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Black Metal - Topoi des Bösen
Heidenlärm

Artikel Nummer drei der Reihe »Black Metal – Topoi des Bösen«. Simon Inselmann bringt Unwissenden den Pagan Metal nahe und nimmt sich die Band Tarabas zur Brust. Nordische Mythen, Germanen, Christentum – was steckt hinter den Lyrics des Albums Das neue Land und was daran ist eigentlich »pagan«?

Von Simon Inselmann

Ließen wir zuletzt den Blick auf der Suche nach echten Black Metal-Verbrechern über die nördlicheren Regionen Europas schweifen, wenden wir uns in diesem Artikel einem nahen Verwandten des Black Metal zu, der zwar seine wichtigsten Impulse auch aus dem Norden importiert hat, aber heute vor allem in heimischen Gefilden seine Verbreitung findet: dem sogenannten »Pagan Metal«. Als die schwedischen Black Metal-Pioniere Bathory 1988 auf ihrem Blood, Fire, Death-Album erstmals dem Christentum den nordischen Gott Odin anstelle des Teufels entgegensetzten, wurde eine neue lyrische Opposition geboren. Diese versucht, den Glauben der nativen Germanenbevölkerung zu rekonstruieren und setzt dessen tradierte Werte den heutigen größtenteils christlich, demokratisch und kapitalistisch geprägten Ansichten gegenüber. Damit sind die Schnittstellen zum Black Metal einerseits die gleichen musikalischen Väter, andererseits das gemeinsame Feindbild Christentum. Dabei kämpfen Pagan Metal-Bands immer wieder mit dem in zwei Extreme gespaltenen Ruf entweder mittelalterlich gekleidete Nazis oder hirnlose, metsaufende Spaßkapellen ohne jeglichen Inhalt zu sein. Versuchen wir uns also mit dem 2010 erschienenen Album Das Neue Land der Magdeburger Band Tarabas einen genaueren Einblick in die nur scheinbar historische Gedankenwelt des Pagan Metal zu verschaffen. Wir werden sehen, ob wir tatsächlich die gefürchteten Barbaren in Fell und Eisen vorfinden.

Gnadenlose Engel

Da die Songtexte über das gesamte Album betrachtet einen Wandel im Denken des lyrischen Ichs beschreiben, aber bei der Anordnung der Lieder vermutlich eher musikalische als narrative Argumente berücksichtigt wurden, folgen wir dieser nicht, sondern beginnen mit den einzigen beiden englischsprachigen Liedern »Lost Belief« und »Reason Why«, in denen die Aufgabe des christlichen Glaubens reflektiert wird. Es wird dabei zwar keine Religion direkt benannt, aber Wendungen wie »we are all creations of the Almighty One« oder »the angels show no mercy« lassen sich als eindeutig christliches Vokabular identifizieren. Als Gründe für die Abkehr vom Christentum werden vor allem eine tiefe Enttäuschung aufgrund der mangelnden Präsenz Gottes und der nicht vollzogenen Sinnfindung in Leben und Leid genannt: »You created anger and sorrow and left us behind in the night.« Besonders das Bild der wortwörtlichen Umnachtung und der damit verbundenen Blindheit findet sich in den Texten immer wieder. Dass die Suche nach Sinn in diesem Fall als Suche nach Licht dargestellt wird, ist schlüssig und steht im deutlichen Gegensatz zu der im Black Metal vorgefundenen Verehrung der Dunkelheit.

Die persönliche Religionskritik hat vermutlich auch aufgrund des Fremdsprachengebrauchs auf lyrischer Ebene wenig Bildkraft und auch inhaltlich ist die direkte kausale Verknüpfung von deprimierter Klage und einer kämpferischen Drohung an Gott: »You will die by our hand!« ein wenig holprig und lückenhaft. Nichtsdestotrotz beinhalten die Texte wichtige Ausgangsinformationen, um die mit dem Sprachwechsel von Englisch zu Deutsch markierte Hinwendung zur nordischen Sagenwelt nachvollziehen zu können.

