen zu einem Phänomen, das die einen zur zwölftonartigen Königsklasse erheben, die anderen als musikalische Randsportart abtun. Los geht es mit einem Bericht über das Göttinger Jazzfestival 2011 &#8211; ein Ereignis, das sich Musik und Mensch gleichermaßen verpflichtet.</strong></p>
<p><em>Von Sukie Brinkmann</em></p>
<p> </em>Der Einlass hatte bereits begonnen, als ich vor dem großen, historischen Gebäude des Deutschen Theaters Göttingen stand. Es war Samstag, der 12. November und schon von draußen hörte ich Musik und Menschengetuschel. Mit der Annahme, es wäre noch nicht sehr voll und ich könnte mich zunächst in Ruhe umschauen, lag ich falsch: Das Deutsche Theater war schon nahezu überfüllt und ich mitten drin im Getümmel des Göttinger Jazzfestivals. Nach längerem Suchen der Garderobe hatte ich den Schauplatz überblickt. Das Spektakel spielte sich über das ganze Theater verteilt ab: Im Studio, dem Keller, auf der pompösen Hauptbühne und nicht zu vergessen an den Bars, an welchen die meisten Gäste Sekt tranken und sich angeregt unterhielten. Im Saal der großen Bühne waren schon jetzt alle Plätze vergeben. Aber nicht nur diese, auch die inoffiziellen Stehplätze am Rand schienen nahezu alle belegt. Irgendwo zwischen den vielen Menschen konnte ich dennoch eine kleine Stehfläche ergattern. Bis zum Beginn der Vorstellung um 20 Uhr war noch ein wenig Zeit, das Publikum genauer unter die Lupe zu nehmen.</p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Zum Projekt"><h2><a href="#Zum Projekt" name="advtab">Zum Projekt</a></h2></p>
<div align="center">Jazz-Käse-Wein-Abende sind eigentlich nicht Sukie Brinkmanns Sache. Trotzdem fühlt sie sich angezogen von dieser Musik, die gerade den Göttinger Konzertgänger immer wieder umtreibt. Deshalb wird sie sich – aus der Nullperspektive heraus – der virtuosen Tonkunst widmen und eine Annäherung wagen. In drei Artikeln berichtet sie über Management, Milieu und musikalische Finesse der Göttinger Jazz-Szene.</div>
<p></div></div><br class="jwts_clr" />Mein Erstaunen war groß &#8211; gerechnet hatte ich eher damit, dass man als Mittfünfziger den Altersdurchschnitt bereits senken würde. Mit diesem Vorurteil lag ich gänzlich daneben. Rentner waren kaum anwesend, dafür viele junge Leute, Studenten und Schüler. Bis auf einen provokant schnarchenden älteren Herren, dessen unterhaltsame Darbietung sich wider Erwarten nicht als Teil der Show herausstellte, amüsierten sich alle anderen Besucher scheinbar blendend und blickten voller Vorfreude dem Beginn des Konzerts entgegen. Und das in meinen Augen vollkommen zurecht: Das <em><a href="http://www.celine-bonacina.com/">Céline Bonacina Trio</a></em> empfand ich, als Jazzlaie, als mitreißend und einfach toll. Zu sehen war eine zierliche, bunt, aber adrett gekleidete junge Französin. Sie brachte mit ihrem Instrument, dem Baritonsaxophon, das ihrer Statur in keinster Weise glich, sondern eher monströs wirkte, das Publikum zum Staunen. Zusammen mit Bassist und Schlagzeuger führte sie klassische Jazzelemente mit Funk, Dub, Reggae und Afrobeats zusammen. Mit Worten eines Besuchers, Jazzliebhabers und Künstlers: </p>
<blockquote><p>Céline Bonacina hat mir sehr gut gefallen! Ich habe mir auch ein Autogramm von ihr geholt. Das war das absolute Highlight. Selten habe ich so guten Jazz gesehen. Es war nur leider sehr voll.</p></blockquote>
<p>Das war es wirklich! Um noch mehr vom Festival mitzubekommen, drängelte ich mich leise aus dem großen Saal und holte mir etwas zu trinken. Während ich mich umschaute, entdeckte ich zwei junge, wie sich herausstellte, gerade 12-jährige Mädchen und fragte mich, wie es um die Beziehung der jüngsten Generation zur Jazzmusik bestellt ist.<br />
Charlotte: <em>»Unsere Eltern haben uns mitgenommen. Aber wir waren auch schon letztes und vorletztes Jahr hier. Da hat es uns so gut gefallen, dass wir wieder mitgekommen sind.«</em><br />
Franziska verriet, dass ihr Vater als Künstler beim Jazzfestival auftrete und bei <em><a href="http://www.uni-goettingen.de/de/96417.html">XY JazZ</a></em> mitspiele. Ich war also auf zwei junge alte Hasen gestoßen. Die Mädchen spielen sogar selbst schon Instrumente, Charlotte Klarinette und Franziska Trompete und Klavier. Und wieso gefiel es ihnen gerade hier so gut?<br />
Franziska: <em>»Ich finde es cool, dass hier nicht nur ganz alte Leute sind, sondern auch Jugendliche.«</em><br />
Charlotte:<em> »Ja und wir mögen natürlich auch die Musik.«</em><br />
Ein solch bekennendes Statement könnte denjenigen, die mit Jazz gediegene Alt-Herren-Musik oder Käse-Wein-Abende assoziieren, einigen Wind aus den Segeln nehmen.</p>
<address>Mit Ruhe zum Genuss</address>
<p>An der Bar gesellte ich mich zu zwei Herren mittleren Alters, die eher meinem Stereotyp des Jazzliebhabers entsprachen. Dabei stellte sich heraus, dass sie nicht ausschließlich der Musik, sondern auch des gesellschaftlichen Flairs wegen gekommen waren:</p>
<blockquote><p> Man trifft hier Leute, die man sonst nicht sieht und gleichzeitig freue ich mich auch, was vom Jazz mitzubekommen.</p></blockquote>
<p>Besonders findet Jörg Bachmann am Göttinger Jazzfestival, dass sehr viele lokale Gruppen Auftrittsmöglichkeiten haben, die sie sonst das Jahr über nicht haben. So lerne er auch immer wieder neue Gruppen kennen.</p>
<blockquote><p>Im Deutschen Theater ist es ein gesellschaftliches Ereignis, zu dem auch Leute kommen, die mit Jazz nichts zu tun haben. Das kann auch manchmal ein bisschen nerven. Zum Beispiel gestern bei <em><a href="http://easyweb.easynet.co.uk/~jemuk/index.html">Django Bates</a></em> war es ein ständiges Kommen und Gehen, weil manche die Musik nicht verkraftet haben. </p></blockquote>
<p>Günter Schäfer erläuterte, dass es viel Ruhe und Konzentration erfordere, um die Musik verstehen und genießen zu können. Deshalb würden viele raus gehen, da ihnen die Ruhe fehle. Um Jazzmusik zu mögen, müsse man sich darauf einlassen können. </p>
<p>Der Eindruck, dass viele Besucher gekommen waren, um Freunde und Bekannte zu treffen, bestätigte sich im Laufe des Abends.<br />
Jörg Bachmann: <em>»Auch wenn es manchmal anstrengend sein kann, finde ich es gut, dass die Leute hier von der Musik überzeugt werden können, die sonst gar keinen Zugang dazu haben.«</em><br />
Günter Schäfer: <em>»Das Tolle ist ja auch, dass Leute, die durch internationale Gruppen angezogen werden, somit auch Göttinger Bands kennen lernen.«</em><br />
Das Gespräch ging noch über das Interview hinaus, so dass es auf einmal schon zehn Uhr war. Um noch ein paar weitere Eindrücke zu gewinnen, ließ ich mich weiter treiben und landete im Untergeschoss des Deutschen Theaters. </p>
<p>Beginnend im vollsten Raum, dem Bistro: Hier versammelte sich ein wild gemischtes Publikum, welches sich bei der Einnahme von Wein und Suppe prächtig amüsierte. Unter ihnen traf ich auf Jaqui Döpfer, eine Besucherin, die ohne Begleitung hier war und mir erzählte, dass sie jedes Jahr das Jazzfestival besuche. Sie habe sogar schon Bands kennengelernt, die ihr so gut gefallen hätten, dass sie andere ihrer Konzerte besucht habe. Ein weiteres Getränk später befand ich mich im Keller, in dem die Stimmung eine andere, wenn auch nicht schlechtere war. Das Publikum war älter, der Raum klein, dunkel, gemütlich und es herrschte eine hohe Fluktuation. Hier traten vorwiegend Jazzgruppen aus Göttingen auf: <em> Carnegie Hall Projekt</em>, <em><a href="http://www.youtube.com/watch?v=kBNdiGdCMR0">New Orleans Syncopators</a></em>, <em>JazzXpress</em>, die Göttinger Uniband <em><a href="http://www.uniroyal-jazz.de/">Uniroyal</a></em>, eine der wenigen Small-Big Bands Deutschlands: <em><a href="http://hotjazz.info/">German Vintage Jazz Orchestra</a></em> und als Letztes die Schweizer Old-Jazzband: <em><a href="http://www.swissoldtimesession.ch/">Oldtime Session</a></em>. Es war also eine Fülle unterschiedlicher Musiker vertreten, die sich nicht zierten, sich unters Publikum zu mischen und für Fragen zur Verfügung zu stehen. Von einer Besucherin habe ich erfahren, dass im Kellerraum immer wieder die gleichen Bands spielen und daher viele Gäste diesen jedes Jahr besuchen, um bekannte Bands wieder zu treffen und deren Musik lauschen zu können. </p>
<p>Den Abschluss meines Abends bildete das <em><a href="http://www.gilad.co.uk/the-orient-house-ensemble/">Gilad Atzmon &#038; Orient House Ensemble</a></em>, welches mit melancholischen Klängen den Besuch des Festivals wunderbar abschloss und Zeit ließ, meine Eindrücke Revue passieren zu lassen: Auf dem Göttinger Jazzfestival herrscht eine einnehmende Atmosphäre, die durch das breite und tolle Angebot an Jazzmusik und ein durchmischtes, aufgeschlossenes Publikum entsteht, welches mir, als nicht gerade Jazzkenner- und Liebhaberin so gut gefallen hat, dass mein Fazit ist: nächstes Jahr auf jeden Fall wieder!</p>
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		<title>Über die Schwelle gehoben</title>
		<link>http://www.litlog.de/uber-die-schwelle-gehoben/</link>
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		<pubDate>Thu, 26 Jan 2012 10:46:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alena Diedrich</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literarisches Leben]]></category>
		<category><![CDATA[internationale Dichtung]]></category>
		<category><![CDATA[LIMEN]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrikmagazin]]></category>
		<category><![CDATA[Medienverbund]]></category>
		<category><![CDATA[Übersetzung]]></category>

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		<description><![CDATA[Alena Diedrich über <em>Limen</em>, die mehrsprachige Zeitschrift für zeitgenössische Dichtung.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Zwei Osnabrücker Doktoranden wagen sich auf den Markt der Lyrikmagazine: <a href="http://www.wehrhahn-verlag.de/index.php?section&#038;subsection=details&#038;id=610"><em>Limen</em></a> bündelt im Jahresturnus Stimmen und Werke internationaler DichterInnen samt deutscher Erstübersetzung und versucht so das Einzugsgebiet (fremd)sprachiger Lyrik zu vergrößern. Eine Anlese von Alena Diedrich.</strong></p>
<p><em>Von Alena Diedrich</em></p>
<p>Die Schwierigkeiten gegenwärtiger Lyrikproduktion und -rezeption sind allseits bekannt: Geringe und häufig schwer zu beziehende Auflagen, das Problem der sprachlichen Vermittlung nicht-deutschsprachiger Texte, zu denen keine Übersetzungen vorhanden sind, und andere Widrigkeiten rollen dem Lyrik-interessierten Leser häufig Steine in den Weg. <em>Limen</em> möchte diese Grenze, die die Rezeption über einen kleinen Kreis Lyrikinteressierter hinaus erschwert und verhindert, als eine überschreitbare Hürde – eine Schwelle eben – begreifen, die eingeebnet und überwunden werden kann. </p>
<p>Dazu gibt <em>Limen</em> dem Leser ein paar nützliche Hilfswerkzeuge an die Hand: Die mehrsprachige Zeitschrift macht zeitgenössische Lyrik für ihre Interessenten zugänglich, druckt Übersetzungen sowie erläuternde Stellungnahmen ab und erweitert das Angebot um eine Bibliographie von Primärliteratur der jeweiligen Autoren, die zur weiteren Lektüre einlädt. Als Leser registriert man: <em>Limen</em> ist eine mit wissenschaftlichem Anspruch vermittelte Anthologie. Ihre Herausgeber Kristin Bischof und Massimo Pizzingrilli sind Mitarbeiter des Instituts für Germanistik der Universität Osnabrück, was man der Gestaltung des Heftes anmerkt. Die fremdsprachigen Gedichte sind zum Teil in Fußnoten ankommentiert, kurze Einführungen in das Leben und Schreiben der in <em>Limen</em> versammelten Autoren bieten weitere Hinweise und am Ende des Heftes sind Quellen sowie die Orte der Erstveröffentlichungen verzeichnet.</p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Limen"><h2><a href="#Limen" name="advtab">Limen</a></h2>
<div align="center"><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/Limen_cover.jpg" alt=" " /><br />
Bischof, Kristin / Pizzingrilli, Massimo (Hg.)<br />
<a href="http://www.wehrhahn-verlag.de/index.php?section&#038;subsection=details&#038;id=610"_blank"><strong>Limen</strong></a><br />
Mehrsprachige Zeitschrift für zeitgenössische Dichtung<br />
Nr. 1 (2011): <em>Dichtung und Politik?</em><br />
in Zusammenarbeit mit Tim Trzaskalik<br />
Wehrhahn Verlag: Hannover 2011<br />
144 Seiten (mit CD), 14,80 €
</div>
<p> </div><div class="jwts_tabbertab" title="Info"><h2><a href="#Info">Info</a></h2> <strong><em>Limen</em></strong> folgt dem eigenen Anspruch, zeitgenössische Lyrik über Sprach- und Verständnis-Grenzen hinweg zugänglich zu machen. Die neu gegründete »mehrsprachige Zeitschrift für zeitgenössische Dichtung« versammelt Gedichte von elf Autoren in deren Originalsprache mit jeweiliger deutscher Übersetzung. Darüber hinaus ist dem Buch eine CD beigelegt, auf der die Autoren ihre in <em>Limen</em> veröffentlichten Texte selbst einlesen.</div></div><br class="jwts_clr" />Bei allen in <em>Limen</em> abgedruckten nicht-deutschsprachigen Gedichten handelt es sich um Erstveröffentlichungen im deutschen Sprachraum. Texte sowohl von etablierten als auch von noch unbekannten zeitgenössischen Autoren »werden hier in einer neuartigen Konstellation vorgestellt – ohne selektive Raster« in Bezug auf ihren Bekanntheitsgrad, so die Herausgeber. In der ersten Ausgabe sind mit Massimo Baldi, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Philippe_Beck">Philippe Beck</a>, Lorenzo Boccafogli, <a href="http://www.mariagraziacalandrone.it/home/">Maria Grazia Calandrone</a>, Evelina De Signoribus, <a href="http://www.poetenladen.de/mara-genschel-person.html">Mara Genschel</a>, <a href="http://www.poetenladen.de/sebastian-himstedt.htm">Sebastian Himstedt</a>, <a href="http://www.poetenladen.de/andre-schinkel-person.html">André Schinkel</a>, <a href="http://fr.wikipedia.org/wiki/Christophe_Tarkos">Christophe Tarkos</a>, <a href="http://vinclairpierre.wordpress.com/">Pierre Vinclair</a> und <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Uljana_Wolf">Uljana Wolf</a> elf Autoren aus Italien, Frankreich und Deutschland vertreten, die neben der Veröffentlichung ihrer Gedichte hier auch die Gelegenheit haben, in einem kurzen Essay ihr Dichtungsverständnis in Bezug auf das Thema des Heftes darzustellen – denn bei den einzelnen Ausgaben, die einmal im Jahr erscheinen werden, handelt es sich jeweils um Themenhefte mit einem bestimmten Schwerpunkt.</p>
<p>Die erste Ausgabe stellt die häufig aufgeworfene und immer wieder aktuelle Frage nach dem ambivalenten Verhältnis von Dichtung und Politik. Welche gesellschaftliche Stellung nimmt Dichtung als öffentliches Medium ein, auch wenn sie sich keiner Tendenz verschreibt? Bereits im Editorial der Herausgeber – das das Thema des Heftes offenbar auch aus seinem Negativ heraus begreift und so stark öffnet – wird die Schwierigkeit offenbar, den politischen Gehalt eines Textes auffindbar zu machen:</p>
<blockquote><p>Dichtung steht in einem öffentlichen Raum und verhält sich (un)politisch. Daraus resultieren zwei zentrale Fragen: Wie schreibt der Dichter das Politische in seine Texte (nicht) ein? Warum und unter welchen Bedingungen wird ein Dichter zum (un)politischen Autor?</p></blockquote>
<p>So ist vielen der abgedruckten Gedichte ›das Politische‹ nicht direkt anzumerken. Sie sind dem Thema nicht zwingend unterzuordnen – auch im Inhaltsverzeichnis sind die Gedichte nur mit Dichtung überschrieben. Direkt wenden sich dann die Prosabeiträge der auf die Gedichte folgenden Rubrik Stellungnahmen dem Thema <em>Dichtung und Politik?</em> zu.</p>
<address>Aus der Mitte der Dichtung, an den Rändern gekräuselt: Uljana Wolf</address>
<p>Betrachtet man die beiden in <em>Limen</em> abgedruckten Gedichte, die Uljana Wolf eigens für die Zeitschrift und für das Thema des ersten Heftes verfasst hat, wird ein politischer Bezug schnell deutlich. Ihre Gedichte fragen nach dem Ort, von dem aus wir über die Welt sprechen und zeigen, dass es eine Mitte der Gesellschaft kaum noch geben kann: »immer liegt alles an den rändern, / aber wo lieg ich?« Das Individuum muss sich mit dem Hilfsmittel seiner Sprache – zwischen deren Sinn und Klang – in der Gesellschaft zwischen aufgeweichten politischen Positionen und angesichts einer starken Markt- und Konsumorientierung verorten. Es muss neue Worte finden, mit denen es die Zusammenhänge in der Welt adäquat begreifen kann:</p>
<blockquote><p>[...] ach, käm ich weg, nach<br />
draußen, wo die fahnen der namen wehn, ich fänd ein wort<br />
für meine lage. aber wo nehm ich, wenn in dunklen regalen,<br />
und wo ein säuberliches sprechen, eigen rechts und feigen<br />
links? [...]</p></blockquote>
<p>Mit Hölderlins <em>Weh mir</em> aus seiner <em>Hälfte des Lebens</em>, beschwört Wolf in ihrem Gedicht <em>kleine sternmullrede</em> die Angst vor einer bevorstehenden Zukunftshärte und -kälte, die auch Hölderlin beklagt:</p>
<blockquote><p>Weh mir, wo nehm’ ich, wenn<br />
Es Winter ist, die Blumen, und wo<br />
Den Sonnenschein, und Schatten der Erde<br />
Die Mauern stehn<br />
Sprachlos und kalt, im Winde<br />
Klirren die Fahnen.</p></blockquote>
<p>Als »Sprachbürger eines <em>Zustands</em>« versteht Uljana Wolf das Gedicht. Es entspringt der Gesellschaft und wirkt organisch-erneuernd in sie zurück, unstaatlich, grenzenlos und daher übersprachlich und multilingual: »am Ende wächst und steht, very stately, eine krause Minze, very erfrischend, wurzelt aus dem Gedicht, zurück in die abgefertigte Welt.«</p>
<address>Postmoderner Dichtungskitt, belebt: André Schinkel</address>
<p>Die <em>Getrennten Glieder</em> eines in schnell wechselnde persönliche Interessen zersplitterten Staatskörpers wollen sich bei André Schinkel allein durch ›Schmiergeld‹ wieder zusammensetzen. Als ein unkontrollierbarer Finanz-Golem hat sich das ökonomische System bedrohlich verselbständigt:</p>
<blockquote><p>Belebt wird, was sich gar nicht findet,<br />
Mit dem güldnen Bimbes-Kitt; –<br />
Geklebt wird, was sich biegt und windet,<br />
Bewölkt, bedeckt – ein Feuerritt.</p></blockquote>
<p>Die menschliche Vereinsamung in der durch die Mode der Konsumgüter vorgegebenen Gleichschaltung führt zu einer krankhaften Desillusionierung:</p>
<blockquote><p>Ach und ach –  die alt gewohnte Kacke<br />
Erwartet uns am Neuanfang;<br />
Wir tragen nun getrennt die gleiche Jacke<br />
Und melden unsre Träume krank.</p></blockquote>
<p>Doch am Ende ist es – wie im Falle des Golems die Sprache – hier die Dichtung, die die getrennten Glieder metrisch und rhetorisch wieder zusammenkittet. Als ›ewige Wiederkehr‹ plätschert die »Geschichtswind-Kakelei« auf der Suche nach einer verlässlichen Ewigkeit in trochäischem Versmaß und gekreuztem Reim daher, doch bleibt dabei immer vorläufig und Nietzscheanisch-entfremdet:</p>
<blockquote><p>Und zwischenzeitlich schleicht das Leben<br />
An sich selbst vorbei:<em> O Mensch gib acht!</em></p></blockquote>
<p>Angesichts dieser Warnung ist vor aller tendenziellen Parteinahme ein »distanzfähiger Blick« auf die Welt zu bewahren, so Schinkel, denn »[d]ie Reiche des Blutes kommen und gehen – und jedes versucht uns vom Nutzen und der Schönheit eben seiner Gewalt zu überzeugen. [...] Ohne Nihilismus gesagt: Man muss vorsichtig sein.« Doch aus der ironischen Distanz heraus ist vor allem eines haltbar: Die Kunst als ein »erinnerndes Statement für den Stolz, die Wachheit und den möglichen Luxus der Verschrobenheit [...] einer sich in geldzählenden Tagträumen ergehenden Generation.«</p>
<address>Laut und Lyrik</address>
<p>Die beigelegte CD, für die die Autoren ihre Gedichte in Originalsprache selbst eingelesen haben, bietet eine gute Möglichkeit, sich die Texte auch akustisch zu erschließen. Bei den in ihrer Aufnahmequalität sehr unterschiedlichen Beiträgen fehlt allerdings die Lesung der von <em>Limen</em> angefertigten Übersetzungen. Diesen wird auch in der gedruckten Version insgesamt ein eher geringer Raum eingeräumt: Die Übersetzungen sind dem Gedichtblock des jeweiligen Autors nach- und nicht nebengestellt und laden so nicht zur direkt vergleichenden Lektüre ein, obwohl diese natürlich möglich ist.</p>
<p>Mit der Vielfalt seiner ausgewählten Autoren ist <em>Limen</em> ein ambitioniertes Projekt, das die Lyrik-Szene kompetent erweitert, zeitgenössische fremdsprachige Texte themenorientiert zusammenführt und für ein deutschsprachiges Lese- sowie ein internationales Hör-Publikum aufbereitet. Auf die nächsten Ausgaben dürfen wir zu Recht gespannt sein.</p>
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		<title>Treten Sie ein, treten Sie ein!</title>
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		<pubDate>Mon, 23 Jan 2012 11:01:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Malte Gerloff</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literarisches Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Der Zauberberg]]></category>
		<category><![CDATA[Deutsches Theater]]></category>
		<category><![CDATA[Theater]]></category>
		<category><![CDATA[Thomas Mann]]></category>

