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Gespenstische Logik

In der amerikanischen Verfassung sieht er nur logische Fehler und weil er Angst hat vergiftet zu werden, muss seine Frau das Essen vorkosten: Dem großen Logiker Kurt Gödel widmet Bestsellerautor Daniel Kehlmann sein erstes Bühnenstück. Das Deutsche Theater inszeniert diese Lebensgeschichte des schrulligen wie genialen Mathematikers.

Von Christian Dinger

Es muss ein Bild für die Götter gewesen sein, wie die beiden damals in Princeton über den Campus spazierten. Albert Einstein zauselig und ohne Socken, Kurt Gödel mager und unsicher hinter seinen dicken Brillengläsern. Die Szene war in der Realität der frühen Nachkriegszeit sicherlich nicht weniger grotesk als heute auf der Bühne. Der charismatische und weltberühmte Einstein versucht angestrengt, seinen Kollegen aus Österreich auf den Einbürgerungstest der Vereinigten Staaten vorzubereiten, doch dieser sieht nur logische Fehler in der amerikanischen Verfassung. Überdies ist er davon überzeugt, dass Zeitreisen möglich sind, er sieht Geister und ist sich sicher, dass Unbekannte versuchen ihn zu vergiften. »Wie schaffen Sie das?«, fragt Einstein entgeistert, »Alles scheint stringent, aber wer Ihnen zuhört, glaubt, er ist betrunken.«

Die Lebensgeschichte dieses widersprüchlichen Kurt Gödel, der für viele als der größte Logiker seit Aristoteles gilt, wird dieser Tage im Theaterstück Geister in Princeton im DT auf die Bühne gebracht. Der österreichische Autor Daniel Kehlmann hat bereits mit seinem Roman-Welterfolg Die Vermessung der Welt die menschliche Seite großer Wissenschaftler beleuchtet und setzt dies in seinem ersten Bühnenstück fort.

Natürlich kommt eine solche, auf Unterhaltung setzende Nacherzählung von Geschichte, nicht ohne Verkürzung des Lebens und vor allem des Werks Gödels aus. Es handelt sich aber bei diesem Theaterstück um mehr als um eine verflachende Unterhaltungsversion von Geschichte im Guido-Knopp-Stil. Gekonnt nutzt Kehlmann die Mittel des Theaters, um verschiedene Zeitebenen übereinanderzulegen und zu verschränken und schafft damit schließlich doch (zugegebenermaßen konstruierte) Verbindungen zwischen Leben und Werk des Logikers, für den die Zeit nicht existent war. Alles, was man tut, hat man bereits unendliche Male getan und wird man unendliche Male wieder tun: »Jeder Moment ist für immer.«

Das Stück

von Daniel Kehlmann
Regie: Antje Thoms
Weitere Aufführungen:
2.11., 14.11., 26.11.

 

DT

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Das Deutsche Theater in Göttingen zeigt als größtes Theater der Stadt ein umfangreiches Repertoire auf drei Bühnen. Bereits seit den 1950er Jahren errang das DT unter Leitung des Theaterregisseurs Heinz Hilpert den Ruf einer hervorragenden Bühne. Seit 1999 garantiert Intendant Mark Zurmühle bewährte Theatertradition sowie Innovation.
 
 

Vier verschiedene Schauspieler schlüpfen in die Haut von Kurt Gödel. Wir sehen Gödel als kleinen Jungen, der im Brünn der k. und k. Monarchie aufwächst, im Glauben an eine unerschütterliche Weltordnung, an dessen Spitze der Kaiser und Gott stehen. Wir sehen Gödel als jungen Mann, der unbeholfen und vergeistigt um die sieben Jahre ältere und bereits verheiratete Kabaretttänzerin Adele Porkert wirbt, die später seine Frau werden soll. Schließlich tritt auch ein Alter Ego Gödels auf, der von der Zukunft zu berichten weiß. An der Wiener Universität steht Gödels Karriere auf der Kippe. Seine Veröffentlichungen sind wegweisend, aber er weigert sich Studenten zu unterrichten, weil diese nichts verstünden. Der renommierte Moritz Schlick lädt ihn zu den Sitzungen des Wiener Kreises ein, doch Gödel sitzt nur da und beteiligt sich nicht. Doch am meisten bedroht wird Gödel von dem zunehmend vergifteten Klima, das sich im Österreich der dreißiger Jahre ausbreitet. Auch vor dem »Anschluss« ans Deutsche Reich 1938 ist der Antisemitismus in Wien allgegenwärtig und dieser richtet sich nicht nur gegen Menschen mit tatsächlich jüdischer Herkunft, sondern auch gegen Menschen wie Kurt Gödel, die aufgrund ihres Äußeren und ihrer Tätigkeit einem vermeintlich jüdischen Stereotyp entsprechen.

