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Gespiegelte Zeit

Die aktuelle Ausstellung in der Paulinerkirche ist ein Querschnitt der Jahre 1925-1945: von politischer Literatur bis zu Werbezeitschriften von Markenprodukten. Alte Bücher anzugucken ist hier kein Selbstzweck. Es wird Haltung bezogen und kritisches Denken eingefordert.

Von Frederik Eicks

Die 2017 von der Universität erworbene Sammlung Wehner umfasst rund 18.000 Objekte: Romane, Sammelbildalben, Werbezeitschriften etc. Angesichts dieser Zahl überrascht es kaum, dass die Sammlung sich zurzeit noch in der wissenschaftlichen und bibliothekarischen Erschließung befindet. Seit dem 31. Oktober und noch bis zum 02. Februar lassen sich allerdings im Rahmen der Ausstellung Zeit|Spiegel. Kinder- und Jugendbuchliteratur der Jahre 1925 bis 1945 bereits einige ausgewählte Objekte bestaunen. Was lässt sich mitnehmen aus einer Ausstellung voller hinter Vitrinen verschlossener,

Katalog


Hartmut Hombrecher, Christoph Bräuer (Hg.)
Zeit|Spiegel
Wallstein: Göttingen 2019
200 Seiten, 25,00 €

 
 
also nicht lesbarer Bücher? Was sollte man mitnehmen?

»Jetzt ist ja alles da und man muss es nur festhalten. […] Ich hab als Kind immer gedacht: ›Wenn man nur wüsste, wie die Menschen vor hundert Jahren wirklich gedacht […] und gefühlt haben.‹« Mit diesem von Sigrid Wehner stammenden Zitat wartet nicht nur ein Ausstellungstext, sondern auch der Ausstellungskatalog auf. Laut Katalog sei die Erreichbarkeit solch eines Ziels aus wissenschaftlicher Perspektive natürlich zweifelhaft. Nichtsdestotrotz wird der Versuch hier gewagt. Es steckt schließlich, unschwer zu erkennen, im Titel der Ausstellung. »Kinder- und Jugendbuchliteratur spiegelt, was die Zeit und ihre Menschen über sich selbst und andere denken«, heißt es auf der großen Texttafel, auf die der Blick beim Eintreten als erstes fällt. Und weiter: »Sie bieten auch einen Spiegel für uns selbst, sie lassen uns hinterfragen, woher unsere eigenen Überzeugungen kommen und ob sie so selbstverständlich oder natürlich sind, wie wir sie empfinden.«

Lesen

Bringen die Besucher*innen einen grundsätzlich offenen Geist mit, nimmt die Ausstellung eine*n schon fast an die Hand – man selbst muss nur noch die Augen aufmachen: Mit Ausnahme einiger Vitrinen zur allgemeinen Einführung sind die Exponate verschiedenen Themenbereichen wie »Jüdische Literatur«, »Rote Literatur« oder »Mädchen- und Jungenliteratur« zugeordnet. Längere Texte zum Thema und kürzere Täfelchen informieren über die Autor*innen, kontextualisieren die Werke im Hinblick auf ihren historischen Entstehungszeitraum, problematisieren bisweilen deren Inhalte und machen auch für Menschen mit wenig Hintergrundwissen nachvollziehbar, warum die Auseinandersetzung mit den gezeigten Büchern von Relevanz ist. Die Bücher selbst sind leider größtenteils zugeklappt, sodass sich nur selten ein Blick ins Original werfen lässt.

So erfährt man beispielsweise, dass die jüdische Literatur nach 1933 mit Büchern wie Leo Hirschs Das Lichterhaus im Walde (1936) entgegen etwaiger Erwartungen eine wahre Hochkonjunktur erfahren hat. Vor 1938, als jüdische Literatur vollends verboten wurde, war von den Nationalsozialisten ausdrücklich gewünscht, dass Jüd*innen nicht bei ›deutschen‹, sehr wohl aber bei jüdischen Verlagen veröffentlichen. Dieser Umstand ermöglichte Hirsch den von Nationalsozialisten geduldeten und in einem Kinder-/Jugendbuch verpackten Aufruf zum Widerstand. Andere, wie Wolf Seew Neier mit der hebräischen Fibel Dan und Gad (1936), nutzten die Chance, um jüdische Kinder auf ein Leben im Exil vorzubereiten.

Schnell weckt die Beschäftigung mit solcher Literatur die Lust, sich noch eingehender, als es die Ausstellungstexte leisten können, mit den Ausstellungsstücken zu beschäftigen. Glücklicherweise wurde für diesen Fall vorgesorgt: Man kann an einer öffentlichen Führung teilnehmen oder den über jedes Smartphone verfügbaren Audioguide hören; über Digitalisate einzelner Bücher auf Tablets lässt sich noch ein genauerer Blick in ausgewählte Texte werfen, der eine*n Perlen wie die Widmung in Gustav Mittelstrass‘ Ratgeber Der junge Mann (1926) entdecken lässt: »Meinem lieben Horst, zur freundlichen Erinnerung. […] Der Vater«. Zudem bietet eine wöchentliche Ringvorlesung Vorträge mit Bezug zu den Themen der Ausstellung.