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		<description><![CDATA[Das DT wagt sich an Thomas Manns <em>Zauberberg</em> und Malte Gerloff wagt sich ins DT.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Wir sind alle! Wir sind der Zauberberg! – Das DT wagt sich an Thomas Manns <em>Zauberberg</em> und Malte Gerloff wagt sich ins DT. Zu erfahren gab es einen grellen, verzerrten und lauten <em>Zauberberg</em>, der seiner Vorlage deutlich entgegensteht. Ein Zusammenprall zwischen Hochkultur und Medien-Pop-Trash.</strong> </p>
<p><em>Von Malte Gerloff</em></p>
<p>Nur keine Scheu! Das Theater Thomas Mann begrüßt seine Gäste gewohnt freundlich! Fühlen Sie sich frank und frei, zu tun und zu lassen, was Ihnen beliebt! Gute Unterhaltung! Hier Ihre Karten, Sie sitzen im Parkett. Ihnen sitzen neun Menschen gegenüber. Sie schweigen, was Ihnen Zeit gibt, die Dinge, die Sie sehen und gerade gesehen haben, zu verarbeiten. Diese neun Menschen sitzen, genau wie Sie, in roten Klappsesseln und schweigen, genau wie Sie. Sie sitzen allerdings auf einer Tribüne, die das Bühnenbild fast zur Gänze ausfüllt, davor sind nur etwas Matsch und ein paar dekorierte Schaufensterpuppen. Ein Zelt im Vordergrund, weitere Zelte hinter und unter der Tribünenstellage sind hindrapiert worden, und über alldem schwebt ein Rundprint des Colosseums. Die einführenden Worte sind gerade gesprochen worden. </p>
<p>Sie sahen einen Darsteller, der den Dialog sprach, in dem Hans Castorp und dessen  Cousin Joachim Ziemßen über die krankheitsbedingte Verlängerung des Aufenthalts miteinander parlieren. Gesprochen wurde der Dialog von einer Person, die dabei durch die Reihen stolperte, wobei geschehen musste, was letztlich auch geschah: lustige Verwicklungen mit den Körperteilen der anderen Darsteller und Slapstick-Einlagen, die das Gesagte konterkarierten. Die Menschengruppe auf der Bühne setzte sich um, gruppierte sich neu, formierte sich immer mal wieder anders. Empörte sich über den stolpernden und polternden Kretin im Theater. </p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Das Stück"><h2><a href="#Das Stück" name="advtab">Das Stück</a></h2></p>
<div style="text-align: center;"><a href="http://www.dt-goettingen.de/flycms/de/screen/7/-XzsjFGOAVV+Gd01IDDJxcxegfhr,q30=/DER-ZAUBERBERG.html" target="_blank"><strong><em>Der Zauberberg</em></strong></a></div>
<div style="text-align: center;">nach Thomas Mann</a><br />
 <strong>Weitere Aufführungen:</strong><br />
31.01.2012, 3./14./16./23.02.2012 </div>
<p style="text-align: center;"></div><div class="jwts_tabbertab" title="DT"><h2><a href="#DT">DT</a></h2><a href="http://www.dt-goettingen.de/" target="_blank"><img style="border: medium none; padding: 0px 12px 10px 0pt; background: none repeat scroll 0% 0% transparent; width: auto; height: auto;" src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/dt40.jpg" alt="logo" /></a><br />
Das <a href="http://www.dt-goettingen.de/" target="_blank"><strong>Deutsche Theater</strong></a> in Göttingen zeigt als größtes Theater der Stadt ein umfangreiches Repertoire auf drei Bühnen. Bereits seit den 1950er Jahren errang das DT unter Leitung des Theaterregisseurs Heinz Hilpert den Ruf einer hervorragenden Bühne. Seit 1999 garantiert Intendant Mark Zurmühle bewährte Theatertradition sowie Innovation.</div></div><br class="jwts_clr" /></p>
<p>Nun wird aber geschwiegen! Was Sie weiterhin dazu anhalten könnte, sich die Plakate, die seitlich über der Loge angebracht worden sind, genauer anzusehen: »Wir werden doch eh nichts ändern!« heißt es links von Ihnen, rechts ist folgendes auf das Laken gepinselt worden: »Noch nicht mal hier sind wir noch wir selbst!« Hm. Das sagt Ihnen wahrscheinlich im Moment gar nichts. Aber immerhin könnte Ihnen bis jetzt aufgefallen sein, dass eine Person zwei Figuren des Romanpersonals gesprochen hat. Ein Eindruck, der sich erst in einem vagen Gefühl ausgedrückt haben dürfte – es sei denn, Sie sind so textsicher, dass man davon sprechen könnte, dass Sie ihn in- und auswendig kennten. Somit ist eine erste Auflösung der Figurenstruktur des Romans bereits erfolgt und der Eindruck dürfte sich nach der Schweigepause noch verstärken, da dies nun auch auf die anderen Figuren und Darsteller ausgedehnt werden wird. Und so dürften auch Sie damit beginnen, die einzelnen Sprecher den jeweiligen Sprechakten der Figuren des Romans zuzuordnen, im Verlangen den Effekt der Dekonstruktion wieder rückgängig zu machen. Vielleicht hat Sie der Effekt auch etwas verstört. Aber letztlich werden Sie zu demselben Entschluss kommen, wie Clawdia Chauchat: Wir sind alle! Wir sind der Zauberberg! Wir sind aber auch Hans Castorp! Und alle lieben Clawdia, oder etwa nicht?</p>
<address>Wir sind Hans Castorp! Wir sind Zauberberg? Haare, Arme, Arsch!</address>
<p>Hans stellt erneut fest, dass Madame Chauchat fürchterliche Manieren hat, doch schmiss sie diesmal nicht die Türen laut zu, sondern tanzt gerade zu dicken Techno-Beats. Und schreit: Haare! – wirbelt diese umher. Und schreit: Arme! – und schlackert mit diesen umher. Und  schreit: Arsch! – dreht sich um und schüttelt diesen wie die Mädchen aus den Musik-Videos der populären Kunst, die im Fernsehen gesendet werden. So werden in den Prätext gewisse Aktualisierungen eingebaut, dies erfasst auch die sprachliche Ebene – anstatt lautem Türschlagen eben obszönes Tanzen oder Alltagssprache, die der Hochsprache hinzugefügt worden ist, von sich produzierenden Rezipienten, denn anders kann man die Haltung, die die Vorführung prägte und die kommentierenden Momente der Selbstbespieglung kaum interpretieren, die gerade auf der Bühne abgelaufen sind. Die ähnlich wie ein im Supermarkt angewandtes Prinzip funktioniert, derart, dass, wenn Sie diesen betreten, Ihnen eingangs, wenn Sie durch das Drehkreuz gehen, häufig ein flimmernder Bildschirm entgegenstrahlt, auf dem Sie sich selbst sehen. Dieser soll Ihnen nicht nur deutlich machen, dass Sie kameraüberwacht werden, sondern er soll Ihnen vor allem klar machen, dass Sie jetzt als Käufer handeln, dass Sie im Mittelpunkt stehen, dass Sie reflektieren, was Sie da gerade tun. So auch hier: Ihnen sitzen Menschen in der gleichen Position gegenüber, kommentieren, wenn der erste Gast schon vor der Pause den Saal verlässt, reagieren letztlich sogar auf Zwischenrufe, wie: »Es reicht!« Sie sind damit als nichts anderes als sich produzierende Rezipienten zu verstehen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden wie die, die im Saal sitzen. Und die diese dann dadurch zum Reflektieren anhalten wollen. Also Sie. </p>
<p>Und natürlich sind die Zelte und Plakate als Anspielungen auf die Occupy-Bewegung zu verstehen, eben genau wie die Auflösungen auf der Figurenebene das Motto der Bewegung – We are 99,9 % &#8211; symbolisieren soll. Doch damit das funktioniert und damit eine Botschaft gesendet werden kann, mussten eben Aktualisierungen in den Ursprungstext eingebaut werden, dadurch wird allerdings auch eine Spannung zwischen der Romanvorlage und dem Aufgeführten aufgebaut. Die noch weitergetragen wird durch die – einhergehend mit der Dramatisierung in der gewählten Form – Verschiebung der zeitlichen Ordnung des Geschehens. Wichtiger sind aber sicherlich die Eingriffe in den Prätext, die nicht nur gewählt worden sind, um eine neue Botschaft zu implementieren, sondern auch, oder wohl eher gerade auch, um die Stimmung des <em>Zauberbergs</em> zu verändern. Durchweht den Roman eher eine Stimmung der leichten Ironie, mit leichter Überzeichnung der Figuren geschaffen, wird hier mit der Parodie aufgefahren: Slapstick, Lazzo oder Repertoire-Elemente eines Stand-up-Comedians. So entsteht auf der Bühne ein grelles, verzerrtes Bild – ja! ein lautes Bild, das der Vorlage deutlich entgegensteht. </p>
<address>Über Machbarkeiten im Schlamm</address>
<p>Vielleicht ein Bild, das bei Ihnen auf Unverständnis trifft, wie es allem Anschein nach bei den vielen im Publikum der Fall war. Sicherlich stellt sich letztlich dabei die Frage, ob die Montage, die wie ein Aufeinanderprallen zwischen Hochkultur und Medien-Pop-Trash wirkte, nur funktioniert, wenn man den Roman kennte – eine Sache, die hier nur vermutet werden kann. Oder ob dieses immerhin avancierte Vorhaben, welches die Möglichkeiten des Deutschen Theaters zu Göttingen zum einen auslotete und zum anderen die Grenzen sichtbar machte, überhaupt funktioniert hat. Kaum sinnbildlicher stellt sich dies dann beim Schneetraum im Matsch dar: Wenn also der junge Hans Castorp – der hier von einer jungen Dame gespielt wird – durch den Schnee irrt, so stolpert die junge Dame nun durch den Matsch, schmiert sich damit ein, fällt hin, tanzt fast völlig mit Dreck eingedeckt, fällt wieder hin, tanzt wieder, fällt, tanzt, beschmiert sich &#8211; bis hierhin war es gelungen, dann folgte die Passage, in der Hans Castorp seine Wallungen preisgibt, diese Passage muss sitzen, sie ist das Finale des ersten Teils! Wenn ich nun Ihren Blick auf die anderen Schauspieler lenken dürfte, die weiterhin auf der Tribüne sitzen, während derjenige, der gerade Hans Castorp spricht, in den vorderen Bereich selbiger getreten ist, unterdessen sich die jetzige Madame Chauchat, die bis eben noch Hans Castorp darstellte, sich weiterhin im Matsch suhlt, können Sie selbst bei diesen in der Verstellung erprobten Mienen Bestürzung, fast schmerzhaft wirkende Zuckungen bemerken, die da die Gesichter durchfährt ob der Gelungenheit des Vorgetragenen. </p>
<p>Dies wirft dann die Frage auf, ob man avanciertes Regietheater mit jedem Ensemble spielen kann. Eine Frage, die Sie wie jeder Zuschauer wohl für sich beantworten müssen und welche die meisten Zuschauer des Stücks schon beantwortet hatten, bevor das Stück endigte. So dass Sie am Ende erstaunt feststellen können, dass es keine Sekunde dauert, dreimal in die Hände zu klatschen. Ferner dauert es keine zehn Sekunden, je nach Position des Sitzplatzes, um das Parkett des Deutschen Theaters zu Göttingen zu verlassen. Viel länger dürften auch die Zuschauer nicht bei der Premiere des <em>Zauberbergs</em> gebraucht haben, um ihr Votum über das Gelingen des Stücks abzugeben. Einzelne drückten sich deutlicher aus und gingen früher. Sie brauchen übrigens keine weiteren dreißig Sekunden, um Ihre Jacke entgegen zu nehmen und aus der Tür des Hauptgebäudes zu kommen. Ach so: Wer wissen will, wie es weitergegangen ist, der lese den Roman oder sehe sich das Stück an. Ich hingegen kann mit Fug und Recht behaupten, dass die frische Luft, die man so wie beschrieben in noch nicht einmal einer Minute erreichen und so atmen konnte, eine schöne Sache war. Auch gefiel mir das klare, kühle Wetter und insonderheit sei nochmals die Frische der Luft erwähnt und gelobt.</p>
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		<title>Vermessung der Schönheit</title>
		<link>http://www.litlog.de/vermessung-der-schonheit/</link>
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		<pubDate>Thu, 19 Jan 2012 07:45:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Florian Pahlke</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Ästhetik]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturtheorie]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturwissenschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Florian Pahlke bespricht Jan Urbichs <em>Literarische Ästhetik</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>»Zerpflücke eine Rose und jedes Blatt ist schön« lautet ein bekanntes Zitat von Bertolt Brecht. Mit diesem Satz trug er zu einer Diskussion bei, welche seit jeher die Kontroverse zwischen Theorie und Schönheit betrifft. Vor allem Laien und Studienanfänger der Literaturwissenschaft tendieren häufig zu der Meinung, dass Schönheit nicht zu analysieren sei. Die Möglichkeiten und die Notwendigkeit einer solchen Analyse versucht Jan Urbich in seinem Einführungswerk mit dem Titel <em>Literarische Ästhetik</em> darzulegen.</strong></p>
<p><em>Von Florian Pahlke</em></p>
<p>Das 2011 bei UTB erschienene 319 Seiten dicke Buch des Jenaer Literaturwissenschaftlers verschreibt sich der Aufgabe, »das theoretische Nachdenken über die Prinzipien des Literarischen« zu fördern und somit nicht nur passiv Wissen zu vermitteln, sondern auch aktives und selbstständiges Arbeiten des Lesers zu unterstützen. Das Buch soll dabei jedoch weniger in einzelne Literaturtheorien und ihre Herangehensweisen einführen, sondern vielmehr den Begriff der Literatur reflektieren und diesen in seiner historischen und systematischen Breite darstellen. Aus dieser Darstellung heraus erfolgt die Frage, wie Literatur als ästhetisches Schreiben zu analysieren ist und welche historischen und theoretischen Schwierigkeiten damit verbunden sind. Die 14 Kapitel umfassen somit einen breiten Rahmen und decken mit den Fragen nach der Ontologie und Semiotik der Literatur bis zu ihrer Funktion und den subjektiven Zugängen zumindest die wichtigsten aktuellen und historischen Fragestellungen ab. </p>
<address>Begriffsstutze durch bedeutende Vielfalt</address>
<p>Kapitel wie das zur Anthropologie deuten darüber hinaus darauf hin, dass Urbich in seine Betrachtung auch explizit fachfremde Ansätze, wie in diesem Fall einen soziologischen, einbezieht und Literatur als ein weitläufiges Feld versteht. Diese fächerübergreifende Betrachtung von Literatur zeigt einerseits also die Mehrdimensionalität und daraus resultierende Schwierigkeiten des Literaturbegriffs auf und weist andererseits auf die Adaption fachexterner Theorien zum Vorteil der Literaturwissenschaften hin. Diese große Bandbreite an Betrachtungsmöglichkeiten ist jedoch auch dafür verantwortlich, dass Urbich eine gewisse Willkürlichkeit in der Auswahl der Fragestellung nicht von sich weisen kann. So erfährt unter anderem der Literaturbegriff selber keine detaillierte Betrachtung, sondern wird einfach als die »künstlerisch gestaltete [...] Literatur […], deren Begriff sich vor allem im 18. Jh. herausbildet«, eingeführt. Einen kurzen Abschnitt zu der Problematik des Literaturbegriffes findet sich zwar zum Ende des Buches, dieser weist aber nur einen Übersichtscharakter auf und macht auf die einhergehenden Schwierigkeiten aufmerksam.</p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Buch"><h2><a href="#Buch" name="advtab">Buch</a></h2>
<div align="center"><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/urbich_cover.jpg" alt=" " /><br />
Jan Urbich<br />
<a href="http://www.utb-shop.de/details.php?p_id=20001031" target="_blank"><strong>Literarische Ästhetik</strong></a><br />
UTB: Böhlau Köln, 2011<br />
319 Seiten, 17,90€</div>
<p> </div></div><br class="jwts_clr" />Hiermit zeigt sich auch eines der Hauptprobleme, welches sich aber aufgrund der Rolle des Buches als Einführungswerk kaum vermeiden lässt: Wegen der relativ geringen Seitenzahl je Kapitel müssen notwendigerweise Abstriche in der Komplexität gemacht werden. Das fällt vor allem dann auf, wenn mögliche Schwierigkeiten und Lösungsansätze lediglich benannt und kurz umrissen werden können, nicht aber inhaltlich näher bestimmt oder gar mit anderen Theorien in Verbindung gesetzt werden. Immerhin werden jedoch die mit einem Problem zusammenhängenden Theorien kurz erwähnt. Wem es zum Beispiel nicht ausreicht zu wissen, dass Wittgenstein in der Tradition der analytischen Philosophie einen festgelegten Begriff von Literatur überhaupt verwirft, sondern darüber hinaus wissen möchte, womit diese Ablehnung begründet wird, kann ohne Probleme den relevanten Originaltext heranziehen.</p>
<p>Wer jedoch wirklich nur einen ersten Überblick erwartet, der es ermöglicht, Fragestellungen im Kontext des Literaturbegriffs zu ordnen und übersichtlich aufbereitet zu bekommen und im Ansatz zu verstehen, welche Probleme und Vorteile eine Theorie der literarischen Ästhetik mitbringt, der ist mit den kompakten Kapiteln sehr gut versorgt. Gerade für Studienanfänger bieten die Kontrollfragen am Ende jedes Kapitels eine gute zusätzliche Möglichkeit, selber zu überprüfen, ob der Inhalt auch wirklich verstanden wurde. Ein ebenso großer Vorteil des verfolgten Ansatzes, die Theorien selbstständig zu erkunden, ist es, den Leser selbst entscheiden zu lassen, für wie sinnvoll er die einzelnen historischen Ansätze hält. Die Kapitel sind in einem objektiven Stil verfasst, der versucht, Vor- und Nachteile aufzuzeigen und gegeneinander aufzuwiegen. Dabei lassen sie immer genügend Raum für die eigene Wertung. Es wird somit kein »richtiger« oder »falscher« Literaturbegriff ausgezeichnet, sondern dieser in seiner Vielfältigkeit dargelegt und betrachtet. Auch der Meinung, dass Ästhetik gar nicht theoretisch gefasst werden kann, räumt Urbich dabei ein eigenes Kapitel ein. Wem die theoretischen Ansätze nicht zusagen, findet, ganz im Sinne der Brechtschen Forderung, Ästhetik zu zergliedern, auch einen praktischen Zugang. </p>
<address>Sicherheiten vergeblich gesucht</address>
<p>Der Nachteil, der aus der selbstständigen Herangehensweise und der breiten Fächerung der Betrachtung resultiert, liegt auf der Hand: Ein völlig unerfahrener Leser kann sich leicht überfordert fühlen mit der Vielzahl an Optionen, die er hat und dem Nichtausweisen von richtig oder falsch. Dieser Schwierigkeit begegnet Urbich einerseits, indem zwar alle Kapitel als eigenständige und abgeschlossene Betrachtung gelesen werden können, aber aufgrund ihres stringenten Aufbaus auch um so besser vergleichbar sind. Andererseits lässt es sich grundsätzlich nicht vermeiden, dass die Schwierigkeit in Teilen bestehen bleibt, sofern der Autor dem Leser die Meinung nicht vorgeben will und bei einem Gebiet wie der Literaturwissenschaft auch gar nicht vorgeben kann. In Anbetracht der Tatsache, dass das Buch nur eine Einführung sein will und somit nicht mehr als einen ersten Überblick liefern sowie für kritische und breit aufgestellte Fragestellungen sensibilisieren soll, schafft Urbich es aber, das Thema verständlich und sachlich aufzubereiten, ohne dabei zu trivialisieren. Auf jeden Fall ist sich der Leser nach der Lektüre somit zwar noch immer nicht sicher, ob und nach welcher Herangehensweise er Literatur zergliedern will, ihm wird aber immerhin eine Fülle an Möglichkeiten geboten, Literatur als ästhetisches Gebilde zu betrachten und zu verstehen.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Täter Black Metal</title>
		<link>http://www.litlog.de/taeter-black-metal/</link>
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		<pubDate>Mon, 16 Jan 2012 15:26:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Simon Inselmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Misc.]]></category>
		<category><![CDATA[Bathory]]></category>
		<category><![CDATA[Black Metal]]></category>
		<category><![CDATA[Death Metal]]></category>
		<category><![CDATA[Mayhem]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Venom]]></category>

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		<description><![CDATA[Black Metal unter Verdacht – Das Phantom Black Metal und seine moralischen Abgründe.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Black Metal unter Verdacht &#8211; Simon Inselmann ist auf der Spur des unter Generalverdacht stehenden Phantoms Black Metal und scheut sich nicht, moralische Abgründe zu beschreiten auf der Suche nach Antworten auf die Frage: Was ist eigentlich »black«  am Black Metal? Artikel No. 1 der Reihe: Black Metal – Topoi des Bösen.</strong></p>
<p><em>Von Simon Inselmann</em></p>
<p>Black Metal. Ein Verdächtiger, der den Detektiv auf Zeugensuche meist nur mit ratlosem Schulterzucken der Befragten zurücklässt. Einigen Gerüchten zufolge ist er Anhänger einer stark anti-christlichen bis misanthropischen Weltanschauung, kleidet und schminkt sich schwarz-weiß und schmückt sich mit allerlei Stacheln und verschiedensten das Böse symbolisierenden Zeichen. Dazu lässt er Musik erklingen, die häufig als das Geräusch eines bremsenden Zuges mit offenen Fenstern und schreienden Passagieren beschrieben wird. Wir werden uns trotz aller Widrigkeiten möglichst weit in die Tiefen dieses Musikgenres wagen und so auf der Spurensuche Stück für Stück ein Phantombild des Unbekannten zeichnen, das uns später eine Identifikation der Täter erlauben soll. Doch fangen wir mit dem ersten Indiz an: Metal.</p>
<p>Dankenswerterweise tragen die überaus erfolgreichen <a href="http://www.metallica.com/">Metallica</a> die Genrebezeichnung schon im Namen und so wissen wir heute alle, was wir uns unter Metal vorzustellen haben: Hohes Tempo, drückender Gitarrensound, bissige Texte und eine energetische Grundaggressivität, mit der man die Fans begeistern und die älteren Generationen provozieren kann. Doch was ist jetzt so besonders »black« am Black Metal? Schon die europäische Herkunft fast aller Black Metal-Bands widerlegt die naheliegende These, dass es sich bei dem Gesuchten um ein Mitglied der Black Music-Familie handelt, die schon so einflussreiche und berüchtigte Clans wie Jazz oder Blues geprägt hat. Wir müssen an dieser Stelle also in eine andere Richtung forschen.</p>
<address>Garagensound und Eisenerz</address>
<p>Der erste überführte Täter stammt aus Deutschland, heißt <a href="http://www.holymoses.net/index.php#home">Holy Moses</a> und betitelt seine ersten akustischen Übergriffe 1980 mit dem verdächtigen Namen <em>Black Metal Masters</em>. In der Anhörung stellt sich allerdings heraus, dass wir auf eine falsche Fährte gelockt wurden, das war ja gar nicht so anders als das, was wir später auch von Metallica kennen. Hier ist »black« noch nicht als Teil einer Genrebezeichnung zu verstehen, sondern lediglich als Symbol für den rohen Garagensound, der an unbearbeitetes Eisenerz erinnern soll. </p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Zum Projekt"><h2><a href="#Zum Projekt" name="advtab">Zum Projekt</a></h2>
<div style="text-align: center;">Das Projekt »Black Metal &#8211; Topoi des Bösen« wird sich in weiteren fünf Artikeln den verschiedenen lyrischen Konzepten im Musikgenre Black Metal nähern.</div>
<p> </div><div class="jwts_tabbertab" title="Black Metal Facts"><h2><a href="#Black Metal Facts">Black Metal Facts</a></h2><br />
<strong>Musik</strong>: Schrei- bzw. Krächzgesang, manchmal durch gesprochene oder geflüsterte Parts ergänzt; atonale, dissonante Gitarrenriffs, die häufig wiederholt werden, kaum Soli; sehr schnelles Schlagzeugspiel, Blast Beats und Doublebass; Bass nur selten hörbar; Sound bis in die 90er undifferenziert und betont schlecht; jüngere Bands nutzen teilweise Keyboards zur Atmosphäre-Verdichtung.<br />
<strong>Texte</strong>: anti-christlich, satanistisch, individualistisch<br />
<strong>wichtige Bands</strong>: Pioniere: Venom (England), Bathory (Schweden)<br />
<strong>»Inner Circle«</strong>: Mayhem, Burzum, Emperor, Immortal, Darkthrone (alle Norwegen)</div></div><br class="jwts_clr" />Die nächste Spur führt uns zwei Jahre später über die Nordsee nach Newcastle, England, wo eine Band namens <a href="http://www.venomslegions.com/">Venom</a> ihren zweiten Großangriff auf die Hörer <em>Black Metal</em> nennt. Dieselbe Band proklamierte schon ein Jahr zuvor <em>In League with Satan</em> zu sein und auch auf <em>Black Metal</em> wird reichlich der Gehörnte gepriesen und das auch auf eine musikalische Art und Weise, die sich doch spürbar von der uns bereits bekannten Spielweise des Metalsyndikats unterscheidet. Hier werden plötzlich satanistische Mottos altbekannter Rock-Größen wie <a href="http://www.blacksabbath.com/">Black Sabbath</a> oder den Anfang der 70er in Amerika undercover-agierenden <a href="http://www.myspace.com/jinxdawsoncoven">Coven</a> in ein sehr ungeschliffenes, punk-inspiriertes Metal-Gewand zitiert und dieser Fusion gibt man einen eigenen Namen. Doch wirkliche Schwerverbrecher finden wir auch hier nicht. Die unter den Decknamen  »Cronos«,  »Mantas« und  »Abaddon« firmierenden Musiker betonen im Verhör immer wieder, dass sie keine Ahnung von Satanismus hätten und sie nur mit einem Augenzwinkern provozieren wollten. Wir behalten die Verdächtigen mal in Untersuchungshaft, aber gelöst ist der Fall damit sicher noch nicht.</p>
<address>»Pure Fucking Armageddon«</address>
<p>1984 macht ein schwedischer Kollege uns auf <a href="http://www.myspace.com/bathoryofficial">Bathory</a> aufmerksam. Auch sie behaupten in einem Lied auf ihrem selbstbetitelten Debüt <em>In Conspiracy with Satan</em> zu sein. Und hier verspricht sich eine heiße Spur zu entwickeln, denn Selbstdarstellung, Bebilderung und Texte scheinen ernsthafteren Anspruch zu haben. Besonders der 2004 verstorbene Sänger und Gitarrist »Quorthon« geht auch musikalisch mit einem Gesang zwischen Krächzen und Schreien und einer inzwischen für den Black Metal als typisch-empfundenen Gitarrenspielart, die häufig als sirrender, frostiger Wind umschrieben wird, neue Wege. Im Laufe der Jahre in Genrehaft änderte sich zwar der textliche Fokus von satanistischer Motivik hin zu Themen der nordischen Mythologie, aber dies entschärft keinen unserer Anklagepunkte und bis heute sind die von Bathory veröffentlichten Alben sicher als Beweismaterial in unseren Archiven verwahrt. Dies ist der erste große Coup in unserer Statistik.</p>
<p>Weitere Verhaftungen folgen Schlag auf Schlag, 1986 offenbaren die norwegischen <a href="http://www.myspace.com/officialmayhem">Mayhem</a> mit ihrem unzweideutig-betitelten Demo <em>Pure Fucking Armageddon</em> in welche Richtung die lyrische Seite des Black Metal gehen soll. Musikalisch finden wir hier einen Klang, der sogar noch die betont primitiven Aufnahmen Venoms unterbietet und als ein unklares Rauschen und Scheppern erscheint, in dem die einzelnen Instrumente kaum zu unterscheiden sind und auch der Gesang unverständlich im Hintergrund bleibt. Eine interessante Beobachtung, da sich die Band doch besonders über die satanistischen Inhalte definiert, die allerdings nicht mehr über tatsächlich gehörte Texte, sondern über Ikonographie und im Booklet nachzulesende Texte vermittelt werden. Weitere überführte Täter dieser neuen, hauptsächlich in Skandinavien zu verortenden Verbrechenswelle tragen klangvolle Namen wie <a href="http://www.marduk.nu/">Marduk</a> oder <a href="http://www.myspace.com/impalednazarene">Impaled Nazarene</a> und beschäftigen sich immer auf die eine oder andere Weise mit anti-christlicher Symbolik.</p>
<p>Trotz dieser ganzen Reihe an scheinbaren Teufelsanbetern finden wir unter den Gefangenen kein einziges Mitglied der (eigentlich atheistischen) Church of Satan oder eines tatsächlich praktizierenden satanistischen Ordens. Der Teufel scheint vielmehr Symbol des Widerstandes gegen eine als heuchlerisch wahrgenommene christlich-geprägte Gesellschaft zu sein. Im Gegensatz dazu beobachten wir eine Betonung der Unabhängigkeit des Individuums und der rücksichtslosen Auslebung all seiner Triebe und Wünsche. Die anerzogene Unterdrückung dieser wird als  unnatürliche, christliche Moral abgelehnt, worin sich dieser philosophische Satanismus direkt auf die individualistischen und anarchistischen Strömungen im Amerika des ausgehenden 19. Jahrhunderts bezieht. Wie und was verschiedene Bands genau als verfolgenswürdiges Gegenkonzept darstellen, muss in späteren Einzelverhören ermittelt werden.</p>
<address>Brudermord im »Inner Circle«</address>
<p>Ende der 80er Jahre sinkt die Zahl der eindeutig dem Black Metal zuzurechnenden Übergriffe merklich. Eine weitere extreme Spielart des Metal, die sich »Death Metal« nennt, wird aktiver und rückt ins mediale Rampenlicht. Ein anderes Departement kümmert sich um diesen komplizierten Fall, während unser Aufgabenbereich zu dieser Zeit relativ überschaubar bleibt.</p>
<p>Erst ab 1991 spielt unsere gesamte Abteilung verrückt und die Geschehnisse überschlagen sich. »Dead«, der Sänger der bereits genannten Mayhem, begeht Selbstmord und sein Bandkollege »Euronymous« schießt Fotos von seiner Leiche, um die Bilder als Cover für ein späteres Album zu verwenden, ehe er es der Polizei meldet. Derselbse »Euronymous« wird als Gründer des Osloer Plattenladens Helvete (deutsch: Hölle) zu einer zentralen Figur in der Geschichte des Black Metal. Im Keller dieses Ladens trifft sich eine Gruppe Personen, die sich selbst als »Inner Circle« bezeichnet und deren angebliche Erhabenheit sich hauptsächlich in einer ganzen Reihe an Verbrechen äußert, tätlich, aber auch akustisch. Neben den Mayhem-Musikern sind die wichtigsten Mitglieder Varg Vikernes, der unter dem Pseudonym »Count Grishnackh« sein Soloprojekt <a href="http://www.burzum.com/">Burzum</a> gründet und später zur szenespaltenden Ikone aufsteigen soll, sowie die Besetzungen der heute anerkannten und beliebten Bands <a href="http://www.myspace.com/emperorhorde">Emperor</a>, <a href="http://www.peaceville.com/bands/2194">Darkthrone</a> und <a href="http://www.immortalofficial.com/blog/">Immortal</a>, die sich später von den Taten und Aussagen der damaligen Zeit distanzieren. Letztendlich sind die Kirchenbrandstiftungen und Grabschändungen dieses »Inner Circle«  in Norwegen eine konsequente Weiterführung der in den Songtexten verherrlichten Gewalt gegen das Christentum, die damals wie heute, auch bei Bands, die nicht durch tätliche Übergriffe aufgefallen sind, eine lyrische Konstante im Genre bildet.</p>
<p>Eine neue Brisanz erhält der »Inner Circle«  als 1992 der Schlagzeuger von Emperor, Bård »Faust« Eithun, den homosexuellen Magne Andreassen ermordet und den Mord mit einem Annäherungsversuch Andreassens rechtfertigt, wobei er eine deutliche Verachtung für Homosexuelle an den Tag legt. Gepaart mit rassistischen Interview-Aussagen ergibt sich hier ein neues ideologisches Bild, das nicht mehr nur anti-christliche Züge trägt und nicht von allen Mitgliedern getragen wird. Dies ist wahrscheinlich einer der Gründe die 1993 Varg Vikernes dazu bringen, seinen langjährigen Freund »Euronymous« zu erstechen. »Euronymous« kam ursprünglich aus der kommunistischen Jugendorganisation Rød Ungdom, während Vikernes immer stärkere nationalistische Tendenzen entwickelt. Weitere Theorien sind finanzielle Streitigkeiten oder die angebliche Homosexualität »Euronymous«. Da Vikernes auch im Polizeiverhör immer wieder andere Versionen der Ermordung erzählt, bleibt diese Frage ungeklärt.</p>
<address>Der Teufel im Rampenlicht</address>
<p>Mitte der Neunziger existiert der »Inner Circle« nicht mehr, viele der ehemaligen Mitglieder sind in Gefängnissen untergebracht oder tot und so können wir uns wieder unserer eigentlichen Arbeit widmen und musikalische Täter überführen. In anderen Ländern gibt es zwar noch Trittbrettfahrer-Zirkel wie den polnischen <strong>Temple of the Fullmoon</strong> oder die russische <strong>Blazebirth Hall</strong>, aber im Allgemeinen liegt der Fokus jetzt wieder auf akustischen Angriffen. Und auf dieser Ebene geschieht eine ganze Menge. Die Bands beginnen zu experimentieren, öffnen sich anderen Musikrichtungen gegenüber und besonders Emperor legen 1994 mit <em>In the Nightside Eclipse</em> ein Werk vor, das anstelle des betont räudigen Hasses der Anfangstage eine Epik und majestätische Atmosphäre setzt, die dem Diebstahl der Kronjuwelen nahekommen.</p>
<address></address>
<p><iframe width="450" height="315" src="http://www.youtube.com/embed/joEAb_y7ZYA" frameborder="0" allowfullscreen></iframe> </p>
<address></address>
<p>Weitere Größen wie die ebenfalls norwegischen <a href="http://www.satyricon.no/">Satyricon</a> oder <a href="http://www.gorgoroth.info/news/">Gorgoroth</a> veröffentlichen ihre Erstlingswerke und auch in Griechenland bildet sich um <a href="http://www.myspace.com/rottingchristabyss">Rotting Christ</a> eine eigene Szene, die durch einen bass-lastigeren Klang neue Akzente setzt. Auf einmal ist sogar die Musikpresse wieder bereit, über Black Metal-Bands zu berichten und die norwegischen <a href="http://site.dimmu-borgir.com/">Dimmu Borgir</a> und die englischen <a href="http://www.myspace.com/cradleoffilth">Cradle of Filth</a> schaffen Ende der Neunziger sogar den Sprung in den kommerziellen Erfolg, vor wenigen Jahren noch undenkbar. Diese Flut an ganz ungeniert im Rampenlicht stehenden Schwerverbrechern macht unseren Job denkbar leicht. Der Verdacht, dass diese jüngeren Bands auf das radikale Äußere und die anti-christlichen Aussagen verzichten würden, ist mit einem schnellen Blick auf Albentitel wie Gorgoroths <em>Under the Sign of Hell</em> oder Dimmu Borgirs <em>Devil&#8217;s Path</em> widerlegt. Die Produktion des Sounds mag besser geworden sein, die Musik kompositorisch und spielerisch anspruchsvoller und abwechslungsreicher, aber es ist immer noch Black Metal mit all seinem Hass und all seiner Verachtung.</p>
<p>Verschiedenen aktuell in Genrehaft befindlichen Tätern werden wir in den nächsten Wochen schonungslos auf den Zahn fühlen und untersuchen, inwiefern noch immer satanistische Gegenkonzepte dieses inzwischen weltweite Phänomen dominieren und durch welche diese heute ergänzt werden.</p>
<address> </address>
<p style="font-size:0.90em;"><strong>Weiterführende Medien/Informationen:</strong></p>
<p style="font-size:0.90em;">Lords of Chaos: <em>Satanischer Metal &#8211; Der blutige Aufstieg aus dem Untergrund.</em> Port Townsend, 1998. Ein Buch mit sehr interessantem Foto- und Interviewmaterial zum »Inner Circle«, das wertvolle Hintergrundinformationen liefert und zu diesem Thema auch gut recherchiert ist. Allerdings werden in anderen Bereichen stark generalisierende Aussagen über den Black Metal insgesamt getätigt, die so nicht haltbar sind.</p>
<p style="font-size:0.90em;">Aaron Aites/Audrey Ewell: <em>Until The Light Takes Us</em>. 2008 veröffentlichte Dokumentation, die auf beeindruckende Art und Weise die Atmosphäre des Black Metals einfängt, ohne diese wertend zu kommentieren. Empfehlenswerte 93 Minuten für Menschen, die versuchen wollen, den Black Metal zu verstehen, dabei aber ohne eine Vielzahl an bloßen Daten auskommen.</p>
<p style="font-size:0.90em;">Für die Suche nach weiterführenden Informationen zu den im Text genannten Bands ist www.metal-archives.com zu empfehlen, da man dort einen schnellen Überblick über das musikalische Schaffen, die Mitglieder und die Texte einer Band bekommt.</p>
<p style="font-size:0.90em;">Desweiteren ist der deutschsprachige Wikipedia-Eintrag zwar lückenhaft, aber trotzdem erstaunlich umfangreich und informativ.</p>
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		<title>Retromania</title>
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		<pubDate>Thu, 12 Jan 2012 15:07:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Till Deininger</dc:creator>
				<category><![CDATA[Misc.]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Popkultur]]></category>
		<category><![CDATA[Retromania]]></category>
		<category><![CDATA[Simon Reynolds]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeschichte]]></category>

