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Freitisch mit Seelenlandschaft

Uwe Timm war zu Gast beim diesjährigen Literaturherbst. Mit im Gepäck hatte er seine Novelle Freitisch – und Arno Schmidt. Im Gespräch begab sich Moderatorin Janet Boatin mit Timm auf eine rasante Fahrt über holprige Pfade. Das Ergebnis: Eine Fahrradtour durch Seelenlandschaften.

Von Malte Gerloff

Wollte man die Stimmung der Lesung umschreiben, geriete man leicht in die Versuchung Klamauk zu schreiben, so luftig und frei war es. Oder gerade recht in eine feinsinnig gesponnene sich weiterspinnende Ironie, mit einem süffisanten Lächeln aufgesetzt. Will man hingegen die Stimmung der vorgelesenen Novelle Freitisch bestimmen, mag man wohl auf ein ähnliches Urteil stoßen. So dass die Stimmung im Deutschen Theater auch nicht so sonderlich unerwartet fröhlich war.

Doch beginnen wir mit dem Anfang: Uwe Timm und die Moderatorin und Literaturwissenschaftlerin Janet Boatin betreten, man ist fast geneigt zu sagen, wie könnte es anders sein, von links die Bühne. Sichtlich nervös beginnt Janet Boatin, vielleicht ein wenig erschlagen von der Menge des Publikums, die sich eingefunden hatte, sich am Blatt mit Augen und Fingern festhaltend, bildhaft ausgedrückt leicht schlenkernd wie ein Mädchen, das gerade Fahrradfahren lernt, heute das erste Mal ohne Stützräder unterwegs, ihre Moderation. Dieses Mädchen befährt also anfangs holprige Pfade, oh Spitz auf Stein, Schlenker! – Treten, Treten, Treten – stabilisiert schließlich die Fahrt, die mit schwindelerregender Geschwindigkeit beschleunigt, die sicherer, die rasanter wird. Freier wird der Vortrag, es wird die Handlung zusammengefasst – jetzt schon im wiegenden Tritt der Sprechmelodie, völlig sicher – und die Geschichte des Ortes, des Örtchens, des Kaffs Anklam kontextualisiert.

Es ist natürlich nicht irgendein Kaff, sondern der Ort der Handlung der Novelle, an dem sich zwei ehemalige Kommilitonen wiedertreffen und beim Kaffee vor der Landbäckerei Grützmann in Erinnerungen schwelgen. Die Arme lösen sich schon vom Lenker – oder eben vom Blatt und Uwe Timm übernimmt den Lenker oder eben das Blatt. Die Literaturwissenschaftlerin überlässt die Bühne dem Autor. Damit beginnt die Fahrt in die Vergangenheit: München 1965, Freitisch am Vorabend dessen, was sich später unter dem Schlagwort Achtundsechzig firmieren sollte. Schriftsteller beginnen gerne da, wo die Geschichte beginnt: Am Anfang. Und doch nicht ganz, er lässt das Arno Schmidtsche Eingangszitat weg, welches wie ein Motto in Stein gemeißelt über der Erzählung schwebt, und lässt die ersten zehn Seiten sprechen.

Am Anfang war Arno Schmidt

Man sitzt also bei Grützmann und redet, aber eigentlich redet nur einer, einer der inzwischen Pensionär, ehemals Lehrer für Deutsch und Geschichte, ist, der andere ist ein möglicher Investor für die »vergessene Stadt« Anklam. Nach zögerlichem Wiedererkennen gehen sie Cappuccino trinken. Wie sie dasitzen und plaudern breitet sich vor dem Leser ein Erinnerungsteppich aus, in dem die Zeit eine Hauptrolle einnimmt und doch zu verschwimmen scheint – kaum möglich manchmal festzustellen, was Vergangenes, was Heutiges ist, so fließend die Übergänge gegossen, von einem Autor, der sein Handwerk versteht. Mittagstisch zu viert und doch eigentlich zu fünft – denn irgendwie ist Arno Schmidt der imaginäre Übervater der Stipendiaten am Freitisch der Kantine einer großen Versicherungsanstalt, deren Namen ungenannt bleibt, den es aber wirklich gegeben haben soll, wie der Hörer in der folgenden Fragerunde noch erfahren wird, immer zugegen.

Dies alles liest der Autor mit einem tränenden und einem lachenden Auge zugleich. Nein, dies ist nicht bildlich, symbolisch oder metaphorisch gemeint, sondern Realität, er habe sich beim Verfassen von Am Beispiel meines Bruders die Hornhaut eingerissen und sich irgendwie Zug geholt, deshalb träne sein Auge jetzt. Er möge die Stadt, als er das letzte Mal in Göttingen war, habe er sich eine Lungenentzündung geholt. Gelächter im Saal. Trotz tränendem Auge geht’s weiter im Text, man merkt, hier liest ein Profi, zweiter Abschnitt: Besuch bei Arno Schmidt – Euler, der mögliche Investor, fährt alleine in einem roten, klapprigen VW-Cabrio von München nach Celle, Abenteuertrip Heide, im Gepäck die Kühe in Halbtrauer. Doch was Euler nicht weiß, beziehungsweise noch nicht weiß: er empfängt nicht, so wird es Schmidts Frau Alice ausrichten. In diesem Wortlaut: Er empfängt nicht. 1440 Kilometer für die Katz, oder eben nur für den Amundsen-Satz: Bargfeld erreicht.