Verstehen

Die Themen der Ringvorlesung bilden allerdings nicht ganz den Fokus ab, den die Ausstellung setzt, obwohl sich zu beinahe jedem Bereich der Ausstellung ein entsprechender Vortrag finden lässt. Rein quantitativ betrachtet passen Ausstellung und Ringvorlesung genau zueinander, denn – so verrät ein Ausstellungstext – die Zeit, in der die gesammelten Objekte erschienen sind, sei geprägt von Umbrüchen und Konflikten zwischen verschiedensten politischen Lagern: Monarchisten vs. Demokraten, Kommunisten vs. Nationalsozialisten, Christlich-konservative vs. Wirtschaftsliberale.

Diese politische Bandbreite spiegelt sich auch in der Kinder- und Jugendbuchliteratur der Zeit: Sie wird von Menschen aller Weltanschauungen verfasst und gibt auch diese Bandbreite wieder.

Sowohl Ausstellung als auch Ringvorlesung zeigen diese literarische Vielfalt, doch die ersten Assoziationen zum Zeitraum der Jahre 1925 bis 1945 beziehen sich auf solche Gegenstände, die in der Ringvorlesung eher gleichberechtigt neben den anderen stehen. Der dazugehörige Themenkomplex, dessen Teile eng miteinander verknüpft sind, steht in der Ausstellung aber qualitativ im keineswegs nur metaphorischen Zentrum. Beim Begehen und Betrachten kommt man nicht umhin, sich buchstäblich um die vier kreisförmig angeordneten Vitrinen in der Ausstellungsmitte zu drehen: Antisemitismus, Exil, Rassismus/Kolonialismus, Nationalismus. Das alles sind Themen, die den gesellschaftlichen und politischen Alltag vieler Menschen in Deutschland leider auch heute immer noch direkt oder indirekt prägen, gegen die es nach wie vor zu kämpfen gilt. Mit dieser Ausstellung wird eine klare Haltung für eine freie, offene und gleiche Gesellschaft bezogen.

Hinterfragen

Diese Tatsache wird noch klarer: Ebenso buchstäblich wie das Kreisen um ein Zentrum ist die eingängliche Aufforderung gemeint, sich selbst in den Büchern dieser Zeit zu spiegeln und eigene Haltungen zu hinterfragen. In beinahe allen Vitrinen befinden sich kleine Spiegel. Wir schauen uns selbst entgegen bei den Sammelbildalben, der Nachkriegsliteratur und ja – auch bei Werken wie Herbert Riklis Hasen-Königs Weltreise (1930, Erstaufl. 1918). Da es als eines der wenigen Bücher aufgeschlagen ist, kann jede*r nachlesen, wie selbst die unscheinbarsten Bilderbücher die widerwärtigsten rassistischen und kulturellen Stereotype fortgeschrieben und weitergetragen haben. Zu sehen ist eine Person of Colour die, ausgestattet mit einem langen Spieß und nichts als einer Kochmütze und einer Art Lendenschurz bekleidet, dem Hasen hinterherjagt, woraufhin dieser ausruft: »Nie geh’ ich mehr nach Afrika!«

Was das nicht heißen soll: ›DU bist ein Rassist!‹ Was das heißen soll: ›Denk doch mal darüber nach, ob nicht auch deine Überzeugungen teilweise rassistische Ressentiments bedienen.‹ Gleiches gilt für die Texttafel zum Nationalismus, die unter anderem von einer jubelnden, Deutschlandfahnen schwenkenden Menschenmenge illustriert wird. Nicht jede Person, die der deutschen Nationalmannschaft zujubelt, ist automatisch Nationalist*in. Dass aber der Übergang vom vermeintlich harmlosen Patriotismus solcher Fangemeinschaften zum ausgewachsenen Nationalismus fließend ist und Weltmeisterschaften nationalistischem Gedankengut den Weg in den Mainstream ebnen, ist allerspätestens seit dem ›Sommermärchen‹ 2006 bekannt (ausdrücklich empfohlen sei hier der Aufsatz Nationalismus und Patriotismus als Ursache von Fremdenfeindlichkeit von Julia Becker, Ulrich Wagner und Oliver Christ in Wilhelm Heitmeyers fünfter Folge des Projekts Deutsche Zustände). Inwiefern wertest du mit deinem Jubel die Menschen anderer Nationalitäten ab? Der größte Spiegel steht nun mal – richtig, buchstäblich – in der Vitrine zum Nationalismus.



Metaebene
 Autor*in:
 Veröffentlicht am 2. Januar 2020
 aus: Laßt uns Kameraden sein! Eine Jugendweihegabe dargeboten von Max Sievers et. al – Urania-Freidenker-Verlag 1933.
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