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Literaturfestival
Hambourg, mon amour

Vom 10. September bis zum 7. Oktober 2014 versammeln sich im Hamburger Hafen und Umgebung nicht nur Schiffs- sondern auch Leseratten: Beim sechsten Harbour Front Literaturfestival stellen deutsche und internationale Schriftsteller ihre neuesten Romane vor, debattieren Medienmenschen und Sachbuchautorinnen, stürmen Slammer und Kinderbuchschreiber die Bühnen: 72 Veranstaltungen an 19 Spielstätten – vom Hafenspeicher bis zur Laeiszhalle, vom Schiffsbauch bis zum Hörsaal – bieten die Chance, die Hamburger Hafenviertel und die aktuelle Literaturlandschaft zugleich zu erkunden.

Von Astrid Schwaner

Zwei Stränge aus diesem dichten Veranstaltungstauwerk stellt Litlog-Autorin Astrid Schwaner dieses Jahr vor: die drei französischsprachigen Lesungen des Belletristik-Programms und das Rennen der acht Debütanten um den Klaus-Michael Kühne-Preis, mit dem am vergangenen Sonntag der beste Nachwuchsautor des Jahres gekürt wurde.

»Mit der Lüge kommt man sehr weit, aber niemals zurück«, zitiert die Schriftstellerin Karine Tuil ein jüdisches Sprichwort, das die Essenz ihres Romans Die Gierigen (Aufbau Verlag) bildet: Samir Tahar lebt ein glanzvolles Leben als Staranwalt in New York, prunkvoller als in seinen kühnsten Träumen, mit einer klugen und vermögenden Frau an seiner Seite und Zugang zu den elitärsten Kreisen der Stadt. Doch seine erfolgreiche Existenz basiert auf einer Lüge: Seine arabisch-muslimische Herkunft verheimlichend, gibt er sich als Jude aus. Statt seiner eigenen Lebensgeschichte hat er sich die Biografie seines früheren besten Freundes Samuel zu eigen gemacht, den er vor 20 Jahren aufs Schlimmste mit dessen Freundin Nina betrog: Am Ende ihrer engen Studentenfreundschaft zu dritt blieb Nina bei Samuel in Paris, während Samir in die USA floh. Nach 20 Jahren sehen Nina, Samir und Samuel sich wieder und Samirs Lebenslüge droht aufgedeckt zu werden.

Das falsche Leben in der Lüge

Aus ihrem rhythmischen, energiegeladenen Roman liest die Französin Tuil am 14. September 2014 in einer Art futuristischem Bienenstock – dem Hörsaal der Kühne Logistics University in der Hamburger Hafencity. Das Publikum lauscht gebannt ihrer klaren Diktion, die auch im freien Gespräch mit der Buchhändlerin Stephanie Krawehl fließt wie gedruckt. Tuils Roman kreist wie die meisten ihrer neun Texte, von denen bisher drei in Deutschland erschienen sind, um Fragen der Identität und Vorbestimmtheit unserer Leben: Können wir unseren Lebenslauf von unseren Wurzeln lösen? Auch Samuel verheimlicht seine Identität, um antisemitischen Anfeindungen in der Pariser Banlieue zu entgehen. Tuil erklärt, viele globale Krisen drehten sich heute um Fragen der Identität. In ihrem neuen Roman will sie die Ressentiments gegen verschiedene soziale Gruppen in Frankreich zeigen.

Harbour Front

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Das Harbour Front Literaturfestival wurde 2008 ins Leben gerufen und richtet thematisch gebündelte Lesungen in den Hamburger Hafenvierteln aus. Bis 2012 konnte das Festival über 78.000 Besucher an 48 Lesungsorte im Hafen locken. Durch die Förderung der Klaus-Michael Kühne-Stiftung und die Kulturbehörde Hamburg ist das Harbour Front Festival mittlerweile zum größten Literaturfestival Norddeutschlands aufgestiegen. Das HFF 2014 findet vom 10. September bis 7. Oktober statt.
 
 
Die perfekte Dramaturgie des Abends umfasst neben der französischen Lesung zwei Passagen aus der deutschen Übersetzung von Maja Ueberle-Pfaff, vorgetragen von der Berliner Schauspielerin Sophie Rois und umrahmt von Krawehls erhellenden Fragen. Allein die Übersetzung des Gesprächs ins Deutsche erfolgt etwas holprig. Doch darüber hilft der packende Inhalt hinweg und nach 75 Minuten ereilt das frühe Ende der Veranstaltung die zahlreichen Zuhörer unvermittelt – wir hätten gerne noch mehr gehört.

