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Indiebookday
Fensterplatz fürs Indiebook

Am 22. März ist wieder Indiebookday! Das heißt: in einen Buchladen gehen, ein Buch von einem unabhängigen Verlag kaufen, ein Foto davon in einem sozialen Medium posten. Als kleine Entscheidungshilfe verrät die LitLog-Redaktion auch dieses Jahr wieder, welche Indiebücher ihr am Herzen liegen.

Von der Litlog-Redaktion

Nachdem der erste Indiebookday im letzten Jahr überaus erfolreich war, lassen wir von LitLog es uns nicht nehmen, auch am zweiten Tag des unabhängigen Buch-Kaufs die heißesten Empfehlungen für Eure Shopping-Liste auszusprechen. Erwerben könnt Ihr diese fein lektorierten Köstlichkeiten unter anderem in der Akademischen Buchhandlung Calvör, die dem Indiebookday-Sortiment dieses Jahr einen Logenplatz am Fenster zuweist.

Christian Uetz´ »Nur Du, und nur Ich«

Von Christian Dinger

Der vor wenigen Jahren in Zürich gegründete Secession Verlag für Literatur versteht sich dem Namen nach als Abspaltung, als Absonderung des Besonderen vom Immergleichen.

Buch-Info


Christian Uetz
Nur Du, und nur Ich
Gedichte
Secession Verlag für Literatur: Zürich 2011
104 Seiten, 17,95€

Verlag


Secession Verlag für Literatur
Der Secession Verlag für Literatur wurde 2009 von Susanne Schenzle (zuvor Amann Verlag) und Christian Ruzicska (zuvor Tropen Verlag) gegründet und sitzt in Zürich. Der Schwerpunkt des Programms liegt auf Prosatexten von zeitgenössischen Autoren aus dem In- und Ausland. Der Verlag hat unter anderem Werke von Lars Gustafsson und Steven Uhly publiziert.

Spalterisch, weil besonders und absonderlich ist auch der Schweizer Dichter Christian Uetz, der 2011 unter dem Dach der Secession sein Prosadebüt Nur Du, und nur Ich vorlegte. In diesem geht Uetz aufs Ganze und will das Ganze. Kompromisslos und in liebestrunkener Sprachbesessenheit schreibt er vom Wahnsinn der Liebe, von zweien, die sich treffen und immer wieder treffen, von Leidenschaft auseinander und ineinander getrieben werden, von Eros und Thanatos. Die Liebe, von der hier erzählt wird, ist weit entfernt von aller Betulichkeit und allem Kitsch, gerade weil sie keinen Unterschied kennt zwischen Scheitern und Gelingen, zwischen geistigen Höhenflügen und körperlicher Lust, zwischen Transzendenz und Immanenz, zwischen kleinem und großem Tod.

In Nur Du, und nur Ich zeigt sich, dass die Texte des für seine Sprachperformance bekannten Uetz auch durch das stille Lesen auf eine ganz eigene, ganz andere Art und Weise bestechen können.

einzelkinds »Gretchen«

Von Johanna Karch

»Sie werden Gretchen Morgenthau hassen«, verspricht der Klappentext des im Berliner Verlag Edition Tiamat erschienen Roman-Zweitlings des Autors einzlkind. Die titelgebende Protagonistin, eine 75-jährige, kratzbürstige Gewitterziege, blickt auf eine steile Karriere als Grande Dame der Welttheaterbühnen zurück.

Buch-Info


einzlkind
Gretchen
Roman
Edition Tiamat Verlag: Berlin, 2011.
240 Seiten, 18,00 €

Verlag


Edition Tiamat Verlag
Der Verlag wurde 1979 von dem Autor Klaus Bittermann in Nürnberg gegründet und hat seit 1982 seinen Sitz in Berlin. Der Programmschwerpunkt liegt auf politisch links orientierten und satirischen Texten, publiziert werden unter anderem Texte von Harry Rowohlt, Hunter S. Thompson und Roger Willemsen.