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		<description><![CDATA[Going loco for Retro: Till Deininger über Simon Reynolds <em>Retromania</em>.
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Hip Hop ist tot, Punk is dead, Techno ist out und sogar Minimal ist irgendwie 90er. Der Big Bang ist in diesem Jahrzehnt ausgeblieben. Pop war einmal die Vergangenheit abschütteln und ohne Gedanken an die Zukunft im Hier und Jetzt leben. Doch für Simon Reynolds ist aus der Avantgarde des Pops in den 2000ern eine Arrièregarde geworden – die Nachhut. Der Popjournalist tritt in Rockdokus auf, kommentiert die Geschichte des Rock und füllt so die Rolle des Rock-Historikers aus. Er sieht auch sich selber von einem rückwärts gewandten Wirbelwind mitgerissen. Ein Wirbelwind aus Revivals, Reissues, Remakes, Reunions – the endless retrospective!</strong></p>
<p><em>Von Till Deininger</em></p>
<p>»The present became a foreign country«. Das ist der Kern der Retromanie und wer den neuen Woody Allen Film gesehen hat, kennt die Thematik. Auch Reynolds beschränkt sich nicht auf die Musik. Retro und Vintage sind als Konzepte ebenso in Film, TV, Theater, Design und Werbung auffindbar. Der Gegenspieler von Owen Wilson nennt es kurz und knapp »Golden Age Thinking«. Es beschreibt die Flucht aus der eigenen Gegenwart in eine idealisierte Vergangenheit, in der es weniger hektisch zugeht, die Atombombe nie gefallen ist und das Leben einfach lebenswerter erscheint. Und Owen Wilson sind unsere Sympathien sicher! Aber Reynolds denkt auch die Gegenargumente mit. Das Wort Nostalgie entstand nicht erst nach dem Millenium. Rom hat nach Griechenland geschaut und die Renaissance wiederum richtete ihren Blick in die Antike. Aber niemals gab es eine Gesellschaft, so die Überzeugung des Autors, die sich derart obsessiv mit ihrer eigenen, unmittelbaren Vergangenheit auseinandergesetzt hat.</p>
<address>Ewiger Fortschritt in der Kultur?</address>
<p>Doch woher kommt dieser massive Rückgriff der Gegenwart auf die Vergangenheit? In der Musik verfolgt Reynolds eine Spur nach Großbritannien. Dort waren es die alten Volksballaden, die am Ende des 19. Jahrhunderts wieder aufgegriffen wurden und als Verbindungsglied zur »Seele des Volkes« dienten. Dieser bewusste Rückgriff schwappt Ende der 50er nach Amerika über und hüben wie drüben ergibt sich ein Bild von Traditionalisten und solchen, die neue Elemente in diese Musik mit aufnehmen. Zusammen ergibt sich ein Bild einer Folk-Szene, die sich tatsächlich (musik-)ethnologisch auf die Suche macht und in Feldforschung mit Rekordern herum zieht und sammelt was das Zeug hält. Diese Liedersammlungen waren die Grundlage für die Bewegung, die in Greenwich Village zuhause war: Alles fängt, wie könnte es anders sein, mit einem Revival an: das Folk-Revival der späten 50er. Und natürlich gibt es demnächst auch einen Film dazu. Niemand geringeres als die Coen Brüder bemächtigen sich dieser fabulösen Hauptstadt der Beat-Generation inmitten New Yorks. So werden aus Momenten der Popmusik Monumente der Geschichte.</p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Buch"><h2><a href="#Buch" name="advtab">Buch</a></h2>
<div align="center"><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/Retromania_cover.jpg" alt=" " /><br />
Simon Reynolds<br />
<a href="http://www.faber.co.uk/work/retromania/9780571232093/" target="_blank"><strong>Retromania</strong></a><br />
Faber &#038; Faber: London 2011<br />
496 Seiten, 13,23€</div>
<p> </div></div><br class="jwts_clr" />Jetzt sind all diese Monumente frei verfügbar. Alle Bootlegs, und auch die seltensten, sind nur einen Klick entfernt bei Youtube und zu dem Ton kommt dort auch noch das dazugehörige Video. Diese Entwicklung, auch wenn noch immer alles auf dem Bildschirm flimmert, ist ein Medienwechsel. Jetzt ist es »post-broadcasting«. Die Loslösung des Inhalts von der Dominanz der TV Sender ist vollzogen. Es gibt weder Grenzen der Zeit noch des Raumes, und sogar die sozialen Grenzen der Fangruppen verschwinden online. Wir leben in der lang ersehnten Zukunft – im Jahr 2000. Doch das neue Medium des Milleniums bringt nichts Neues, sondern nur eine Umstrukturierung der Musik mit sich: Mashups, Compilations und Collagen. Die Idee des ewigen Fortschritts ist weit verbreitet und Stillstand ist der Tod. Doch nicht alle sehen dies so pessimistisch wie Reynolds. Nick Richardson, ebenfalls Musikautor, dazu: </p>
<blockquote><p>so what!? Novelty is massivley overrated anyway.</p></blockquote>
<address>Postmodernism + Internet = »superhybridity« oder »digimodernism«</address>
<p>Seit dem Moment in dem das Postmoderne die Bühne betrat, als die Beatles das <em>White Album</em> produzierten, ging es immer weiter voran: Die 50er hatten Rock‘n‘Roll, die 60er Folk und Rock, die 70er Funk, die 80er Synthie Pop und die 90er Techno – alles leicht verkürzt, es gab noch viel mehr, doch in den 2000ern? Der Großteil besteht aus Weiterentwicklungen in den Genres. Doch meint Reynolds noch einen anderen Trend zu erkennen: »super-hybridity« oder »digimodernism«. Sie beschreiben den Schritt aus der Postmoderne hinaus bzw. deren Erweiterung. Damit sollen musikalische Phänomene erklärt werden, wie die Musik von Gojasufi oder Vampire Weekend. Ersterer kommt aus L.A. und macht transkulturellen Post-Hip Hop. Er betont alle seine Wurzeln zugleich und es entsteht eine Mischung aus mexikanischer, äthiopischer und amerikanischer Musik. Bei Vampire Weekend sieht es etwas anders aus: In ihrem Lied <em>Diplomat‘s Son</em>, so Reynolds, verbinden sie nicht nur unterschiedliche Kontinente, sondern auch noch unterschiedliche Zeitepochen – es ist »everywhere/everywhen pop«!<br />
Ezra Koenig, Frontmann von Vampire Weekend: </p>
<blockquote><p>What is authentic for a guy like me? Fourth-generation Ivy League, deracinated, American Jew &#8230; Raised in [New Jersey] to middle-class post-hippie parents with semi-anglophilic tendencies &#8230; The obvious answer is that I, like all of us, should be a truly post-modern consumer, taking the bits and pieces I like from various traditions and cultures, letting my aesthetic instincts be my only guide. In fact all of my friends (even the children of immigrants) seem to be in the same boat. We are BOTH disconnecting AND connected to EVERYTHING.
</p></blockquote>
<p>»The past is just material, to be used.« Ein DJ wird so zum »Postproduzenten« und damit geht die Auflösung der Grenzen zwischen Produzent und Konsument einher. Es ist mehr als »nur« die Postmoderne, so Reynolds, denn dort ist weder die Angst vor dem Einfluss zu spüren, noch das Gefühl des »Zuspätseins«. Vielmehr ist es die kosmopolitische Verbindung bereits bestehender Stile durch neue Technik. Wer sich mit postkolonialer Literatur beschäftigt hat, der kennt das Konzept der Hybridität. Reynolds bedient sich zum Vergleich auch der molekularen Küche. Sie hat ebenfalls mittels neuer Technik neue Kreationen aus schon immer benutzten Zutaten gemischt &#8211; »based on the pure fetishism of technology.«</p>
<p>Im letzten Schritt zieht Reynolds die Kreise noch größer: Er sieht die musikalische Entwicklung von der Produktion/Innovation zur Postproduktion/Kombination als beispielhaft für unsere Zeit. Dazu zeigt er Parallelen zu einer Gesellschaft auf, in der Geld nicht mehr durch die Entwicklung neuer Ideen gemacht wird, sondern durch die Verbesserung des Designs oder der Vermarktung. Dass dabei vor allem mit Emotionen gearbeitet wird und diese im bereits Erlebten, der Vergangenheit, verankert sind, erscheint dem Autor als logisch. Für Reynolds ist ein Vergleich zwischen der Musikbranche und den Finanzmärkten naheliegend: Die Implosion einer Musikkultur, die sich aus sich selber nährt, scheint ihm ebenso möglich und gefährlich, wie der Zusammenbruch der Finanzmärkte, die Geld nicht mit Ware sondern mit Geld selber zu vervielfachen suche.</p>
<p>Noch ein Gedanke soll an dieser Stelle hinzugefügt werden, denn die Entwicklung geht noch weiter! Als Steigerung der Retrospektive kommt seit einiger Zeit noch das Prequel! So wird sogar der Vergangenheit noch eine Vorgeschichte angedichtet. Doch ist diese Avantgarde des Pop nun wirklich die Arrièregarde, oder steckt im Erdichten einer neuen Vorgeschichte vielleicht so etwas wie ein Neuanfang – auch für die Musik? </p>
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		<title>Subjektiv und kostenlos</title>
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		<pubDate>Mon, 09 Jan 2012 14:29:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sophie Peitzmeier</dc:creator>
				<category><![CDATA[Misc.]]></category>
		<category><![CDATA[Blog]]></category>
		<category><![CDATA[Blogger]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[LesMads]]></category>
		<category><![CDATA[Lifestyle]]></category>
		<category><![CDATA[Mode]]></category>
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		<category><![CDATA[Modemagazin]]></category>

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		<description><![CDATA[Sophie Peitzmeier spürt dem Phänomen Modeblog nach: Warum ist der Modeblog so erfolgreich?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Anfangs noch von den »echten« Moderedakteuren belächelt, feiert der Modeblog seit einiger Zeit seinen Siegeszug. Die ihm vorgeworfene Unprofessionalität wird dabei zum Trumpf. Zum Auftakt der fünfteiligen Reihe »Das Phänomen Modeblog« führt Sophie Peitzmeier durch die Landschaft der Modeblogs. Was hat es auf sich mit diesem Phänomen?</strong> </p>
<p><em>Von Sophie Peitzmeier</em></p>
<p>Hochglänzend, kunterbunt oder auch puristisch und edel – so lächeln uns die Mode- und Lifestylemagazine aus den langen Regalen der  Pressehäuser und Kioske an. Mit ihrem fein aufgemachten Äußeren bezirzen sie uns und locken zum Kauf. Mitnehmen und ein paar Stunden darin schmökern? Sich für einige Zeit in der schillernden und unerreichbar scheinenden Modewelt verlieren? Das hört sich ja so hübsch einfach an. Doch dann der bittere Nachgeschmack: Was für ein Preis! Das Jahr neigt sich dem Ende und das Lieblingsmagazin hat Geld draufgeschlagen – wieder einmal! <em>Glamour</em> beispielsweise, eine der bekanntesten und erfolgreichsten Mode- und Frauenzeitschriften Deutschlands, kostet heute mehr als das Doppelte als zu ihrer Gründung 2001. Hochglanzmagazine wie <em>Vogue</em> und <em>Elle</em> kosten  mittlerweile sechs Euro. Und wenn wir einmal ehrlich sind, ärgern wir uns beim Aufschlagen des erworbenen Schatzes meist nicht nur über den Preis, sondern auch über die unzähligen Werbeanzeigen, die uns besonders am Heftanfang vom Schmökern abhalten. Da wird die Traumwelt schnell zum Alptraum für das Portemonnaie und der Preis zum Spielverderber des so schön geplanten Abends. </p>
<p>Was also tun, wenn der Geldbeutel geschont werden soll, wir aber trotzdem nicht auf die neuesten Trends und Designs verzichten möchten? Eine Lösung ist in Windeseile gefunden, quasi in Sekunden und mit einem Mausklick. Heutzutage braucht niemand mehr ein Stück Papier in die Hand zu nehmen, um sich zu informieren oder in Traumwelten zu schwelgen. Schon gar nicht, wenn das Papier ein so teures ist. Dann nehmen wir stattdessen eben den Laptop mit auf das kuschelige Sofa. Der Modeblog ist für viele Modeinteressierte nicht mehr nur eine Alternative zum kostspieligen Printmedium geworden, sondern hat dieses fast vollständig ersetzt. Doch was genau hat es auf sich mit dem Phänomen Modeblog?</p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Zum Projekt"><h2><a href="#Zum Projekt" name="advtab">Zum Projekt</a></h2></p>
<div align="center">Was hat es mit dem Erfolg der Modeblogs auf sich? Was macht sie so besonders? Wie ist es um die Landschaft der Modeblogs in Deutschland gestellt? Diesen Fragen und anderen wird sich Sophie Peitzmeier mit weiteren Artikeln, Interviews und einer Fotostrecke stellen und das Phänomen Modeblog ausloten.</div>
<p></div></div><br class="jwts_clr" />Anfänglich wurden die Blogger von Moderedakteuren noch belächelt. Anna Wintour, Chefredakteurin der amerikanischen <em>Vogue</em> und damit eine der einflussreichsten Personen in der Modebranche, hatte dabei wohl eine Spitzenstellung inne. Unprofessionell seien Blogger, zu unerfahren und das richtige Verständnis von Mode fehle ihnen, wetterte sie. Es geht sogar das Gerücht um, dass sie das Wort »Blog« aus der Zeitschrift verbannt habe. Doch gab es sicher nicht nur für die Königin der Moderedakteure eines Tages ein böses Erwachen – spätestens bei einer Modenschau. Saßen vor einigen Jahren noch alleine Moderedakteure und Prominente in den ersten Reihen, musste Frau Wintour die heißbegehrten Plätze auf einmal mit umjubelten Modebloggern teilen. Die hatten mittlerweile nämlich eine so große Fangemeinde, dass sie teilweise ihren Lebensunterhalt mit dem Bloggen bestreiten konnten. Durch Werbeverträge mit Designern und die Klicks auf den Seiten verdienten die Bekanntesten mittlerweile viel Geld. Hinzu kamen Einladungen zu den ganz großen Events und Schauen. Damit hatte der Kampf um die Leser begonnen.</p>
<p>Gerade die »Unprofessionalität«, die von vielen Redakteuren mit rümpfender Nase beanstandet wird, zieht die Leser häufig auf die Blogseiten. In den Moderedaktionen der Zeitschriften wird wochenlang für einzelne Artikel recherchiert und an diesen gefeilt. Fotostrecken werden aufwändig und teuer in fernen Ländern produziert. Auf all das müssen wir als Leser lange warten. Die meisten erfolgreichen Mode- und Frauenzeitschriften wie <em>In Style</em>, <em>Cosmopolitan</em>, <em>Elle</em> und eben auch <em>Glamour</em> oder <em>Vogue</em> erscheinen monatlich. Wie viel schneller und herrlich unkompliziert entsteht im Vergleich ein Blogeintrag. Die Texte sind häufig ungezwungen und gesprächsartig verfasst, frei von der Seele weg und mit alltagssprachlichen Ausdrücken versetzt. Als Foto genügt oft schon ein Bild mit der eigenen Digitalkamera. Die Sichtweise könnte subjektiver also nicht sein. Während in Artikeln der Printmedien der Redakteur stark zurück tritt, schreiben Blogger vornehmlich aus ihrer Sichtweise. Nicht selten passiert es, dass nach jahrelangem Lesen derselben Zeitschriften der Name der Chefredakteure immer noch nicht bekannt ist. Doch wissen die meisten Leser schon nach ein paar Besuchen einer Seite den Namen des Bloggers. Das macht sympathisch, das verbindet und das wiederum schafft neue Fans und Leser. </p>
<p>Eine der bekanntesten Teenie-Bloggerinnen ist Tavi Gevinson. Die ist zwar gerade einmal 15 Jahre alt, doch auf ihrem Blog <a href="http://www.thestylerookie.com">thestylerookie.com</a> schreibt sie schon seit mehr als drei Jahren regelmäßig über Modenschauen, Interpretationen und besonders auch über sich selbst und ihren Stil. Handschriftlich teilt sie ihren Lesern mit: </p>
<blockquote><p>[...] I want you to know that I am just like, the total girl next door, just like, you know, a regular teen [...].</p></blockquote>
<p>Der Blogeintrag suggeriert durch die Handschrift und Aussage Authentizität und persönliche Nähe. Die Leser nehmen durch das regelmäßige Besuchen einer Blogseite teil am Leben der Schreibenden. Nach einer gewissen Zeit scheint es dem Leser, als kenne er die Verfasserin wirklich. </p>
<address></address>
<p><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/ScreenshotStylerookieNeu.jpg" alt=" " /><br />
<em>
<p style="text-align:left; font-size:0.95em; line-height:1.25em;">Tavi Gevinson folgt keinen Regeln. Auf ihrem Blog thestylerookie.com zeigt sie sich in schrillen Outfits und teilt ihren Lesern auch gerne einmal handschriftlich mit, was sie gerade beschäftigt.</p>
<p></em></p>
<address></address>
<p>Nach Jahren des Belächelns und des Kampfs um Leser, zeichnet sich mittlerweile eine Art Versöhnung der Modezeitschrift mit dem Modeblog ab. Immer mehr Zeitschriften haben erkannt, dass das Internet ein praktisches Medium zum Veröffentlichen darstellt. Und so bringen Magazine, wie auch deren Redakteure selbst, Blogs heraus. Anna dello Russo, Editor at large der japanischen <em>Vogue</em>, betreibt seit 2011 einen sehr erfolgreichen Blog auf der Plattform für Modeblogs <a href="http://nowmanifest.com/">Nowmanifest</a>. Dort können sich die Leser über Events, Trends und dello Russos eigene Looks informieren und sich davon inspirieren lassen. Blogger nennt dello Russo »das Radar der Mode«, sie sind die Begründer des neuen Modevolks: »Plötzlich sind wir alle zusammen eine Art Volk &#8211; das Modevolk!« Auch die Zeitschrift <em>Glamour</em> hat sich einen Blog zugelegt, auf dem Redakteure von den Glanzpunkten der Modewelt berichten. So können Leser kostenlos am Modegeschehen teilnehmen. Ganz nebenbei und nur im Hintergrund wird für die Zeitschrift geworben. Eine Konkurrenz zum Printformat stellt der Blog aber nicht dar, da die Einträge sehr kurz gehalten sind und oft nur den Abriss eines Themas veranschaulichen.</p>
<p>Andersherum kann der eigene Modeblog auch zu einem Sprungbrett für eine Karriere in den Printmedien werden. Die schwedische Bloggerin Elin Kling wurde durch ihre Posts Stilvorbild für ein ganzes Land. Ihr enormer Einfluss in der Modebranche verhalf ihr sogar zu einer Kollaboration mit dem Modegiganten Hennes&#038;Mauritz. Das hatte vor ihr kein anderer Blogger geschafft. Nach dem Erfolg der H&#038;M-Kollektion folgten eine eigene Modelinie unter dem Label Nowhere und eine eigene Zeitschrift. <em>Styleby</em> erscheint seit Mitte März 2011 jeden zweiten Monat in Schweden. In Deutschland besitzen Modeblogger zwar noch nicht einen so großen Einfluss, doch wachsen die Leserzahlen auch hier. Der erfolgreichste deutsche Modeblog <a href="http://www.lesmads.de/">LesMads</a> wurde 2007 von Jessica Weiß und Julia Knolle als eine Art Experiment ins Leben gerufen. </p>
<address></address>
<p><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/ScreenshotLesMadsNeu.jpg" alt=" " /><br />
<em>
<p style="text-align:left; font-size:0.95em; line-height:1.25em;">Der erfolgreichste deutsche Modeblog LesMads informiert seine Leser mit um die fünf bis zehn Beiträgen pro Tag &#8211; und das seit fast fünf Jahren.</p>
<p></em></p>
<address></address>
<p>Auf der Seite können die Besucher über neue Kollektionen, Events, Outfitposts und Reiseberichte der Bloggerinnen lesen. Diese Themenvielfalt und Originalität bescherte LesMads 2010 als erstem Modeblog einen Lead Award, einen der führenden Auszeichnungen für Print- und Onlinemedien in Deutschland. Gleichzeitig kamen im Laufe der Zeit immer mehr Leser des Blogs hinzu. Im Mai 2011 konnte  die Seite mit der Burda Style Group als Partner alleine fast 700.000 Besucher zählen. </p>
<p>Der Einfluss der Bloggerszene wächst von Tag zu Tag. Bloggen als Beruf wird in den nächsten Jahren damit wohl noch erfolgreicher werden. Die Grenzen zwischen den Medien Modemagazin und Modeblog verschwimmen dabei immer mehr. Einige Zeitschriften wie <em>Vogue</em> und <em>Cosmopolitan</em> bringen sogar schon Onlineausgaben heraus, die gegen Bezahlung auf dem iPad gelesen werden können. Den Unterschied macht dann nicht mehr das Medium aus, sondern nur noch die Geldfrage: kostenlos oder Kosten groß.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Culture-Trash</title>
		<link>http://www.litlog.de/culture-trash/</link>
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		<pubDate>Thu, 05 Jan 2012 11:29:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Anna-Marie Mamar</dc:creator>
				<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Abdeljalil Daikhi]]></category>
		<category><![CDATA[Optimus Verlag]]></category>
		<category><![CDATA[Orient-Express nach Wien]]></category>
		<category><![CDATA[Roman]]></category>

