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Fußball bis Tod

Fußball als Passion. Das Deutsche Theater brachte Thomas Brussigs Roman Leben bis Männer auf seine Keller-Bühne: den Monolog eines namenlosen Trainers aus der ostdeutschen Provinz über seine »BSG Tatkraft Börde«, Politik, Familie, Geschlechterverhältnisse, die Wende und das Leben.

Von Marco Henkel

Der Sport und die Literatur sind nahe Verwandte, die sich zu sehr ähneln, um sich aufrichtig lieben zu können. Vielmehr wetteifern sie miteinander und bekämpfen sich insgeheim. Es sind im Grunde feindliche Brüder. Denn die Literatur und der Sport appellieren auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlichen Mitteln an dieselben fundamentalen Gefühle. Viele große Motive, mit denen sich die Literatur seit Jahrtausenden befaßt – Heldentum, Leidenschaft, Solidarität, Neid, Ruhmsucht – dominieren auch in den Sportwettkämpfen, nur sind sie hier ungleich einfacher, primitiver, oberflächlicher, direkter.1

Leidenschaft. Einzig und allein sie ist es, die den namenlosen Trainer eines Kreisklasseklubs aus der Magdeburger Börde in Thomas Brussigs Monolog Leben bis Männer oder Der Fußballtrainer noch antreibt. Ansonsten hat er alles verloren: Gesundheit, Frau, Kind und Job. Doch ist da eben noch der Fußball in seinem Leben. So trainiert er jahrelang die Fußballmannschaft der »BSG Tatkraft Börde« bzw. deren Nachfolger nach der Wende von »Kinder, Knaben, Schüler, Jugend, Junioren – bis Männer«.

»Andere hatten ne Familie, ich hatte Tatkraft Börde«, sagt er. Für Frauen ist in dieser Ersatzfamilie übrigens kaum Platz. »Frauen und Fußball, das ist immer prekär«. Das klingt sowohl nach Prekariat als auch (ver)alte(te)m Schlag. Höchstens als Motivationshilfe am Seitenrand werden Frauen geduldet, Frauenfußball hat in dieser Weltordnung keine Daseinsberechtigung. Und wenn einer seiner Spieler sich mit der Falschen einlässt, zum Beispiel mit »so ´ner Vegetarischen, die philosophiert und liest und so«, dann sieht sich der Trainer gezwungen einzuschreiten.

Taktikbrett und Weltpolitik

Nun sitzt der Trainer in seinem grauen Trainingsanzug auf dem Sofa seines Wohnzimmers und sieht sich »zum tausendsten Mal« das Spiel BRD gegen DDR aus dem Jahre 1974 an, trinkt ein Bierchen und erzählt: von Fußball, seinem Leben, der DDR. Als hätte er ewig auf diesen Moment gewartet. Er plaudert einfach drauf los, umstandslos politisch inkorrekt. Ein bisschen erinnert er an Dittsche − ohne Imbiss und Bademantel, stattdessen mit einer großen Portion Leidenschaft für den Rasensport − denn mit Fußball erklärt er sich die Welt.

Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki zum Beispiel; sie sind für ihn das Ergebnis der komplizierten Regeln des US-amerikanischen Volkssports Baseball: »Der Engländer, Fußball, klare Regeln, klare Sache. Als der Adolf denen Coventry zerdonnert hat, ist der Engländer auf Hamburg und Dresden los. Lag eins zu null zurück, der Engländer, hats aber drehen können: zwei – eins. Aber der Amerikaner schmeißt gleich zweimal die Atombombe, wegen Pearl Harbor. Aber eigentlich wegen Baseball. Der Amerikaner schert sich null Komma nix um Regeln, hat er ja auch nie gelernt, bei seinem Baseball.«