Von großmütterlicher Altersmilde keine Spur. Sie ist hoch gebildet, voller Verachtung für die Mittelmäßigkeit Normalsterblicher, dem gepflegten Trinkgelage niemals abgeneigt und äußerst übergriffig. Sie gerät in Konflikt mit dem Gesetz. Trunkenheit am Steuer, Demolierung eines Polizeiwagens, Beamtenbeleidigung. Überdies völlig reueresistent: Nicht etwa, weil sie alt und tattrig ist, sondern dreist und ein bisschen größenwahnsinnig: »Ich hatte kaum getrunken. Der Chablis, ich glaube, es war ein Cru Montée, war zu trocken. Sechs oder sieben Gläser. Auf keinen Fall mehr als acht.« Ein listiger Richter verdonnert Frau Intendantin zu einem vierwöchigen Aufenthalt auf einem isländischen Eiland, um dort in aller Abgeschiedenheit mit dem »Jungvolk« ein Theaterstück zur Aufführung zu bringen.

Der »Thoreau-Emerson-Rousseau-Natur-Kitsch« ist nun nicht nach dem Geschmack der Großstadtgazelle. Sie sei ein Kind der Metroploe und habe weder Interesse an Gummistiefelromantik, noch daran, dass ständig eine Elfe um sie herumflügele. Natürlich kommt es zum Culture clash zwischen der Prinzipalin und den vermeintlichen Kulturbarbaren und natürlich wird am Ende eine Art Läuterung einsetzen. Der Plot dieses Buches ist kein Geniestreich und über einige wenige Inkonsistenzen soll hier nicht hinweg getäuscht werden. Es scheint dem anonymen Autor, der vom Feuilleton mal als Hans Magnus Enzensberger, mal als Tiamat-Verleger selbst ins Ratespiel eingebracht wird, ohnehin mehr um die schrille Figurenzeichnung und vor allem um die gewitzte Sprache zu gehen, über die sich »die Morgenthau« zu wilden Hasstiraden über die »aufgespritzten Champagner-Drosseln« des Kulturbetriebs oder berufsbedingte Kritiker aufschwingt. Der Roman in drei Akten platzt bald vor satirischen Seitenhieben auf kunstprogrammatische Vereinnahmungen und Dogmen. Dabei schafft es einzlkind, für jedes Milieu einen funktionierenden Duktus zu finden und pointiert den hohen Stil mit dem niederen zu penetrieren. Der drollig pubertierende Insulaner Tule beispielsweise wird beim Eintreffen der Intendantin von der Liebe zum Theater entflammt und trägt deshalb ein löchriges, weißes T-Shirt mit der Aufschrift »Ich fickte Heiner Müller«. Authentizität beansprucht hier niemand. Wozu auch? »Jede reale, wie auch erfundene Figur«, so erinnert sich die Protagonistin an ihre erste Theaterlektion »ist glaubwürdig, egal, was sie macht oder tut! Hätte man Stalin, Hitler oder Mao erfunden, wäre das Urteil schnell gefällt: unglaubwürdig!«

Gretchen liest sich wie das Ergebnis eines absurden Stelldicheins von Helge Schneider und Marc-Uwe Kling, gepfeffert mit der ungebührlich-scharfzüngigen Bissigkeit einer Sybille L. Wem auch immer die Autorschaft gebührt: er sei gepriesen für dieses satirische, allusive Sprachspiel!

Uljana Wolfs »meine schönste lengevitch«

Von Peer Trilcke

Die Mutter aller Krisen, jedenfalls aller literarischen, ist bekanntlich die gute alte Sprachkrise, an der so manch männlich junger Modernist dereinst bis zur Verzweiflung oder doch bis zum modrigen Pilzgeschmack litt.

Buch-Info


Uljana Wolf
meine schönste lengevitch
Gedichte
Berlin: kookbooks 2013.
88 Seiten, 19,90 €

Verlag


Verlag kookbooks
Der Verlag kookbooks wurde im Frühjahr 2003 von der Dichterin und Lektorin Daniela Seel und dem Künstler und Grafiker Andreas Töpfer gegründet. Er entwickelte sich aus dem Künstlernetzwerk KOOK (Berlin–New York), das als Musik- und Literaturlabel seit 1999 existiert, und zählt zur Gruppe der Independent-Verlage. Der Name ist abgeleitet von amerik. kook (umgangssprachlich für Spinner, Verrückter). Hauptsitz des Verlages ist Idstein im Taunus, eine Dependance besteht in Berlin.