Sie sitzen noch immer zu zweit am Tisch, doch am Gegenwärtigsten ist immer noch der, der nicht da ist, und nie mit dabei war: Arno Schmidt. Die Anspielungen innerhalb der Novelle sind Legion und reichen von recht simplen Titelbezügen wie »Rosen und Porree« bis hinein in die Sprache, gipfeln in Übernahmen von Zitaten, die zeitweise nicht gekennzeichnet sind, die das Kenner-Auge in ihrem ironischen Einsetzen und Gebrauch erfreuen, deren Aufzählung hier aber den Rahmen sprengen und somit eine Aufgabe für Literaturwissenschaftler bleiben dürfte. Diese bilden den poetischen Hintergrund, eine Meta-Ebene, auf dem das Gerüst der Novelle streng gebaut worden ist oder eben umgekehrt, streng Goethe verpflichtet oder Heyse, dessen Theorie der dritte am Freitisch, der existentialistische Jungautor Falkner, noch im Oberseminar kritisierte, der vierte ist ein recht farbloser Jurist, der als Bahnschaffner jobbt und seine Wohnung verliert, weil er ein Mädchen mit nach Hause bringt – andere Zeiten, ebenfalls beim Jungautor, der mit dem jetzt pensionierten Lehrer zusammen in einer Wohngemeinschaft wohnte. Bei ihm sind sexuelle Eskapaden mit diversen Stewardessen kein Problem. Doch werden an diesem Abend die Arno-Schmidt-Anspielungen durchaus entfiktionalisiert, das Spiel weitergetrieben, werden nicht nur im Gelesenen zum Teil des Abendprogramms, wenn der ein oder andere semantische Raum anzitiert wird: »Und so breiten sie ihre Seelenlandschaft aus, Herr Timm«, stellt Janet Boatin in jenen Raum – um nicht zu sagen Pocahontas. Der Kenner lacht, und lachte auch bei anderen verborgenen Chiffren, die in die freihändig geradelte Fragerunde zwischen Moderatorin und Autor hineingeworfen wurden. Doch waren nicht gerade viele Kenner zugegen. Schade eigentlich.

»›warum ab &/wann beginnt ein Dichter, Bilder als Vorlagen zu verwendn?‹«

Aber es gab auch genug andere Slapstick-Momente, gerade in der Fragerunde, die sich geradezu ausgelassen anließ und in der wir erfahren, dass Uwe Timm gut sechs Monate – seine schnellste Produktion – für das schmale hundertsechsunddreißig Seiten starke Bändchen gebraucht habe, dass er, wenn auch parteiungebunden, links im politischen Spektrum stehe, dass er Arno Schmidt als einen wichtigen Einfluss in seiner Biographie sehe, dass er beim Schreiben auf seine Kopfstimme höre, die einen gewissen Rhythmus haben müsse. Da sei die Prosa vergleichbar mit der Lyrik, dass er dabei nichtsdestoweniger auch mal Jazz höre und dass er viel von dem Produzierten wegschmeiße, dass er sich manchmal im Würgegriff der Sprache befinde und das ihm folgende Lesart gefallen hat, die seine Gesprächspartnerin vorschlug: Dass, indem Arno Schmidt – ja, ja – um es im Tonfall der Novelle zu sagen – der »Große Arno«, als literarische Figur dargestellt werde, eine beißende Kritik am Literaturbetrieb versteckt worden sei, was vielleicht die wenigsten bemerkt haben dürften unter dem lichten, fröhlichen Tonfall der Novelle.

Die mit den Worten beginnt: »›warum ab &/wann beginnt ein Dichter, Bilder als Vorlagen zu verwendn?‹ (anstatt auf ›wirkliche Erlebnisse‹ zurückzugreifn) – ist das eine reine AltersFrage?; oder aber eine von Temperament?/Constitution?; (d.h: ›ist‹ Einer so; oder ›wird‹ Jeder so?).«
Ein Zitat, das sich wundersam ausnimmt, da das Schreiben Uwe Timms zuletzt auch immer einem Wühlen in der eigenen Biographie gleichkam, wenn er seine Freundschaft zu Benno Ohnesorg oder die Beziehung zu seinem jung verstorbenen Bruder thematisierte. So könnte man eben diesem Zitat folgend feststellen, dass vielleicht ein poetischer Wandel im Schreiben Uwe Timms stattgefunden habe, das sich eher auf die Tugenden der guten Recherche rückbesinnt, nun aber vielleicht und das dürfte neu sein, eben die auf Recherche von Bildern anderer Dichter und nicht wie im Falle von Morenga auf Akten und Erlasse. Eindrücklich bleibt zuletzt zu sagen, wie es war: Es war eloquent und witzig, charmant und unterhaltsam allemal, aber auch Käseplatte und Wein, frisch gebohnertes Parkett und Wohlstandsprobleme und den guten Tropfen loben nicht vergessen. Was sich hier vielleicht als harsche Kritik verstehen ließe, ist aber nicht als solche gemeint, denn, man möchte hier fast in Schmidt’sche Diktion verfallen, was ham wir hier sonst? Vielleicht ja auch ne wirkliche Fahrrad-Tour durch Seelenlandschaften…



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 Veröffentlicht am 31. Oktober 2011
 Bearbeitung eines Bildes von matthew_hull via morguefile.
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3 Kommentare
Kommentare
 Roman
 1. November 2011, 16:54 Uhr

Malte Gerloff sind hier ganz klar die metaphorischen Pferde durchgegangen.

 Andreas
 2. November 2011, 22:44 Uhr

“Die Arme lösen sich schon vom Lenker – oder eben vom Blatt und Uwe Timm übernimmt den Lenker oder eben das Blatt. Die Literaturwissenschaftlerin überlässt die Bühne dem Autor. Damit beginnt die Fahrt in die Vergangenheit:”

schon jetzt classic.
malte gerloff schreibt hier eh die besten rezensionen.

 Roman
 3. November 2011, 11:28 Uhr

Ach, das sollte eine Rezension sein? Muss einem ja gesagt werden.

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