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		<description><![CDATA[Anna-Marie Mamar besteigt Abdeljalils Daikhis <em>Orient-Express nach Wien</em> und zieht Bilanz.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>In heiterer Feel-Good-Atmosphäre verhandeln Culture-Clash-Komödien wie <em>Almanya – Willkommen in Deutschland</em> das Zusammentreffen verschiedener Kulturen. Abdeljalils Daikhis <em>Orient-Express nach Wien</em> dagegen verzichtet auf die humorvolle Auseinandersetzung und begegnet dem Thema leise und betulich, berichtend und belehrend.</strong> </p>
<p><em>Von Anna-Marie Mamar</em></p>
<p>Die Wirren unserer globalisierten Welt, in der diverse Kulturen unausweichlich aufeinandertreffen, werden zunehmend thematisiert und reflektiert. Dies schlägt sich vor allem in der Culture-Clash-Komödie à la <em>Almanya – Willkommen in Deutschland</em>, <em>Kebab Connection</em>, <em>Alles koscher</em> oder <em>Türkisch für Anfänger</em> nieder, die stets in heiterer Feel-Good-Atmosphäre mal liebevoll und amüsant, mal plakativ und übertrieben an ein besseres Miteinander der Mehrheitsgesellschaft mit religiösen und ethnischen Minderheiten appelliert oder die Auseinandersetzung des Helden mit den eigenen Wurzeln verhandelt, während sie spielerisch Klischees und Vorurteile ad absurdum führt. </p>
<p>Dieser Trend wird auch literarisch unterfüttert, beispielsweise in Helen Cross’ <em>Ohne mich</em>. In Abdeljalils Daikhis <em>Orient-Express nach Wien</em> findet sich die übliche humorvolle Auseinandersetzung mit der multikulturellen Gesellschaft jedoch nicht. Leise und betulich, weniger komödiantisch, vielmehr berichtend und belehrend skizziert Daikhi das Zusammentreffen von Orient (personifiziert durch den Ich-Erzähler, einem jungen tunesischen Mann) auf Okzident (repräsentiert durch eine ältere Frau aus Wien). </p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Buch"><h2><a href="#Buch" name="advtab">Buch</a></h2>
<div align="center"><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/Orient-Cover.jpg" alt=" " /><br />
Abdeljalils Daikhi<br />
<a href="www.optimus-verlag.de/" target="_blank"><strong>Orient-Express nach Wien</strong></a><br />
Optimus Verlag: Göttingen 2011<br />
200 Seiten, 12,95 €</div>
<p> </div><div class="jwts_tabbertab" title="Optimus Verlag"><h2><a href="#Optimus Verlag">Optimus Verlag</a></h2> Im Februar 2008 gründete Alexander Mostafa den <strong>Optimus Verlag</strong> mit dem Anspruch, ehrliche und faire Verlagsarbeit zu leisten. Optimus versteht sich vor allem als Wissenschaftsverlag, dennoch gibt es auch Ausflüge zur Belletristik, wie mit Abdeljalils Daikhis <em>Orient-Express nach Wien</em>. Nähere Informationen zum Verlag auf der <a href="www.optimus-verlag.de/">Webseite</a>.</div></div><br class="jwts_clr" />Die beiden Protagonisten des Romans stoßen in einem Wiener Café aufeinander, das der junge Tunesier während eines dreitägigen Zwischenstopps bei seiner Durchreise im Orient-Express in Richtung Heimat täglich aufsucht. In seinen Aufzeichnungen betitelt der Erzähler sein Gegenüber ehrfurchtsvoll als »Dame von Wien«, mit der er zunächst noch zaghaft, zunehmend jedoch vertrauter diskutiert, schweigt oder beobachtet, der er zuhört oder der er erzählt. Zusammen lässt das ungleiche Duo die unmittelbare Umgebung Teil der Betrachtungen werden. Gemeinsam schweifen sie aber auch in entlegene Gegenden, in die historische oder auch in die ganz eigene, persönliche Vergangenheit, ab. Dabei spart Daikhi neben filigranen, berührenden Betrachtungen leider nicht an unzähligen, belanglosen Aphorismen, plumpen Weisheiten wie »Jemanden zu lieben heißt ja nicht, sich selbst aufzugeben, damit der oder die andere aufblüht« und auch nicht an ebenso oberflächlichen Analysen unserer Gesellschaft, die mit moralisierendem Zeigefinger ins Gespräch eingeflochten werden. </p>
<p>Was ein feinsinniges Gesellschaftsporträt hätte werden können, dringt leider selten in die Tiefe: Aufgrund des anfänglichen Beschlusses, nur im Modus eines gemeinsamen Konsenses zu reden, »Das Gespräch wird viel schöner, wenn wir die Fragen, die zwischen uns eine Krise verursachen könnten, ganz weglassen«, findet selten eine richtige Zwiesprache oder ein Austausch statt. Ja, wenn die Welt doch nur so einfach wäre, wie sie im Kosmos dieser beiden Figuren exemplifiziert wird! Man könnte Gefallen daran finden, dass der »Kampf der Kulturen«, über den die beiden aufgrund der Huntington-Lektüre der »Dame von Wien« stolpern, leichtfertig weggewischt wird:</p>
<blockquote><p>An unserem Tisch befindet sich eine kleine Welt: Das Café befindet sich in Wien, der Cappuccino ist italienisch, der Kaffee ist aus Kenia oder Brasilien, die Kellnerin kommt aus Asien, du bist aus dem Orient und ich stamme aus Europa! Gehören wir und all diese Dinge zu ein und derselben Kultur? Natürlich nicht. Kämpfen wir gegeneinander? Natürlich nicht. Alles, was sich hier im Café abspielt, ergibt einen neuen Geschmack, der keinen klaren Ursprung, sondern viele Ursprünge hat.</p></blockquote>
<p>Das sind nette Ideen, die es aber trotz ihres Wahrheitsgehalts nicht vermögen, einen neuen Horizont zu eröffnen. Dem Leser droht ohnehin schon früh die Gefahr, abzuschweifen, denn der Dialog verläuft über weite Teile schleppend, verliert sich immer wieder in Monologen, gepaart mit den romantisch verzückten, mystifizierenden und sinnlichen Beschreibungen des Ich-Erzählers über seine »Dame von Wien«, die selten sonderlich subtil ausfallen: </p>
<blockquote><p>Auf ihren Lippen nisteten noch Spuren eines Frühlings, und öffnete sie sie zum Sprechen, so verliehen ihr deren geschmeidige Bewegungen die blühende Anmut einer Dreißigjährigen. Das helle Rot dieser Lippen war in solchen Momenten noch immer ein Rosenparadies.</p></blockquote>
<p> So wird das Wiener Café, Inbegriff der Wiener Tradition, kein Austragungsort von Diskursen und die alte »Dame von Wien« nur der glorifizierte Inbegriff dieser antiquierten Wien-Imagination.</p>
<p>Vielleicht lässt sich der große Erfolg Daikhis Debütromans in seinem einstigen Heimatland Tunesien dadurch erklären, dass diese literarisch vielleicht wenig originelle, aber dennoch wohlgesonnene Geschichte einer interkulturellen Begegnung ein Plädoyer an das respektvolle, harmonische Miteinander ist. Dieser Geschichte geht im Deutschen leider jedoch einiges abhanden, da die Übersetzung teilweise etwas hölzern klingt und infolgedessen dem Text seinen Reiz nimmt. </p>
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		<title>»Der Blick Gottes«</title>
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		<pubDate>Mon, 02 Jan 2012 09:40:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kevin Kempke</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literarisches Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Misc.]]></category>
		<category><![CDATA[Dein Name]]></category>
		<category><![CDATA[Göttinger Poetikdozentur]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Navid Kermani]]></category>
		<category><![CDATA[Poetikdozentur]]></category>
		<category><![CDATA[Roman]]></category>

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		<description><![CDATA[Navid Kermani, Göttinger Poetik-Dozent 2011, im Interview mit Litlog.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Wohl kaum ein deutscher Autor hat sich in den letzten Jahren in der deutschen Literatur so ausführlich mit dem (Roman-)Schreiben auseinandergesetzt wie Navid Kermani, Göttinger Poetik-Dozent 2011. Im Interview mit Litlog spricht er über Romanästhetik, politisches Engagement und den Tod.</strong></p>
<p><em>Von Kevin Kempke</em></p>
<p>Die Ankündigung, dass Navid Kermani 2011 die traditionsreichen Göttinger Poetikvorlesungen halten würde, war keine große Überraschung, hat er als Frankfurter Poetik-Dozent 2010 doch schon einschlägige Erfahrungen vorzuweisen. Aber Kermani bietet sich auch auf besondere Weise an: Sein Formbewusstsein, das schon in seinen frühen Romanen und Erzählungen auffiel, hat in Kermanis kürzlich erschienenem Roman <a href="http://www.litlog.de/selberlebensbeschreibung/"><em>Dein Name</em></a> eine neue Qualität erreicht. Der Roman enthält umfangreiche Reflexionen über die Bedingungen und Möglichkeiten des Schreibens und errichtet auf den Eckpfeilern Jean Paul und Hölderlin ein interessantes poetologisches Gebäude. Auffällig ist die große Ernsthaftigkeit, mit der sich Kermani ästhetischen Fragen nähert und die in deutlichem Kontrast zu der stilistischen und sprachlichen Beliebigkeit steht, die man der deutschen Gegenwartsliteratur schon mehr als einmal zum Vorwurf gemacht hat: Schreiben als »religiöses Unterfangen«.</p>
<address></address>
<p><strong><em>Kevin Kempke</em>: In Ihrem neuen Roman <em>Dein Name</em> setzen Sie sich ausführlich mit dem Romanschreiben auseinander, haben letztes Jahr in Frankfurt, dieses Jahr in Göttingen in der Poetikvorlesung über Romanästhetik gesprochen. Was macht einen Roman zum Roman?</strong></p>
<p><em>Navid Kermani</em>: Ein Roman versucht, mit literarischen Mitteln eine Totalität zu erfassen und eine kollektive Erfahrung einzufangen, die über die Lebenserfahrung des einzelnen Individuums hinausgeht. Wenn man die Tradition des Bildungsromans beiseite lässt, geht der Roman immer aufs Totale, will das große Welttheater. Nur ist dieser Anspruch von vornherein zum Scheitern verurteilt, da die menschliche Perspektive immer beschränkt bleibt. Das Totale erfasst nur der Blick Gottes. Es ist kein Zufall, dass die Geschichte des modernen Romans mit <em>Don Quijote</em> beginnt. Das Romanschreiben ist ein Kampf gegen Windmühlen.</p>
<p><strong><em>K.K.</em>: Und trotzdem nehmen Schriftsteller diesen Kampf immer wieder auf sich, Sie eingeschlossen. Welche Möglichkeiten hat denn ein Romanschreiber dieser Totalität nahezukommen?</strong></p>
<p><em>N.K.</em>: Das kann man nicht in allgemeine Regeln fassen, sondern nur an einzelnen Romanen aufzeigen. Der Roman ist ein offenes Gefäß. Sehr vieles ist erlaubt: Wenn ich z.B. einen Essay von 100 Seiten Länge einbauen will, tue ich es eben.</p>
<p><strong><em>K.K.</em>: Sie entwickeln ihre Poetik stark auf dem Fundament der Romanästhetik Jean Pauls. Was macht seine Romane so besonders?</strong></p>
<p><em>N.K.</em>: Er reizt die Freiheiten, die diese Form bietet, bis zum Äußersten aus. Seine Romane sind voller Abschweifungen, in die er alles aufnimmt, was in seiner Welt vor sich geht. Sein Prinzip ist es, die Handlung wie beim echten Erzählen ständig zu unterbrechen und auf die Einflüsse von außen zu reagieren: Jemand klopft, jemand geht vorbei, jemand stirbt – alles fließt in seinen Roman ein. Indem er nicht nur einen Strang verfolgt, sondern so vielgestaltig erzählt, fängt er seine Erfahrungen als Mensch in der Totale ein.</p>
<p><strong><em>K.K.</em>: Welche Rolle spielt die Einordnung in eine literarische Tradition für Sie?</strong></p>
<p><em>N.K.</em>: Jeder Autor beginnt da, wo andere aufgehört haben und setzt etwas fort, schließlich ist ja jeder allein schon durch Muster des Erzählens vorgeprägt. Die Frage ist, ob man sich dessen bewusst ist, oder nicht. </p>
<p><strong><em>K.K.</em>: Sehen Sie sich denn in der Nachfolge von bestimmten Autoren, Hölderlin und Jean Paul mal ausgenommen?</strong></p>
<p><em>N.K.</em>: Ich würde mir nicht anmaßen wollen, eine Nachfolge von Jean Paul oder Hölderlin anzutreten, das wäre vermessen. Meine größten Einflüsse kommen wohl aus der deutschsprachigen Tradition, nicht so sehr die Nachkriegsgeneration, sondern mehr die frühe Moderne, Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum 2. Weltkrieg. Das ist die Zeit, in der ich mich zuhause fühle.</p>
<p><strong><em>K.K.</em>: Die Mystik ist ein weiteres wichtiges Thema ihres Romans. Sie erklären beispielsweise Hölderlin zum Mystiker. Welche Bedeutung hat das Konzept der Mystik für Sie?</strong></p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Poetik-Dozentur"><h2><a href="#Poetik-Dozentur" name="advtab">Poetik-Dozentur</a></h2>Die Göttinger Poetikvorlesungen wurden von Heinz Ludwig Arnold begründet. Sie werden jährlich vom Literarischen Zentrum Göttingen und dem Seminar für Deutsche Philologie ausgerichtet und vom Georg-Holtzbrinck-Verlag gefördert. Zu den Poetikdozenten der vergangenen Jahre gehörten neben Navid Kermani Autoren wie Felicitas Hoppe, John von Düffel, Daniel Kehlmann, Peter Schneider, Eckhard Henscheid oder Feridun Zaimoglu.</div></div><br class="jwts_clr" /><em>N.K.</em>: Mystik kann etwa bedeuten, in allem ein Zeichen zu sehen, ein Zeichen Gottes. Das ist nicht unbedingt pantheistisch gemeint, sondern in dem Sinne, dass nichts nur für sich selbst steht. Alles weist auf etwas hin. Auch der urliterarische Blick besteht darin, in allem das Zeichenhafte zu sehen. Zum anderen ist der mystische Vorgang ein Vorgang des Willensverlusts, hin zu einer Absichtslosigkeit, der Versenkung in das Objekt bis hin zum Ich-Verlust, der sich aber als Ich-Gewinn erweist – das empfinde ich als ein wichtiges Teilstück in der Arbeit des Schriftstellers. Der literarische Prozess ist insofern durchaus mit dem mystischen verwandt. Es ist wichtig, sich im Schreiben manchmal selbst zu verlieren und nur den Formgesetzen des Werks zu folgen. Man muss sich dem Stoff fügen. Aber wie gesagt, das ist nur einer von mehreren Aspekten und Phasen in der Arbeit.</p>
<p><strong><em>K.K.</em>: Ist denn die mystische Versenkung nur für den Autor oder auch für den Leser möglich?</strong></p>
<p><em>N.K.</em>: Für beide natürlich. Das ist eine Erfahrung, die man bei ganz alltäglichen Ereignissen wie dem Hören eines Musikstücks oder dem Lesen eines Gedichts haben kann. Es geht darum, sich selbst zu vergessen und gerade deshalb ganz bei sich zu sein. In der sexuellen Erfahrung beispielsweise wird der Ich-Verlust ja auch als Bereicherung erfahren. Ich habe in meinem Buch <em>Gott ist schön</em> die Ähnlichkeiten zwischen ästhetischer und religiöser Erfahrung theoretisch untersucht, aber eigentlich beschäftigt es mich in allen oder jedenfalls vielen meiner Bücher, ganz deutlich natürlich in dem Buch über Neil Young. Oft sind es ganz kleine Momente im Leben, die trotzdem etwas Transzendentes haben. Vielleicht ist das ein Abglanz, eine Spur oder auch nur ein Zeichen dessen, was auch die Propheten erlebt haben.</p>
<p><strong><em>K.K.</em>: In der Berichterstattung zu Ihrem Roman fällt auf, dass Sie aufgrund der starken Ähnlichkeiten, die der Erzähler zu Ihnen aufweist, oft mit dem Erzähler gleichgesetzt werden. Belastet Sie das?</strong></p>
<p><em>N.K.</em>: Damit musste ich bei diesem Roman rechnen, das war darauf angelegt. Wenn es literarisch notwendig ist, muss man diese Art von Verständnis, beziehungsweise aus meiner Perspektive ja Mißverständnis, eben in Kauf nehmen. Angenehm ist es mir aber nicht. Die Frage ist ja zum Zeitpunkt des Erscheinens für den einen oder anderen bedeutsam. Wenn es den Autor nicht mehr gibt, wird sie ganz egal.</p>
<p><strong><em>K.K.</em>: Sie verlassen die fiktionale Ebene des Textes und sprechen als »Ich«,  wenn sie über reale Verstorbene sprechen, denen sie Nachrufe widmen: Warum dieser Perspektivenwechsel?</strong></p>
<p><em>N.K.</em>: Am Tod prallt alle Dichtung ab. Wir können damit umgehen, dass wir alle irgendwann sterben müssen; erst wenn uns der Tod konkret bedroht und in unmittelbare Nähe rückt, wird er schrecklich. Man kann die Verstorbenen nur ehren, wenn man sie benennt und ihnen ein Gesicht gibt. </p>
<p><strong><em>K.K.</em>: Ist das Schreiben denn für Sie auch ein Versuch, Unsterblichkeit im Kunstwerk zu erreichen?</strong></p>
<p><em>N.K.</em>: Einen solchen narzisstischen Antrieb ganz zu verkennen, wäre sicher falsch. Für Künstler war es schon immer ein wichtiger Antrieb, etwas zu schaffen, was sie überdauert. Insofern ist das Schreiben ein Aufbegehren gegen die Vergänglichkeit, mit aller Vorsicht formuliert. Wenn man Literatur als Flaschenpost begreift, man den Adressaten also nicht kennt, gibt einem das auch eine gewisse Gelassenheit im Hinblick auf die unmittelbaren Reaktionen, auch wenn das vielleicht eitel klingen mag.</p>
<p><strong><em>K.K.</em>: Sie treten auch immer wieder als politischer Autor hervor und haben kürzlich sogar den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken verliehen bekommen. Welches Selbstverständnis prägt Sie in Ihren politischen Schriften?</strong></p>
<p><em>N.K.</em>: Als Literat sehe ich meine Aufgabe darin, die Wirklichkeit so komplex und widersprüchlich abzubilden, wie sie nun einmal ist. Wir erfahren die Welt ja nicht als etwas Klares und Lineares. Aufs Politische übertragen heißt das, keine einfachen Lösungen zu bieten, sondern vielleicht auch darauf zu beharren, dass es mitunter gar keine Lösung gibt. Ich hoffe, dass man meine Reportagen nicht einfach nur abnickt, sondern dass man nachher möglicherweise mehr Fragen hat als zuvor. Das sehe ich als das eigentlich politische Moment meiner Arbeit. Die Chancen, die sich mir dadurch bieten, beispielsweise öffentliche Reden halten zu dürfen oder auf Diskussionen eingeladen zu werden, sehe ich demgegenüber als zweitrangig an, auch wenn ich natürlich versuche, diese Chancen positiv zu nutzen. Im übrigen denke ich nicht, dass man zu allem eine Meinung haben sollte. Es gibt Perioden, wo ich mich mit bestimmten Dingen mehr beschäftige und mich dann auch in Debatten engagiere, aber manche Sachen beobachte ich auch einfach nur von außen.</p>
<p><strong><em>K.K.</em>:  Beteiligt haben Sie sich beispielsweise an der Integrationsdebatte. Sie versuchen, ein differenziertes Islambild zu vertreten, haben dabei aber oftmals gegen irrationale Widerstände zu kämpfen &#8211; eine Rolle, die Sie im Roman sehr kritisch reflektieren. Wie sehen Sie den Stand der Debatte post-Sarrazin?</strong></p>
<p><em>N.K.</em>: Sarrazin hat sehr stark enttabuisierend gewirkt. In der Folge traute man sich Sachen zu sagen, die schon lange in der Luft lagen, aber nicht so frei artikuliert wurden. Mittlerweile hat sich diese Stimmung aber wieder gelegt und auch eine Gegenbewegung ausgelöst, die jetzt ebenfalls vehementer auftritt. Ich bin geneigt, die ganze Debatte als Geburtswehen zu sehen, hervorgerufen durch die massiven demographischen Entwicklungen. Der Mechanismus solcher Verteilungskämpfe ist dabei immer der Gleiche: Man versucht, die eigene Aggressivität zu verschleiern, indem man scheinbar rational zu erklären versucht, warum die Gegenseite gefährlich ist. Jeglicher Angriffskrieg deklariert sich als Verteidigungskrieg, das gilt für den Fremdenhass genauso.</p>
<p><strong><em>K.K.</em>: Haben Sie selbst viele solcher Aggressionen erlebt?</strong></p>
<p><em>N.K.</em>: Kaum, weil ich auch nicht in einem sozial benachteiligten Milieu aufgewachsen bin. Wenn ich die wenigen ausländerfeindlichen Situationen, die es natürlich auch gab, jetzt isolieren würde, entstünde der Eindruck, dass Deutschland ein schrecklich ausländerfeindliches Land sei, aber das entspräche überhaupt nicht der Gesamtheit meiner Erfahrungen. Im Vergleich zu anderen Ländern finde ich, dass die Toleranz gerade in Deutschland verhältnismäßig gut ausgeprägt ist inzwischen.</p>
<p><strong><em>K.K.</em>: Kommen wir zum Ende noch einmal auf die Poetikvorlesung zu sprechen: Was kann das Publikum eigentlich mit einer Poetik anfangen? Wozu Poetik und wozu Poetikvorlesung?<br />
</strong></p>
<p><em>N.K.</em>: Poetik bedeutet für mich, über Literatur nachzudenken und zwar nicht im biographischen Sinne, sondern ganz handwerklich: Wie ist das gemacht? Man bekommt einen Einblick in die Schreibwerkstatt eines Autors. Ich finde das sehr interessant, bin aber auch erstaunt, dass dieses Thema so eine Resonanz findet. Bei der Poetikvorlesung in Frankfurt sind es fast immer um die 500 Hörer, die kommen, jedes Semester fünf Wochen lang. Das widerspricht allen Vorurteilen.</p>
<p><strong><em>K.K.</em>: Schließen möchte ich mit der obligatorischen Frage nach dem nächsten Projekt, die sich nach einer so umfänglichen Selbstreflexion aber natürlich auch in besonderem Maße stellt. Also: Was kommt als Nächstes?</strong></p>
<p><em>N.K.</em>: Es werden jetzt erstmal zwei Bücher rauskommen, die quasi noch Zugaben zu <em>Dein Name</em> sind. Zum einen wird nächsten Herbst die Frankfurter Poetikvorlesung, die eine abgeschlossene Beschäftigung mit Hölderlin und Jean Paul darstellt, erscheinen, zum anderen wird es 2013 einen Band mit Reportagen geben, für den ich in nächster Zeit noch einige Reisen unternehmen werde. Was danach kommt, weiß ich noch nicht.</p>
<p><strong><em>K.K.</em>: Herr Kermani, vielen Dank für dieses Gespräch.<br />
</strong></p>
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		<title>Von Schafen und Schotten</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Dec 2011 10:49:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Magdalena Kersting</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literarisches Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Alfred Hitchcock]]></category>
		<category><![CDATA[Deutsches Theater]]></category>
		<category><![CDATA[Die 39 Stufen]]></category>
		<category><![CDATA[Komödie]]></category>
		<category><![CDATA[Krimi]]></category>
		<category><![CDATA[Theater]]></category>