Mittlerweile wird die Sache etwas nüchterner betrachtet. Die Mär, nach der es »eine art direktverbindung mit dem ding« gäbe, wie es in Uljana Wolfs neuem Gedichtband meine schönste lengevitch heißt – diese Mär stammt, so Wolf, aus jenen »tage[n], als das tischlein noch geholfen hat«, aus den Märchen- und Kindertagen also. Dass in den unschuldigen Sprachzustand kein Weg zurückführt, ist entsprechend Voraussetzung heutigen Dichtens. Was dem sentimentalischen Modernisten nur bleibt, ist die Flucht nach vorn, ist der mutige Sprung in die Bedingtheiten der Sprache. Für dieses literarische Kunststück hat Uljana Wolf in nunmehr drei Gedichtbänden ihre ganz eigene Technik entwickelt: Sie kombiniert den Ton und das Vokabular des Märchens mit Bruchstücken der Sprachgeschichte und den spielerischen Verfahren der Avantgarden; und sie mischt deutsche und amerikanische Syntax und Semantik zu dem, was sie »schmelzsprech oder auslassing, eine lengevitch« nennt.

Diese ›lengevitch‹ aber ist nicht weniger als eine ebenso betörende wie verstörende und damit im besten Sinne poetische Art des Sprachverlernens. Die Welt, die diese Gedichte in den Blick nehmen, und die Diskurse, die sie bearbeiten: das alles erscheint in einem mal schrägen, mal bezaubernden, immer aber auf unerhörte Weise eigenen Licht.

David Fincks »Das Versteck«

Von Gesa Husemann

»Wie fängt ein Philosoph einen Löwen? Der Philosoph zieht einen Zaun um sich herum und sieht sich als Außen.«

Buch-Info


David Finck
Das Versteck
Roman
Schöffling & Co: Frankfurt am Main, 2014
256 Seiten, 19,95 €

Verlag


Verlag Schöffling & Co
Der Verlag wurde 1993 von Klaus Schöffling in Frankfurt am Main gegründet, Mitgesellschafterin war bis 2004 die Autorin Eva Demski. Im Zentrum des Verlagsprogramms steht die deutschsprachige Gegenwartsliteratur. Bekannte Autoren des Verlags sind u.a. Juli Zeh, Silke Scheuermann, Klaus Modick und Ulrike Almut Sandig.

»Eigentlich« ist dieser Satz ein wichtiger Schlüsselsatz im Debütroman von David Finck – aber da »eigentlich« als Verweis auf die wahre Begebenheit in diesem Roman nicht greift, wie auch der Erzähler mehrfach suggeriert, sollte man von der Verwendung dieses Wörtchens eher absehen. Es ist eben alles eine Frage der Auslegung. Entscheidend für den Roman Das Versteck ist der Satz aber, weil er darauf verweist, wie schnell sich der Ausschluss aus der bisherigen Lebenswelt vollziehen kann, denn: »Spielt man nur ein kleines bisschen an den Einstellungen herum, gerät alles aus den Fugen.«

So ist der ohnehin schon an sich zweifelnde Bernhard in Schieflage geraten, seit sein Bruder Jonas verschwunden ist. Ohne es zu wissen hatte er dem Lebemann die Freundin ausgespannt. Dieser taucht daraufhin ab und entzieht sich der engen Bruderbeziehung. Gabriele und Bernhard werden ein Paar, aber die Leerstelle Jonas nimmt immer mehr Raum in den Gedanken von Bernhard ein, und er erscheint zunehmend entrückt. Es beginnt ein Spiel mit der Lesererwartung, man stellt nun die Wahrnehmung des fragilen Protagonisten infrage und stürzt sich auf das komplexe Motivverweissystem des gerne vorausdeutenden Erzählers, das man zu Beginn des Romans leicht überlesen hat. Mehr und mehr wird der Leser hineingezogen in die Bruderbeziehungskonstellation und in deren psychopathologische Tiefen.

Das Versteck ist beeindruckend vielschichtig und wartet mit vielen möglichen Lesarten auf. Es ist ein spannendes Buch, mit pointiertem Witz und ausgefallenen Charakteren, die in ihren skurillen Ausprägungen auch immer mit dem Protagonisten korrespondieren. Ein wirklich guter Roman, der noch dazu mit einem grandiosen Anfangssatz beginnt: »Wenn ein Mann halb nackt in der Küche sitzt und ein Glas Milch trinkt, weil er nicht schlafen kann, muss das noch lange nicht heißen, dass die Geschichte tragisch endet.« Da muss man doch weiterlesen.