Heiden ohne Götter

Anstelle des abgelehnten, grausamen und unberechenbaren Gottes treten vor allem menschliche Werte vergangener Zeit, denn anders als bei vielen anderen Pagan Metal-Bands wird keine einzige nordische Gottheit namentlich erwähnt. Daher können wir davon ausgehen, dass Tarabas eher an die Lebensweise der Germanen als an deren Glauben erinnern wollen. Ob sie angesichts der großen Menge an verschiedenen germanischen Stämmen einen bestimmten im Sinn haben, wird nicht deutlich. Sie verwenden ausschließlich den generalisierten Oberbegriff »Germanen«. Wenn sich doch vereinzelte mythologische Elemente wie der Walkürenverweis: »Die alten Legenden erzählen: Sie in jeder Schlacht die Seelen von Gefallenen zu den Toren gebracht« im Lied »Weiße Pferde« oder der auf Walhall: »Schreite durch die steinernen Tore zu einem weit entfernten Ort, setz dich zu den Ahnen nieder und lenk die Schlachten nun von dort« in dem Titel »Hinter den Toren« finden lassen, dann werden sie ebenfalls nicht benannt und stellen wohl mehr ein Bild für eine jeweils übergeordnete Aussage dar: So kann das Totenreich ganz allgemein für die Hoffnung auf ein Treffen im Jenseits stehen, denn der Tod in der Schlacht und die auch hier auftretenden weißen Pferde bleiben die einzigen Verweise auf nordische Sagen.

Projekt

Das Projekt »Black Metal – Topoi des Bösen« wird sich in mehreren Artikeln den verschiedenen lyrischen Konzepten im Musikgenre Black Metal nähern. Zum ersten, einführenden Artikel geht es hier.

 

Album


Das neue Land by Tarabas
1. Das neue Land (Teil 1)
2. Weiße Pferde
3. Der Niedergang
4. Lost Belief
5. Hinter den Toren
6. Intermezzo
7. Das neue Land (Teil 2)
8. Bruderschaft
9. Reason Why
10. 2010
11. Die Geißel der Erde
12. Erinnerung
 

Buch-Tipp

Christian Dornbusch/Klaus-Peter Killguss
Unheilige Allianzen – Black Metal zwischen Satanismus, Heidentum und Neonazismus
Unrast-Verlag: Hamburg/Münster 2005

 
 
Die mehrfach an prominenter Stelle erscheinenden weißen Pferde wandelt das lyrische Ich ganz unumwunden zu einem nachahmenswerten Symbol und macht damit die Deutung als wortwörtliche Walküren wieder obsolet: »Ihr Stolz wird meinen stärken und so fesselt mich ihr Bann, entfesselt meinen Mut. […] Auf den Wellen der Meere ihr Mythos entstand.« Dass die Pferde als »weiß«, »rein« und »frei« und dabei als Vorbild beschrieben werden, mag unglücklicher Zufall sein, erscheint aber in Kombination mit den Aussagen im Song »Bruderschaft« bedenklich. Denn dort entfaltet sich das offensichtliche Problem, welches sich in einer globalisierten und im Idealfall auf Toleranz basierenden Welt ergibt, wenn man germanischen Stolz und seine Ahnen besingt: Die Nähe zum Nationalpathos extrem-rechter Gedankengutsträger ist bei Zeilen wie »Germanenbrüder zerschlagen jeden Feind« nicht zu verstecken.

