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Flucht aus dem Erzählregime

Im Deutschen Theater wird mit Hannah Zufalls Weil sie nicht gestorben sind ein lohnendes Angebot gemacht, der dieser Tage so schwer zu ertragenden Realität zu entfliehen. Die Märchen Allerleirauh, Brüderchen und Schwesterchen und Die sieben Raben werden zu einem erzähltechnisch ausgereiften Episodenstück verquickt, das das Publikum zurecht ausdauernd beklatscht.

Von Johanna Karch

Als »anerkannt beste echte Märchensammlung«, bezeichnete der Märchensammler Ludwig Bechstein die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm kurz nach ihrem Erscheinen im Jahr 1812. Seitdem mäandern sie in Form von Neuübersetzungen und -editionen, als Kinderfilm oder Hörbuch, Ballett oder Bühnenstück oder gar als erotischer Erwachsenenfilm durch die Kulturgeschichte der Menschheit.

Das Stück

Von Hannah Zufall
Uraufführung
Regie: Brit Bartkowiak
Dramaturgie: Sara Örtel
Bühne/Kostüme: Carolin Schogs
Premiere: 4. März 2016
Nächste Aufführungen:
22. März; 2./15./24. April 2016

 

DT

logoDas Deutsche Theater in Göttingen zeigt als größtes Theater der Stadt ein umfangreiches Repertoire auf drei Bühnen. Bereits seit den 1950er Jahren errang das DT unter Leitung des Theaterregisseurs Heinz Hilpert den Ruf einer hervorragenden Bühne. Seit der Spielzeit 2014/15 ist der Schweizer Erich Sidler die künstlerische Leitung des Hauses.
 
 
Kinder legen ein besonders interessantes Verhalten an den Tag, wenn sie die Erzählgesetze in Märchen erstmals verstanden haben: geoutet als glühende Verfechter der Werktreue werden sie zu regelrechten Sklaven des Textes. Sexismus, Inzest, Mord und Folter, verpackt ins Diminutiv. Abend für Abend wollen sie dieselbe Geschichte hören und sich vergewissern, dass alles noch da ist, wo es hingehört. Dabei hüte sich die Vorleserin, grausame Einzelheiten aus Schonungsgründen auszulassen oder Redundanzen abzukürzen. Es muss ganz genau gelesen werden, Wort für Wort und wehe denen, die es wagen, etwas umzuformulieren oder zu glätten.

Grimmsches Erzählregime

Eben diesem kindlichen Phänomen der Unabänderlichkeit der Grimmschen Märchen nimmt sich das im Studio des Deutschen Theaters uraufgeführte Weil sie nicht gestorben sind an. Da bekanntermaßen aller guten Dinge drei sind, werden die Märchen Allerleirauh, Brüderchen und Schwesterchen und Die sieben Raben zu einem Episodenstück für drei Schauspieler verquickt. Dabei wird ihnen zunächst der biedermeierliche Puderzucker von der Hülle geblasen. Schutzlos sehen sich die Figuren nicht nur mit der Düsternis des schaurigen Märchenwaldes und seinen kauzigen Bewohnern konfrontiert, sondern sie werden vor allem von ihrem eigenen metaphysischen Bewusstsein verfolgt. Im Ergebnis stehen sie zerrissen zwischen dem überväterlichen Originaltext und der verlockenden Möglichkeit einer Neuerzählung ihrer eigenen Geschichten.

Das Diktat der pikanten, mitunter perversen Stoffe mutet faschistisch an und so gilt es also, gegen das Grimmsche Erzählregime aufzubegehren. Begonnen wird mit Prinzessin Allerleirauh (hinreißend naiv gespielt von Katharina Uhland), die durch ihre Schönheit Gefahr läuft, den eigenen Vater ehelichen zu müssen. Sie ersinnt eine List, um der Schande zu entgehen: Bedingung für die Heirat ist die Fertigung eines Mantels aus dem Fell aller Tiere des Waldes. Der Aufzug des Königs in Unterhose, dessen Megapotenz eben auch vor seiner Tochter nicht Halt macht, wird durch ein überdeutlich ausstaffiertes Gemächt und einen gockelhaften Feder-Überwurf aufgeprotzt. Mit Sonnenbrille, weißen Slippers und schmierigem Akzent spielt sich Karl Miller zu einer machohaften Lachfigur à la Helge Schneider auf, dessen Haupt von einer fallusförmigen Krone geziert wird. (Bühne und Kostüm: Carolin Schogs).

Setzt sich zur Wehr gegen die Annäherungsversuche des Königs (K. Miller): Königstochter Allerleirauh (K. Uhland).

Moritz Schulze, der im temporeichen Wechselspiel das garstige Untier und folgsam-ängstliche Gewohnheitstier vereint, flüstert der schönen Königstochter ein, dem inzestuösen Spuk zu entfliehen und den Ausgang der Geschichte in einem hohlen Baum im Wald zu verschlafen. Dabei geht es dem mit auktorialen Superkräften ausgestatteten Untier eigentlich um die Rettung seines eigenen Fells, denn es müsste ja auch dran glauben, sollte der Mantel gefertigt werden. So serviert es der Prinzessin den verbotenen Apfel, der wiederum ihren »Apfelsaft« zum Wallen bringt und ihr umstürzlerische Flausen in den Kopf setzt.