Arne Rautenbergs »mundfauler staub«

Von Kai Sina

An Arne Rautenberg ist die Aufregung um die ›junge deutsche Lyrik‹ weitgehend vorbeigegangen. Aber es kann ja auch von Vorteil sein, nicht so richtig dazu zu gehören. Abseits der literarischen Metropolen, im nordisch-entlegenen Kiel, konnte so in den letzten Jahren in aller Ruhe ein vollkommen eigenständiges Kunstwerk umfangreich gedeihen, zusammengesetzt vor allem aus Gedichten, die mittlerweile in einer Vielzahl von Bänden vorliegen, dann aber auch aus Kunstinstallationen, Schriftarrangements, Papiercollagen.

Buch-Info


Arne Rautenberg
mundfauler staub
Gedichte
Horlemann Verlag: Leipzig, Berlin, 2012
92 Seiten, 14,50 €

Verlag


Horlemann Verlag
Der Horlemann Verlag verbindet mit seinem Programm Literatur und politisches Engagement. Er wurde 1990 von Jürgen Horlemann in Bad Honef gegründet und ist mittlerweile nach Berlin umgezogen. Ein Schwerpunkt des Verlagsprogramms ist die Übersetzung asiatischer, afrikanischer und lateinamerikanischer Texte. Der bekannteste Autor des Verlags ist der chinesische Nobelpreisträger Mo Yan.

Der ästhetische Kern sowohl der Gedichte als auch der bildenden Kunst Rautenbergs liegt im Sinn für das materiell Abgenutzte, dessen verborgene Anmutungsqualität im künstlerischen Produkt geborgen, gewürdigt, ja gefeiert wird. In seinen »Papierarbeiten« etwa, die sich auf seiner Website betrachten lassen, wird dies unverstellt sichtbar: Was hier aus dem Inhalt eines gefüllten Papierkorbs zusammengeschnitten, -geklebt und -getackert wird, ist von unerwarteter, oft bizarrer Schönheit. In formelhafter Verdichtung bezeichnet der Titel seines bislang einzigen Romans, Der Sperrmüllkönig (2002), ein ganzes Set an künstlerischen Verfahren, die noch aus dem Geringsten, dem Weggeworfenen, die hellsten Funken schlagen.

Der Gedichtband mundfauler staub leitet eine neue Werkphase ein; vieles darin ist getragen von einem ungewohnt dunklen Grundton. Ob Rautenberg in seinen Gedichten nachdenkt über die Liebe in Zeiten des Internet (»skype ist nicht das gleiche / es fehlt das warme das weiche / das streichen über dein haar«), über den online-vernetzten Kapitalismus (»am rechner verfolgst du den / klick nach mehr geld«) oder sich mit »ner kettensäge« ins »teletubby-land« aufmacht, »wo alles zweimal zerschnitten wird / zerspringt« – all diese Schilderungen sind vor dem Hintergrund einer geradezu apokalyptischen Weltsicht zu lesen. Die überdrehte Gegenwartskultur, die hier in immer neuen Konstellationen eher aggressiv als larmoyant umrissen wird, scheint ausweglos am Abgrund zu stehen: »wie alles weitergeht wie alles funktioniert / wie alles schneller wird sich aufheizt« – die Klimax endet mit dem Wort »explodiert«, das in seine einzelnen Buchstaben zerfetzt über das Papier verteilt ist: ein visueller Knalleffekt.

Aber ist das kulturkritische Begriffsinventar einer modernen Welt, die vollends ›aus den Fugen‹ geraten ist, für Rautenberg nicht vielleicht doch nur ein weiteres, rein kunstbezogenes Arbeitsmaterial? Vielleicht, seine Verse aber lassen das in der Schwebe. Wir müssen also warten – und das, wie es momentan aussieht, weniger auf das Ende aller Tage als auf weitere Gedichte aus der nordischen Peripherie.

Die Akademische Buchhandlung Calvoer aus Göttingen macht mit beim Indiebookday 2014. Die hier besprochenen Bücher könnt Ihr am 22. März in der Filiale in der Theaterstraße, Ecke Jüdenstraße und am 24. März in der Filiale im Zentralmensa-Gebäude erwerben.



Metaebene
 Veröffentlicht am 20. März 2014
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