Skurrile Reiseabenteuer eines Fakirs

Mehr Französisch zu hören gibt es drei Tage später im neobarocken Ambiente der Laeiszhalle: Romain Puértolas, ehemaliger Grenzpolizist und Autor des skurrilen Romans Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem Ikea-Schrank feststeckte (S. Fischer Verlag), bildet mit seinem moderierenden Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel und dem Schauspieler Wanja Mues ein amüsantes Dreigestirn: Puértolas sprudelt Pointen wie ein Hydrant seine Wasserfontäne, Schmidt-Henkel übersetzt verblüffend genau und imitiert sogar Ton und Gestik, und Mues springt auf, um den Grenzpolizisten zu mimen. Kein Wunder, dass Puértolas bei diesem Tempo und seiner besten Laune den Roman innerhalb von dreieinhalb Wochen geschrieben haben will und schon vor der Veröffentlichung in Frankreich eine kommentierte Version für die 36 Übersetzer in aller Welt verfasst hatte:

Ich schreibe immer und überall, auf Post-its, auf mein Handy. Ich gehe durch den Supermarkt und plopp, bekomme ich ein Romanbaby, ich schreib’s auf, und plopp, noch eins. So geht das die ganze Zeit.

Das Publikum lacht ausgelassen. Vor lauter Übersetzungs-Anekdoten und genialen Sprachspielen gerät die Geschichte des reisenden Fakirs fast in Vergessenheit. Mues liest in verschiedenen Stimmlagen mit viel Gestik und Pantomime auf Deutsch, wie besagter Fakir in einem Pariser IKEA-Geschäft dem Charme der Französin Marie erliegt, obwohl er doch nur ein neues Nagelbett für sein indisches Heiligtum erwerben wollte, und wie der verliebte Fakir dann in einem IKEA-Schrank auf Weltreise geht. Der klamaukigen Handlung liegt ein ernstes Thema zu Grunde: Als Grenzpolizist sah Puértolas täglich die Träume arbeitswilliger Flüchtlinge zerstört, deren einziger Fehler darin bestand, keinen Reisepass zu besitzen. Diese traurige Realität hat Puértolas mit Liebe, Abenteuer, Exotik und ganz viel Humor zu einem Roman verarbeitet, damit sie zu möglichst vielen Menschen durchdringt. Das ist ihm ganz offensichtlich – nicht nur an diesem Abend in Hamburg – gelungen.

Träume von Haiti im Schiffsbauch

Exotisch ging es am nächsten Abend mit der Lesung des Haitianers Lyonel Trouillot weiter: Eine Arbeitslampe baumelt im Wellengang über der Sperrholzbühne vor holzgetäfelten Wänden. Der Stückgut-Laderaum des Museumsschiffs Cap San Diego bietet den perfekten Veranstaltungsort für eine Lesung aus Übersee. Die weißen Plastikstühle tanzen auf den Bodenplanken und im Scheinwerferlicht sitzt ein weiser Buddha vor mehreren Weingläsern: Zunächst antwortet Trouillot nur bedächtig auf die Fragen der Kölner Literaturwissenschaftlerin Angela Spizig, die routiniert und aufs Wesentliche reduzierend übersetzt. Über sich selbst rede er nicht gerne, winkt Trouillot ab, und im Urteilen über Andere sei er vorsichtig, weil über Haiti andauernd jemand falsche Urteile verkünde.

Der Hauptpreis des Harbour Front Festivals, der Klaus-Michael Kühne-Preis, wurde dem Autor Per Leo (m.) von Literaturkritiker Denis Scheck (l.) und der ehemaligen Kultursenatorin der Stadt Hamburg, Karin von Welck, überreicht.

Dann erzählt er aber doch von seinem amerikanischen Exil als Vierzehnjähriger, der Trennung der Eltern, den zwei Realitäten Haitis. »Es gibt das Hässliche, das Fürchterliche, das Gemeine, das in diesem Land regiert, aber auch das Wunderschöne, die Süße, die Träume der Menschen.« In seinem Roman Die schöne Menschenliebe (Verlag liebeskind) reist die junge Anaïse aus Europa in ein haitianisches Fischerdorf, um ihr Familiengeheimnis zu ergründen. Die Schauspielerin Milena Karas liest die betörend schöne Beschreibung des Lebens im Fischerdorf, einem Leben voller Düfte und Künste, Farben und Träume. Den für Ohren diesseits des Ozeans ungewohnt fantasiereichen und bildhaften Text lässt ihre geheimnisvolle, verführerische Leseweise erst recht strahlen. So schaukeln die Zuhörer im gut gefüllten Schiffsbauch der Cap San Diego gedanklich Richtung Haiti.

»Literatur kann die Welt nicht ändern, aber sie kann uns zwingen, Dinge wahrzunehmen, die wir sonst nicht sehen wollen.« So stellt Trouillot neben die Ruhe, Schönheit und das Geheimnis des Fischerortes den Lärm und die Armut von Port-au-Prince und das dunkle Geheimnis eines unaufgeklärten Brandes. Im Laufe des Romangeschehens taucht immer wieder die Frage auf, die Trouillot am meisten beschäftigt: Habe ich mein Dasein auf dieser Erde richtig genutzt? Diese Frage gibt er seinen Zuhörern nach der dritten und letzten französischsprachigen Lesung des Festivals mit auf den Heimweg – drei Lektüreempfehlungen, denen wir unbedingt folgen wollen.



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 Autor*in:
 Veröffentlicht am 29. September 2014
 Die französische Autorin Karin Tuil/ © Harbour Front Festival
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