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		<description><![CDATA[Magdalena Kersting beschaute Patrick Barlows Hitchcock-Adaption <em>Die 39 Stufen</em> im DT.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Mit viel Gekurbel, Gekletter, Geschiebe und Gerolle stellt sich das DT der Herausforderung, einen Spionage-Thriller in zwei Stunden mit vier Schauspielern und einer Handvoll Requisiten auf die Bühne zu bringen. Magdalena Kersting beschaute Patrick Barlows Hitchcock-Adaption <em>Die 39 Stufen</em> und findet: Der Plan geht auf.</strong></p>
<p><em>Von Magdalena Kersting</em></p>
<p>Hört man den Namen Hitchcock, denkt man an gruselige Thriller von nervenaufreibender Spannung. Patrick Barlow hat mit <em>Die 39 Stufen</em>, einer Adaption des gleichnamigen Hitchcock-Spionage-Thrillers, die jetzt im Deutschen Theater läuft, eine ganz eigene Interpretation des klassischen Filmmaterials geschaffen. In seiner 2005 in England uraufgeführten Vier-Personen-Farce übertritt er leichtfüßig den Graben vom Ernsten ins Komische und feiert seitdem mit seiner Kriminalkomödie u.a. in London und am Broadway große Erfolge.</p>
<p>Im Zentrum der Handlung steht Richard Hannay, ein gelangweilter Kanadier im London der 30er Jahre, dem bei einem Theaterbesuch erst Kugeln um den Kopf und in dem daraus entstehenden Tumult eine schöne Dame in die Arme fliegen. Er rettet sich mit ihr nach Hause und die Dame stellt sich als Agentin Annabella Schmidt vor. Zwei Spione seien ihr auf den Fersen, denn sie sei einer Verschwörung auf der Spur: Der nebulöse Geheimring der 39 Stufen soll ein Staatsgeheimnis gestohlen haben, das keinesfalls außer Landes gelangen dürfe. Sie vermutet den Anführer des Rings in einem Dorf in Schottland – er soll an dem fehlenden Glied seines kleinen Fingers zu erkennen sein. Aber ehe Hannay weiteres erfährt, liegt die geheimnisvolle Lady mit einem Messer im Rücken tot in seiner Wohnung. Nun beginnt eine rasante Doppeljagd: Hannay, der jetzt von Scotland Yard als vermeintlicher Mörder von Annabella gesucht wird, nimmt seinerseits die Spur ins schottische Hochmoor auf, um den Kopf der Verschwörung zu stellen, eine internationale Krise abzuwenden und seine Unschuld zu beweisen.</p>
<address>Absurde und atemlose Verkettung von Ereignissen</address>
<p>Für das Deutsche Theater neu interpretiert wurde das Stück von Michael Kessler, der von Intendant Mark Zurmühle im Frühjahr dieses Jahres eingeladen wurde, in Göttingen eine Komödie zu inszenieren. Kessler, den viele aus Film und Fernsehen (<em>Switch</em>, <em>Schillerstraße</em>) kennen, hat Erfahrung mit der erfolgreichen Vermittlung von Witz und Humor. Deshalb lautet sein ausgezeichnetes Ziel auch: »Die Leute sollen lachen, sich amüsieren und einfach einen lustigen Abend haben.«<sup class='footnote'><a href='#fn-7928-1' id='fnref-7928-1'>1</a></sup> </p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Das Stück"><h2><a href="#Das Stück" name="advtab">Das Stück</a></h2></p>
<div style="text-align: center;"><a href="http://www.dt-goettingen.de/flycms/de/screen/7/-XzsjFGOAVV+Gd01IDDJxdXsX0l3l1wQ=/Stuecke.html?SID=jhI7ZDv85d1c" target="_blank"><strong><em>Die 39 Stufen</em></strong></a></div>
<div style="text-align: center;">von John Buchan und Alfred Hitchcock</a><br />
 <strong>Weitere Aufführungen:</strong><br />
26./30.12.11, 08./13./19./26./01.12</div>
<p style="text-align: center;"></div><div class="jwts_tabbertab" title="DT"><h2><a href="#DT">DT</a></h2><a href="http://www.dt-goettingen.de/" target="_blank"><img style="border: medium none; padding: 0px 12px 10px 0pt; background: none repeat scroll 0% 0% transparent; width: auto; height: auto;" src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/dt40.jpg" alt="logo" /></a><br />
Das <a href="http://www.dt-goettingen.de/" target="_blank"><strong>Deutsche Theater</strong></a> in Göttingen zeigt als größtes Theater der Stadt ein umfangreiches Repertoire auf drei Bühnen. Bereits seit den 1950er Jahren errang das DT unter Leitung des Theaterregisseurs Heinz Hilpert den Ruf einer hervorragenden Bühne. Seit 1999 garantiert Intendant Mark Zurmühle bewährte Theatertradition sowie Innovation.</div></div><br class="jwts_clr" /></p>
<p>Das Vorhaben, einen Spionage-Thriller in zwei Stunden mit vier Schauspielern und einer Handvoll Requisiten und Kostümen auf die Bühne zu bringen, scheint von Anfang an zum Scheitern verurteilt und gerade deshalb geht Kesslers Plan auf: Mühelos wird der Zuschauer vom nostalgischen Swing der 30er Jahre in das England dieser Zeit versetzt. Nebelschwaden wabern über die spärlich eingerichtete Bühne und suchende Scheinwerferkegel lassen keinen Zweifel, dass wir uns in einer Kriminalgeschichte befinden. Hektisch bewegen sich die Schauspieler auf der Bühne &#8211; slapstickartig kosten sie jeden Moment genüsslich aus, wechseln von einer Sekunde zur nächsten in eine andere Rolle, in eine andere Szene. </p>
<p>Die schnelle und waghalsige Abfolge der Übergänge, die skurrilen Orte im schottischen Hochmoor, die urigen Personen, mit denen Hannay auf seiner Flucht konfrontiert wird, die ständige Bewegung auf der Bühne, das Gekurbel, Gekletter, Geschiebe und Gerolle beinhalten in dem offensichtlichen Missverhältnis zwischen dem gesetzten Vorhaben und den vorhandenen Mitteln bereits eine immense Situationskomik. Die Figuren wechseln selbstironisch mit einem Augenzwinkern ihre Identitäten wie Hüte, changieren fließend zwischen Charakteren und Geschlechtern, bilden gar selbst Ersatz für fehlende Requisiten – ein Dornbusch, ein Telefon, ein Zug, in atemberaubendem Tempo ist nichts unmöglich. Diese beeindruckende Leistung wird oft und gern vom Publikum mit Zwischenapplaus gewürdigt, genauso oft wird geschmunzelt, gelacht und gejohlt. Der Humor ist derb, oft überdreht, aberwitzig, aber immer auf den Punkt, auf die Sekunde genau. </p>
<address>Das Fenster zum Hof</address>
<p>Die absurde und atemlose Verkettung von Ereignissen hält den Blick des Zuschauers gebannt auf der Bühne, nichts ist voraus zu sehen, alles ist offen. Oft brechen die Schauspieler für einen Moment mit der Handlung, treten einen Schritt aus dem Stück heraus, fordern mehr Platz für ihren großen Auftritt oder kommentieren mokant ihr eigenes Handeln. Gekonnt wird immer wieder auf andere Hitchcock-Klassiker angespielt und so bleibt Hannay auf seiner Flucht vor der Polizei als einziger Ausweg nur noch ›das Fenster zum Hof‹.</p>
<p>Doch nicht nur die Schauspieler selbst nehmen sich nicht allzu ernst, auch das Publikum wird ordentlich aufs Korn genommen. So sucht Hannay eine »stumpfsinnige« Beschäftigung, bei der man »nicht nachdenken« müsse und entscheidet sich für einen Theaterbesuch und zwei vermeintliche Polizisten durchleuchten im dunklen Saal die Zuschauerreihen und stellen lapidar fest »Alles voller Schafe« hier. </p>
<p>Nach minutenlangem Applaus für Schauspieler und Regisseur geht man nach diesem kurzweiligen Abend mit einem beschwingten Schritt nach Hause. Kessler hat zweifellos sein Ziel erreicht. Und das Publikum hat gelernt: Hitchcock geht auch lustig!</p>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-7928-1'>Keßler, Lutz: »Die Leute sollen lachen – Interview mit Michael Kessler«. In: DT Magazin, 2, 2011/2012, S. 6. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-7928-1'>&#8617;</a></span></li>
</ol>
</div>
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		</item>
		<item>
		<title>Vom Erinnern</title>
		<link>http://www.litlog.de/vom-erinnern/</link>
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		<pubDate>Thu, 15 Dec 2011 18:32:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Johanna Karch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literarisches Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Deutsches Theater]]></category>
		<category><![CDATA[Göttingen]]></category>
		<category><![CDATA[Kopenhagen]]></category>
		<category><![CDATA[Mark Zurmühle]]></category>
		<category><![CDATA[Physikerdrama]]></category>
		<category><![CDATA[Theater]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaftskritik]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Gesprächsdrama <em>Kopenhagen</em> bietet Antworten nur im sirrenden Plural. Von Johanna Karch.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><em>Kopenhagen</em> liegt in Göttingen, zumindest für eine Spielzeit am Deutschen Theater. Das mit dem Tony-Award prämierte Gesprächsdrama weist die Grenzen des akademischen Wahrheitswahns auf und zeichnet das Psychogramm zweier Gelehrter, deren Freundschaft den Wirrungen des zweiten Weltkriegs zum Opfer fällt. In dem Drei-Personen-Stück finden sich Werner Heisenberg, Niels Bohr und seine Frau Margrethe in einem Wissenschaftskrimi um Vergessen, Verachtung und Verantwortung wieder.</strong></p>
<p><em>Von Johanna Karch</em></p>
<p>Auffallend viele Gesprächsfetzen englischen »Labor-Sprechs« fliegen uns schon vor dem Eingang zum Deutschen Theater entgegen. Was die multinationalen Göttinger NaturwissenschaftlerInnen in den Großen Saal zieht, könnte neben einer vielversprechenden Interpretation des historischen und mysteriösen letzten Gesprächs der Kernphysiker Werner Heisenberg und Niels Bohr auch mit dem Umstand zusammenhängen, dass Göttingen durch die beiden zu einer Art Mekka für Quantenmechaniker avancierte, was den Grundstein für den heute dichten, internationalen Wissenschaftsaustausch legte. So macht DT-Intendant Mark Zurmühle die Inszenierung von Kopenhagen in Göttingen zur Chefsache, vielleicht weil das Stück wegen seines südniedersächsischen Bezugs Erfolg haben muss, vielleicht, weil es aus eben diesem Grund ein Publikumsgarant zu sein verspricht. Fest steht: Zurmühle hat eine gute Stückwahl getroffen. <em>Kopenhagen</em> wird bis Ende Januar verlängert und wegen großer Nachfrage auch englisch untertitelt.</p>
<p>Historische Figuren im dramatischen Modus zu Wort kommen zu lassen, hat unter anderem zur Folge, dass Wahrheit und künstlerische Freiheit opponieren und, natürlich gewollt, Verwirrung stiften in den Köpfen der Zuschauer. Diesen Umstand umgeht der britische Erfolgsdramatiker Michael Frayn, indem er nicht die Personen, sondern ihre Geister auftreten lässt. Allerdings handeln diese eine historische Situation ab, nämlich das geheimnisumwobene letzte Gespräch zwischen Werner Heisenberg und Niels Bohr, um das sich Legenden ranken und, so wird gemeinhin angenommen, das zum endgültigen Bruch der beiden Physiker geführt hat.</p>
<address>Marsch, über den Hainberg!</address>
<p>Werner Heisenberg, so führt Bohrs Frau Margrethe ein, lernt den hoch geschätzten Niels Bohr in Göttingen auf einem Kongress über Atomphysik kennen und macht ihn auf sich aufmerksam, indem er es wagt, öffentlich auf Berechnungsfehler in einer von Bohrs Arbeiten hinzuweisen.</p>
<blockquote><p>
Das erste, was sie gemeinsam gemacht haben, war ein Spaziergang. In Göttingen, nach diesem Vortrag. Niels hielt sofort Ausschau nach diesem überheblichen jungen Mann, der seine Mathematik in Frage gestellt hatte, und schleppte ihn zu einem Marsch über den Hainberg.</p></blockquote>
<p>Es folgen Jahre der Freundschaft, des wissenschaftlichen Austauschs und wohl auch der Ahnung, dass die neuen Erkenntnisse der Quantenmechanik einen gefährlichen Wettbewerb auslösen könnten, der über die Grenzen der Wissenschaft in die realpolitischen Gefilde übergehen könnte.
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Das Stück"><h2><a href="#Das Stück" name="advtab">Das Stück</a></h2></p>
<div style="text-align: center;"><a href="http://www.dt-goettingen.de/flycms/de/screen/7/-bzMkP3zBfSrscj0,DzFqAQy,TJRNh5bPHI2U5Dna9FT1ZnY3+HjttKuyMNBksEr5BnElh4xSUrcUDWva5ayBzwc+sbnNkeZdxRuN83Y=/Stuecke.html" target="_blank"><strong><em>Kopenhagen</em></strong></a></div>
<div style="text-align: center;">von Michael Frayn</a><br />
 <strong>Weitere Aufführungen:</strong><br />
16./19.12.11 + 10./17.1.12</div>
<p style="text-align: center;"></div><div class="jwts_tabbertab" title="DT"><h2><a href="#DT">DT</a></h2><a href="http://www.dt-goettingen.de/" target="_blank"><img style="border: medium none; padding: 0px 12px 10px 0pt; background: none repeat scroll 0% 0% transparent; width: auto; height: auto;" src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/dt40.jpg" alt="logo" /></a><br />
Das <a href="http://www.dt-goettingen.de/" target="_blank"><strong>Deutsche Theater</strong></a> in Göttingen zeigt als größtes Theater der Stadt ein umfangreiches Repertoire auf drei Bühnen. Bereits seit den 1950er Jahren errang das DT unter Leitung des Theaterregisseurs Heinz Hilpert den Ruf einer hervorragenden Bühne. Seit 1999 garantiert Intendant Mark Zurmühle bewährte Theatertradition sowie Innovation.</div></div><br class="jwts_clr" /></p>
<p> Das »Goldene Jahrzehnt der Physik«, wie die 1920er Jahre in Göttingen zuweilen noch genannt werden, verdunkeln sich zur Zeit des dritten Reichs durch die Exilierung fähiger Gelehrter jüdischer Herkunft, was die wissenschaftlichen Bedingungen und damit die Konkurrenzfähigkeit im voratomaren Zeitalter für Deutschland verschlechtert. Von Dänemark aus verfolgt Bohr die Abwanderung von Größen wie James Franck und Max Born. Heisenberg bleibt. Womit die Basis für den Spionagekrimi gelegt wäre.</p>
<p>Heisenberg besucht Bohr 1941, ein Jahr nach der Besetzung Dänemarks, in dessen Haus in Kopenhagen. Für einen letzten Moment befinden wir uns in der historisch gesicherten Zone. Was folgt, ist Interpretation und  Methodenparodie der Experimentalwissenschaften: Mit wenig Wissen, gleichbleibenden Prämissen und analytischem Geschick, soll der Abend um das verheerende Gespräch rekonstruiert werden.</p>
<blockquote><p>
Und wieder erlebe ich diesen Abend im Jahr 1941. Meine Schritte knirschen auf dem vertrauten Kies, ich ziehe am vertrauten Klingelzug.</p></blockquote>
<address>Luzide Unschärfen und flirrende Bilder</address>
<p>Perspektivenwechsel, Widerspruch und Neustart fügen sich zusammen zu einem Reigen von Erinnerungsvariationen – und führen zu der Erkenntnis, dass die Heisenbergsche Unschärfetheorie &#8211; Ort und Geschwindigkeit eines Teilchens seien gleichzeitig nicht messbar &#8211; leitmotivisch das Geschehen bestimmt. Jeder Versuch, das Gespräch zu erinnern, endet in Verwirrung, vergrößert den Selbstzweifel der Figuren und offenbart, dass der methodische Zugang hier nicht greifen kann, geht es doch gar nicht nur um einen akademischen Disput, sondern auch um eine zerrissene Vater-Sohn Beziehung, um politische Solidarität und natürlich um die moralische Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung des Kernphysikers.</p>
<p>Die Wahrheitssuche übersetzt Ausstatterin Vera Koch bühnenbildnerisch mit einer Rundempore, die an das Bohrsche Atommodell angelehnt ist und auf der die Figuren monologisierend ihre Bahnen ziehen, sich spazierend oder hetzend umkreisen, immer versucht, die eine, die echte Version des Gesprächsverlaufs in den Fokus zu nehmen, wobei die Ausgangsfrage bleibt: wieso ist Heisenberg nach Kopenhagen gekommen? Ein Freundschaftsbesuch? Ein Atombombenpakt? Spionage?</p>
<p><em>Kopenhagen</em> erfüllt den Anspruch, mehr zu leisten, als den Verantwortungsbereich des Naturwissenschaftlers zu kartographieren, es evoziert ein flirrendes Memory, das durch zu viele Bilder nicht zu Ende gespielt werden kann und gerade deshalb aufgeht: Verwirrung als Teil der Geschichte.</p>
<p>Kurz vor Schluss noch der Aufzug der Fliege, die, wie abgesprochen, im Zentrifugalflug die Teilchenbahnen des Atommodells durchquert und damit zu sagen scheint: Antworten heute nur im sirrenden Plural.</p>
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		</item>
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		<title>No to racism – reicht nicht!</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Dec 2011 09:06:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Till Deininger</dc:creator>
				<category><![CDATA[Misc.]]></category>
		<category><![CDATA[Fußball]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsradikalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Ronny Blaschke]]></category>
		<category><![CDATA[Sportjournalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Universität Göttingen]]></category>

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		<description><![CDATA[Ronny Blaschkes Plädoyer für mehr Diskussionskultur im Sport. Von Till Deininger.
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Fußballschuhe anziehen, Trikot überstreifen, Ball unter den Arm geklemmt und los geht es: Fußball spielen, zocken, pölen, kicken gehen! Bei Sonne, Regen, Schnee oder im Dunkeln bei Scheinwerfern. Im Verein, mit Freunden oder einfach mal gucken, wer sich auf den einschlägig bekannten Plätzen rumtreibt – mitspielen geht eigentlich immer. Doch wie verhält man sich, wenn ein Mitspieler wegen eines Tuchs auf dem Kopf als Osama Bin Laden beschimpft wird, eine Frau von der Außenlinie verhöhnt wird oder »schwul« als Synonym für »Scheisse« herreicht – leider ist auch das Fußball! Ronny Blaschke, seines Zeichens Sportjournalist mit investigativem Anspruch, taucht für sein Buch <em>Angriff von Rechtsaußen</em> in die rechte Szene der Unterligen ab &#8211; und erzählt in Göttingen von seiner Arbeit.</strong></p>
<p><em>Von Till Deininger</em></p>
<p>Der rechte Aufmarsch der 90er Jahre in den großen Stadien ist abgeebbt. Einschlägige Symbole verbannt und offen rassistische Sprechchöre größtenteils verhallt – doch Ronny Blaschkes Buch handelt nicht von der Bundesliga. Es geht nicht um die großen Stadien, die Unterhaltungstempel im Fokus der Medien. Der Fokus des Buches liegt auf dem Amateurbereich. Abseits der Öffentlichkeit des Massenphänomens Fußball bemächtigt sich die rechte Szene eines Teils der Gesellschaft, der ihr Raum bietet, um ihre menschenverachtenden Ideologien zu verbreiten. Damit folgt Ronny Blaschke einer simplen Überzeugung: Fußball ist ein Teil der Gesellschaft. Er hat keine Lust als Journalist einer reinen Unterhaltungsbranche zu arbeiten. Er möchte eben solche gesellschaftlichen Phänomene untersuchen. </p>
<address>Amateurfußball im Visier rechter Strukturen</address>
<p>Die Beobachtungen des Sportjournalisten sprengen so die Grenzen von <em>Sportschau</em>, <em>Sportstudio</em>, <em>Kicker</em> und erst recht von <em>Bild</em>. Er berichtet über Erscheinungen der Fußballszene, in der sich »Heimat, Tradition, Ehre und Zusammenhalt« treffen. Gerade hier setzen Parteifunktionäre ihre ideologischen Stellschrauben an. Die Mechanismen der Ausgrenzung sind dabei flexibler geworden, weiß Blaschke zu berichten. Wo Rassismus zu offensichtlich geworden ist, kommen Homophobie und Sexismus zum Tragen. Nur ein Beispiel von vielen in dem Buch: Der Torwart Roman Weidenfeller von Borussia Dortmund habe Asamoah nicht als »schwarzes Schwein«, sondern als »schwule Sau« beschimpft. Abstruse Reaktion auf diese Abwandlung: Die Strafe des Dortmunder Torhüters Roman Weidenfeller wird von sechs auf drei Spiele verkürzt &#8211; logisch, oder?</p>
<p><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/blascke_neu.jpg" alt=" " /><br />
<em>
<p style="text-align:left; font-size:0.95em; line-height:1.25em;">Erhebt Sport zum Politikum: Blaschke über nicht risikofreie Recherche-Arbeit im »Fußball-Untergrund«.</p>
<p></em></p>
<p>Der beliebteste Teamsport in Deutschland bietet Vereinsstrukturen mit 6,5 Millionen Mitgliedern und die NPD hat dieses Potenzial für sich entdeckt. Blaschke spürt ein weites Feld von Berührungspunkten auf. Nationale Fußballturniere, parteinahe Neugründungen von Vereinen oder von Fanklubs, um bereits bestehende Strukturen für sich zu nutzen – das Vorgehen ist mannigfaltig. So trifft Ronny Blaschke Vereinsvorsitzende, berichtet über Trainer und sogar über einen Schiedsrichter, einen »Unparteiischen», der Mitglied in der NPD ist.<br />

		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Buch"><h2><a href="#Buch" name="advtab">Buch</a></h2>
<div align="center"><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/Blaschke_Cover.jpg" alt=" " /><br />
Ronny Blaschke<br />
<a href="http://www.werkstatt-verlag.de/?q=node/369" target="_blank"><strong>Angriff von Rechtsaußen</strong></a><br />
Verlag Die Werkstatt: Göttingen 2011<br />
224 Seiten, 16,90 €</div>
<p> </div><div class="jwts_tabbertab" title="R. Blaschke"><h2><a href="#R. Blaschke">R. Blaschke</a></h2><strong>Ronny Blaschke</strong> lebt als freier Sportjournalist und Schriftsteller in Berlin. Hauptsächlich beschäftigt er sich mit dem hintergründig Politischen, das er vor allem im Volkssport Fußball ausmacht und kritisch zu reflektieren versucht. Im Göttinger Verlag Die Werkstatt erschienen bis jetzt <a href="http://www.werkstatt-verlag.de/?q=node/72"><em>Im Schatten des Spiels</em></a> (2007) und <a href="http://www.werkstatt-verlag.de/?q=node/113"><em>Versteckspieler</em></a> (2008).</div><div class="jwts_tabbertab" title="GID"><h2><a href="#GID">GID</a></h2>Die Göttinger Parteienforschung hat sich 2010 zum <strong><a href="http://">Göttinger Institut für Demokratieforschung</a></strong> erweitert. Ziel ist es, Politikverdrossenheit entgegenzuwirken, indem sozialwissenschaftliche Erkenntnisse in den öffentlichen Diskurs getragen und gesellschaftliche Fragestellungen wissenschaftlich aufbereitet werden.</div></div><br class="jwts_clr" /><br />
Blaschke lässt aber auch die andere Seite zu Wort kommen. Nicht nur der Vorsitzende des DFB, Theo Zwanziger, sondern auch Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden, reden mit dem Autor über die Gefahren und auch Chancen, die der Fußball bietet. Darüber hinaus spricht Blaschke mit aktiven wie ehemaligen Spielern, besucht Fanprojekte und berichtet von Fußball als Mittel der Integration von Ausländern. Das Platzgeschehen rückt dabei immer wieder in den Hintergrund. Die Berichte kreisen nicht um das runde Leder, sondern um den Sport als Plattform für NPD Kader, die auf sich aufmerksam machen. Blaschke gibt sich dabei nicht mit Beschreibungen zufrieden, sondern fordert bessere Prävention, wo die NPD im Amateurfußball scheinbar freie Hand hat. </p>
<address>Gegeninitiative: Fanprojekt – Frust bewältigen und Konfliktherde entschärfen</address>
<p>Plakative Botschaften des DFB wie die Kampagne »Say no to racism« sind wichtig, aber sie reichen nicht aus! Es werden mehr pädagogische Fanprojekte und aufklärerische Initiativen gebraucht. Dies als Ansatz, Menschen zu erreichen, die sonst wenig Kontakt mit demokratischen Werten haben – Fußball als Werkzeug der Integration. Dass Integration klappen kann, zeigt sich auch im Interview mit Halil Altintop. Dass der Fußball viel mehr auch zur Integration Deutscher in die Demokratie beitragen kann, ist die Überzeugung, die an mehr als einer Stelle im Buch herauskommt. </p>
<p>Doch ist der Autor zu sehr Realist oder vielleicht einfach nur zu lange dabei, um wirklich Hoffnung zu haben, dass auch die Politik mitzieht. Denn es fehlt den Projekten an Geld. Zwar gibt es seit 2000 immer wieder neue Konzepte, die auf oberster Ebene diskutiert, beschlossen und abgesegnet werden. Dann melden sich ein Thomas de Maizière und andere Minister, dann spricht Theo Zwanziger oder auch der Präsident des Olympischen Sportbundes. Doch gerade diese Treffen auf höchster Ebene bleiben oft ohne konkrete Wirkung auf die Arbeit der Vereine. Dies ist eine Erkenntnis des Buchs: Sportfunktionäre und Politiker arbeiten nicht optimal zusammen. Auf der einen Seite ist da die Einstellung der Sportfunktionäre, wie sie von Politikern wahrgenommen wird: Sie wollen sich nicht von der Politik helfen lassen und auf der anderen Seite steht das fehlende Engagement der großen Parteien vor Ort. Was so wichtig wäre, denn gerade auf der kommunalen Ebene, so Blaschke, sind Rechtsextreme sehr aktiv.</p>
<p><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/Blaschke_Hörsaal.jpg" alt=" " /><br />
<em>
<p style="text-align:left; font-size:0.95em; line-height:1.25em;">Die Kombination von Fußball und Rechtsradikalismus stieß in Göttingen erwartungsgemäß auf großes Interesse.</p>
<p></em>Entsprechend wenig Verständnis zeigt Blaschke für das aprupte Ende des Projekts »Am Ball bleiben«, das am Anfang diesen Jahres eingestampft wurde, noch bevor es seine »beachtlichen Aufbauarbeiten« wirklich abschließen konnte. Aber auch auf Vereinsebene lässt sich mangelnde Kenntnis über die Schwere der Situation festmachen. Zwar gibt es in der Bundesliga »nur« vier Vereine, die ohne sozialpädagogische Fanprojekte auszukommen versuchen. Doch je tiefer man sich in die niedrigeren Spielklassen begibt, desto eklatanter erscheint die Misslage: In der zweiten Liga haben noch 12 der 18 Vereine ein solches Projekt, in der dritten Liga nur noch neun und in den Oberligen gar nur noch drei (Stand 2010). Und das obwohl es durchaus erfolgreiche Projekte gibt – beispielsweise in Rostock. Doch der Erfolg ist nur schwer messbar und eine Hand, die keinen Hitlergruß macht, kann man nicht zählen. Dennoch: »Weniger Frust führt zu weniger Konflikten. Weniger Konflikte führen zu einer Bereitschaft, Argumente abzuwägen und komplexen Lösungen zu trauen.« Dies ist das einschlägige Projektziel, das jungen Menschen vermittelt werden muss, die vom Fußball angezogen werden.</p>
<address>Lasst die Diskussionen beginnen – und belasst es nicht beim Reden!</address>
<p>Es ist als Fazit festzuhalten, dass Blaschke gerade durch die Interviews mit den verschiedensten Akteuren – NPD Jugendbeauftragte, Sozialarbeiter, ehemalige wie aktive Fußballer, DFB Funktionäre etc. – ein lebhaftes Bild zeichnet, das viele Facetten abdeckt. Kritisiert werden kann höchstens die NPD-Lastigkeit oder dass die Internetauftritte rechter Vereinigungen teils veraltet sind. Dies führt aber eher zu Lust auf das nächste Buch als zu Frust über das hier vorliegende. Blaschke schafft es, sein Ziel umzusetzen und sensibilisiert für ein Thema, das näher an der breiten Gesellschaft kaum sein kann bei 6,5 Millionen Vereinsmitgliedern.</p>
<p>So wird der nächste Ausflug zum Bolzplatz um die Ecke oder ins örtliche Vereinsheim nach der Lektüre vielleicht mit Diskussionen verbunden sein – doch darüber sollte sich keiner ärgern, vielmehr ist es ein Erfolg des Buches, das sich als Plädoyer für eine politische Diskussionskultur versteht.</p>
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		<title>Flimmernde Zeichen</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Dec 2011 09:44:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Telse Wenzel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Misc.]]></category>
		<category><![CDATA[Aguirre the Wrath of God]]></category>
		<category><![CDATA[Apocalypse Now]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Heart of Darkness]]></category>
		<category><![CDATA[Joseph Conrad]]></category>
		<category><![CDATA[Klaus Kinski]]></category>
		<category><![CDATA[Werner Herzog]]></category>

