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High beim Trompetenbaum

Eines der vielleicht schönsten und spannendsten Sommeralben ist »Reveal« von R.E.M., besonders textlich. Das findet zumindest Telse Wenzel und hört zum 15. Jubiläum des Erscheinungsdatums noch mal rein.

Von Telse Wenzel

Der letzte Song ist vielleicht der beste. »Beachball« heißt er. Und er erzählt von einer großen Party an einem unbestimmten Ort am Meer, wo Menschen, die einander fremd sind, Rumba tanzen und am Ende der Himmel mit Schmetterlingen bedeckt ist – oder aber mit Seesternen. Man weiß nicht so genau, ob man sich hier unter dem Wasserspiegel befindet und hinaufschaut, oder an Land. Die räumliche Trennung ist an diesem magischen Ort aufgehoben, ein Zauberspruch hat die Welt verwandelt:

we flash the seaside sky
with starfish butterflies
to cast a spell and welcome locals,
weekenders and strangers

Im Rumba-Tanz sind auch die Grenzen zueinander scheinbar aufgelöst: Du, sie, ich, wir und ihr werden im Sprechakt eins. Und der verlangsamte Rhythmus ist eben zugleich dasjenige Tempo, in dem sich der Wasserball in der Luft, jene vor sich hin träumende Person auf dem Boden und die Rumba tanzende Menge bewegen. In der Form der Kugel vom »Beachball« verdichtet sich diese Verschmelzungserfahrung metaphorisch.

Das Album

»Reveal« ist R.E.M.s zwölftes Album. Das wohl bekannteste Lied des Albums »Imitation of Life« wurde von einem gefeierten Musikvideo begleitet, das mit Zooms verschiedene Ausschnitte einer insgesamt nur zwanzigsekündigen Auffnahme zeigt, die in einer Schleife läuft.

 

Die Band

Die 1980 gegründete Band R.E.M. hat sich nach ihrem stetigen Aufstieg auf den Pop-Olymp im Jahr 2011 aufgelöst.

 
 
»[T]his life is sweet«, sagt (sich?) die zu uns sprechende Person immer wieder, während sie sich umschaut unter den Leuten, die vor ihrem Auge vorbeiziehen. Aber sie sagt es so, als müsse sie (sich selber?) daran erinnern. Sie hat auch schon einige Gläser intus (»à tes souhaits / à tes amours chéri«), so als könne man das Leben nur narkotisiert aushalten. Die Betonung im Satz »this life is sweet« liegt denn auch nicht auf dem Substantiv, wie man ja erwarten könnte, sondern auf dem Pronomen »this«. Und unauffällig verweist auch ein Niesen darauf, dass es hier jemandem doch eigentlich nicht so gut geht: »you give a little sneeze / and dance the rhumba«. Um eine kleine Erkältung handelt es sich, nichts Ernstes also, könnte man meinen. Aber an einer ähnlich unterschätzten Behinderung der Atemwege war ja schon der »Parakeet« vom gleichnamigen Song des Vorgängeralbums gestorben (»You can barely breathe«, hieß es dort über ihn). Und am Ende wacht der Vogel auf einem ähnlichen pazifischen Strand auf wie dem, auf dem die große Party im Song »Beachball« stattzufinden scheint.

Die Sache mit Ikarus und Phaethon

Ambivalent ist die Grundstimmung nicht nur hier, sondern überall auf dem Album. Im Leitmotiv des Fliegens spürt man diese Ambivalenz besonders deutlich. Nicht nur der Wasserball »’s set to fly«. Andernorts kreist Saturn ganz alleine herum – wobei einmal der Planet und einmal ein melancholischer Sternforscher bzw. eine melancholische Sternforscherin gemeint ist (»Saturn Return«). Ein Ich schwingt sich zu einem Flug auf, der den Regen feiern soll (»I’ll Take the Rain«). Die deus ex machina kommt zur Rettung angeflogen (»Chorus and the Ring«), der Planet bzw. der Gott Merkur erhebt sich (»Summer Turns to High«). Und schon im Eingangstrack ruft »your counselor« dazu auf: »start to breathe. / allow the noise to recede … / … allow yourself to drift and fly away.« (»The Lifting«)
Aber dann stößt ein Ich mit dem Kopf an den Himmel (»Beat a Drum«), andernorts liegt der Höhenflug schon zurück und ist nur noch eine Erinnerung von einer Person, die ins Wasser taucht und im Moment des Sprungs hofft, nicht unterzugehen (»I’ve Been High«). Eine Achilleus-Figur glaubt noch daran, ein »Star« zu werden – allerdings auf dem wenig vielversprechenden Weg nach Reno (»All the Way to Reno«). Dann wieder steht eine Persephone im Mittelpunkt, die ja dem Mythos nach von Hades’ Wagen in die Unterwelt herabgezogen wird (»She Just Wants to Be«). »Dissapear« beginnt mit einem Sprung aus dem Flugzeug. Wir werden mit dem artikulierten Ich nur für die Dauer seines freien Falls nach unten bekannt, während dessen es noch zu uns spricht. Und nur in der scheinbar sehr fröhlichen Hitsingle »Imitation of Life« zeigt sich nun überhaupt niemand mehr am Himmel. Stattdessen steht das Ich am Ende alleine, ausgesetzt dem Hurrikan, den Blitzen und der Flutwelle – und letztere reißt es mit sich:

this hurricane, I’m not afraid.
c’mon c’mon no one can see me cry
this lightning storm
this tidal wave
this avalanche, i’m not afraid.
c’mon c’mon no one can see me cry

Ikarus’ schmelzende Flügel und Phaethons Sturz mit dem Sonnenwagen kommen wohl vor allem deshalb nirgends vor, weil damit die große Pointe verraten wäre. Aber auf (fast) jedem Song des Albums können wir sie uns dazudenken.
Michael Stipes Stimme ist bei all dem meistens verträumt, mal eher schlafwandlerisch, dann traurig-nachdenklich, oft sehnsuchtsvoll und flirtend, wie ja überhaupt das ganze Album ziemlich sexy ist. Und wie schon auf dem Album »Green« verleiht Stipe seinen Figuren aus »Reveal« oft kindliche Wesenszüge.

Bis der Regen kommt

Der flüchtige Moment, stellvertretend auch für die Vergänglichkeit des Sommers, der Kindheit, des Goldenen Zeitalters, steht immer irgendwie mit im Mittelpunkt. Auch das friedliche Hin- und Herfliegen des Wasserballs gelangt ja spätestens dann zu einem Ende, wenn es wieder windig wird, wenn der nächste Regen oder der nächste Sturm vom Meer aufzieht.
Denn der Flügelschlag eines Schmetterlings kann hier jederzeit ein (apokalyptisches) Unwetter auslösen, wie in »Beat a Drum« angedeutet, wo Stipe das berühmte Sinnbild aus der Chaostheorie zitiert. » [L]ife sometimes / it washes over me«, sagt jemand in »I’ve Been High«. Und in »I’ll Take the Rain« umgibt das Ich schon winterliche Dunkelheit: In der sommerlichen Welt, durch die sich die Personen bewegen, die oft »high« in mehr als einer Hinsicht sind, lauert überall der Abgrund. »[W]e’re perched upon the precipice«, stellt jemand fest, wohl stellvertretend für alle (»Beat a Drum«). Am Wegesrand liegt zeichenhaft ein gefällter (Trompeten-)Baum. Und das Summen der Libellen und Singen von schönen Tropenvögeln klingt in den Ohren des Flaneurs oder der Flaneur_in aggressiv und warnend:

a bluejay hectors from the felled catalpa tree
a doctorate in science and a theologian’s
dream
the dragonflies are trying to lecture me

Andernorts kann ein artikuliertes Ich Ängste und Zweifel zwar noch mit Zaubersprüchen, -riten und vor allem -mitteln vertreiben. Doch muss es immer wieder neu in diese Trickkiste greifen, um den Sommer heraufzubeschwören (»Summer Turns to High«):

with my bedsheet cape and sandals
circle citronella candles
summer’s here
, the light is raising
hopes and dragonflies

if those hopes are overshadowed,
cotton candy caramel apple
summer turns to high
(…)

after wine and nectarines
the fireflies and time
move like syrup through the evening
with a sweet resign1

Selbst die Feier auf dem letzten Track ist ja nicht nur als ein romantischer (Tag-)Traum lesbar, sie findet auch statt am Tag des Weltuntergangs. Das verraten zum Beispiel die trägen Blasinstrumente, die auf dem Album immer wieder Verwendung finden, bei diesem Song aber besonders deutlich hervortreten. Und wenn die letzte Zeile lautet »you’ll do fine«, dann ist das auch eine Aufforderung, keine Angst vor dem Tod zu haben.
R.E.M. ist mit diesem Album ein kleines Meisterwerk gelungen, und es ist schade, dass im Musikjournalismus die Lyrics oft noch immer nicht die Beachtung und Betrachtung finden, die sie verdienen.

  1. Die Hervorhebungen sind von mir.


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 Veröffentlicht am 8. Juni 2016
 Kategorie: Misc.
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