Würden Tarabas in einer distanzierteren Erzählerperspektive auftreten und aus dieser heraus bewusst über historische Figuren und Ereignisse singen, wäre diese Anklage entkräftet, aber hier heißt es ganz unzweideutig: »Wir stehen stolz und aufrecht.« Und: »Wir rufen euch zur Schlacht!« Dieses Beharren auf die erste Person wird spätestens bei »[…] führen uns in fremde Länder, […], dann werden wir Legenden und erschaffen ein neues Land« in einer martialischen Kampfhymne: »Wir sind eine Macht unter lautem Schlachtgesang!« fatal. Die eigentlich harmlose Deutungsmöglichkeit eines gemeinsamen Konzertes im Refrain: »Und so stehen wir vor euch im Nebel, singen Lieder aus der alten Zeit, um mit euch zu schreien aus vollen Kehlen!« wird so zur vollkommenen Nebensache und macht zumindest die Annahme einer Identifikation mit den blutlüsternen germanischen Kriegern obligatorisch.

Flugzeugscharen zu Schwerterschwingern

Dass es sich bei den schwert- und axtbeladenen Kriegsphantasien in der heutigen Welt nur um Träume handeln kann, scheint Tarabas vollkommen bewusst. So heißt es im abschließenden Stück »Erinnerung«: »Ich will zurück in längst vergang’ne Tage.« Und: »Kein Halt in dem Jetzt, nur ein Traum von Gestern.« Mögen wir dabei zuerst an eine rollenspielhafte Form von Eskapismus denken, finden wir die vergangenen Zeiten allerdings auch als Aussicht auf die Zukunft. Und wie diese Zukunft im Gegensatz zur heutigen Realität aussehen soll, wird in »Das Neue Land I« sehr deutlich gemacht: »Ein Land erhaben in reicher Natur, mit ihr verbunden ein Volk sich eint«, »Sie leben im Einklang ohne euer Gesetz«, »Ein Schwur soll uns ewig binden, die Heimat zu schützen vor jedem Feind. Denn die Neider aus verlassener Welt sind für solch’ Autarkie nicht bereit«, »Bis auf’s Blute treu dem neuen Land«. Der Traum einer gegen äußere Einflüsse hermetisch abgeriegelten, naturverbundenen und unabhängigen Stammesgesellschaft mag uns im Zeitalter von Überschallflugzeugen, Ölplattformen und Nuklearwaffen lächerlich erscheinen, aber Tarabas meinen es scheinbar ernst: »Wer in Geduld sich übt, erreicht sein Ziel. So wächst ein Traum zur Wirklichkeit.«

Wenn solche Idealvorstellungen dann mit unserer Gesellschaft abgeglichen werden, entsteht dabei ein erstaunlich aktueller und kapitalismuskritischer Text wie »Die Geißel der Erde«. Sie wenden sich gegen die unersättliche, egoistische Gier des Menschen und dabei besonders gegen die damit einhergehende Zerstörung der Natur: »Ihr Hass zerfraß, was die Natur geschaffen«, »Verdammt uneins zu sein, schritten sie zu weit nach vorn, besetzten das, was niemals ihres war«. Die hier geforderte Genügsamkeit wirkt ob der in »Bruderschaft« besungenen Plünderungszüge sehr seltsam und bleibt für uns nicht erklärbar, verdeutlicht aber das konservative Selbstverständnis im Gegensatz zur destruktiven Energie des Black Metal.

Der Tod eines Traums

Allzu harmonisch scheint es allerdings auch in Tarabas minimierter, paganer Welt nicht zuzugehen. Das Lied »Der Niedergang« berichtet ungeschönt von Enttäuschung und Desillusionierung durch in mehreren Liedern als »Brüder« bezeichnete Personen: »Brüder schein’ zu fliehen vor mir gleich wie der Pest«, »Ein jeder hat zu kämpfen mit Ehre in der Not«. So auf sich allein gestellt verliert das lyrische Ich auch die sonst zur Schau gestellte Kraft: »Zersetzt durch die Verzweiflung, der ich nun Untertan« und macht auch vor den germanischen Überzeugungen keinen Halt: »Kein Horn und keine Rufe hör ich nun erschallen«, »Nun bin ich auf der Suche, doch vage ist mein Ziel: Nach Göttern oder Irdischem? Nach wenig oder viel?«. Die hier eingetretene Konfusion und Sinnsuche findet im Untergangsszenario »2012« einen neuen Höhepunkt. Auch hier findet sich die Ankündigung einer neuen Zeit: »Ein Anfang wartet am Ende der Zeit, ein Tor wird geöffnet zur neuen Welt«, die aber undefiniert bleibt und nichts mit den Zukunftsvisionen aus »Das Neue Land I« gemein hat und auch die vom Titel zu erwartenden Maya-Bezüge nicht herstellt.