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		<description><![CDATA[Zu Klaus Kinskis 20. Todestag widmet sich Telse Wenzel dem Film <em>Aguirre, the Wrath of God</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Vor 20 Jahren starb der als Exzentriker und Wüterich bekannte und geschätzte Schauspieler Klaus Kinski. Telse Wenzel nimmt das Jubiläum zum Anlass und wirft einen kritischen Blick auf einen seiner bekanntesten Filme, <em>Aguirre, the Wrath of God</em>, der 1972 unter der Regie von Werner Herzog entstanden ist. </strong></p>
<p><em>Von Telse Wenzel</em></p>
<p>Eine Gruppe spanischer Eroberer bricht auf, um im Amazonas nach dem Eldorado zu suchen. Eine Irrfahrt beginnt, an deren Ende Aguirre, Verkörperung des imperialistischen Größenwahns, allein mit einem Affen spricht. Sein Floß ist verwahrlost. Die Frage: »Who else is with me?« bleibt ohne Antwort.</p>
<p><em>Aguirre, the Wrath of God</em> (Aguirre, der Zorn Gottes), 1972 unter der Regie Werner Herzogs entstanden, zählt zu Klaus Kinskis bekanntesten Filmen. Vor 20 Jahren, am 23.11.1991, starb der von manchen als bedeutender Charakterdarsteller gefeierte, von anderen als labiler Wüterich belächelte (und verkannte?) Schauspieler in seiner Wahlheimat Kalifornien. Den Film <em>Aguirre</em> taktieren diese Zuschreibungen nicht. </p>
<p>Die Kamera ist ganz nah dran an den Figuren, ständig blickt der Zuschauer in Nahsicht auf Kinskis Gesicht mit diesen großen fiebrigen Augen, gerät in den Bann des Charismatikers und Fanatikers Aguirre. Manche haben die Titelfigur in Zusammenhang mit Göbbels zu bringen versucht. Aber das ist nur eine der möglichen Lesarten. Ein enges Korsett stützt den Körper, ein Bein zieht Aguirre nach, der Rücken scheint irgendwie krumm – man denkt an Mephisto und King Richard III. </p>
<p>Und natürlich immer auch an Conrads <em>Heart of Darkness</em>. Die vermeintliche Fahrt zum Eldorado, den Fluss hinunter, wird wie bei der von Conrad geschilderten Reise den Kongo hinab zur Fahrt in die Leere. Denn nichts regt sich an den Ufern. Und das Floß wird nirgendwo ankommen, es steht im Grunde still. Das zeigt ganz zum Schluss eine grandiose Kamerafahrt, die wohl jedem im Gedächtnis geblieben ist, der den Film einmal gesehen hat: Plötzlich setzt eine rasante Bewegung ein, mit der sich jemand dem Floß nähert und es immer wieder umkreist, bis das Bild mit dem in sinnloser Herrscherpose erstarrten Aguirre ausgeblendet wird. </p>
<p>Typisch für Herzog: Er ergänzt das Geschehen um eine religiöse Bedeutungsebene. Nicht nur diese letzte Szene deutet die Präsenz eines überpersönlichen Beobachters an. Hoch oben in den Ästen eines Baums hat sich ein Schiff verhakt. Wie ist es da hingekommen? Nur eine sehr große Flut kann es dorthin gebracht haben: unheimliches (Vor-)Zeichen einer strafenden göttlichen Vernichtung. Ist es Aguirre, der diesen Zorn verkörpert? Er selbst behauptet es. »I am the Wrath of God. The earth I walk upon sees me and quakes.« Oder ist es die Hybris dieses Sterblichen und seinesgleichen, auf die die Wut eines unsichtbaren Gottes treffen wird? </p>
<address>Ästhetik des Stillstands</address>
<p>Unmöglich, dass <em>Apocalypse Now</em> von 1979 ohne die Kenntnis des Films von Werner Herzog entstanden ist. Der an Conrad angelehnte plot, die Fokussierung auf den entstellten Menschen, die Kameraführung und Übernahme einzelne Einstellungen und Bilder: Die Einflüsse sind zahlreich. Nur leider hat <em>Aguirre</em> nie diese ganz große Bekanntheit und Popularität erlangt wie <em>Apocalypse Now</em>, der ein Kultfilm und kommerziell erfolgreich zugleich wurde. Vielleicht auch, weil Martin Sheen damals ein weniger eigenwilliger Hauptdarsteller war als Klaus Kinski, jemand, der ein größeres Publikum erreichen konnte.</p>
<p>Auch das zurückgefahrene Tempo von <em>Aguirre</em> ist unkommerziell, heute beinahe schon eine Herausforderung für einen an Reizüberflutung gewöhnten Zuschauer. Viele Aufnahmen, in denen eigentlich gar nichts passiert, leere Gesichter, die vor sich hinblicken, regungsloser Himmel, regungslose Dschungelwand und größtenteils Stille. Vielmehr ist es eigentlich nicht, was man auf den ersten Blick zu sehen bekommt. Dazu weltferne Klänge von Popol Vuh. Und doch sind es grandiose Bilder der Verlorenheit, Fremdheit, einer leeren Wirklichkeit. Und Bilder des Stillstands. So wie in Conrads Text die imperialistische Politik der sich zivilisatorisch überlegen fühlenden Europäer als Rückschritt in die Barbarei ausgewiesen wird, so konterkariert auch Herzogs Regie den Glauben an Fortschritt und Errungenschaften. Die Schauspieler wirken leblos und wie Marionetten, aufgestellt auf einer Bühne, die gern Aguirre arrangiert hätte, denn er selbst sieht sich als allmächtigen Regisseur: »We will stage history as others stage plays.« </p>
<p>Aber es ist wohl doch ein anderer, der das Schauspiel aufführt. Vielleicht aber ist alles auch bloß eine Einbildung Aguirres, zurechtgelegte Wirklichkeit und (Alb-)Traum. Auch für diese Deutung gibt es im Film Signale. Die Zeichen changieren und flimmern. <em>Aguirre</em> knüpft an an erkenntniskritische Erzählverfahren aus der Moderne. Beim Versuch, zu einer einzigen Deutung zu gelangen, kreist man auf der Stelle wie das Floß in der letzten Szene. </p>
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		</item>
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		<title>Selberlebensbeschreibung?</title>
		<link>http://www.litlog.de/selberlebensbeschreibung/</link>
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		<pubDate>Mon, 05 Dec 2011 16:22:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kevin Kempke</dc:creator>
				<category><![CDATA[Belletristik]]></category>
		<category><![CDATA[Dein Name]]></category>
		<category><![CDATA[Göttinger Poetikdozentur]]></category>
		<category><![CDATA[Navid Kermani]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Reisebericht]]></category>
		<category><![CDATA[Roman]]></category>

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		<description><![CDATA[Kevin Kempke bespricht Navid Kermanis Langwerk <em>Dein Name</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>An <em>Dein Name</em>, dem neuen Roman von Navid Kermani, seines Zeichens habilitierter Orientalist und Schriftsteller, überrascht zunächst der Umfang, ist Kermani bisher doch als Autor von knapper Prosa und Kurzformen in Erscheinung getreten. Sein neues Werk hingegen ist ganze 1232 engbedruckte Seiten lang und damit dicker als alles, was Kermani als Romancier zusammengenommen bisher veröffentlicht hat. Verbindendes Element zwischen seinem früheren Schaffen und dem neuesten Wurf stellt allerdings der Wille zur Form und die Auseinandersetzung mit dem Tod dar. </strong></p>
<p><em>Von Kevin Kempke</em></p>
<p>Jean Paul gemäß (zusammen mit Hölderlin einer der Säulenheiligen des Romans), steht in <em>Dein Name</em> das Erhabene neben dem Banalen, das Alltägliche neben dem Einmaligen. Der Roman spielt im Zeitraum von 2006 bis 2011 und gibt in Form eines Journals Auskunft über das Leben eines Romanschreibers. So wie Jean Paul in seinen Romanen regelmäßig Figuren nach sich selbst benennt, so lässt auch der Autor von <em>Dein Name</em> eine Figur namens Navid Kermani auftreten – die wohlgemerkt nicht mit dem empirischen Autor verwechselt werden darf, auch wenn Parallelen zum Leben des Autors mehr als offensichtlich sind. Voyeurismus wäre jedenfalls fehl am Platz. Auch wenn einiges über den Literaturbetrieb zu erfahren ist, hat der Roman mit Klatsch und Tratsch im Stile der Tagebücher von Fritz J. Raddatz nichts zu tun &#8211; nach Jean Paul: »Der Roman ist eine veredelte Biographie.« In diesem Sinne spielt <em>Dein Name</em> auf raffinierte Weise mit Fiktionalität und Faktualität und vereinigt dabei verschiedene literarische Formen: <em>Dein Name</em> ist Tagebuch, Essay, Reisebericht, (kunst-)historische Abhandlung und noch einiges mehr. Vor allem aber ist er ein Versuch, die auf Jean Paul aufbauende Poetik des Romans zu verwirklichen. </p>
<address> Ordnung und Zufall</address>
<p>Eine der besonderen Leistungen von <em>Dein Name</em> besteht in der Folge darin, dem Disparaten eine Form zu geben. Denn obwohl der Roman nach Totalität strebt, ist er bedachtsam konstruiert. Ursprünglich sollte alles, so versichert uns der Erzähler, was der Romanschreiber Navid Kermani für sein Buch zu Papier bringt, veröffentlicht werden, Tippfehler inklusive: Der ganze »Abfall«, wie es an einer Stelle heißt. Das würde sich dann wohl ähnlich zäh lesen wie die überambitionierten Versuche des Protagonisten aus Kermanis früher Erzählung <em>Von der Dichtung</em> (erschienen in dem Erzählband <em>Vierzig Leben</em>), wo ein Jung-Schriftsteller »die Unendlichkeit eines jeden potenziellen Gegenstandes« dadurch zu demonstrieren versucht, dass er sich bemüht »jede Einzelheit, die er als Reisender in einem Flugzeug gleichzeitig wahrnahm, dachte oder fühlte,« aufzuschreiben. Eine Anmaßung sondergleichen, der in der Erzählung folglich auch kein Erfolg beschieden ist. </p>
<p>Kermani hingegen beschreitet mit Jean Paul einen anderen Weg: »Es geht darum eine Form zu finden, die die Lebensfülle zwar nicht birgt, das wäre unmöglich, aber den Text zum Unendlichen hin öffnet.« Das als »Erstfassung« trotzdem noch hier und da durch den Roman geisternde Konvolut wird eben nur als Abwesendes heranzitiert und lässt die Kalkuliertheit der 1232 veröffentlichten Seiten umso eindeutiger durchscheinen. Zum Glück, denn an <em>Dein Name</em> beeindruckt nicht zuletzt die Struktur und die Konstruktion, die den Roman durch Ordnung in Thematik (Heiligkeit, Mystik, Religion) und Motivik (z.B. Der Tisch im Büro) zusammenhält und im Verlauf immer deutlicher zutage tritt. Trotz aller Selbstdokumentation und Selbstreflektion handelt es sich um einen sehr lesbaren Roman. Form statt Chaos, Auswahl statt Zufall. </p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Buch-Info"><h2><a href="#Buch-Info" name="advtab">Buch-Info</a></h2></p>
<div align="center"><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/dein_name_cover.jpg" alt=" " /><br />
Navid Kermani<br />
<a href="http://www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html?isbn=978-3-446-23743-8" target="_blank"><strong>Dein Name</strong></a><br />
Hanser: München 2011<br />
1232 Seiten, 34,90 €</div>
<p></div></div><br class="jwts_clr" />Dass der Zufall dennoch ein wichtiges Element des Romans wird, liegt daran, dass Kermani das selbstreferentielle Spiel des Textes zwischen Fiktion und Wahrheit immer dann unterbricht, wenn im Zeitraum der Abfassung eine Person stirbt, die in seinem, dem echten Leben Kermanis, eine bedeutende Rolle gespielt hat. Während die im Roman vorkommenden Figuren in der Regel funktionale Namen haben, wie »der Musiker«, »die Tochter« oder »der bedeutende Schriftsteller«, werden die Toten mit Namen, Daten und Foto geehrt. Die Nachrufe, die daraus entstanden sind, gehören zu den beeindruckendsten Passagen des Romans. Zugrunde liegt diesem Konzept die abermals auf Jean Paul verweisende Auseinandersetzung mit dem Tod, und zwar nicht als allgemeine Einsicht von der Vergänglichkeit alles Irdischen, sondern im Hinblick auf den individuellen Tod, der erbarmungslos ins Leben hereinbricht und den Menschen entsubjektiviert. </p>
<address>Lohnende Herausforderung</address>
<p>Hingewiesen sei ferner auf Kermanis umfangreiche Reiseberichte, die in den Roman eingewoben sind und Einblicke aus Afghanistan, Kaschmir, Lampedusa und dem Iran bieten. Sie zeigen Kermani als politisch aufmerksamen Autoren. Nicht umsonst war er in den letzten Jahren ein gefragter Feuilleton-Redakteur, der regelmäßig zu politischen und religiösen Themen Stellung bezog (ein Umstand, den er wiederum im Roman reflektiert). Nach ungefähr einem Drittel des Romans nimmt auch die »Selberlebensbeschreibung« vom Großvater des Romanschreibers eine wichtige Rolle ein, die vielfach vom Erzähler kommentiert auch die Migrationsgeschichte der Eltern enthält und zudem einen Abriss der iranischen Geschichte im 20. Jahrhundert beinhaltet. Fern von sogenannter »Multi-Kulti-Literatur« liefert der Roman nebenbei auch einen interessanten Beitrag zur Integrationsdebatte und vereint islamisches Glaubensbekenntnis mit Ideologiekritik und Aufruf zu religiöser Toleranz.</p>
<p><em>Dein Name</em> stellt zweifellos eine Herausforderung dar und es braucht ein bisschen Ausdauer, um über einige hin und wieder etwas trockene Passagen hinwegzukommen. In seinen tollen Momenten (und davon gibt es nicht zu wenige) hingegen handelt es sich bei Kermanis neuem Roman um inspirierte Prosa, die romantheoretische Akrobatik mit treffenden Einsichten ins Leben und Sterben sowie der Frage nach Subjektivität verbindet und dabei vor allem das Erzählen nicht vernachlässigt. Indem in <em>Dein Name</em> alles unter dem Bann von Tod und Vergänglichkeit zu stehen scheint, öffnet der Roman die Perspektive zum Leben, in dem der Tod wütet und Lücken hinterlässt – ein Versuch das Unfassbare fassbar zu machen. Um mit Hölderlin zu schließen: »Wir sind nichts; was wir suchen, ist alles.«</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Unterm Wunderschirm</title>
		<link>http://www.litlog.de/unterm-wunderschirm/</link>
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		<pubDate>Thu, 01 Dec 2011 17:55:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Julia Hoffmann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Misc.]]></category>
		<category><![CDATA[Ausstellung]]></category>
		<category><![CDATA[Der rote Wunderschirm]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Sammlung Seifert]]></category>
		<category><![CDATA[Universität Göttingen]]></category>

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		<description><![CDATA[Schatzkammer und Giftschrank zugleich: die Kinderbuch-Ausstellung <em>Der rote Wunderschirm</em>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Literatur kann auch anders sein. Wer keine Lust auf Goethe hat, findet in der Sammlung Seifert alte Bekannte wie Pippi, Emil, Zora und Co., aber auch unbeachtete Nusshexen, Rundfunkmännlein und rebellierende Frösche. Doch bei aller Kindheitsidylle macht sie auch deutlich, dass es im Wunderland der Kinder- und Jugendliteratur nicht nur grinsende Katzen, sondern auch despotische Königinnen gibt. </strong></p>
<p><em>Von Julia Hoffmann</em></p>
<address>Nostalgie und Entdeckerfieber</address>
<p>Bei der Betrachtung der Kinder- und Jugendbücher der Sammlung Seifert werden bei Erwachsenen schnell Erinnerungen an eine glückliche Lesekindheit wach. Mit schmunzelnder Distanz erinnern wir uns, wie wir uns unter der Bettdecke, eine Taschenlampe in der Hand, nach Neverland und Narnia gelesen haben. Wie wir uns vor Long John Silver gefürchtet, mit Charlie Bucket gefiebert und den Gurkenkönig zum Teufel gewünscht haben. Längst vergessene Kindheitszeugen tauchen plötzlich vor uns auf und lösen eine Erinnerungsflut aus.</p>
<p>Neben der eigenen Kindheitssehnsucht entdeckt man aber auch neue und unerwartete Bücher und Hefte – wie das avantgardistische Bilderbuch von Hilde Krüger mit dem Titel <a href="http://www.uni-erfurt.de/die-sammlung-teufel/thematische-schwerpunkte/kunst-und-musik/kunst/"><em>Widiwondelwald</em></a>, dessen Illustrationen ausschließlich aus Dreiecken zusammengesetzt sind, oder Schaefer-Asts freiheitlich-subversives <em>Bilderbuch für Kinder und solche, die es werden wollen</em> oder <em>Der rote Wunderschirm</em>, von dem nur drei Exemplare bekannt sind. Man stellt fest, dass es nicht nur die eine Kinderbuchversion von Jonathan Swifts <em>Gulliver´s Travels</em> gibt, sondern gleich hunderte. Wohlig staunend klappt man ein Buch auf, das sich dreidimensional entfaltet. Andere Bücher rufen eher Wut und Entrüstung bis hin zu Ekel hervor, da sie mit nationalsozialistischem Gedankengut getränkt sind.</p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Das Begleitbuch"><h2><a href="#Das Begleitbuch" name="advtab">Das Begleitbuch</a></h2></p>
<div align="center"><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/CoverWunderschirm.jpg" alt=" " /><br />
Wolfgang Wangerin (Hrsg.)<br />
<a href="http://www.wallstein-verlag.de/9783835309708.html"><strong>Der rote Wunderschirm</strong></a><br />
Wallstein Verlag: Göttingen 2011<br />
440 Seiten, 29,90 €</div>
<p></div></div><br class="jwts_clr" /> Die Betrachtung der Bücher löst außerdem viele Fragen aus: Seit wann gibt es Vampire in den Kinder- und Jugendmedien? Wie hat man den Kindern erklärt, wie ein Telefon funktioniert, bevor es <em>Die Sendung mit der Maus</em> gab? Seit wann gibt es eigentlich Sex im Kinderbuch? Warum wird dieses Buch nicht mehr verlegt? Gab es zur Zeit des Nationalsozialismus Weihnachtsbücher? Das sind nur einige der Fragen, die Besucher der Sammlung Seifert mir bereits gestellt haben und sie sind nicht einfach zu beantworten. So eine Sammlung ist also eine Inspirationsquelle. Bei jedem Blick in ein Regal oder eine Vitrine entdeckt man ein seltenes Wunderwerk der Buchkunst, eine neue Absonderlichkeit oder einen weiteren Aufreger in Buchform. Und da die Sammlung Seifert in keinem Archiv verschwunden, sondern in ein Lesewerkstatt-Konzept eingegliedert ist, kann das nicht nur der einzelne Wissenschaftler erleben, sondern jeder, der Lust dazu hat.</p>
<address>Kinder- und Jugendliteratur an der Universität – ein Glücksfall</address>
<p>Dabei sind Kinder- und Jugendbücher in einer Universität keinesfalls eine Selbstverständlichkeit. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein wurde Kinder- und Jugendliteratur von der Wissenschaft verschmäht und auch heute gilt man mancherorts als Exot, wenn man sich mit solchen Büchern beschäftigt. Dabei hat sich mittlerweile die Erkenntnis durchgesetzt, dass die früh gelesene Literatur für die Entwicklung von Lesekompetenz und Lesefreude, von Werten und Moralvorstellungen wichtig ist. Spätestens seit ein gewisser Jungzauberer durch die Medien geistert, ist Kinder- und Jugendliteratur zudem auch für eine breite Masse an Erwachsenen interessant. Die Grenzen zwischen Kinder-, Jugend- und Erwachsenenliteratur verschwimmen immer mehr. Außerdem lassen sich gesellschaftliche, kulturelle, pädagogische, historische und politische Entwicklungen anhand historischer Kinder- und Jugendbücher nachverfolgen. Hieran sieht man schon: Kinder- und Jugendliteratur ist ein weites Feld, das nicht nur von Literaturwissenschaftlern beackert werden kann. Da dieses Feld jedoch lange ignoriert wurde, verfügen die meisten Universitätsbibliotheken über so gut wie keinen Bestand an Kinder- und Jugendbüchern. Deshalb sind private Sammlungen so wertvoll. </p>
<p>Einzelne Menschen waren es, die Kinder- und Jugendliteratur für uns erhalten haben. Denn die meisten dieser alten Bücher, von Kinderhand beschädigt, angemalt und zerlesen, wurden verfeuert oder landeten im Müll. So sind die Bände, die von Sammlern über Jahrzehnte hinweg mühsam zusammengetragen wurden, für Universitäten meist die einzige Möglichkeit, um an größere und große Bestände von Kinder- und Jugendbüchern zu gelangen.</p>
<p><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/treasure-island-2.jpg" alt=" " /><br />
<em>
<p style="text-align:left; font-size:0.95em; line-height:1.25em;">Zeichnung aus dem Buch <em>Treasure Island</em> von Robert Louis Stevenson.</p>
<p></em></p>
<address>Jürgen Seifert, Sammler</address>
<p>Einer der wichtigsten Sammler von Kinder- und Jugendliteratur war Jürgen Seifert. Der Politikwissenschaftler und Bürgerrechtler erkannte ihren wissenschaftlichen Wert schon zu einem Zeitpunkt, an dem diese Medien vom wissenschaftlichen Betrieb meist noch naserümpfend abgetan wurden. Über fünfundzwanzig Jahre lang hat Seifert unermüdlich gesammelt – auf Flohmärkten, in Antiquariaten und schließlich auch im Internet. Fast 12.000 Bände umfasst die Sammlung heute. Dabei war Seifert kein ausgesprochen bibliophiler Sammler, keiner, der ausschließlich den schönen und teuren Schätzen nachjagte, obgleich er auch prunkvolle und handkolorierte Bilderbücher – wie Kreidolfs <em>Der Buntscheck</em> oder Freyholds <em>Hasenbuch</em> – nicht verschmähte. Wie sein Vorbild Walter Benjamin wollte auch Seifert die Geschichte der Kindheit und Erziehung in Papierform einfangen. So sammelte er die Texte, die in der Forschung als exemplarisch gelten oder einen Paradigmenwechsel zeigen. Er kaufte Zeitgeschichte in Wort und Bild und fing bei den Anfängen der Kinderliteratur an. Das älteste Buch ist Fénelons <em>Telemach</em> und stammt aus dem Jahre 1715. Die jüngsten Bände wurden in den frühen 1990er Jahren gedruckt. Seine Sammlung zeigt, welche Kindheitsbilder und welche Kinderliteratur in einer bestimmten Zeit vorherrschend gewesen waren. Außerdem beschränkte Seifert sich nicht nur auf Bücher, sondern trug auch zahlreiche Zeitschriften, Groschenhefte und Kinderbeilagen zusammen.</p>
<p>Die Bücher und Hefte vermitteln einen Eindruck von Literatur, der durch die Lektüre von Sekundärliteratur nicht zu ersetzen ist. Ein Reprint ruft nicht die Begeisterung hervor, die ein dreihundert Jahre altes Buch in einem interessierten Betrachter auslöst. Handkolorierte Illustrationen haben eine Farbkraft, die auch mit modernen Techniken nicht reproduzierbar ist. Abgesehen davon werden die meisten Texte der historischen Kinder- und Jugendliteratur heute nicht mehr verlegt. Meistens gibt es eben nur jene Ausgabe aus dem 19. Jahrhundert. Wer also zu historischer Kinder- und Jugendliteratur forschen möchte, der braucht eine Bibliothek vor Ort, in der er solche Texte findet. Der Forscher in Göttingen hat somit ein besonderes Glück, dass er mit der Sammlung Seifert, der kleineren, aber ebenfalls gewichtigen Sammlung Vordemann und dem Bestand von Kinder- und Jugendbüchern aus dem 18. Jahrhundert, der sich im historischen Gebäude der SUB im Papendieck befindet, problemlos an viele Bücher gelangt.</p>
<address>Kinder- und Jugendliteratur als Instrument</address>
<p>Einzigartig an der Sammlung Seifert ist vor allem, dass Seifert sich besonders dafür interessierte, wie Literatur zur Vermittlung von Ideologien und als Erziehungs- und Sozialisationsinstrument eingesetzt wird. Seifert wollte wissen, wie seine frühe Lektüre den Menschen prägt, wie er sich eine politische Meinung bildet und welche Rolle dabei die Literatur spielt. Er wollte wissen, welche Denkmuster in Kinder- und Jugendbüchern vorkommen und ob und warum wir diese annehmen oder nicht. Solche Fragen sind für alle diese Bücher interessant. Egal, ob es sich um Abenteuerromane, Bilderbücher oder Mädchenliteratur handelt. Ganz nebenbei wird z.B. in Otfried Preußlers <em>Die kleine Hexe</em> veranschaulicht, dass Hilfsbereitschaft, Freundschaft und Zivilcourage erstrebenswert sind. Andere Texte und Bilder entwerfen hingegen Weltbilder, die wir Kindern nicht vermitteln wollen. Einige preisen auch so offensiv und dezidiert eine bestimmte Sache an, dass man von gezielter Werbung oder sogar Propaganda sprechen kann. Mal geht es darum, die Jugend für den Krieg zu begeistern. Mal soll sie vom Eintritt in die Gewerkschaft überzeugt werden. Für Wandervogelbewegung, Turnvereine, Naturschutz und Parteien wird geworben.</p>
<p><img src="http://www.litlog.de/wp-content/uploads/Widiwondel.jpg" alt=" " /><br />
<em>
<p style="text-align:left; font-size:0.95em; line-height:1.25em;">Grafik aus dem Buch Widiwondel von Hilde Krüger.</p>
<p></em><br />
Genau diese offensichtlich politische Literatur, die oft auch von Parteien und Verbänden herausgegeben wurde und immer noch wird (!) fehlt auch in den meisten Bibliotheken für Kinder- und Jugendliteratur. Doch Seifert sparte in seiner Sammeltätigkeit kein noch so dunkles Kapitel der Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur aus. Im Gegenteil. Ein besonderer Schwerpunkt der Sammlung liegt auf der Literatur zur Zeit des Nationalsozialismus. Eine Zeit, die ihm als Politikwissenschaftler, aber auch als einem der 1928 Geborenen, besonders am Herzen lag. Sätze wie »Bin ich erst groß und nicht mehr klein, will ich Soldat des Führers sein« (Koch-Gotha: <em>Mit Säbel und Gewehr</em>) verdeutlichen besonders eindrücklich, was mit so einer Literatur bezweckt werden sollte und entfalten dabei ihre ganze Grausamkeit. Gerne möchte man an dieser Stelle sagen, dass es sich hier nur um einen historischen Wimpernschlag der Kinder- und Jugendliteratur handelt, doch leider ist dem nicht so. Denn auch wenn Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und die Diffamierung von Gegnern hier wohl ihren Höhepunkt in der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur gefunden haben, gibt es auch heute noch Kinder- und Jugendmedien, die alles andere als politisch korrekt sind. </p>
<p><em>»Im Wunderland …?«</em> nannte Jürgen Seifert eine kleinere Präsentation seiner Bücher im Rahmen des vierzehnten <a href="http://hannoverscherbibliophilenabend.blogspot.com/">Hannoverschen Bibliophilen-Abends</a>. Sein Wunderland zeigt alle Facetten der Kinder- und Jugendliteratur: die schönen wie die schrecklichen. Die Sammlung Seifert ist Inspirationsquelle, Lehrer, Schatzkammer, Giftschrank und Mahnung zugleich. Wer dies selbst in einem ersten Eindruck erleben möchte, dem kann man nur die Ausstellung <em>Der rote Wunderschirm. Kinderbücher der Sammlung Seifert von der Frühaufklärung bis zum Nationalsozialismus</em> ans Herz legen. Bis zum 12. Februar 2012 kann man hier in die vielfältige und kontrastreiche Bücherwelt von Jürgen Seifert eintauchen.</p>
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		<title>»Der Zeitgenosse«</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Nov 2011 16:17:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kevin Kempke</dc:creator>
				<category><![CDATA[Misc.]]></category>
		<category><![CDATA[Heinrich von Kleist]]></category>
		<category><![CDATA[Kleist-Jahr]]></category>
		<category><![CDATA[Postmoderne]]></category>