Ganz nebenbei rechnet der Trainer mit der Entwicklung nach der Wende ab. Er selbst machte ein Sportgeschäft auf, weil die Aktien von Puma, Adidas und Reebok stiegen. Doch dass manche Leute Sport zum Spaß betreiben, das konnte er nicht verstehen. Rollschuhe waren eben nicht seine Welt. »Sport ist Schwitzen, und aus.« Außerdem war die Zielgruppe problematisch: »Die Kunden für so n Sportgeschäft, also die tüchtigen Jungen, sind ja alle weg und haben im Westen Arbeit gesucht. Und von Baseballschlägern alleine kannste auf Dauer auch nicht überleben.«

Buch-Info


Thomas Brussig
Leben bis Männer
Roman
Fischer Tb: Frankfurt/M. 2001
95 Seiten, 6,95 €

 
 

Auch viele seiner Spieler gingen in den Westen, sodass er sonntags kaum elf Mann aufstellen konnte. Seine Freizeit verbringt der Trainer gerne damit, »Arbeitslose rauszukriegen«. »Der is. Der auch. In unserer Gegend gibts massig Material. Die besten Fußballer sollen ja aus den Slums kommen. Wenn das stimmt, gibt’s in Deutschland bald tolle Spieler.« Trotzdem hat man nicht das Gefühl, dass der Erzähler verbittert ist, zu gleichgültig und emotionslos berichtet er von alldem, was nichts mit Fußball zu tun hat.

Mit seinen Bestsellern Am kürzeren Ende der Sonnenallee und Helden wie wir wurde Thomas Brussig zum einem Aushängeschild einer jungen Kohorte ostdeutscher Schriftsteller(innen). Brussigs Texte zeichnen sich dadurch aus, dass in ihnen nicht alleine auf die Ostalgie-Karte gesetzt, sondern das Leben in der DDR mit viel Humor und Ironie aufgearbeitet wird. Auch in Leben bis Männer gibt es immer wieder lustige Momente − aber auch tragische.

So zum Beispiel in der Geschichte um Heiko, den Ziehsohn des Trainers und Kapitän der Mannschaft, der als Grenzsoldat ein Jahr vor dem Mauerfall einen Flüchtling erschießt und nach der Wende angeklagt wird. Zwei Jahre auf Bewährung. Für den Fußball war er nicht mehr zu gebrauchen, so der Erzähler, da er fortan Angst hatte, auf dem Platz eine gelbe Karte zu bekommen. Zu allem Überfluss resultierte daraus, dass man den sicher geglaubten Aufstieg schließlich doch verpasste. Und schon ist aus einem Spiel das Abziehbild eines ganzen Lebens geworden.

45 Minuten, ein Leben?

Tragik und Komik liegen in Brussigs Textvorlage, die das Deutsche Theater auf ihre Keller-Bühne brachte, nah beieinander; der Zuschauer durchlebte deshalb ein Wechselbad der Gefühle. Wenn ein Fußballverrückter nach der Weltmeisterschaft 1974 nur deshalb in die Partei eintritt, um bei der nächsten WM mit Beteiligung der DDR als Zuschauer dabei sein zu dürfen, mag man noch schmunzeln; dass die DDR jedoch in der Folge bereits in der Qualifikation scheiterte und sich nie wieder für eine Welt- oder Europameisterschaft qualifizierte, ist tragisch.

45 Minuten lang erzählte der Trainer (gespielt von Paul Wenning) an jenem Theaterabend. So lang wie eine Fußballhalbzeit also. Man wollte ihm wünschen, dass es nur die erste Halbzeit seines Lebens war, die er dort Revue passieren ließ. Dann hätte er die Möglichkeit, sein Leben nach Wiederanpfiff zu drehen. Dennoch kam man nicht umhin, Sympathie für den komischen Kauz mit seinen überholten Ansichten zu empfinden. Zu mitreißend ist die Leidenschaft, wenn er vom Fußball erzählt, zu groß das Mitleid mit diesem Anti-Helden. Und zu leicht findet man sich selbst im Trainer wieder, der dem Erfolg und dem Glück stets nur hinterher zu jagen scheint.

  1. Marcel Reich-Ranicki in einem FAZ-Interview von Hubert Spiegel am 29.06.2006


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 Autor*in:
 Veröffentlicht am 9. Juli 2010
 Mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Theater Göttingen
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