Im Stück ist es ein running gag, dass Gödel von beinahe jedem Charakter für einen Juden gehalten wird und dies mit den immer gleichen Worten »Ich bin kein Jude« von sich weist. In der Realität wurde ihm dieser Sachverhalt zu seinem tragischen Verhängnis. Es war Ausdruck eines tiefsitzenden österreichischen Antiintellektualismus, jenem Hass auf einen »überspitzten jüdischen Intellektualismus« (Goebbels), dem auch Moritz Schlick vom Wiener Kreis zum Opfer fällt, als er in der Universität von einem offenbar paranoiden Philosophen erschossen wird. Täter und Opfer begleiten Gödel von nun an als Geister, die von jedem die Zukunft vorhersehen können.

Gödel selbst reist mit seiner Frau Adele über Russland in die USA nach Princeton, wo man ihm eine Professur versprochen hat, bei der er nicht unterrichten muss. Doch die Erfahrung des Verfolgtwerdens hinterlässt ihre Spuren. Gödel hat mit seinem Unvollständigkeitsgesetz die Welt der Mathematik auf den Kopf gestellt. Er hat behauptet, dass es Sätze gibt, die wahr sind, aber nicht bewiesen werden können. Jemand, der eine so radikale Unbestimmtheit der Welt bewiesen hat, lebt gefährlich – davon war Kurt Gödel überzeugt.

Ihm kam nicht in den Sinn, dass es die meisten Leute nicht einmal interessiert, wie es um die Stellung der Logik und der Mathematik bestellt ist; er war sich sicher, dass man ihn vergiften würde. Deswegen musste seine Frau alles vorkosten, was er essen sollte. Irgendwann kam das Unvermeidliche: Adele Gödel musste nach einem Unfall ins Krankenhaus und Kurt Gödel verhungerte in seinem Haus in Princeton.

In Geister in Princeton wird diese eigentlich durch und durch tragische Lebensgeschichte mit komischen Dialogen gespickt, die den Zuschauer auf die verschlungenen Wege des logischen Denkens führt, die nicht selten im Wahnsinn münden. In der Inszenierung des Deutschen Theaters scheint dabei durch die bunte Figurendarstellung und das etwas überzeichnende Spiel der Darsteller der Akzent deutlich auf der komischen Dimension des Textes zu liegen, während die Uraufführung am Grazer Schauspielhaus letztes Jahr mit einem etwas dezenteren und nuancenreicheren Spiel das Tragische und Geheimnisvolle im Leben und Denken Gödels stärker hervorgehoben hat.

Dennoch lohnt sich ein Besuch dieses Theaterstücks, denn es bietet neue Wege, sich der Biographie einer kaum bekannten, aber durchaus beachtenswerten Figur der Wissenschaftsgeschichte zu nähern. Es bietet Anlass sich mit der Frage nach Zeit aus anderer Perspektive zu beschäftigen und es bietet vor allem einen unterhaltsamen Abend. Das Göttinger Publikum würdigt dieses Angebot schließlich auch mit begeistertem Applaus. Die ZuschauerInnen haben diesen Kurt Gödel ins Herz geschlossen. Und wer danach noch einen Blick in das Programmheft wirft, findet einiges an lesenswerten Kontextinformationen darüber, was es mit dem Wiener Kreis, der Unvollständigkeit der Mathematik oder der Möglichkeit von Zeitreisen auf sich hat.



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 Veröffentlicht am 1. November 2012
 Bild von Thomas Müller mit freundlicher Genehmigung vom Deutschen Theater.
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