Perfektioniert das schizophrene Spiel: Moritz Schulze als Untier/Gewohnheitstier.

Nachdem der König durch eine List überwältigt, gefesselt und zum Zuschauen verdammt wird, beschließt die Tochter des Potenzprotzes, sich von der Blutschande freizuschreiben und leitet in den zweiten Teil des Stücks über; eine weitere inzestuöse Romanze.

Um sich des narrativen Schicksals gewahr zu werden, braucht es hier allerdings keinen befellten Revolutionsstifter: Brüderchen und Schwesterchen sind auf der Bewusstseinsskala eine Stufe weiter als Allerleirauh, soweit sogar, dass literaturwissenschaftliche Interpretationsansätze ihren Eingang ins Geschehen finden: Brüderchen Albert (Moritz Schulze), das personifizierte Es, versucht die Leidenschaft seiner Schwester, dem sich zierenden Über-Ich, zu entflammen, indem er die Bedeutung des Trinkens aus dem »verbotenen« Bach zu einem wollüstigen, gänzlich unpoetischen Cunnilingus umdeutet. Schwesterchen Alba (Katharina Uhland) ist erzürnt und findet doch bald daran gefallen und so kulminiert das Geschehen in einer basslastigen Emanzipations-Technoparty, bei der sich die Liebenden unter Stroboskoplicht die narrative Last von der Seele tanzen (Musik: Ingo Schröder). Das ist anachronistisch wertvoll, auch durch den originellen Einsatz der Requisite von Windmaschine bis Vodkaflasche.

Wenn der Vorhang fällt

Die 1987 geborene Autorin Hannah Zufall hat ihre Diplomarbeit, eine Märcheninszenierung für Erwachsene, mit Auszeichnung abgeschlossen und ihr Handwerk bei Größen wie Thomas Ostermeier und Falk Richter gelernt. Auf künstlerisch hohem Niveau hinterfragt sie in diesem Stück die archaische Stofflichkeit von Märchen mithilfe moderner Erzählweisen. Dabei führt sie gleichsam ihr eigenes schöpferisches Tun augenzwinkernd ad absurdum. Mit den aufbegehrenden Schauspielern, die aus der Erzählung heraustreten und zu zynischen Kommentatoren ihrer selbst werden, reiht sie sich in die Tradition von Pirandello und Sartre ein. Gleichzeitig besticht das Stück durch seinen doppeldeutigen Witz und den slapstickartigen Szenenaufbau, der unter der Regie von Brit Bartkowiak punktgenau zur Darbietung gebracht wird.

Am Ende allein: Katharina Uhland erzählt die Geschichte der sieben Raben.

Mit dem dritten Teil, der Präsentation des Märchens Die sieben Raben, kommt es zu einer überraschenden Wendung. Die Geschichte wird nun allein von Hinkelbeinchen, der schuldgeplagten Schwester der verwunschenen sieben Raben, vorgetragen. Auf das szenische Schauspiel wird weitestgehend verzichtet, die Erzählung an sich steht nun im Vordergrund. Eine anspruchsvolle Leistung, die Katharina Uhland in Gestalt eines naseweisen, rotzlöffligen Strebermädchens, das von einem Podest aufs Publikum herunterspricht, bravourös meistert. Zwar verliert der letzte Teil durch die Abwesenheit der beiden anderen Schauspieler etwas an der zuvor so bestechenden Spiel-Dynamik, doch ist er dramaturgisch scharfsinnig: Quasi im eschatologischen Dreischritt zeigt das Stück den Ausgang des Menschen aus seiner, hier Grimm verschuldeten, Unmündigkeit. Der Preis des Bewusstseins ist jedoch hoch. Was ist, wenn der letzte Satz erzählt ist? Gibt es eine Existenz nach dem Happy End? Was, wenn der Vorhang fällt? Die Emanzipation von der Struktur gebenden Erzählung hat zur Folge, dass Hinkelbeinchen jegliche Demut verloren hat und mit seinen häretischen Fragen der Hybris verfallen ist. Es ist mit seinem scheinbar unstillbaren Wissensdurst und dem Drang zur Grenzüberschreitung zum modernen, verlorenen Menschen geworden, plappert unentwegt über sein Befinden und ist erst zu stoppen, als Karl Miller und Moritz Schulze es schlussendlich genervt von der Bühne zerren.

Weil sie nicht gestorben sind ist eine fulminante und zurecht lang beklatschte Uraufführung. Dieses Stück sollte nicht verändert werden. Man kann es sich auch mehrmals ansehen, ohne die Sehnsucht nach Varianz zu verspüren.



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 Veröffentlicht am 15. März 2016
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