Tarabas mischen hier metaphysische Gedanken und astronomische Größen zum Bild einer kosmischen Katastrophe, die eine dauerhafte und begrüßenswerte Veränderung mit sich bringt: »Der Zyklus beendet: Tritt ein die Konstellation und die Systeme verschmelzen. Ein interstellares Ereignis zeigt einen Tod«, »Wenn die Sonne erlischt und der Orion scheint, öffnet sich das Tor zu den Sternen, ein Sprung hindurch in höhere Weiten«. Hat das lyrische Ich nun auf seiner Sinnsuche die Stationen Christentum und nordische Mythologie hinter sich gelassen und sich einem universaleren agnostischem Denken verschrieben, bleibt weiterhin die Ablehnung gegenüber atheistisch-materialistisch lebenden Menschen: »Unser Wissen begrenzt, doch ein Glaube bricht Grenzen«, »Verloren nur die, die alles bestreiten, sie haben den Sinn verfehlt«.

Das Fell abgelegt

Insgesamt sind also nur vier der Lieder auf »Das Neue Land« lyrisch überhaupt dem Pagan Metal zuzuordnen, während die anderen die engen Genregrenzen doch teils weit überschreiten. Da aufgrund der narrativ zusammenhanglosen Songreihenfolge aber nicht eindeutig klar wird, welches der Weltbilder letztendlich die Überhand gewinnt, bleibt es abzuwarten, wie sich Tarabas auf zukünftigen Werken entwickeln. Gerade aufgrund der nur angedeuteten nordischen Mythologie und der fehlenden Thematisierung historischer Ereignisse zeigt aber der völkische Patriotismus in »Das Neue Land I« und die Verherrlichung von Kriegertum und Manneskult in »Bruderschaft«, warum Pagan Metal immer wieder im Verdacht steht, allgemein rechtsradikales Gedankengut zu verbreiten und dabei auch zum Ziel von Antifa-Aktionen wird. Nur sollte uns klar sein, dass Tarabas von neonazistischen Botschaften zum Beispiel der Marke Absurd meilenweit entfernt sind und Faszination für germanisches Kulturerbe prinzipiell erstmal kein Verbrechen darstellt.

Die Art und Weise der Präsentation ist bei Tarabas allerdings teilweise unglücklich und so sind es mehr die desillusionierten Texte, die lyrisch und auch inhaltlich den höchsten Gehalt aufweisen. Wir haben sicher weder auf Blutreinheit achtende Nazibarden noch felltragende Trunkenbolde gefunden, aber eben auch keinen wirklich reflektierten Umgang mit germanischer Historie. Trotzdem sei allen zum Abschluss die recht sympathische Biographie auf der bandeigenen Website empfohlen, um sich vielleicht ein weniger ausgedeutetes Bild von der Gesinnung der Musiker zu machen.



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 Autor*in:
 Veröffentlicht am 19. April 2012
 Kategorie: Misc.
 Bild von Jusben via morguefile.
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 Ein Kommentar
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Ein Kommentar
Kommentare
 Maik
 15. September 2020, 12:16 Uhr

Schöner Artikel! Es gibt tatsächlich auch heute noch einen aktiven, deutschen Pagan Metal Underground mit großartigen Bands. Eine Pagan Metal Band die ich letztens z.B. für mich entdeckt haben sind Blakylle aus Fulda oder aber Helgrindur aus Solingen. Auf Spotify gibt es eine Playlist die sich “German Pagan Metal” nennt mit allen möglichen deutschsprachigen Interpreten. Ist eine schöne Sache!

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