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		<description><![CDATA[Modernität, Dichterkult und Einfühlung. Kevin Kempke über das Kleist-Jahr 2011.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Das Kleist-Jahr 2011 ist zu Ende gegangen: Zeit für ein kritisches Fazit. Modernität, Dichterkult und Einfühlung sind die Schlüsselbegriffe, die sich quer durch das Programm des Jubiläumsjahres zogen und uns Kleist als Zeitgenossen darstellen wollten. Ein tragfähiges Konzept? </strong></p>
<p><em>Von Kevin Kempke</em></p>
<p>In der Videobotschaft von Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck zum Kleist-Jahr 2011 ist Erstaunliches zu hören: »Ich bin mir sicher«, verkündet Platzeck optimistisch, »wenn das Kleistjahr ausklingt, werden wir alle um vieles klüger sein.« Aber das ist noch nicht alles: »Wir werden den Genius Kleists besser verstanden haben«. Ganz im Sinne einer literarischen Hermeneutik also soll sich der Leser dem genial inspirierten Kleist gegenüber öffnen, um zu einem besseren Verständnis des Dichters zu gelangen. Der Bezug auf den Genius – dieses geheimnisumwitterte Schlagwort des schöpferischen Subjekts, das unwillkürlich Bilder von nächtlicher Inspiration, trunkenem Schaffensrausch und erhabenen Dichterkränzen evoziert – sorgt für die entsprechende normative Grundierung. Ungeachtet dieser Überhöhung des Autors, soll sich der Leser jedoch durchaus annähern dürfen. Um Kleists Texte geht es dabei aber bezeichnenderweise nicht. Die Fokussierung auf die Person Kleist ist Programm.</p>
<address>»Ein echter Vorfechter für die Nachwelt« (Adam Müller)</address>
<p>Durch welche Leistungen aber zeichnet sich Kleist aus? Was verleiht ihm den Rang eines der bedeutendsten deutschen Dichter des 19. Jahrhunderts? Warum soll man ihn überhaupt ehren? Fragen, die man sich stellen muss, angesichts eines beachtlichen Programms zum Kleist-Jahr, das von experimentellen Theaterprojekten über wissenschaftliche Tagungen und Zusammenkünfte bis hin zu öffentlichkeitswirksamen Projekten wie dem Neubau des <a href="http://www.kleist-museum.de/">Kleist-Museums in Frankfurt (Oder)</a> und der Umgestaltung des <a href="http://www.heinrich-von-kleist.org/kleist-jahr-2011/neugestaltung-des-kleist-grabes/">Kleist-Grabes</a>  reicht. Eingebürgert hat sich in der öffentlichen Diskussion zur Bedeutung Kleists ein historisches Argument: Allenthalben wird auf die Vorreiterschaft Kleists und seine Rolle als »Wegbereiter für die Moderne« (so eine oft anzutreffende Formulierung) hingewiesen. Besonders bei Festrednern aus der Politik scheint diese Formel beliebt zu sein: So lassen sich z.B. sowohl Matthias Platzeck als auch Kulturstaatsminister Bernd Neumann entsprechend zitieren. </p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Zum Projekt"><h2><a href="#Zum Projekt" name="advtab">Zum Projekt</a></h2></p>
<div align="center">Anlässlich seines zweihundertsten Todestages hat die mediale Berichterstattung über Kleist Konjunktur. Wie ist das Bild beschaffen, das in den Medien von Kleist erzeugt wird? Mit welchen Mitteln wird daran gearbeitet den Autor in ein bestimmtes Licht zu rücken? Und welche Rolle spielt Visualisierung dabei? Mit diesen Fragen beschäftigte sich Kevin Kempke in einer drei Artikel umfassenden Reihe zum Kleist-Jahr 2011.</div>
<p></div></div><br class="jwts_clr" />Diese Äußerung im ewigen Rauschen des Politik-Sprechs untergehen zu lassen, wäre allerdings vorschnell, erlaubt sie doch Einblick in die Konstruktion eines zeitgenössischen Kleist-Bildes. Der Grund für die Beliebtheit der Würdigung Kleists als »Vorläufer der Moderne« liegt auf der Hand: Sie ist literaturwissenschaftlich valide, trotzdem in ihrer Allgemeinheit leicht verständlich und liefert durch ihren Bezug auf die fortschrittliche Stellung Kleists in der Literaturgeschichte einen handfesten Grund, den Dichter zu ehren – schließlich ist Fortschrittlichkeit weithin positiv konnotiert. Untergründig spricht aus diesen Worten natürlich auch die Autorität der Nachwelt in Fragen der kulturellen Deutungsmacht, die mit dem souveränen Blick des Spätgeborenen die Kanonisierung Kleists weiter vorantreiben kann.</p>
<p>Und mehr noch: Wenn man Kleist als modern bezeichnet, dann sorgt das wiederum auch dafür, dass ein Bezug zu unserer heutigen Zeit entsteht. Dass bei dieser Einordnung die Moderne als Epochenbegriff mit der Bezeichnung für das schlechthin Jetzt-Vorhandene verwechselt wird, scheint dabei nicht so wichtig. Hauptsache, die Kommensurabilität von Kleists und unserer Gedankenwelt ist sichergestellt. Die Idee des »Zeitgenossen Kleist« zieht sich folgerichtig nahezu durch das gesamte Veranstaltungsprogramm des Kleist-Jahres. Der Besucher soll emotional eingebunden werden, um auf diesem Wege einen Zugang zu Kleist zu gewinnen. So z.B. in einer Doppelausstellung, die in <a href="http://www.heinrich-von-kleist.org/kleist-jahr-2011/die-ausstellung/">Berlin und Frankfurt (Oder)</a> zu sehen ist und sich von einer Ausstellung klassischen Zuschnitts durch die assoziativen Zwischenräume unterscheidet. Statt positivistischer Materialschau wird hier manches im Ungefähren belassen und zur Interpretation freigegeben, was freilich auch daran liegen mag, dass es wenig originale Kleist-Exponate zu zeigen gibt. Das Konzept der Doppel-Ausstellung ist stark durch Günter Blamberger geprägt, der die wissenschaftliche und kuratorische Leitung innehat. So überrascht es nicht, dass sich in der thematischen Ausrichtung deutliche Parallelen zu dem Kleist-Bild ergeben, das Blamberger in seiner neuen Biographie (siehe dazu die Litlog-Rezension <a href="http://www.litlog.de/der-projektemacher/"><strong><em>»Der Projektemacher«</em></strong></a>) zeichnet. Kleist wird als sprunghafter und unruhiger Geist gezeichnet, der zwischen allen Stühlen steht und gerade deshalb so »modern« ist. Die Ausstellung erscheint dabei als Abbild des auf keiner Ebene so richtig zu fassenden Dichters.</p>
<p>Ein weiterer Versuch, Kleist auf emotionaler Basis zu fangen, stellt ein sogennater <a href="http://www.gorki.de/de_DE/festival/repertoire/705975">»Hörspiel-Parcours«</a> dar, der am kleinen Wannsee, dem Schauplatz von Kleists Selbstmord, errichtet wurde. Mit Kopfhörern ausgestattet können Besucher hier beim Abgehen von Wannsee und Umgebung Kleists letzte Tagebucheinträge und Vernehmungsprotokolle von Zeugen des Selbstmordes anhören. Und für das junge Publikum gibt es die <a href="http://www.heinrich-von-kleist.org/kleist-museum/museumspaedagogik/kleist-wg/">»Kleist-WG«</a>, ein von Schülern und Studenten gestaltetes und unter der Schirmherrschaft von Klaas Heufer-Umlauf stehendes Museumsprojekt in Frankfurt (Oder), wo durch Installationen und Graffiti eine unbefangene und künstlerische Auseinandersetzung mit Kleist stattfindet.</p>
<address>(De-)konstruktion eines Kleist-Bildes</address>
<p>Sieht so zeitgemäße Literaturvermittlung aus? Vom Publikum werden die Veranstaltungen zum Kleist-Jahr jedenfalls gut angenommen, bis Jahresende sind alleine in den Ausstellungen 20.000 Besucher zu erwarten. Die Stilisierung Kleists zum Zeitgenossen und die Anbindung an derzeitige Erfahrungswelten erscheint freilich manchmal etwas gezwungen. Die Nähe Kleists zum Lebensgefühl unserer Zeit ist nicht von der Hand zu weisen, genausowenig allerdings auch die Distanz: Für Kleists Leben und Schreiben so wichtige Faktoren wie die Zwänge der adligen Herkunft, die traumatischen Erlebnisse als Kindersoldat sowie die Geschlechtsproblematik vor dem Hintergrund einer – im Vergleich zu heute – stark repressiven Sexualmoral gehören wohl kaum zum Erfahrungsschatz der meisten Rezipienten. Hier stößt eine einfühlende Annäherung zweifelsfrei an ihre Grenzen.</p>
<p>Die Art Kleist in diesem Jubiläumsjahr 2011 zu präsentieren, ist dessen ungeachtet in sich geschlossen. Die Tendenz, Kleists Leben an aktuelle Horizonte rückzubinden, führt dazu, Inkonsistenzen zu betonen – typisch (post)-modern. In reflektierter Betrachtung erfährt man dabei, anders als von Matthias Platzeck ausgerufen, allerdings mehr über seine eigene Rezeptionshaltung und den »Zeitgeist« als über Kleist selbst. Diesen Sprung werden die meisten wohl nicht mitmachen. Dabei ist es doch in Wirklichkeit nur ein kleiner Schritt von der Verehrung des Genius zu seiner Austreibung.</p>
<p><em>Auch lesenswert: Kevin Kempkes Eindrücke über die <a href="http://www.litlog.de/der-gefuehlsterrorist/">filmische Kleist-Darstellung</a>.</em></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Das Gegenteil von Sehnsucht</title>
		<link>http://www.litlog.de/das-gegenteil-von-sehnsucht/</link>
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		<pubDate>Thu, 24 Nov 2011 15:15:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ole Petras</dc:creator>
				<category><![CDATA[Misc.]]></category>
		<category><![CDATA[Bernd Begemann]]></category>
		<category><![CDATA[Hamburg]]></category>
		<category><![CDATA[LyricsSchlachthof]]></category>
		<category><![CDATA[Pop]]></category>
		<category><![CDATA[Popkultur]]></category>
		<category><![CDATA[Popmusik]]></category>

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		<description><![CDATA[LyricsSchlachthof 2. Ole Petras liest Bernd Begemanns Song »Zweimal 2. Wahl«]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Der Solokünstler Bernd Begemann stellt im Zusammenhang der von Musikgruppen dominierten Hamburger Schule eine Randerscheinung dar. Seinem Publikum präsentiert er sich weniger als integres Mitglied einer Subkultur, denn als Entertainer und Komponist gleichermaßen, dessen Arbeit nicht selten und wohl nicht unbeabsichtigt an den im Nachkriegs-Deutschland populären Schlager erinnert.</strong></p>
<p><em>Von Ole Petras</em></p>
<p>Der Reiz von Bernd Begemanns – vom unbedingten Willen zur Unterhaltung geprägter – Bühnenpräsenz speist sich aus dem offensichtlichen Abstand des Dargebotenen zu heutigen Aufführungsstandards. Den permanenten Beigeschmack des Versagens oder Nichterfüllens nutzt Begemann, um eine Art Anti-Pose zu entwerfen, die als scheinbarer Beleg der Authentizität seiner Äußerungen fungiert. Freilich ist gerade in Bezug auf die Popmusik die Annahme abwegig, dass jemand bereit ist, sich selbst als Versager in Szene zu setzen. Die aus dieser Annahme resultierende Haltung des Trotzes und Widerstandes gegen eine ausnahmslos böswillige Umwelt entfaltet ein nicht geringes identifikatorisches Potential. Begemanns Scheitern befreit uns von der Notwendigkeit, selbst zu scheitern, oder macht zumindest unser alltägliches Scheitern an den Erwartungshaltungen und Anforderungen der Leistungsgesellschaft erträglicher. </p>
<address>Und das ist auch gar nicht so schlimm</address>
<p>Das zum Beleg dieser These ausgewählte Stück, »Zweimal 2. Wahl« <sup class='footnote'><a href='#fn-7652-1' id='fnref-7652-1'>1</a></sup> vom Album <em>Jetzt bist du in Talkshows</em> (1996), thematisiert die Bedingungen von Zugehörigkeit und Selbstpositionierung im privaten Raum der Beziehung. Das Figureninventar und die Thematik des Liedes enstprechen vorerst denen eines gängigen Liebesliedes, doch machen bereits die ersten beiden Verse deutlich, dass hier etwas nicht stimmt: »Wir sind zweimal zweite Wahl / wir sind ein unattraktives Paar«, singt Begemann zu einer an den Bar-Jazz der 1970er Jahre erinnernden Musik.<br />

		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Reihe"><h2><a href="#Reihe" name="advtab">Reihe</a></h2>Dass Poptexte eine eigene literarische Gattung bilden, dürfte sich herumgesprochen haben. Dass es gute und weniger gute Texte gibt, auch. Unter der Rubrik <strong>LyricsSchlachthof</strong> erscheinen in loser Folge kritische Analysen aktueller und nicht mehr ganz aktueller Lyrics, auf die einen zweiten Blick zu werfen lohnenswert erscheint. Die namentliche Anleihe bei Peter Rühmkorfs spitzer Feder gibt die Richtung vor: Von hemmungslos polemisch bis rücksichtslos akademisch ist alles drin. </div><div class="jwts_tabbertab" title="Sänger"><h2><a href="#Sänger">Sänger</a></h2>Über die Performer-Qualitäten des Hamburger-Schule-Urgesteins <strong>Bernd Begemann</strong> sind sich alle einig. Begemann ist aber auch ein ebenso intelligenter wie formal anspruchvoller Texter. Hinter der Fassade kalauernden Szene-Sprechs (»Du wirst dich schämen für deinen Ziegenbart«) lauern sehr häufig kafkaeske Miniaturen wie Joyce sie geschrieben hätte, wäre er nicht, wie Harry Rowohlt anmerkte, bescheuert gewesen.</div><div class="jwts_tabbertab" title="Ole Petras"><h2><a href="#Ole Petras">Ole Petras</a></h2><strong>Ole Petras</strong> unterrichtet neuere deutsche Literatur an der Universität Kiel. In seiner <a href="http://www.transcript-verlag.de/ts1658/ts1658.php" target="_blank">Dissertation</a> hat er sich um eine methodische Fundierung der Popmusikanalyse bemüht. Gelegentlich nutzt er dieses Wissen, um einer eher persönlichen Einschätzung den Anstrich des Intersubjektiven zu geben. </div></div><br class="jwts_clr" />Das positive Pendant der skizzierten Beziehung bezeichnet eine Frau, die das lyrische Ich nicht hat haben wollen, und einen Mann, der das textimmanente Du zurückwies: »Denn sie wollte mich nicht / und er wollte dich nicht.« In welchem Verhältnis die benannten Objekte der Begierde zueinander stehen, wird erst später aufgeklärt. Zunächst spricht das lyrische Ich das textimmanente Du direkt an. Es bittet dieses um die Entschuldigung seiner, vom eigentlichen Zielobjekt abweichenden Existenz: »Vergib mir daß ich nicht er bin.« Diesem Bekenntnis folgt, in schonungsloser Logik, eine Relativierung der Attraktivität des weiblichen Gegenübers: »Ich glaube ich hätte mehr Spaß mit ihr / doch ich durfte nie mit ihr schlafen / darum schlafe ich mit dir.« Die Aufrichtigkeit der Aussage schmerzt, wenn auch die nächsten Verse um Entspannung bemüht sind: »Und das ist auch gar nicht so schlimm / keine allzu große Qual.« Weil der Geschlechtsakt in aller Regel mit Lustempfinden verbunden ist, erscheint der Zusatz überflüssig. Gerade diese Redundanz aber zeigt einen Leidensdruck an, der in der Wiederaufnahme der Titelzeile bestätigt wird: »Doch laß uns realistisch bleiben / wir sind zweimal zweite Wahl.« Damit schließt die erste Strophe.</p>
<p>Das hier verwendete Adjektiv »realistisch« etabliert zwei grundsätzliche Ebenen der Selbstwahrnehmung: erstens die sich durch ein unerfülltes Liebesglück auszeichnende Realität und zweitens die Eventualität erotischer Erfüllung. In der nächsten Strophe wird die zweite Ebene mit dem Showbusiness beziehungsweise dem internationalen Film verglichen: »Kein Oscar für die beste Nebenrolle / wir sind nicht einmal nominiert.« Die Verse bekräftigen noch erneut die Zugehörigkeit des Paares zur unglamourösen Wirklichkeit, die, aufbauend auf diesem Vergleich, in den nachfolgenden Versen mit Passivität gleichgesetzt wird: »Ich bin nicht das, was du dir aussuchst / ich bin das, was dir passiert.« Dementsprechend wird der Unterhaltungsindustrie der Index ›Aktivität‹ verliehen. Dabei greift Begemann auf ein stereotypes Inventar zurück: »Keine rauschenden Feste für uns / keine Tabletts voller Kokain.« Gleichzeitig werden die Wunschvorstellung des zurückgelassenen lyrischen Ichs illustriert. Die unterschiedlichen Sphären generieren nolens volens Lebensentwürfe: »Denn das ist nicht so unsere Welt / das ist mehr so die Welt von ihr und ihm.« Hiermit entpuppt sich die Allianz des unattraktiven, passiven Paares als Antwort auf das Verhältnis der beiden Wunschpartner, die »in diesem Augenblick [feiern]« beziehungsweise »am anderen Ende der Stadt [singen und tanzen].« Das diesseitige Ende der Stadt wird somit als Heimat des Pärchens zweiter Klasse bezeichnet: »Währenddessen sitze ich hier mit dir unter dieser Stehlampe.« Dort, so die schlichte Folgerung des lyrischen Ichs, »lernt [man] zu schätzen, was man aneinander hat.« </p>
<p>Gegen Ende des Liedes werden die beiden ersten Zeilen aufgegriffen, der Anschluss aber variiert: »Wir sind zweimal zweite Wahl / wir sind ein unattraktives Paar / und du bist mir völlig egal / ich werde dir treu sein bis ins Grab.« Dieses Fazit benennt einerseits das Paradox der Konstellation, stellt andererseits aber den durch die überwiegend negative Darstellung fraglichen Status quo der Beziehung wieder her: »treu sein bis ins Grab.« Mit Blick auf dieses Ergebnis entwickelt die Koda eine deutliche Ironie: »Laß uns gemeinsame Hobbys entwickeln«, haucht Begemann über das Outro, »man kann so wundervoll fernsehen mit dir.« Nimmt man die beiden letzten Verse wörtlich und überliest das Klischee sowie die umständliche Formulierung, ließe sich auch eine Zukunftsperspektive erkennen. Das Paar wird aktiv, indem es »gemeinsame Hobbys entwickelt«, zum Beispiel Fernsehen. Wer auch immer das möchte. </p>
<address>Das andere Ende der Stadt</address>
<p>Der Text argumentiert, wie gezeigt wurde, auf verschiedenen Ebenen. Seine Aussage ergibt sich durch die Kombination verschiedener Merkmalsbereiche. Der Unattraktivität des einen Paares steht die Attraktivität des anderen gegenüber, dem imaginierten Mehr an Spaß mit einem anderen Sexualpartner die Feststellung der relativen Gleichgültigkeit des hier vollzogenen Aktes, der durch den Begriff der Treue angezeigten Dauerhaftigkeit einer Beziehung die Momenthaftigkeit des vollkommenen Glücks. Diese, dem Bereich ›Sex‹ zuordbare Grundthematik des Liedes beruht auf der Zugehörigkeit der Figuren zu einer Lebenswelt und einer gesellschaftlichen Schicht. </p>
<p>Der Lebensraum fungiert als Voraussetzung dieser Einordnung. Als Ideal, sowohl einer Beziehung als auch des Lebens, wird die Selbstverwirklichung gesetzt. Eine Befriedigung der Lüste ist aber nur woanders, nämlich »am anderen Ende der Stadt« möglich. Dass auf eine Konkretisierung des Gegenraums verzichtet wird, beweist seinen Behelfscharakter. Begemann geht es nicht um den Kontrast von beispielsweise Provinz und Großstadt, zwischen seinem Geburtsort Bad Salzuflen und der Wahlheimat Hamburg, sondern um das Bild, das wir von unserem Zuhause haben. Zuordnung erscheint so als willentlicher Akt, als selbstgewähltes Schicksal. Dies ist in Bezug auf die gesellschaftliche Sphäre von Bedeutung. Denn im Bereich der Schichtzugehörigkeit begegnen ganz ähnliche Oppositionen. Dem durch die »gemeinsamen Hobbys«, das gemeinschaftliche Fernsehen und die Stehlampe charakterisierten ›Kleinbürgertum‹ entsprechen die benannten Merkmale der ›Upper class‹, die »rauschenden Feste«, allgemein das Feiern, Singen und Tanzen, speziell der massenhafte Konsum der Modedroge Kokain. Dabei funktioniert die Analogiebildung auch vertikal. Die Bourgeoisie ist sexuell frustiert, die <em>High society</em> erotisch ausgefüllt, eine schichtenübergreifende Verbindung unwahrscheinlich.</p>
<p>Die Pointe des Textes liegt nun darin, dass Begemann den möglichen Unterschied zweier Partner innerhalb einer Beziehung auf zwei Beziehungen projiziert. Sein lyrisches Ich ist damit, ebenso wie dessen Freundin, am identifikatorisch attraktiven unteren Rand der gesellschaftlichen Rangfolge positioniert. Damit die Glaubhaftigkeit dieser Setzung nicht gefährdet wird, erscheint die Passivität als eine, die Wirklichkeitsnähe als andere Strategie der Verschleierung vorherrschender Selbstbezichtigung. Eine ironische Grundhaltung ermöglicht es dem Hörer zwar, die Vorzeichen umzukehren und sich selbst über die geschilderte Situation zu erheben, aber das geht in der Logik des Textes nur, sofern man sich »am anderen Ende der Stadt« befindet. Denn dorthin gilt es zu gelangen. Die grundsätzlich positive Bewertung der gesellschaftlichen Zuordnung wird zumindest auf der Textoberfläche nicht diskutiert. </p>
<address>Unter dieser Stehlampe</address>
<p>Nun sind Popsongs künstlerische Gebilde, die ihre Bedeutung aus einer Verschmelzung unterschiedlicher Elemente beziehen. Um die Tragweite des Textes verstehen zu können, müssen die Mittel der Textinszenierung, das heißt die Musik, die Aufmachung des Tonträgers und der zugehörige Videoclip einbezogen werden. Ganz kurz, in umgekehrter Reihenfolge: Im Video ist die Trennung beider Pärchen durch einen Split-Screen umgesetzt. Das in Farbe gefilmte unattraktive Paar und das in Schwarz-weiß gefilmte attraktive Paar verdrängen sich jeweils von der Bildfläche. Bernd Begemann besetzt eine Doppelrolle. Er spielt sowohl das unattraktive lyrische Ich als auch den attraktiven Mann. In der Schluss-Sequenz des Videos kommt es zu einer Vereinigung beider Sphären. Das unattraktive Paar chauffiert die Stretch-Limousine, in deren Fond das attraktive Paar herumalbert. Für den Betrachter findet also eine Angleichung der Welten statt. Das Video führt vor, dass beide nicht getrennt voneinander existieren, sondern das Elend des einen das Glück des anderen bedingt.</p>
<p>Die Konzeption des Albums und insbesondere sein Titel, <em>Jetzt bist du in Talkshows</em>, weisen in die gleiche Richtung. Auf dem Cover posiert Begemann als Moderator einer zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung des Albums (1996) beliebten Nachmittagstalkshow. Die im Hintergrund erkennbare Stuhlreihe enthüllt das Problem dieses TV-Formats: Die Kontrahenten schauen sich nicht an, sondern sitzen mit dem Gesicht zum Publikum. Der Moderator, damals etwa Hans Meiser oder Arabella Kiesbauer, übernimmt nicht die Funktion eines Schlichters, sondern heizt den bestehenden Disput an. Der Reiz solcher Shows besteht darin, dass die Teilnehmer (mit zumeist niedrigem Bildungsniveau) nicht anders können, als sie selbst zu sein, und doch nicht sie selbst sein können, weil sie sich in der außerordentlichen Situation der Medien-Prominenz befinden. Ihrem Scheitern beizuwohnen hat deshalb etwas von Elendstourismus. Für das untersuchte Stück ergibt dies dreierlei: Erstens zeigt Begemann, indem er die Rolle des Moderators übernimmt, dass seine Lieder keine sachlichen Beschreibungen sind, sondern künstlich herbeigeführte Konflikte. Zweitens reflektiert der Song den Behelfscharakter des von ihm vertretenen Ideals. Genausowenig wie die Talkshows Wirklichkeit abbilden, zeichnet sich das gute Leben durch »Tabletts voller Kokain« aus. Drittens muss der Zuschauer beziehungsweise Hörer den eigenen Standpunkt überdenken. Das Problem entsteht nicht, weil die Lebensrealität zu trist wäre, sondern weil die Träume zu groß sind. Die Sehnsucht, welche das Lied grundiert, zielt also nur scheinbar auf die Überwindung der eigenen Tristesse. Vielmehr steht infrage, ob eine Selbstverwirklichung im Irrealis der Medien überhaupt gelingen kann.  </p>
<p>Dieser Bruch zwischen der Tragik der erzählten Welt des Textes und der Leere des Mediums wird in der musikalischen Umsetzung des Liedes überdeutlich. Denn wer einen Blues erwartet, wird enttäuscht. Die auf- und abschwingende Melodie, der von einem Vibraphon gestützte Swing und nicht zuletzt ein gepfiffenes Solo lassen den Eindruck von Heiterkeit entstehen. Bernd Begemann kann folglich die zu Beginn erläuterte Rolle eines repräsentativen Versagers nur einnehmen, weil er das auf der Textebene vorgeführte Scheitern auf Ebene der Musik konterkariert, der Selbstbezichtigung also durch die (Unterhaltungs-)Musik ihre Schärfe nimmt. Zweite Wahl oder nicht: Das Glück unter dieser Stehlampe hat die Form einer Schallplatte. </p>
<p>Zum <a href="http://www.litlog.de/wir-mogen-euch-trotzdem/">LyricsSchlachthof 1, Die Antilopengang: »Fick die Uni«</a></p>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-7652-1'>Bernd Begemann: Zweimal 2. Wahl. Auf: CD Jetzt bist du in Talkshows. Bege-Beat/Alternation 1996: 6 (Reissue: Begafon 2001). Text: Bernd Begemann. Musik: Bernd Begemann/Louis C. Oberländer. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-7652-1'>&#8617;</a></span></li>
</ol>
</div>
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		<title>Schwierige Sache</title>
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		<pubDate>Mon, 21 Nov 2011 16:26:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Diverse</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschbaltische Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Estland]]></category>
		<category><![CDATA[Interkulturalität]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturwissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Tagungsbericht]]></category>
		<category><![CDATA[Translatologie]]></category>
		<category><![CDATA[Übersetzung]]></category>

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		<description><![CDATA[Korrespondenz aus Tartu: Über eine Tagung mit translatologischem Tiefgang.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Vom 30. September bis 2. Oktober 2011 fand an der Universität Tartu in der Abteilung für deutsche Philologie eine internationale und interdisziplinäre Tagung zu Wechselwirkungen zwischen Translatologie und Literaturwissenschaft mit dem Titel <em>Interkulturalität und (literarisches) Übersetzen</em> statt. Sie wurde von Terje Loogus, Silke Pasewalck und Dieter Neidlinger veranstaltet. Unter den Vortragenden waren nicht nur Literatur- und Translationswissenschaftler, sondern auch Sprachwissenschaftler, Semiotiker, Philosophen und Übersetzer.</strong></p>
<p><em>Von Gretlin Prukk, Silva Lilleorg, Jana Drigval (Studierende der Germanistik in Tartu)</em></p>
<p>Zu Beginn der Tagung ging es um das Verständnis und die Entwicklung der »Begriffe« »Interkulturalität«, »Kultur« und »Translatologie«. In den folgenden Tagen waren die Vorträge verschiedenen Unteraspekten des Konferenzthemas gewidmet: »Poetik der Interkulturalität«, »Poetik und Übersetzung«, »Kultur und Übersetzung«, »Übersetzung als Kulturtransfer«, »Dichter und Übersetzer«, »Interkulturalität in der Übersetzungspraxis«. In vielen Vorträgen wurden dabei praxisbezogene Übersetzungsprobleme erörtert.</p>
<p>Da das umfangreiche Programm es nicht ermöglicht, auf alle Vorträge genauer einzugehen, werden hier lediglich einige subjektiv ausgewählte Vorträge beleuchtet werden können. Zur Einleitung der Tagung behandelten <strong>Silke Pasewalck</strong> und <strong>Dieter Neidlinger</strong> (beide Tartu) Probleme und Perspektiven der Interkulturalität in Literaturwissenschaft und Translatologie, <strong>Corinna Albrecht</strong> (Göttingen) thematisierte das Begriffspaar »Eigen/Fremd« und <strong>Terje Loogus</strong> (Tartu) spezifizierte die Bedeutung von Kultur in den Translationswissenschaften.</p>
<address>Die Menge aller Verhaltensnormen</address>
<p>Terje Loogus erläuterte in ihrem Vortrag <em>Über den Begriff der Kultur in der Translationswissenschaft</em>, wie die Translatologie sich mit der kulturellen Wende in den 1980er Jahren von der Sprachwissenschaft als Leitdisziplin abgewandt hat. Mit der Neufokussierung auf die Kulturwissenschaften wurde »Kultur« zum zentralen Begriff in der Translatologie. Ein wichtiger Vertreter dieser Ausrichtung ist <strong>Hans J. Vermeer</strong>, der Kultur folgendermaßen definierte: »Kultur ist die Menge aller Verhaltensnormen und -konventionen einer Gesellschaft und das Resultat aus den normbedingten und konventionellen Verhaltensweisen.« Kultur könne demnach als ein Netzwerk verstanden werden, als ein von Menschen erfasstes System, das alle Texte beim Übersetzen begleitet.</p>
<p>Die estnische Literaturwissenschaftlerin <strong>Maris Saagpakk</strong> (Tallinn) behandelte in ihrem Vortrag <em>Kulturbeziehungen zwischen Estland und Deutschland</em> auf der Grundlage der ins Estnische übersetzten deutschbaltischen Literatur aus der postsowjetischen Zeit. Die zentrale Frage des Vortrags lautete: Wie wird in Estland die deutschbaltische Literatur gelesen und verstanden? Von 1990 bis 2009 wurden laut der von Saagpakk zusammengestellten Bibliographie insgesamt 49 Titel übersetzt. Maris Saagpakk betonte, dass die deutschbaltische Kulturgeschichte in die estnische aufgenommen worden ist. Dass Texte deutschbaltischer Autoren wie <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Graf_Keyserling">Hermann von Keyserling</a> oder<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Julius_von_Schultz"> Georg Julius von Schultz-Bertram</a> in der prominentesten Buchreihe Estlands <em>Eesti mõttelugu</em> veröffentlicht wurden, beweise dies. </p>
<p>Bei der Rezeption der deutschbaltischen Literatur ist laut Saagpakk der historische Wert der Texte wichtiger als deren ästhetische Aspekte. Man liest diese Literatur vor allem als Informationsquelle über die damalige Zeit und nicht als schöngeistige Literatur. Die Übersetzungen sind gekennzeichnet von guter Qualität, die dem Enthusiasmus des Übersetzers zu verdanken ist. Der Grund für das mangelnde Interesse an der deutschbaltischen Literatur könne darin liegen, dass es darin etwas Befremdliches für die Esten gibt. Saagpakk zufolge werde keine glorreiche Zeit für die deutschbaltische Literatur in Estland kommen. Die deutschbaltische Literatur gilt auf dem kommerziellen Buchmarkt als nicht überlebensfähig, so wird die Buchreihe <em>Liivimaa Klassika</em> nach vier Bänden nicht mehr fortgesetzt.</p>
<p><strong>Beata Paškevica</strong> (Riga) sprach über das Thema der Übersetzung und des Zusammenspiels von Kulturemen in <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Juris_Alun%C4%81ns">Juris Alunans</a> Gedichtsammlung <em>Dziesminas</em>. Diese Gedichtsammlung markiert den Anfang der lettischen Nationalkultur. Am Beispiel von ausgewählten Texten rief Paškevica wichtige Übersetzungsverfahren auf und beschrieb in diesem Zusammenhang auch die Bildung der lettischen Kulturnation. Ihre Untersuchung stützte sie auf die <a href="http://uni-mainz.academia.edu/LisaR%C3%BCth/Papers/381725/Die_Skopostheorie_nach_Reiss_Vermeer_Ein_Uberlick">Skopos-Theorie</a> von Vermeer, auf die <a href="http://www.litde.com/grundfragen-der-textrezeption/bersetzungstheorie-bersetzungswissenschaft-bersetzungsforschung/historischdeskriptive-bersetzungsforschung.php">Polysystem-Theorie</a> von Even-Zohar, auf das Konzept des Rewriting von Lefevere, auf die Untersuchungen von Arrojo und Tymoczko. Wenn man Gedichte übersetzt, werden sie lokalisiert (Donau wurde zu Daugava, Loreley zu Laura) und manche avancierten gar zu Volksliedern. Um den Text schmackhaft und leichter verständlich zu machen, veränderte man den Ursprungstext gnadenlos, wodurch etwas ganz Neues entstand. </p>
<address>author-control</address>
<p>Die belgische Literatur- und Übersetzungswissenschaftlerin <strong>Céline Letawe</strong> (Berlin/Lüttich) hielt zum Thema <em>Die Übersetzer sind die genauesten Leser</em> einen schon fast als leidenschaftlich zu bezeichnenden Vortrag über Günter Grass und seine Übersetzer. Der Schriftsteller hat wie kein anderer, so stellt Letawe fest, die Kontakte zu seinen Übersetzern gepflegt. Nachdem Grass einige unpräzise und seiner Meinung nach schlechte Übersetzungen seiner Werke begegnet waren, vertraute er seinen Übersetzern nicht mehr. Zur Qualitätssicherung veranstaltete er nun Seminare, um mit Übersetzern Übersetzungsschwierigkeiten seiner Werke gemeinsam zu besprechen. Das erste Treffen fand vom 29. Januar bis zum 4. Februar 1978 statt. Besprochen wurden z. B. Realien, Ironie, besondere Wünsche des Autors, Dialekt-Passagen, Sprichwörter und Redearten, Wortspiele, Stilbesonderheiten usw. Mithilfe der angefertigten Tonbandaufnahmen und Protokolle, so Letawe, könne man diese Seminare rekonstruieren. Die Seminare wurden als sehr produktiv empfunden, und so hat man sie immer wieder veranstaltetet, sobald ein neuer Grass veröffentlicht wurde. </p>
<p><strong>Dirk Weissmann</strong> (Paris) behandelte in seinem Vortrag <em>Lügt der Dichter in der Fremdsprache? Zur monolingualen (Selbst)verortung Paul Celans</em> die Goll-Affäre. Im Zuge dieser Affäre steigerte sich Celan mehr und mehr in den Wahn hinein, Opfer einer französischen Verschwörung zu sein. Dem Celan’schen Bekenntnis, in der Sprache der Täter schreiben zu müssen (Celan verlor seine Mutter im Holocaust), trat das Misstrauen gegenüber, ob seine Texte ins Französische übersetzt oder wie sie rezipiert werden könnten. Weissmanns Schwerpunkte waren Mehrsprachigkeit und Widersprüche Paul Celans im Hinblick auf seine Stellung zur Übersetzung seiner Texte ins Französische. Celan kontrollierte die Übersetzungen seiner Werke genau in Form von »versteckter Selbstübersetzung«. </p>
<p>Ein kulturelles Rahmenprogramm ergänzte die intensiven Konferenztage. Höhepunkt der Veranstaltungen war eine Lesung des österreichischen Schriftstellers Vladimir Vertlib mit anschließender Podiumsdiskussion. Vladimir Vertlib las Abschnitte aus seinen Poetik-Vorlesungen <em>Spiegel im fremden Wort</em>, sowie aus den Romanen <em>Zwischenstationen</em> und <em>Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur</em>. In dem Roman <em>Zwischenstationen</em> wird über das Leben in der Migration aus der Perspektive eines Kindes erzählt. Aus dem Roman <em>Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur</em> las Vladimir Vertlib einen Abschnitt vor, in dem es darum geht, wie Menschen während des Zweiten Weltkrieges aus Leningrad evakuiert wurden. Die Protagonistin wird Zeugin einer Demütigung eines jüdischen Mannes in einer Sowchose.<br />
In seinen Romanen greift der Autor oft auf autobiographische Elemente zurück und verknüpft diese mit ausgedachten Geschichten oder mit dem Leben von anderen, aber als Leser bleibt immer das Gefühl, Vertlibs Erfahrungen zu lesen. Die ironischen Elemente in Vertlibs Werken nehmen den ernsthaften Themen, die er behandelt, die Tragik, so dass ein gewisses Lesevergnügen nicht ausbleibt.</p>
<p>Im Anschluss an die Lesung gab es noch eine Gesprächsrunde über das Thema <em>Was ist Interkulturalität?</em> mit <strong>Vladimir Vertlib</strong>, <strong>Andreas F. Kelletat</strong> und der Übersetzerin <strong>Tiiu Relve</strong>; der Heidelberger Literatur- und Kulturwissenschaftler <strong>Jürgen Joachimsthaler</strong> moderierte die Diskussion. Tiiu Relve sprach über ihre Erfahrungen, als sie Herta Müllers <em>Atemschaukel</em> ins Estnische übersetzte und wie manchmal Teile eines Textes verlorengehen können, weil zum Beispiel Dialekte oder ein besonderer Stil, der mit der Wortfolge spielt, unübersetzbar sind. Vladimir Vertlib warf ein, dass man eigentlich nie sicher sein kann, wie unterschiedliche Kulturen den Roman oder auch historische Geschehnisse wahrnehmen; er stellte etwa fest, dass die Leningrader Blockade in Österreich gänzlich unbekannt ist. Von einem Zuhörer wurde die Frage gestellt, ob eine Übersetzung besser sein darf als das Original. Vladimir Vertlib antwortete mit einer Gegenfrage: »Was ist überhaupt gut oder schlecht?«</p>
<p>Durch das aus einer breiten Themenauswahl bestehende Programm wurde für akademisch Interessierte auf der Tagung eine Möglichkeit geboten, zusammenzukommen und Erfahrungen auszutauschen. Für die Studierenden gab die professionell organisierte und internationale Veranstaltung viele Impulse für die eigene Forschung.</p>
<p>In diesen drei Tagen war die Verantwortung des Übersetzers ein verbindendes Thema. Die praxisbezogenen Beispiele aus unterschiedlichen Kulturen und Sprachen zeigten, dass Übersetzen nicht als ein stumpfsinniges, leicht umsetzbares Handeln wahrgenommen werden kann, sondern dass Sprache und Sprachgebrauch nicht kulturexklusiv funktionieren können. Dank vieler ausführlicher Vorträge und daraus entstandener Diskussionen wurde mehrmals die Aufmerksamkeit auf die immer wieder auftauchenden Fragen gelenkt: Ist das Original unantastbar? Ist das Übersetzen überhaupt möglich? Wo endet eine Übersetzung und wo beginnt ein neuer Text? </p>
<p><strong>Magnus Pettersson</strong> (Göteborg) konstatierte am Ende seines Vortrages, dass »Sprache eine schwierige Sache ist«.</p>
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		<title>Gehen oder bleiben</title>
		<link>http://www.litlog.de/gehen-oder-bleiben/</link>
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		<pubDate>Tue, 15 Nov 2011 00:16:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lilo Ruther</dc:creator>
				<category><![CDATA[Misc.]]></category>
		<category><![CDATA[boat people projekt]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlingspolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Göttingen]]></category>
		<category><![CDATA[Theater]]></category>

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		<description><![CDATA[Das boat people projekt startet sein drittes Theaterprojekt Mikili im Goethe Institut.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Das Mittelmeer stellt eine natürliche Grenze zwischen Afrika und Europa dar. Die Überquerung desselben ist für viele die einzige Hoffnung auf ein besseres Leben. Oft geht mit einem Asyl in Europa aber ein fragwürdiger rechtlicher Status einher. Nina de la Chevallerie und Luise Rist, Initiatorinnen der Göttinger Theaterkampagne <a href="http://www.boatpeopleprojekt.de/">boat people projekt</a>, geben Flüchtlingen eine Stimme, indem sie sie als Schauspieler ihre eigene Geschichte erzählen lassen. Lilo Ruther interviewte die beiden zu ihrem neuen Projekt <em>Mikili</em>.</strong></p>
<p><em>Von Lilo Ruther</em></p>
<p><strong><em>Lilo Ruther</em>: Wie kam es denn zu der Idee von <em>Mikili</em>? </strong></p>
<p><em>Nina</em>: 2009 fing unsere Beschäftigung mit dem Thema Flucht an. <em>Mikili</em> ist der dritte Teil unserer Trilogie, bei der <em>Lampedusa</em>, eine Produktion im Göttinger Stadtbus, und <em>Keinsternhotel</em>, das am ehemaligen Göttinger Flugplatz spielte, den Anfang machten.<br />
<em>Luise</em>: In <em>Mikili</em> werden die Themen der vorangegangenen Produktionen <em>Lampedusa</em> und <em>Keinsternhotel</em> aufgegriffen und verdichtet. <em>Mikili – Gehen oder Bleiben</em> bildet den aktuellen Stand unserer Auseinandersetzung mit Flüchtlingen ab. Es geht um die Haltung den Menschen gegenüber, die hier fremd sind und deren Kontexte wir verstehen wollen. Es geht um das Erleben von Fremdheit, das Wechselspiel von Nähe und Distanz.</p>
<p><strong><em>L.R.</em>: Was ist das boat people projekt? </strong></p>
<p><em>Nina</em>: 2009 haben wir beide das Theaterproduktionsteam boat people projekt gegründet. Wir setzen uns künstlerisch mit der Flüchtlingsproblematik auseinander.<br />
<em>Luise</em>: Flüchtlinge leben am Rand der Gesellschaft. Diese Randbereiche interessieren uns.<br />
<em>Nina</em>: Wir arbeiten an der Schwelle von Kunst und Politik. Uns interessieren innere und äußere Grenzen, Tabuzonen. Im letzten Stück, <em>All Inclusive</em>, geht es um das Thema Tod&#8230;<br />
<em>Luise</em>: &#8230;ein übrigens sehr lebendiges Stück!<br />
<em>Nina</em>: Am 20. Dezember haben wir ein Gastspiel mit Teilnehmern aus einer Werkstatt mit seelisch-erkrankten Menschen. Es heißt <em>Grenzland</em>. Unser nächstes Stück wird in Kooperation mit der <a href="http://musa.de/cms/index.php?article_id=41">musa</a> ein Stück mit Roma-Frauen sein.</p>
<p><strong><em>L.R</em>.: Wie kann man sich so eine Stückentwicklung vorstellen?</strong></p>
<p><em>Luise</em>: Im Vorfeld überlegen Nina und ich, was wir erzählen wollen und mit wem das möglich ist. Dann schreibe ich das Stück, allerdings nicht ganz fertig. Es ist wichtig, einen Rahmen vorzugeben, der aber für die Probenzeit noch Freiräume zum Schreiben und Inszenieren bietet. Die Figuren und Handlungsstränge sind von realen Geschichten inspiriert, bilden sie aber nicht ab. Ich nähere mich einem Stück immer aus der Distanz heraus. </p>
<p>
		<div class="jwts_tabber" id="jwts_tab"><div class="jwts_tabbertab" title="Das Wort Mikili"><h2><a href="#Das Wort Mikili" name="advtab">Das Wort Mikili</a></h2></p>
<div align="center"><em>Mikili</em> ist ein Begriff, den die boat people projekt-Gastautorin Bibish Mumbu aus Kinshasa mitgebracht hat. Er stammt aus der Sprache<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ling%C3%A1la"> Lingála</a> und bezeichnet etwas, für das es in unserer Sprache offenbar kein spezielles Wort gibt. Mikili heißt Europa &#8211;  aus der Sicht Afrikas. In Mikili steckt das Wort »Welt«, die »Welt Europas«  &#8211; und außerdem heißt Mikili «Farbe«. </div>
<p></div></div><br class="jwts_clr" /><strong><em>L.R.</em>: Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Flüchtlingen?</strong></p>
<p><em>Luise</em>: Sehr intensiv, begleitet von kulturellem Lernen auf beiden Seiten, sprachlichen Abenteuern.<br />
<em>Nina</em>: Inzwischen haben wir viele Kontakte in der Szene. Ein paar unserer Spieler gehören inzwischen zu unserem festen Ensemble. </p>
<p><strong><em>L.R.</em>: Gibt es manchmal auch Hürden mit den Asylbehörden?</strong></p>
<p><em>Luise</em>: Ja -<br />
<em>Nina</em>: Um den Landkreis verlassen zu können, in dem sie untergebracht sind, brauchen sie einen triftigen Grund. Die Teilnahme am boat people projekt ist kein »triftiger Grund« für die Behörden. Das müssen wir uns hart erkämpfen, dass sie mitspielen können.</p>
<p><strong><em>L.R.</em>: Welchen eigenen Anspruch habt ihr an eure Produktionen?</strong></p>
<p><em>Nina</em>: Uns geht es darum, komplexe Zusammenhänge sichtbar zu machen.<br />
<em>Luise</em>: Menschliche und künstlerische Fragen gehen bei unserem Projekt Hand in Hand. Wir arbeiten gleichermaßen politisch wie poetisch.<br />
<em>Nina</em>: Wir versuchen, mit unseren Stücken die Wahrnehmung des Themas in der Öffentlichkeit zu verändern.<br />
<strong><br />
<em>L.R.</em>: Vielen Dank für das Gespräch!</strong></p>
<address></address>
<p><em>Mikili &#8211; Gehen oder bleiben</em>, am 29. Oktober 2011 uraufgeführt, ist ein Stück des boat people projekt, zu dem Nina de la Chevallerie, Regisseurin, und Luise Rist, Theaterautorin und Regisseurin, gehören. <em>Mikili</em> ist nun schon das dritte Stück, welches sie zusammen mit Flüchtlingen und professionellen Schauspielern aufgeführt haben. Bei ihren Produktionen arbeiten Nina de la Chevallerie und Luise Rist mit anderen Künstlerinnen und Künstlern zusammen. Hans Kaul, der im Stück zusammen mit zwei Flüchtlingen (Mark Kutha, Maria Tonga) eine Band bildet, hat eigens für das Projekt Lieder komponiert. Zwei Jahre dauerte der gesamte Entwicklungsprozess, für die Proben mit allen Beteiligten wurden nur sechs Wochen Zeit einberaumt. Das mag sehr wenig erscheinen, ist aber aufgrund des besonderen Asylstatus´ einiger Schauspieler nicht anders möglich. Einige sind erst seit wenigen Monaten in Deutschland, zwei erst 16 Jahre alt und gehen noch zur Schule. In Göttingen gibt es keine Flüchtlingsunterkunft. Daher reisen die Flüchtlinge für die Proben aus Witzenhausen oder Kassel an.</p>
<address>Stückvisite</address>
<p>Ines (Franziska Aeschlimann) und Robert (Peter Grünenfelder) machen Urlaub in Italien.<br />
Als sie mit ihrer Yacht aufs Meer hinaus fahren, sehen sie ein untergehendes Flüchtlingsboot. Erschüttert von dem, was sich da vor ihren Augen ereignet hat, gelingt es ihnen, drei der Insassen, Aman (Mikiyas Tadesse Seyoum), Ayana (Selam Debele) aus Äthiopien und Mohammed (Ousmane Sacko) aus Libyen zu retten. Doch was sollen sie jetzt machen? Anlegen können sie nicht, dann würde die Küstenpolizei kommen.<br />
Ines und Robert schwanken zwischen Fürsorge und Misstrauen. »Können wir ihnen vertrauen? Wo sollen die drei Flüchtlinge schlafen? Wir machen uns strafbar. Was ist mit unserem Urlaub?«</p>
<address>Fremdheit, Nähe und Distanz</address>
<p>«Wie kann man leben ohne Glauben?« fragt sich Mohammed, gläubiger Muslim, der mit dem Lebensstil von Ines und Robert konfrontiert wird. Ines und Robert tragen beide weiße Freizeithosen und Sonnenbrillen und haben keine Kinder. Die Verständigung scheint zunächst unmöglich zu sein. Ines und Robert merken, wie wenig sie eigentlich von Afrika wissen. Ines beginnt, sich mit dem Schicksal der Flüchtlinge zu identifizieren. In ihren Träumen und Phantasien vermischt sich das Leben von Ines mit dem von Ayana. Und man merkt, so verschieden sind sie gar nicht. Eine Szene bleibt hier besonders im Gedächtnis, in der Ines auf Schwitzerdütsch und Mohammed in seiner eigenen Sprache spricht. Es geht um Verstehen und Nichtverstehen.</p>
<p><em>Mikili</em> ist ein anspruchsvolles Stück. Verschiedene Darstellungsebenen wechseln sich ab. Neben schauspielerischem Spiel gibt es auch Videosequenzen, Gesang und musikalische Darbietungen. Manchmal versteht man zwar nicht wörtlich, worum es geht, aber man meint auch so zu verstehen, worum es geht. Ein babylonisches Sprachgewirr ist von den Produzentinnen mitunter gewollt.</p>
<p><em>Mikili</em> ist mehr als ein Theaterprojekt, es ist ein Integrationsprojekt mit politischem Statement. Das Stück erzählt nicht nur eine fiktive Geschichte, gleichzeitig werden auch die Geschichten der teilnehmenden Flüchtlinge zum Greifen nahe. </p>
<p><em>Mikili</em> wird noch an drei Terminen im Dezember (11., 12., 13., jeweils um 20.00 Uhr im Goethe-Institut) aufgeführt. Gastspiele in Hannover, Braunschweig und Berlin sind geplant. </p>
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